Eigentlich geht es um eine ganz einfache Sache. Aber die hat es in sich. Denn die hat eine philosophische Dimension. Das glaubt man zwar nicht, wenn man von älteren Herren mit hochrotem Kopf unversehens angebrüllt wird, wenn man ihnen zu nah ins Gehege gekommen ist. Aber Kinder kennen diese Dimension noch. Sie sind ja wie Mäuse. Jedenfalls wie die Maus in der roten Hose von Daniela Kulot, die hier den Zeigefinger hebt.

Denn sie weiß es ja besser: „Scheiße sagt man nicht!“ Und auch nicht alle die anderen Schimpfworte, die einem so aus dem Mund flutschen, wenn irgendetwas gründlich danebengegangen ist, die Lieblingstasse zerdeppert, das schöne Eis aus der Hand gerutscht, der Hammer voll auf den Daumen usw.

Und Kinder sind ja nicht taub. Sie kriegen ja mit, wie Erwachsene reagieren in solchen Momenten. Nämlich genau so. Und auch in anderen Situation sind manche von den Großen nicht besser, als würden sie nur mit lauter Wut im Bauch herumrennen und nach Opfern suchen, die sie anbrüllen und beleidigen können. Als wären sie gar keine Erwachsenen, sondern nur Kinder, die die Abzweigung zum Erwachsenwerden verpasst haben. Als hätten sie es nie gelernt, ein bisschen nett zu sein zu anderen.

Als wären sie in ihrer Töpfchenphase hängengeblieben und hätten nie verstanden, dass Schimpfworte nicht dazu da sind, einem so etwas wie Respekt zu verschaffen. Sie verwechseln da was. Ganz gewaltig.

Ordentlich auf die Pauke hauen

Aber natürlich fängt das früh an. In der Zeit, in der man klein ist und ganz schnell lernt, dass es richtig deftige Worte gibt, mit denen man ordentlich auf die Pauke hauen kann. Und meist sofort Reaktionen bekommt, mindestens eine strenge Ermahnung von Mama, manchmal auch wütende Gegenrede. Da fängt sie nämlich an, die Gegenrede. Die zu einer funktionierenden Gesellschaft gehört. Die man aber auch voller Leidenschaft zerstören kann, indem man wütet und beleidigt.

Es steckt schon was drin in diesen ganz simplen Szenen, in denen die Grafikerin Daniela Kulot die Knirpse so richtig herzhaft schimpfen und fluchen lässt, in lauter Situationen, in denen eigentlich jeder Mensch ausflippt, weil es entweder höllisch wehtut oder richtig gemein ist. Da könnte man: ausflippen, an die Decke gehen, zum Berserker werden … Manche werden dann auch zum Berserker und kriegen sich gar nicht mehr ein.

Und da spielt diese weiße Maus natürlich eine Rolle, die naseweis dazwischengeht: „So etwas sagt man nicht.“

Was manche ja einfach als Verbot sehen. Dann werden das lauter verbotene Wörter. Und man ist dann immerzu beschäftigt, die verbotenen Wörter irgendwie im Zaum zu halten und zu verhindern, dass sie unverhofft doch nach draußen wollen und die Sache noch viel schlimmer machen. Bis es der Maus dann selbst passiert, mit einem der Klassiker, die jedem mal passieren: einem ordentlich matschigen Hundehaufen auf dem Gehweg, den sie bei aller Besserwisserei übersieht. Platsch, pardauz und …

‘tschuldigung

Denn wirklich erklären kann sie es nicht, warum man diese Worte nicht sagen soll, das tut sie erst am Buchende. Und da erklärt sie natürlich, dass so richtige deftige Schimpfworte mehr sind als nur gemein, auch wenn sie in der richtigen / falschen Situation richtig weh tun und alle Kinder, denen sie entschlüpfen, am besten ganz schnell um Entschuldigung bitten.

Eigentlich ein Moment, der selbst ein ganzes Bilderbuch wert ist, denn oft vergisst man als kleines und als großes Kind, wie sehr man die Gefühle der anderen Menschen verletzt, wie sehr man sie kränkt und traurig macht. Und wie man vor allem Vertrauen zerstört. Das vergisst sich nicht so schnell. Das tut meist noch lange weh und zerstört selbst die besten Freundschaften.

Die man natürlich wieder reparieren kann, wenn man zugibt, dass man Mist gebaut hat und das gar nicht wollte. Und dass man auch den Anderen nicht verletzen wollte. Wie sich das anfühlt, weiß jeder, der schon mal so angegangen wurde. Und das ist der eigentliche Grund, warum man diese Worte nicht sagen sollte: Sie können richtig Schaden anrichten.

Auch dann, wenn sie eigentlich nur rausgehauen wurden, weil einer mal ordentlich Dampf ablassen wollte. „Manchmal muss das sein“, sagt die Maus. Die Wut, die man ja manchmal berechtigterweise im Bauch hat, muss raus. Da ist es besser, mal ordentlich laut in den Wald zu schimpfen, als mit Fäusten auf jemand Anderen loszugehen. Dem Wald macht das nichts aus, dem anderen schon.

Fröhliche Tabubrüche

Und natürlich erwähnt die Maus auch den Spaß daran, manche Schimpfworte zu sagen. Denn Tabubrüche haben ja etwas Lustiges. Wenn man es nicht übertreibt. Denn Worte wie Scheiße und Arsch sind ja nicht von bösen Menschen erfunden worden (andere Worte schon, aber die eignen sich nicht zum Fluchen), sondern nur derb. Oder werden von uns als derb und ungehobelt verstanden, obwohl sie für viele Menschen mal ganz normale Alltagswörter waren.

Wir leben ja auch in einer Gesellschaft, die sich lauter Benimm-Regeln zugelegt hat, mit denen sich von Leuten abgegrenzt wird, die nicht so fein sind. Da wird es dann manchmal kompliziert, ganz normale menschliche Dinge noch beim Namen zu nennen. Und ehrlich mal: Kacka ist auch kein lustiges Wort. Wenn schon, dann Kacke, was übrigens ein Lehnwort ist. Wer’s nicht glaubt, darf auf Wikipedia nachschauen. „Cacare“, sagten die alten Römer.

Während die alten Deutschen natürlich Scheiße sagten, bevor die gefühligen Professoren kamen und dafür so saublöde Namen wie Stuhlgang, Ausscheidung und Defäkation (er-)fanden. Was eigentlich noch viel peinlicher ist. Dieses gestelzte so tun, als ob Kacke keine Kacke wäre, sondern etwas, das man nicht mal beim Namen nennen darf. So wie die Unaussprechlichen, an die sich nicht mal Wikipedia herangetraut hat – oder ich finde das Wort nur nicht, weil es zu gut versteckt ist.

So wurden einst die Unterhosen benannt. Frauen hatten übrigens früher auch keine Beine und keinen Unterleib. Und ihre Knöchel zu zeigen, war ja so etwas von verrucht. Diese Maus-Mahnung vom „So etwas sagt man nicht!“ hat also eine lange Vorgeschichte. Sie hat mit (falscher) Moral zu tun und einer riesigen Menge Scheinheiligkeit. Das ist zwar Kindern nicht so einfach zu erklären. Aber sie lernen sehr wohl, dass man manche Worte in manchen Situationen lieber nicht sagt. Es geht also darum, wo solche derben Worte gesagt werden können und wo nicht.

Jede Menge Aufmerksamkeit

Mit keinen anderen Worten lernt man so schnell, dass Worte Wirkung erzeugen. Meist sofort und meistens keine gute. Und jede Menge Aufmerksamkeit, auch das steckt hinter den kleinen Bildszenen. Und Kinder wissen, dass man sich Aufmerksamkeit holen muss. Zumindest Kinder, die keine surrenden Helikoptereltern haben.

Aber auch die übersehen vieles – vor allem die Gefühle der Kinder, die natürlich grummeln und wachsen und irgendwann rausmüssen. Und je länger man sie unterdrückt, umso schneller werden sie zu richtig dollen Schimpfworten. Dann erkennen die ach so geschäftigen Eltern ihr liebes Kind vornehmlich nicht wieder. Denn es steckt in allen. Auch in den gut erzogenen und bestens abgerichteten Kindern. Gerade in denen.

Deswegen ist es wirklich gut, früh anzufangen zu üben, wo die Worte am besten hingehören und wo nicht. Und was man macht, wenn sie einem doch passiert sind und man jetzt selbst in Panik, ist, weil man nicht weiß, wie man das wiedergutmachen soll. Oder kann. Oder darf. Denn meist merkt man sofort, was für einen Schaden die Worte angerichtet haben bei Menschen, die man doch eigentlich ganz dolle mag und braucht.

Deswegen wirken die Szenen, die Daniela Kulot sich ausgedacht und gezeichnet hat, scheinbar ganz einfach. So ein bisschen wie bei Dick und Doof. Aber wenn man dann sieht, wie die Maus versucht einzuschreiten und dann selber ihr Kacke-Erlebnis hat, bekommt das Ganze auf einmal mehr als zwei Seiten. Dann steht überhaupt die beängstigende Frage im Raum: „Was darf man denn überhaupt noch sagen?“

Darf man gar nichts mehr sagen?

Ein Spruch, den man ja heutzutage immer wieder von drolligen älteren Männern mit Bierbauch und hochrotem Gesicht hört, die so tun, als würden ihnen alle anderen Leute ständig verbieten, irgendwas zu sagen, obwohl sie doch nur die ganze Zeit öffentlich pöbeln und schimpfen wollen.

Als hätten sie nie wirklich darüber nachgedacht, was das anrichtet.

Denn darum geht es ja eigentlich: um das, was man anrichtet, wenn man über seine Worte nicht nachdenkt und einem die Gefühle der anderen völlig egal sind.

So ist Daniela Kulot eigentlich kein Anti-Schimpf-Buch in dem Sinn gelungen, sondern eins, in dem es um Aufmerksamkeit geht. Denn die Kinder lernen ja schnell, was man alles nicht sagt. Bis es der Maus selbst passiert. Und dann? Dann fängt der Spaß eigentlich erst an, wenn man sich richtig schöne Schimpfworte ausdenken kann, die von Anfang an lustig klingen und Spaß machen und bei denen auch die anderen merken, dass es diesmal um Spaß geht und nicht um Wut. Ein paar Ausweichworte findet man auch im Buch.

Auch wenn man da ganz schön üben muss, bevor man – mit einer kleinen Denkpause – „Schei…benkleister“ sagt oder „Tschuldigung“. Denn nicht nur die Unglücke passieren ja unverhofft, auch die Worte, die einem dann entfleuchen und – potzblitz – im selben Augenblick die schönste Stimmung kippen lassen. Da ist es sehr nützlich, frühzeitig zu üben und in der Not doch noch ein paar andere Worte parat zu haben, die einem dann auch entschlüpfen dürfen.

Muss ja nichts Lateinisches sein.

Daniela Kulot „Scheiße sagt man nicht“, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2022, 14 Euro.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar