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Wer denkt sich die Wörter aus? Mit Kindern den Reichtum unserer Sprache entdecken

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    Manche Kinder wundern sich irgendwann, andere überhaupt nicht. Dabei ist es ein kleines Wunder, dass wir uns mit unserer Sprache verständigen können. Und zwar nicht nur mit Grunz und Miau und Wauwau wie die Tiere. Den Moment, an dem die Kleinen ihr Staunen über die Welt der Wörter äußern, sollte man nicht ignorieren. Es ist der Moment, ihnen zu zeigen, dass unser Wortschatz tatsächlich ein Schatz ist.

    Und dieses Buch hilft dabei. Gerade weil die Übersetzerin Brigitte Schniggenfittig und der Sprachwissenschaftler Jörg Wagner bis an die Wurzeln gehen, dahin, wo Sprache entsteht. Die meisten Kinder wachsen ja irgendwie so rein, lernen irgendwie sprechen und sind dann ein ganzes Leben lang beleidigt, wenn man ihre Art der Kommunikation kritisiert, nicht versteht, für zu flach und respektlos hält. Denn Sprache erfahren wir durch unsere Eltern, Geschwister, Freunde, Kindheitserlebnisse.Dort entsteht auch unser Bewusstsein für das Sprechen selbst. Und nach dem genüsslichen Lesen dieses Buches habe ich wohl nicht zu Unrecht das Gefühl, dass da bei einigen Kindern etwas Entscheidendes nicht passiert. Ich kann es noch nicht recht fassen. Aber es könnte mit dem Begreifen zu tun haben, dass Sprache etwas Lebendiges ist und letztlich genau das Gespinst ist, das uns tatsächlich erst mit anderen Menschen verbindet, das Aufmerksamkeit, Nähe, Respekt und Staunen hervorruft.

    Oder eben auch nicht. Nämlich dann, wenn wir als Kind nicht gelernt haben, Sprache als Zaubermittel einzusetzen. Also bewusst, klug und genau. Mit Wissen um die Kraft, die Wucht und die Wirkung von Wörtern.

    Drei Sekunden abgelenkt

    Vielleicht fehlt mir dieses Kapitel sogar in dem Buch. Es ist, als hätten Schniggenfittig und  Wagner zwischen dem Kapitel „Wenn Flammen flüstern und Autos schnurren“ und „Spieglein, Spieglein an der Wand – nenn mir das schönste Wort im Land!“ ganz kurz mal dran gedacht. Wie es einem so geht, wenn man einen Text schreibt. In jedem Satz stecken Dutzende Möglichkeiten, wie es weitergehen könnte, manche davon aufregend und verführerisch, manche ausgelatscht und schon millionenfach so geschrieben.

    Und dann denkt man über die eine verführerische Möglichkeit drei Sekunden lang nach, will dann an die drei anderen denken und merkt – Mist, verflixt! – man hat die drei Gedanken vergessen. Sie sind einfach verschwunden, weil wir uns zu sehr auf den einen Gedankenweg konzentriert haben. Der natürlich den Text in eine neue und am Ende meist sehr fruchtbare Richtung drängt. Aber die anderen drei Möglichkeiten, was aus dem Text hätte werden können, sind weg.

    Manchmal ist es auch das klingelnde Telefon, das einen aus der Konzentration reißt (und Sprache hat Konzentration verdient, das sage ich Ihnen!). Manchmal aber ist es auch ein richtig blöder Gedanke, der dazwischentrommelt und alles plattmacht, was an möglichen neuen Entdeckungen möglich gewesen wäre. Vielleicht war es sogar der Gedanke, der dann dazwischen zum Kapitel „Deutsch ist, wenn es knackt und blökt“ geworden ist. Ein lehrreiches und kluges Kapitel, keine Frage.

    Aber man merkt es ja schon an der Überschrift, wie schnell man da emotional im Reich unserer sprachlich meist etwas unterbegabten deutschen Nationalisten landet, die eine Sprache nur zu gern mit einer genetischen Programmierung verwechseln und ihre Phantasielosigkeit mit Werten. Die nicht einmal merken, wie sie da ein herrliches Instrument der Verständigung in Pappkartons und Verbotsschilder verwandeln, also letztlich abwürgen.

    Das herrlichste Instrument der menschlichen Verständigung wird als faules Argument für die Demolierung jeder Kommunikation verwendet. Nur so als kleiner Gedanke – hier auch mit Hinweis auf eine der schönen Publikationen zum Sprachreichtum der Welt: „100 Karten über Sprache“ aus dem Katapult Verlag.

    Ein Buch, das übrigens zeigt, dass wir Menschen nicht nur eine einzige Sprache erfunden haben, sondern einige tausend. Und alle funktionieren. Alle schaffen es, für ihre Sprecher/-innen ein Gewebe des Wissens, der Geschichten, der Beziehungen und der Emotionen zu sein. Mit einem modernen Begriff formuliert: ein Netzwerk.

    Wie Kinder in die menschliche Wortwelt hineinwachsen

    Kinder werden, wenn sie Sprechen lernen, eingebunden in dieses Netzwerk. Oder eben auch nicht. Der Gedanke, den ich weiter vorn geäußert habe, lässt mich ja nicht los. Denn warum verwenden so viele Menschen Wörter dazu, Gespräche zu stören? Andere Sprecher mundtot zu machen? Sich der Verständigung zu verweigern? Kann es sein, dass sie damit nur ihre Erfahrung aus der Kindheit umsetzen? Oder besser formuliert: Das Gelernte ausleben. Denn wenn Kinder früh lernen, dass sie nicht wirklich sprechen dürfen und ihnen auch niemand wirklich zuhört …

    Sie wissen jetzt, was ich meine.

    Vielleicht müsste man dazu ein ganz eigenes Buch schreiben. Eines, das auch mal wehtut, Kopfschmerzen macht und ein Phänomen näher untersucht, das wir überall sehen, aber irgendwie nicht wahrnehmen können oder wollen.

    Was Brigitte Schniggenfittig und Jörg Wagner hier in lauter kleinen Kapiteln mit vielen Querverweisen und Randnoten machen, ist im Grunde das, was aufgeweckte Kinder mit Sprache irgendwann alles selbst ausprobieren. Nicht ganz so systematisch. Aber doch mit Lust und Freude, denn irgendwann entdecken sie, was alles in unserer Sprache steckt, wie farbig und lebendig sie ist.

    Und dass es für fast alles ein Wort gibt – oft sogar mehrere, manchmal richtig feine, manchmal auch tierisch grobe. Die man dann oft nicht benutzen soll, sagen jedenfalls Mama und Papa. Denn natürlich haben sich Generationen von Erwachsenen auch lauter Kraftwörter ausgedacht, Flüche, Beleidigungen, richtig dicke Dinger, die aber alle zeigen, wozu Sprache eben auch in der Lage ist: richtig heftige Gefühle auszulösen.

    Wenn es gemein wird

    Wir leben in Sprache. Aber wir sind eben auch die Angesprochenen und Gemeinten, auch viel zu oft dann, wenn es gemein wird, weil die Grantigen unter uns meinen, das wäre ihr gutes Recht, andere Leute jeden Tag beleidigen, niedermachen und verunglimpfen zu dürfen. Weil das vielleicht auch mit ihnen immer so gemacht wurde. Anders kann ich mir nicht vorstellen, dass man so hemmungslos werden kann und sich nicht auf die Zunge beißt, auch dann, wenn man am liebsten fluchen und wettern möchte. Denn natürlich möchten Gefühle raus. Aber: wie?

    Oder: Wovon erzählen eigentlich all diese Schweinereien, Bellereien und Bissigkeiten und die Benutzung von Fäkalsprache? Eltern wissen ja, dass es nichts bringt, den Kindern die Benutzung dieser Wörter einfach zu verbieten, schon mal gar nicht, wenn die Erwachsenen sie auch ständig benutzen. Es geht also in vielen dieser kleinen, spielerischen Kapitel um Aufmerksamkeit, darum zu spüren, dass Sprache auch Macht hat. Vielleicht weniger als Zauberspruch. Aber manche Eltern sind ja pfiffig und bringen ihren Kindern frühzeitig bei, dass es auch wirkliche Zauberwörter gibt, so wie bitte und danke. Starke Zauberwörter.

    Neben vielen anderen starken Wörtern, vor denen auch gestandene Sprecher zu Recht einigen Respekt haben, vielleicht nicht gerade, weil sie Angst vor ihnen haben wie früher die Tiefgläubigen vor dem Namen Gottes oder dem des Teufels. Aber trotzdem höllischen Respekt, weil manche Wörter mit gewaltigen Emotionen zu tu haben – so wie Sterben und Tod. So lernen auch Kinder frühzeitig, dass man andere Menschen schont, wenn man mit Wörtern sorgsam und vorsichtig umgeht und sich vor allem bewusst ist, dass Wörter Gefühle verletzen können.

    Und oft eben viel mehr beinhalten als nur die Bezeichnung für eine Sache. Sie verändern sich sogar, wenn wir sie in Sätze einbetten und die verschiedensten Adjektive dazupacken. Ein dummer Hund ist ganz offenkundig etwas anderes als ein bunter Hund – und hat mit richtigen Hunden meist nichts zu tun. Dafür viel mit unserer Sichtweise auf andere. Und unserer Sorgfalt beim Auswählen von Wörtern.

    Was alles in Wörtern steckt

    Und weil Brigitte Schniggenfittig und Jörg Wagner am Ende immer mehr dazu übergehen, mit den Wörtern zu spielen, machen sie auch sichtbar, wie Sprache gemacht wurde und wird. Wir können uns neue Wörter ausdenken, können alte Wörter zusammenbinden, können sogar ganz bewusst uralte Wörter verwenden, die heute kaum noch einer benutzt.

    Und dann schauen wir in diese Wörter hinein und entdecken, wie sie eben auch von früheren Zeiten und Zuständen erzählen. Manche kommen ja sogar aus anderen Sprachen und sogar von anderen Kontinenten. Eigentlich sogar sehr viele, auch etliche, denen wir es gar nicht mehr ansehen, weil wir denken, sie sind hier unterm nächsten Apfelbaum entstanden.

    Das Buch ist voller solcher Entdeckungen in der Wörterwelt. Und die oben erwähnten Randnoten sind überhaupt nicht langweilig. Denn da stehen dann meist die herrlichen Bücher verzeichnet, aus denen die Autoren dann auch viele der herrlichen Zitate und Spiele mit Sprache geholt haben, etwa Walter Moers‘ „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, Lewis Carrols „Alice im Wunderland“ oder Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Denn natürlich haben sich die klügsten (Kinderbuch-)Autoren auch immer mit den Abgründen und Schönheiten von Sprache beschäftigt.

    Manche Bücher sind der reinste Sprachwitz. Und wenn die kleinen Leseratten erst einmal aufmerksam geworden sind darauf, was man mit Wörtern alles anstellen kann und was so in ihnen steckt, dann ist auch die Welt da draußen vor ihnen nicht mehr sicher – nicht die Namen der Leute, nicht die der Städte und Schilder. Welch letztere ja oft genug von Leuten geschrieben werden, die noch nie irgendeinen Spaß mit Sprache hatten. Und die meistens glauben, sie müssten nur allen anderen Leuten irgendwas verbieten, dann wäre es nicht mehr da.

    Die malträtierte Sprache

    Wenn man aus diesem Buch auftaucht, fühlt man sich wie frisch gewaschen, wie nach einem richtigen Tobebad mit Schaum und Quietscheentchen. Und dann muss man da wieder raus und weiß, dass da draußen alle möglichen Griesgrame und Miesgnome unterwegs sind, die Sprache benutzen wie einen Fußabtreter und ihre ganze alte Verbitterung ausleben, weil ihnen irgendjemand Dummes als Kind beigebracht hat, dass Sprache nur so benutzt werden darf, dass ja keiner merkt, wer man eigentlich ist, was einen freut oder traurig macht. Also so, wie Sprache in Büros und Foren meist benutzt wird: als Ohrfeige, Prügelstock und Abmahnung.

    Was diese Leute dann meist auch noch als „gutes Deutsch“ behaupten. Was eine Beleidigung für diese sehr reiche (350.000 verschiedene Wörter!) und schöne Sprache ist, auch wenn die meisten Leute mit 12.000 bis 16.000 Wörtern auskommen. Das reicht ihnen völlig. Und meistens reicht es ja auch, wenn man nur sorgsam damit umgeht und aufmerksam spricht.

    Auch zu sich selbst. Wir leben in einem Netz von Botschaften, die uns immerfort umgeben und uns auch immerfort sagen, wer wir sind. Oder ob wir überhaupt sind. Ob wir nämlich wahrgenommen werden von anderen. Vielleicht ist das am Ende sogar ein Buch für große Leute, die sich darüber wundern, dass keiner mit ihnen spricht. Und keiner sie versteht. Vielleicht liegt es genau daran: dass Sprache und Sprechen nicht funktioniert, wenn man dem anderen nicht zeigen kann, dass man ihn oder sie wirklich meint und auch nicht nur anpflaumen will.

    Anpflaumen ist einfach. Das kann jeder Depp. Aber miteinander sprechen, das kostet Aufmerksamkeit und ist manchmal anstrengend, gerade dann, wenn einem die Wörter fehlen. Die richtigen Wörter. Die, die einem guttun, wenn man sie tauscht. Wie Schätze. Und manchmal ist ein richtiger Goldtaler darunter, der blitzt in der Hand, wenn man ihn annimmt und „Danke!“ sagt. Oder: „Ich bin ja so froh!“ Oder „Ich freu mich wie Bolle!“

    Auch das zeigt das Buch: dass Emotionen ganz verschieden sein können. Und jeder sich anders freuen kann und jeder andere Wörter haben kann, eigentlich dasselbe zu sagen und doch ein bisschen was anderes zu meinen. Da fängt man am besten früh an, seinen Kleinen genau diese Schönheit und Vielfalt zu zeigen. Denn damit beginnt das Nachdenken über das, was uns verbindet. Und das ist nun einmal die Sprache. In all ihrer Vielfalt, Unbekümmertheit und Wucht. Das sollte man frühzeitig lernen. Später fehlt es einem. Ob man es dann noch nachlernen kann – ich weiß es nicht.

    Brigitte Schniggenfittig; Jörg Wagner Wer denkt sich die Wörter aus?, Mirabilis Verlag, Klipphausen / Miltitz 2021, 19 Euro.

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