Einfach mal raus, rein in Buslinie 16, ab aufs Land, in Omas altes kleines Häuschen am Waldrand. So sehen kleine Fluchten in unseren Köpfen aus. Dota Kehr kennen viele als Liedermacherin und Frontfrau ihrer Band „Dota“. Nun hat sie auch ein Kinderbuch geschrieben. Eben so eines: über die Flucht zweier Freundinnen in Oma ihr verlassenes klein Häuschen.

Da kann alles Mögliche passieren. Und am Ende werden die beiden Mädchen von ihren Eltern auch ganz schön zusammengestaucht. Was da alles hätte passieren können! Nicht auszudenken.

Eigentlich handelt die Geschichte, die Dota in Reimen erzählt, genau davon: von unserer kleinen allgegenwärtigen Angst, dass „etwa passieren könnte“, dass wir die Kontrolle verlieren und nicht mehr wissen, wie wir da wieder herauskommen.

Solche Geschichten kennt man aus der deutschen Spätromantik und aus der Frühmoderne, als Geschichten von Geistern, Golems und Elfen wieder erstaunlich populär wurden. Just in der Zeit, als Sigmund Freud mit der Psychoanalyse begann, in die Tiefenschichten des Seelenlebens der Mitteleuropäer hineinzuleuchten.

Oder vielleicht genauer: der Mittel- und Oberschicht. Denn es sind ihre Ängste, die da von sensiblen Autor/-innen thematisiert wurden.  Ängste, die völlig das Gegenteil dessen darstellten, was Lewis Carrol seine Alice im Kaninchenloch erleben ließ.

Und wenn es keinen Rückweg gibt?

Genug Geschichte? Nicht unbedingt. Denn seit den Geschichten von der Blauen Blume ist uns das Motiv in der deutschen Literatur nur zu vertraut. Samt der Angst, man würde nicht mehr zurückkehren können aus der Anderwelt, wenn man das Zauberwort vergisst, den Wunderschlüssel verliert, sich zu früh umdreht oder seinen Namen verrät.

Was dann die Geschichte in der Geschichte ist, die Dota Kehr erzählt und die Lihie Jacob einfühlsam illustriert hat. Denn es ist eine Geschichte der doppelten Abwesenheit. Nicht nur, dass die beiden Mädchen sich ohne Absprache mit den Eltern entschließen, in Omas kleines Haus zu ziehen, sich also der Obacht der Eltern völlig zu entziehen, was ja in unserer von Monstern erfüllten Welt alle Eltern schon in schiere Panik versetzen würde.

Dort landen sie dann auch noch in einem Traumabenteuer, aus dem sie nur zurückkehren können, wenn sie dort ihre Namen nicht verraten und genügend Vorräte dabeihaben. Denn die Geisterwelt ist zwar wild und lustig. Aber sie verwirrt auch die Sinne, macht traumverloren und selbstvergessen.

Also ein ziemlich altes Märchenmotiv, das Dota Kehr hier aufgreift und ihre beiden Heldinnen erleben lässt. Auslöser ist eine kleine Kugel, die sie im Tümpel vor Omas Haus finden. Die am Ende auch nicht verschwunden ist. Denn die Fähigkeit zum Träumen verliert man ja nicht, auch wenn man nach einem wilden Abenteuer in der Geisterwelt schweißgebadet aufwacht, auch wenn alles wieder in Ordnung scheint.

Einmal völlig außer Kontrolle sein

Aber sind da nicht einige Spuren, die noch vom nächtlich traumhaft Erlebten zeugen? Kann es sein, dass doch … ? Eine nicht ganz unwichtige Frage in unserer scheinbar so nüchternen Zeit, die ja zwischen den Extremen hin- und herschwingt – der stocknüchternen Rationalität eines rein von Zwecken bestimmten Lebens, in dem es keine „wilden“ Stellen mehr gibt.

Und der Faszination der Vorstellung, dass es auch noch eine andere, traumhafte Welt gibt. Verbunden mit der Angst, dass man darin verschwinden könnte. Denn das ist ja auch eine Parabel auf viele unserer psychischen Erkrankungen, die ja deshalb nicht leichter zu ertragen sind, weil wir inzwischen wissen, welche Chemie dahintersteckt.

Aber das schwingt bestenfalls nur am Rand mit. Denn eigentlich geht es um den Mut zweier Mädchen, einmal ganz ohne die ewige Anwesenheit der Eltern etwas Mutiges zu wagen und aus den beschützten Bahnen auszubrechen. Vielleicht nicht mit genügend Vorsicht. Kann sein.

Manchmal haben Eltern ja auch recht mit ihren Warnungen. Oft sind diese aber auch nichts anderes als die Besorgnis der Erwachsenen, die sich oft viel mehr ängstigen als die Kinder. Und dabei haben sie selbst diese Sehnsucht nach einem Leben abseits des so kontrollierten Alltags: „Ach ja, das Häuschen. Ach ja, die Oma. Wisst ihr noch, wie wir im Sommer oft hier waren?“

Gute Frage. Es ist also auch die Sehnsucht der scheinbar so ergrimmten Eltern, die die beiden Mädchen einfach in die Tat umgesetzt haben.

Vielleicht sollten wir uns unserer wirklichen Träume tatsächlich öfter bewusst werden und nicht immer so tun, als wäre das nichts. Als hinge nicht etwas Wesentliches in unserer Gefühlswelt ausgerechnet an dem von der Zeit zerschundenen kleinen Häuschen, in dem die Oma bis zuletzt gewohnt hat.

Wir sind dann mal weg …

Wobei wir über die Oma sonst nicht viel erfahren. Was ein bisschen schade ist. Denn wenn schon das Häuschen so ein Magnet für die Erinnerungen ist, muss es die Oma erst recht sein.

Die Geschichte regt also zu einigen Abschweifungen an. Und dürfte gerade beim Vorlesen im lärmenden Großstadtdschungel selbst die Vorleser dazu bringen, mal ein bisschen nachzudenken über den Bus Nr. 16 und wohin der einen bringen könnte.

Und ob man es nicht eigentlich öfter wie die beiden Mädchen machen sollte, mal ohne Gedanken an all die selbst auferlegten Pflichten loszuziehen, die einen in ein tägliches Korsett zwingen, aus dem man glaubt, nicht mehr aussteigen zu können.

Obwohl es ganz einfach ist. So einfach, dass die Eltern nicht mal merken, dass es die Kinder tatsächlich ernst meinten. Denn sie hatten es ja sogar gesagt: „Sie hatten uns nicht geglaubt, / doch Clarissa meinte: ‚Die werden schon sehen!‘“

Sodass das eben vor allem eine Clarissa-Geschichte wird, die Geschichte von einem Kind, das ernst meint, was es sagt und es auch macht. Denn nur so kommt man da hin, wohin man möchte im Leben. Auch wenn es – wie in Omas Häuschen – doch ziemlich brisant werden kann.

Aber wer das nie probiert hat, weiß nicht, was einen wirklich lebendig macht. Und was man sich selbst zutrauen kann. Am besten mit Freundin. Denn dann ist auch immer eine dabei, die auch noch ein bisschen ans Vorsichtigsein denkt.

Kennen wir unsere Träume?

Aber eigentlich sind es immer ganz einfache Dinge, die wir in die Tat umsetzen müssen, um wirklich zu merken, dass wir lebendig sind. Das ist so wie in den Liedern von „Dota“. So einfach, dass man sich fragt, warum das trotzdem wie eine große Leerstelle wirkt in unserer von Getriebensein geprägten Gesellschaft.

Also vielleicht doch nicht nur schimpfen. Sondern lieber nachschauen, ob man die kleine Zauberkugel noch hat, die knistert und wispert, wenn man sie in der Hand hält. Denn manchmal haben wir – weil es uns so anerzogen wurde – auch einfach nur Angst davor, den angeordneten Weg zu verlassen. Wer passt dann auf uns auf?

Haben Sie sich das auch schon oft gefragt?

Tja, wer passt da auf auf uns, wenn wir einfach in den Bus steigen und tun, was für uns wie ein Abenteuer aussieht? Eine Frage, die sich jede Generation Kinder anders beantwortet, weil auch die Freiräume, die wir uns lassen, schrumpfen, je mehr Kontrolle wir über alles haben wollen und je mehr Leute in unterschiedlichster Wortwahl drohen: „… das gibt noch einen Riesenärger!“

Wer spricht da aus den Eltern? Nur ein freud’sches Über-Ich oder der Kern einer Gesellschaft, die sich vor ihren eigenen Träumen fürchtet und ängstigt?

Nur mal so gefragt. Und so manches aufgeweckte Kind wird sich das natürlich jedes Mal fragen, wenn die Eltern zwar alles verbieten, aber einfach nicht erklären, warum eigentlich.

Dota Kehr Clarissa und ich, Voland & Quist, Berlin und Dresden 2022, 15 Euro.

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