Zorn: Schwarwels Held Tim taucht in die Ängste seiner Kindheit ein

Für alle LeserDas zweite Heft in der Reihe „Gevatter“ ist zwar schon vor einem Weilchen erschienen. Aber auch wenn es wie ein Periodikum erscheint, ist „Gevatter“ im Grunde eine lange Graphic Novel, in der sich der Comic-Zeichner Schwarwel mit den wirklich wichtigen Themen im Leben beschäftigt: der Trauer, dem Tod, der Wut, der Sehnsucht, der Liebe, dem Verlust. Aber um sich daran noch zu erinnern, muss man das Kind in sich bewahrt haben. Das Kind, das sich noch mit aller Kraft fürchten kann. Wer sich nicht mehr fürchtet, ist eigentlich schon tot.
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Die Serie hat Schwarwel mit dem Endlichkeitsfestival „Stadt der Sterblichen“ gestartet, das 2019 erstmals in Leipzig stattfand. Und er hat dazu einen Partner gefunden, dem das Anliegen nur zu vertraut ist – die FUNUS Stiftung. „Kapitel Zwei“ der Serie widmet sich dem Thema „Zorn“.

Einem sehr heutigen Thema, denn es grenzt ja an die Wut, die viele Mitmenschen heute stets mit sich herumtragen und bei jeder Gelegenheit herausschleudern, dass man sich nur entsetzt fragen kann: Was ist in diese Leute gefahren? Was macht sie so verzweifelt, dass sie aus ihrer Wutblase nicht mehr herauskommen?

Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, was sie tatsächlich ängstigt und in Panik versetzt. Sie sind nur zu bereit, das nächstbeste Feindbild zu übernehmen samt der simpelsten Geschichte, warum gerade diese propagierten Feinde nun ausgerechnet schuld sein sollen an ihrer Not. Wütende Menschen sind in Not. Und sie sind deshalb manipulierbar. Von Mächtigen und von Machtgierigen, die genau wissen, wie sie die Wut und die Angst für sich instrumentalisieren können.

Eigentlich hätte das Jahr 1989 ein therapeutischer Moment sein können: Die um ihre Selbstbestimmung und ein frei bestimmtes Leben Betrogenen stehen auf, erleben den aufrechten Gang als Befreiung und lassen sich fortan nie wieder vorschreiben, wie sie zu denken und zu fühlen haben.

Doch so funktioniert die Psyche leider nicht. Keiner beschrieb das damals genauer als Hans-Joachim Maaz, der als Psychiater auch den enormen Druck kannte, unter dem seine Patienten litten. Beschrieben hat er das in seinem Buch „Gefühlsstau“. Und diese Analyse der unterdrückten Gefühle für den deutschen Osten gilt bis heute. Bis hinein in die Diskussionen der Bürgerrechtler, die bis heute streiten darüber, ob es nun eine kleine Gruppe Mutiger war, die das alles in Gang gesetzt hat oder das mobilisierte Volk.

Doch die Wahrheit ist: Die meisten DDR-Bürger haben sich nie mit dem beschäftigt, was der „vormundschaftliche Staat“ mit ihnen und ihrer Seele angerichtet hatte. Es war im Grunde genauso wie nach 1945: Die Verdrängung ging weiter. Und damit auch die Verklärung des abgewählten Staates. Und die Verklärung der Macht. Keiner hat das so genial auszunutzen verstanden wie der 1990 gewählte sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf.

Das Ergebnis? Menschen, die sich wieder an der Nase herumführen lassen, die auf den Hass hereinfallen und sich Feindbilder suchen. Die sich aber nicht wirklich mit ihren Ängsten beschäftigen wollen. Doch Albträume, mit denen man sich nicht konfrontiert, wirken weiter. Sie sorgen dafür, dass die Lebensverbote der Vergangenheit immer neu aktiviert werden können.

Sensible Künstler wissen das. Und für Schwarwel war das immer schon ein Thema, auch weil er tatsächlich mit Depressionen zu kämpfen hat. Depressionen, die einem auf unheimliche Art vertraut vorkommen, wenn man sich jetzt durch Kapitel Zwei von Tims Leidensgeschichte blättert.

In Kapitel Eins hatte er sich ja erstmals mit den Urängsten seiner Seele beschäftigt und nach vielen Umwegen und falschen Lösungen den Weg in die Therapie gesucht. Dort sehen wir ihn auch diesmal kurz. Denn er erzählt immer noch. Er taucht im Gespräch immer tiefer ein in die Erlebnisse seiner Kindheit. Und diesmal kommt es ganz dicke. Denn er hat nichts verdrängt und vergessen. Alles ist präsent.

Und wer sein Gedächtnis nicht 1990 abgeschaltet hat, der findet sich in einer Welt wieder, die damals tatsächlich alles andere als friedlich war. Auch wenn der Unfrieden nicht als fette Schlagzeile in den Zeitungen stand. Doch er war präsent. Im regelmäßigen Sirenengeheul, das die Menschen daran erinnerte, dass irgendjemand permanent an Krieg dachte. Im Streit der Nachbarn, der zuweilen auch damals eskalierte, bis jemand zum Messer griff. Vielleicht erlebte der junge Schwarwel mehr davon als andere. Seinen Tim lässt er in einer Arztfamilie groß werden.

Aber diese Dramen aus der Wirklichkeit sind gar nicht mal das Wichtigste an der Geschichte. Denn tatsächlich erzählt dieser Tim davon, wie hart und tief einen Ereignisse in der Kindheit treffen, in denen wir erfahren, wie schnell wir geliebte Mitmenschen verlieren können. Der Tod ist kein Spaß.

Und das Entsetzen erfasst den ganzen kleinen Menschen, wenn er erlebt, wie Tiere sterben (wie in diesem Kapitel ein Kaninchen) oder erwachsene Menschen sich wie Bestien benehmen (wie in diesem Kapitel ein Vergewaltiger). Den kleinen Tim lassen diese Ereignisse nicht los. Nächtelang liegt er wach und versucht, die Bilder des Entsetzens loszuwerden.

Aber sie begleiten ihn sein ganzes Leben. Und später wird er versuchen, sie mit Alkohol zu ertränken oder wenigstens zu betäuben.

Die meisten Menschen verdrängen diese frühen Erfahrungen mit Gewalt, Hilflosigkeit und der Sterblichkeit. Sie drücken sie ganz weit weg und leben ein Leben in lauter Ablenkungen, Sucht und Gedankenlosigkeit. Viele suchen sogar extra den „Kick“, um überhaupt noch ein Gefühl dafür zu bekommen, dass sie am Leben sind. Der Exzess wird zum Ersatz. Doch an die eigenen Ängste rührt man lieber nicht. Denn sie machen uns verletzlich. Und empfindsam. Dort liegt die Wurzel unserer Empathie. Die so mancher unter einem dicken, undurchdringlichen Panzer vergraben hat.

Und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass das der Erziehungspanzer all der autoritären Gesellschaften ist, in dem unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern aufgewachsen sind und erzogen wurden. So ein richtig deutsches Wort: Man zieht sich die Menschen zurecht. Und prügelt es ihnen ein: „Du sollst nicht fühlen“. So wurden sie auch in der DDR erzogen.

Und deswegen haben so viele Wütende keinen Kontakt mehr zu dem erschrockenen Kind in sich. Können nicht mitfühlen, wie es anderen geht. Kapseln sich ein in ihr aufgeblasenes Ego, das genauso arrogant lacht wie einst die Funktionäre und Offiziere. Wer wird denn Gefühle zeigen? Ein echter deutscher Junge ist hart und zeigt keinen Schmerz.

Das zerfrisst unsere Gesellschaft. Das sorgt dafür, dass gefühllose Narzissten Wahlen gewinnen. Und dass die Solidargemeinschaft zerbricht. Denn wenn nur der siegreiche Egoist gefeiert wird, bleibt das Mitgefühl auf der Strecke. Dann merken es auch die jüngeren Erwachsenen nicht mehr, wenn sie andere kränken und verletzen. Im Gegenteil: Es macht ihnen auch noch Spaß.

Tatsächlich erzählt Schwarwel damit auch von einer ganz gegenwärtigen Trauer. Denn wenn man seine Verletzlichkeit nicht verloren hat, dann fühlt man sich auch von einer kalt gewordenen Gegenwart betroffen. Dann kann man das (Mit-)Leiden nicht einfach abstellen. Und ist gerade deshalb noch lebendig. Denn genau das ist Leben: Mit allen Sinnen zu spüren, wie es dem Lebendigen um einen herum ergeht. Man hört nicht auf, sich verantwortlich zu fühlen.

So wie gute Ärzte, Schwestern, aber auch Polizisten, Lehrer, Politiker … Sie sehen schon, wie weit das reicht. Und was wir uns selbst antun, wenn wir gefühllos Gewordene in solche Positionen bringen, Leute, die vom „Primat der Wirtschaft“ schwafeln oder von „Leistung muss sich wieder lohnen“ oder ähnlichem Kehricht, der immer nur eins bedeutet: Sie fühlen sich für das Leid der Menschen nicht verantwortlich. Und auch nicht für ihr Wohlergehen.

Wir haben uns an diese eiskalten Macher gewöhnt. Wir haben sie so verinnerlicht, dass wir uns kaum noch vorstellen können, solche wichtigen (weil verantwortlichen) Positionen mit anderen Menschen zu besetzen, Sorgsamen und Aufmerksamen, denen ihr Ego nicht wichtiger ist als die Aufgabe, der sie sich verpflichtet fühlen.

Steckt das wirklich alles in der Geschichte, die Schwarwel in lauter sensiblen kleinen Bildern erzählt? Ja. Wenn auch nicht so offen. Noch reist sein Tim ja durch die traumatisierenden Ereignisse seiner Kindheit. In Kapitel Eins wurde ja schon angedeutet, wie er als Jugendlicher dann jenen gefühllosen Kraftmeiern begegnete, die die DDR fast zwangsläufig hervorgebracht hat.

Denn auch das gehört zu ihrem Ende: Wer sich den Albträumen der eigenen Vergangenheit nicht stellt, wird nicht gesund. Der produziert immer wieder die kranken, gewalttätigen Typen, die nicht (mit-)fühlen können. Schlägertypen, eiskalte Karrieristen, servile Befehlserfüller, opportunistische Mitläufer, willfährige Handlanger …

Typen, bei denen es einem schon eiskalt den Rücken runterläuft, wenn man ihnen begegnet und wenn sie einem mit falschem Lächeln die Hand reichen. Sie sind alle noch da. Und sie haben ihre Kinder so erzogen. Und mit Häme ziehen sie über die „Gutbürger“ her, denn sie verachten Mitgefühl, Sorge und Solidarität. Sie denken nur an sich und ihr Fortkommen.

Natürlich werden sie die Graphic Novels von Schwarwel nie lesen. Denn sie lesen nicht. Sie wollen auch nichts wissen. Sie wollen immer nur Bestätigung dafür, dass sie mit ihrer Gefühlskälte genau richtig sind, dass sie ein Recht auf Verachtung, Hass und Verdrängung haben. Es sind eher die Kinder, die aus dieser bedrückenden Enge fliehen.

Und die einige ihrer sehr gegenwärtigen Ängste in dieser Geschichte von Tim wiederfinden werden. Vielleicht nicht alle. Vielleicht nicht so geballt. Dann wer noch mitfühlt, weiß, wie sehr einen der Schmerz anderer Kreaturen treffen kann. Und vor allem: wie unerwartet. Selbst dann, wenn wir uns lange schon innerlich darauf vorbereitet haben, dass auch die Eltern eines Tages sterben. Und selbst der Besuch in der KZ-Gedenkstätte kann einen zutiefst treffen, selbst wenn man weiß, dass gefühlskalte Menschen zu den schlimmsten Taten fähig sind.

Doch das Gefühl bleibt irrational. Man kann sich nicht wirklich in deren trostlose Innenwelt versetzen. Diese Brutalität funktioniert nur, wenn die Täter früh gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle gründlich zu verdrängen. So gründlich zu verdrängen, dass sie zu willigen Helfern der Mörder werden.

Es ist also keine Überraschung, dass sich Schwarwel jetzt mit diesem Thema besonders beschäftigt. Es ist kein Nischenthema. Und es ist mit dem Ende der „zweiten deutschen Diktatur“ nicht abgegolten. Im Gegenteil: Die gegenwärtigen Ereignisse machen erst recht sichtbar, wie sehr das alles noch da ist, unbewältigt, unerlöst. So maskenhaft und gefühllos wie bei den Vätern und Großvätern.

Aber man sieht es nur, wenn man offenen Sinnes durch die Welt geht und vor allem seine eigenen Abgründe kennt. Seine eigenen Ängste und Gefühle, diese ganze Verletzlichkeit, die einen erst zu einem lebendigen Menschen macht. Das Leiden mit eingeschlossen. Denn erst so spüren wir, wie sehr wir am Leben sind und wie wichtig uns all diese Menschen sind, um die wir am Ende heulen wie die Schlosshunde, weil wir zu spät merken, dass wir zu vieles nie rechtzeitig gesagt und getan haben.

Schwarwel „Gevatter. Kapitel Zwei. Zorn“, Glücklicher Montag, Leipzig 2019, 3,90 Euro

Verleugnung: Wie wir den Tod kennenlernen und doch so tun, als wäre er nicht da

 

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