Der zweite Mira-Comic: Papa kennengelernt, Brudi gefunden und das Abenteuer der ganz normalen Gefühle

Für alle LeserDas Leben als Kind ist aufregend genug. Da braucht man eigentlich keine Drachen, Zauberer und Einhörner. Eher einen Twitteraccount, auf dem man die wildesten Momente des Lebens festhält, so wie es Mira schon im ersten Buch gemacht hat, das die dänische Kinderbuchautorin Sabine Lemire und der Zeichner Rasmus Bregnhøi zusammen geschaffen haben. Da ging es vor allem um Liebe, Freundschaft und das Leben mit einer alleinerziehenden, aber hochkreativen Mutter.

Und natürlich ging es um Mira, ein richtiges Mädchen in jener Phase des Lebens, in der alles, was passiert, zum Drama werden kann. Was ja bekanntlich an den Hormonen liegt und diesen schrecklichen Gefühlsüberfällen, die eine eben noch nette Situation völlig entgleisen lassen können. Das kennen auch Erwachsene noch. Manche kommen nie aus dieser Phase heraus. Oder anders formuliert: Sie weigern sich hartnäckig, für ihre Kommunikation mit der Umwelt Verantwortung zu übernehmen. Denn die Gewalt der Gefühle lässt nie nach.

Man lernt nur mit der Zeit, mit ihnen umzugehen, sie zu zähmen und sie anders zu kommunizieren, so, dass nicht gleich wieder alle mit Wut oder Tränen aufeinander losgehen. Eltern, die Kinder im besagten Alter haben, wissen, wie schnell es zu richtigen Gefühlsunwettern kommen kann. Und wie schnell sie auch die Erwachsenen mitreißen, sodass am Ende alle mit den Türen knallen und zutiefst verletzt sind. Obwohl das keiner wollte.

Auch das kleine blonde Mädchen nicht, für das es außer Frage steht, dass es seine Mama liebt, ihre Freunde nie im Stich lassen würde und es absolut spannend findet, dass die kleine Familie, zu der jetzt auch Mamas neuer Freund Joakim gehört, auf ein richtiges Boot zieht. Schon das ein Abenteuer. Aber.

Das Aber muss erwähnt werden, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Bücher deshalb wichtig seien, weil tolle Abenteuer drinstecken.

Ehrlich?

Es gibt nichts Langweiligeres als die üblichen Kinderbücher mit Abenteuern drin. Auch weil Verlage und Autoren das Allerwichtigste nicht begriffen haben, was Eltern echter Kinder aber wissen: Die wirklich spannenden Abenteuer, die einen so richtig aus den Socken hauen können, die passieren tagtäglich in vielen erschütternden, verwirrenden, herrlichen Interaktionen.

Und man merkt bei Sabine Lemire, dass sie eine Mutter ist, die ihre Kinder nicht nur kennt, sondern auch von Herzen versteht und mitfühlt, wenn sie im Gefühlstohuwabohu versinken. So wie Mira, die ein aufgewecktes und glückliches Mädchen ist, in deren Leben zwar ihr geliebtes Smartphone eine wichtige Rolle spielt – aber ihre freie Zeit wird nicht von dummen Fernsehprogrammen, grunzdämlichen Computerspielen oder Schmink-Kladderadatsch aufgefressen.

Nicht mal die allerentzückendsten Kleidchen, die Mama ihr für den Urlaubsausflug rauslegt, will sie. Dafür spielen ihr Kaninchen, ihre Freunde und auch ihre neue Bekanntschaft Liva die Hauptrolle in ihrem Leben. Dazu natürlich ihre Mama, ihre Oma (wo Mira sich Rat holt, wenn es wirklich mal drüber und drunter geht), Joakim und – nun endlich, was sie sich ja im ersten Buch so ganz doll gewünscht hat – ihr richtiger Vater.

Der ist – anders als man das aus deutscher Berichterstattung sonst immer denkt – kein Rabenvater. Er hat von Miras Existenz schlicht nichts gewusst. Bis dann Miras Mama endlich anrief und ein Treffen arrangierte. Sie hatte es Björn einfach nie gesagt, dass es Mira gibt. Was Mira natürlich in viele herrliche Szenen der Verzweiflung stürzt, denn sie fragt sich natürlich, was sich alle Menschen immer wieder fragen: Bin ich denn so unwichtig? Bin ich es nicht wert, dass ich einfach die ganze Zeit verschwiegen werde?

Es ist eine Szene, die ans Eingemachte geht, wenn Mira erfährt, dass Björn bisher nichts von ihrer Existenz gewusst hat. Eine Szene, die Rasmus Bregnhøi auch noch in herrlich treffenden Bildern festhält. Es ist ja ein Comic, so ein richtiger Miras-Leben-Comic, bei dem man merkt, wie sehr einen der ganze süßliche Disney-Quatsch eigentlich ärgert. Auch Kinder sind nicht niedlich. Und ihre Welt ist nicht heil.

Und Sabine Lemire erzählt all die kleinen, nur auf den ersten Blick so unscheinbaren Szenen, die das Leben eines Mädchens zu einer echten Achterbahn der Gefühle machen. Und das mit richtig schönem elterlichen Humor. Man kennt diese Dramen ja alle. Man hat sie ja auch selbst erlebt. Und nun schaut man diesem heranwachsenden Geschöpf dabei zu, wie es das alles auch noch einmal erlebt.

Wohl auch erleben muss, sonst lernt man wirklich nie im Leben, wie man mit Gefühlen umgehen kann. Auch großen Jubel-Gefühlen, für die genug Platz ist in Miras Jahr. Denn wer hat schon wie sie so ein tolles Kinderzimmer auf dem Boot? Oder kann sich über einen neuen Brudi freuen oder das Wachsen selbst gesäter Sonnenblumen? Auf einmal ist das blanke Staunen wieder da, das so viele Erwachsene verloren haben, weil sie den falschen Träumen nachrennen.

Wahrscheinlich, weil sie nie gelernt haben, die ganze Spanne der Gefühle zu akzeptieren. Denn darin steckt die ganze Welt – so wie in der schönen Szene mit Miras Oma, in der es vom absoluten Traurigsein-Tiefpunkt („Ich wurde verheimlicht. Wer will das schon?“) bis zu einem echten Oma-Trost reicht, der ganz gegenteilige Gefühlswellen auslöst und fast wie beiläufig daherkommt: „Ein netter Vater und eine nette Mutter ergeben ein wunderbares kleines Mädchen.“

Wozu freilich auch gehört, dass alle Erwachsenen in dieser Geschichte mit dem Kind sprechen. Und zwar nicht von oben herab, sondern ernsthaft. Sie nehmen Miras Kummer genauso ernst wie ihre eigenen Unsicherheiten. Es ist ja nicht so, dass nicht auch Miras Mama auf einmal Angst hat, sie müsste das Kind, das sie damals unbedingt haben wollte, jetzt auf einmal teilen oder würde es gar verlieren.

Man merkt, wie sehr auch die Erwachsenen emotional in Miras Erlebnisse eingebunden sind. Das Kind ist nicht einfach nur da, sondern es wird mit all seinen Wünschen und Sorgen richtig ernst genommen. So, wie man Kinder ernst nehmen sollte, dann lernen sie nämlich nicht nur mit den Gefühlen umzugehen, sondern auch verstehen, wann und warum auch die Erwachsenen mal traurig sind, besorgt oder völlig von der Rolle. Das ist nämlich menschlich.

Aber Eltern wissen das ja, wenn sie mit so liebevoller Aufmerksamkeit auf ihre Kinder schauen, wie es Sabine Lemire tut. Die Geschichte kann weitergehen. Denn genau so ist das Leben.

Sabine Lemire, Rasmus Bregnhøi Mira #freunde #papa #wasfüreinsommer, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2019, 15 Euro.

Ein turbulentes Jahr im Leben der überhaupt noch nicht verliebten Mira

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