Eigentlich sind es zwei Themen, die in diesem neuen Heft von „Drunter+Drüber, Magazin für Endlichkeitskultur“ zusammen aufploppen. Weil sie mit unterschiedlichen Traurigkeiten zu tun haben. Auch wenn es dabei immer um Tiere geht – manchmal um die Lebensgefährten, die so viele Menschen durch ihren Alltag begleiten und oft genug ihre einzige wirkliche Gesellschaft sind. Und zum anderen um all die Tiere und Tierarten, die wegen der menschlichen Grenzenlosigkeit weltweit aussterben.

Hat Frank Pasic, der Herausgeber, tatsächlich nur so eine kleine forsche E-Mail geschickt, wie Eric Wrede in seinem kleinen Text zu seinem schon recht angejahrten Hund Paul schreibt: „Tod und Tiere. Los Eric, schreib mal was“? Dann wäre das schade. Vor allem, weil sich das Autorenkollektiv von „Drunter+Drüber“ schon seit Längerem mit dem Gedanken trug, auch den Abschied von Tieren einmal in einem Heft zu thematisieren.

Denn der Tod geliebter Haustiere geht den meisten Menschen natürlich genauso nahe wie der Tod wichtiger Mitmenschen. Manchmal noch viel näher, weil Haustiere sich nicht entziehen können, nicht grantig werden, keine Extrawürste wollen (obwohl Hunde die natürlich nur zu gern mitnehmen). Sie sind treu, weil sie auf ihre Besitzer fixiert sind und in der Regel auch völlig abhängig.

Man muss sie umsorgen. Dafür geben sie vielen einsamen Menschen das Gefühl, dass sie eben doch nicht einsam sind und einen treuen Freund an der Seite haben.

Kein Platz mehr für Tiere …

Etliche Beiträge im Heft machen deutlich, wie verschieden die Beziehungen von Tierbesitzern zu ihren Tieren sein können. Selbst über den Tod hinaus, obwohl es – wenn man die Zahlen betrachtet – eher eine Minderheit ist, die dann auch noch zusammen mit ihren Lieblingstieren beerdigt werden möchte. Die Zeiten, dass sich Krieger und Fürsten mitsamt ihren Pferden und Hunden begraben ließen, sind lange vorbei.

Wobei es trotzdem einige Beiträge gibt, die sich mit der Trauerkultur früherer Völker – etwa der Ägypter – beschäftigen. Hatten sie nicht schon dieselben engen Beziehungen zu ihren geliebten Hunden und Katzen? Oder steckt hinter den mumifizierten Tieren eher nur eine völlig andere Glaubenswelt? Denn dass die Menschen damals anders auf die lebendige Natur schauten, ist sicher.

Ihr Verhältnis war noch nicht so kaputt wie unseres, die wir in einer Welt leben, in der es Wildnis und damit freie und wilde Natur kaum noch gibt. Und in den Landschaften, die wir kultiviert haben, ist es sehr still geworden, sind nicht nur die Insekten verschwunden, sondern auch die Hasen, Hamster und Rebhühner.

Womit man beim zweiten Grundton dieses Heftes wären, der zumindest angetippt ist, wenn die moderne Großwildjagd angesprochen wird. Abwägend, weil einige Länder und auch Wissenschaftler die regulierte Großwildjagd tatsächlich für hilfreich halten, die bedrohten Populationen von selten gewordene Tierarten zu erhalten. Aber das eben auch nur, weil die Projekte vor allem Einheimischen Arbeit verschaffen.

Aber sie ändern eben nichts an dem gewaltigen Ressourcendruck, den die Menschheit ausübt, die seit langem dabei ist, auch noch die letzten Refugien der wild lebenden Tiere zu zerstören.

Was ist wirklich wichtig?

Und während die einen stolz mit ihren Flinten über den Kadavern abgeschossener Elefanten, Nashörner und Löwen posieren, spüren andere die Verluste ganz elementar. Es ist ein anderes Gefühl als das, wenn der eigene Hund stirbt. Es ist umfassender, schwerer, verzweifelter. Denn eine Welt ohne lebendige Fauna erleben wir als durch und durch traurig.

Verlassen sowieso. Da müssen wir nicht einmal daran denken, dass mit der lebendigen Welt um uns auch unsere eigenen Lebensgrundlagen verschwinden. Aber eben nicht einfach verschwinden, sondern vom Menschen bewusst zerstört werden.

Angesprochen wurde das Thema ja schon im Heft „Umwelt und Tod“. Denn diese Trauer beschäftigt und belastet viele Menschen. Sie macht auch krank.

Aber dafür muss man noch offen sein für die Vielfalt der Welt. In gewisser Weise bereitet uns natürlich der Tod des geliebten Haustiers darauf vor – genauso, wie er uns auf die Endlichkeit des Lebens selbst vorbereitet. Und uns zeigt, was eigentlich wichtig ist, wie es Ron Schöne in seinem Selbsterfahrungsbericht erzählt.

Denn dass die Welt so kaputtgemacht worden ist, hat auch damit zu tun, dass wir uns die falschen Ziele setzen und die falschen Werte pflegen. Und dabei den Sinn für die grundlegenden Gefühle wie Liebe, Freude, aber auch Trauer verlieren. Gefühle, die uns zeigen, was uns eigentlich mit dem Leben und mit den anderen Lebewesen verbindet.

Ignorieren wir das, ist ein Burnout vielleicht sogar noch der sanfteste Hinweis darauf, dass wir etwas Grundsätzliches ignoriert haben. Weshalb auch „Das Töten von Tieren“ im Heft thematisiet wird – und damit unsere gedankenlose Art, uns zu ernähren – eben nicht aufmerksam und rücksichtsvoll. Sondern auf Kosten von Millionen Tieren, die für uns jedes Jahr durch die Schlachtfabriken müssen.

Tiere einfach als Fließbandobjekt. Für sie gibt es keine liebevoll gepflegten Gräber auf Tierfriedhöfen oder eine Trauerfeier im Tierkrematorium.

Sie werden nicht wiederkommen

Es ist eine sehr widersprüchliche Kultur, die hier sichtbar wird, wenn es um das Sterben von Tieren geht. Einerseits hochemotional, wenn geliebte Meerschweinchen und Zwergkaninchen uns verlassen, andererseits von gefühlloser Kälte, wo es um Massentierhaltung oder die Vernichtung ganzer Lebensräume geht. Und es sind dann eher aufmerksame Grafiker wie der für dieses Heft als Illustrator tätige Timo Wuerz, die dann in eindrucksvollen Bilder das Sterben der Tiere festhalten, die in der bedrängten Natur ihr Ende finden.

„Wir Endlinge“ hat er seinen Beitrag betitelt, mit dem er das thematisiert und seiner Trauer um die berühmten, aber nun eben toten „Letzten ihrer Art“ zum Ausdruck bringt: Lonesome George, die letzte Galáspagosschildkröte etwa, um nur den berühmtesten dieser Letzten zu nennen.

Und da wird auch menschliche Genmanipulation nicht helfen, gar der Versuch, das Mammut wieder auferstehen zu lassen: Eine Art nach der anderen verschwindet, die meisten in aller Stille, von uns gar nicht mehr wahrgenommen. Und das auch vor unserer Nase und unserer Haustür, in leergeräumten Landschaften, in denen Hase und Fasan keine Zuflucht mehr finden.

Es ist eine andere, schwerere Trauer. Und sie wird sich auch nicht legen, anders als bei den bellenden und miauenden Mitbewohnern unseres Alltags, die wir meistens durch ebenso fellige Nachfolger ersetzen. Auch das so ein Thema: Was aber passiert, wenn sich das Tier nicht mehr ersetzen lässt?

Dann stellen sich unerbittlich genau die Fragen, die im Schwarwel-Comic „Frau Leben an Herr Tod“ stellt. Wobei letzterer sich einfach nur wundern kann über diese seltsame Vorstellung der Menschen, nach dem Tod könnte es noch irgendetwas geben.

Genau das sollten wir vielleicht endlich lernen: Dass es Leben nur vor dem Tod gibt. Und dass wir es genau hier bewahren müssen. Es gibt kein Hintertürchen.

Funus Stiftung (Hrsg.) „Tiere und Tod“, Drunter+Drüber, Magazin für Endlichkeitskultur, Kabelsketal 2023, 11 Euro.

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