Was macht man eigentlich als Spross einer der berühmtesten Familien des Landes? Vielleicht sogar der berühmtesten? Eine Art Royals mit den Literatur-Heroen Heinrich und Thomas Mann und all den begabten und schreibenden Kindern und Enkeln? Man ringt mit dem Ruhm des Urgroßvaters, wie es Hannah Mann lange getan hat. Bis sie sich selbst sagte: Pfeif drauf. Schreib dein Buch. Genau das hat sie nun getan. Und Heinrich wäre stolz auf sie.

Denn ihr Urgroßvater war Heinrich Mann. Berühmt bis heute mit Büchern wie „Professor Unrat“ und „Der Untertan“. Ihre Großmutter war Leonie Mann, die den tschechischen Schriftsteller Ludvík Aškenazy heiratete. Ihr Sohn Jindřich Mann ist nicht nur Regisseur, sondern auch – wer hätte das gedacht – erfolgreich als Schriftsteller, geehrt mit dem Egon-Erwin-Kisch-Award für sein autobiografisches Buch „Poste restante“.

Und da ist man inzwischen bei seiner Tochter Hannah, die in dieser Familie aufwuchs, konfrontiert mit Regalen voller Bücher, die alle ihre Verwandten geschrieben haben. Es waren ja nicht nur Heinrichs Kinder und Nachkommen, die die Literaturwelt verblüfften. Auch die Kinder Thomas Manns schrieben bis heute gelesene und wichtige Bücher.

Ja, was macht man da? Liegt das Schreiben im Blut? Wahrscheinlich nicht. Das funktioniert anders. Durch Vorbild, Anregung, Atmosphäre. Wenn einem die Eltern und Großeltern zeigen, dass Schreiben etwas ganz Selbstverständliches ist, steht eher die Frage: Grenzt man sich da ab als Kind? Weicht man aus? Studiert lieber erst einmal Politikwissenschaften, wie es Hannah getan hat? Immer mit dem Hintergedanken dabei: Du könntest auch schreiben.

Suzanna, Daria und Nina

Mit Kurzgeschichten hat sich Hannah Mann vorgestastet. Und jetzt hat sie mit „Zeppelin und Karpfen“ ihren ersten Roman vorgelegt. Vielleicht sogar befreit, weil sich nach und nach die Gewissheit einstellte, dass man auch als Urenkelin nicht schreiben muss wie der Urgroßvater. Denn Heinrich Mann liebte ja bekanntlich – nach dem Vorbild des französischen Romans – die Rolle als auktorialer Erzähler.

Hannah Mann aber schlüpft direkt hinein in die Rolle von Suzanna, Fotografin aus Leidenschaft, Lebenspartnerin eines begabten Malers, der noch auf seinen Durchbruch wartet. Und Mutter einer faszinierenden Tochter namens Daria, die beim Frühstück jeden einzelnen Froot Loop zählt, den sie aus ihrer Milchschüssel fischt. Sie ist eines dieser gandenlos begabten Kinder, die Lehrerinnen an ihre Grenzen bringen können, weil sie so logisch denken, dass normale Schule sie eigentlich unterfordert.

Und das spielt in dieser Geschichte eine ganz elementare Rolle, weil Daria es ist, die letztlich die wichtigsten Puzzleteile zusammensetzt, die die Familie auf die richtige Spur zu Nina führen, Suzannas Mutter, Darias Oma.

Denn diese ist verschwunden, hat das Haus, in dem sie mit Suzannas Vater lebt, mitten in eisiger Winternacht verlassen. Ohne Nachricht. Eigentlich auch ohne Grund.

Es sei denn, so eine alte Sehnsucht nach der Heimat, dem Ort, an dem sie ihre Kindheit verbrachte, wäre ein Grund. Und ist es oft auch. Erst recht, wenn sich Nina in Westberlin auch nach Jahren noch wie in der Fremde führt. Aufgewachsen ist sie in Archangelsk in Nordrussland, hat dann in Warschau Suzannas Vater geheiratet, der aber Polen nach den wirren Anschuldigungen des polnischen Geheimdienstes verlassen musste und in Westberlin eine neue Existenz aufbaute. So schon ist es ein Schicksal der doppelten Heimatlosigkeit.

Zeppelin 127 in einer Dokumentaraufnahme.

 

Die Polarfahrt von Zeppelin 127

Und dann sind das auch noch die späten 1980er Jahre. Westberlin ist eingemauert. Wirklich weit weg kann die Oma nicht sein, erst recht nicht ohne Pass und Geld. Wohin treibt einen die Sehnsucht, wenn man in der Fremde keine Heimat findet? Wenn einen die Erinnerungen dorthin locken, wo man einst Kind war und glücklich? Auch wenn einen die Erinnerung trügen kann. Die Kindheit wird, je älter man wird, ja oft zu einem verwunschenen Ort. In Ninas Fall auch einem Ort mit einem Zeppelin. Einem echten Zeppelin, dem LZ 127, dem „Graf Zeppelin“, der 1931 tatsächlich zu einer Polarfahrt aufbrach.

An Bord waren auch der sowjetische Polarforscher Rudolf Lasarewitsch Samoilowitsch und auch sein 13jähriger Sohn Wladimir. Ein altes Foto, das Daria bei Nina heimlich mitgehen lässt, zeigt diesen Sohn und die junge Nina – samt dem riesigen Zeppelin 127 dahinter. Just dieses Foto bringt zuerst Daria auf die Spur der Oma und führt die kleine Familie bis nach Friedrichshafen ins Zeppelin-Museum, wo auch alte Zeitungsberichte von der Polarfahrt erzählen.

Wenn man die ganzen Bausteine im Kopf hat, erzählt sich das so leicht. Doch Hannah Mann erzählt ja aus der Pespektive Suzannas, die nicht nur das Leben mit Manm und Tochter organisieren muss, sondern nun auch in die Suche nach Nina eingebunden ist, während ihr Auto mitten in eisiger Nacht den Geist aufgibt. So, wie das Leben nun einmal ist: Immer kommt was dazwischen.

Man kann seine Alltagsrituale haben (und Daria hat ganz besondere), aber schon ein leerer Kühlschrank, der Besuch einer aufgedrehten Freundin oder eben das Verschwinden der Oma können alles durcheinander bringen.

UFOS überm Haus

Und noch ein bisschen aufregender wird das Ganze, weil Daria nach einem Kinobesuch unbedingt an UFOs glauben muss, die das Leben im Haus beeinflussen und ihre Stoppuhr stillstehen lassen. Das Leben mit Kindern ist ja selbst schon ein Roman. Und auch das macht Hannah Manns Erzählung sichtbar.

Die ganze Unberechenbarkeit des Alltags, in dem wir wie kleine Rädchen funktionieren und meistens froh sind, wenn einmal nichts passiert. Es braucht gar keine große Roman-Dramnatik. Das habe die Romanautor/-innen in den vergangenen 100 Jahren ja gelernt: Jedes Leben ist ein Roman. Wir stecken mittendrin, meist so tief, dass wir nicht einmal auf den Gedanken kommen, das alles aufzushreiben.

Es ist – der normale Wahnsinn. Der aber in diesem Fall einen doppelten Boden hat. Den der Fremdheit in einem fremden Land. Auch Suzanna kann nicht wirklich nachempfinden, wie sich ihre Mutter fühlt, die sich in letzter Zeit schweigend mit ihren Zigaretten in das leere Gewächshaus zurückgezogen hat. Wie erreicht man den geliebten Menschen noch, wenn er partout nicht spricht über das, was ihn bewegt? Vielleicht auch, weil er seine Angehörigen nicht verunsichern will. Gerade weil die Sehnsucht so stark ist nach einem Ort, der nur noch in Ninas Erinnerung lebendig ist.

Ein Luftschiff in Archangelsk

So wie auf dem Foto, das Daria dazu bringt, ihre Mutter auf die Zeppelin-Spur zu bringen. Die natürlich nach Friedrichshafen führt. Daria, die nicht die Belastungen ihrer Eltern trägt, sieht das Rätsel viel schlichter und einfacher. Denn auch Suzanna ist nicht ganz heil aus ihrer Kindheit in Warschau gekommen. Das wird zu einem sehr plötzlichen und für sie sehr verstörenden Gefühl, als sie den Polizisten besucht, der gegenüber dem Haus ihres Vaters wohnt. Weiß er etwas über Ninas Verschwinden? Ein knurriger Typ.

„Während ich zurück zum Auto laufe, bekomme ich es zu fassen, dieses diffuse Gefühl, verdächtig zu sein und abhängig von der Gunst eines Kontrolleurs, der jederzeit behaupten könnte, mein Leben hätte keine gültige Fahrkarte.“

Ein Gefühl, das viele kennen dürften, die in einem Land aufgewachsen sind, in dem die Willkür regierte. Eine unverhoffte Begegnung. Eine Erinnerung an die späten 1980er Jahre. Man nimmt nicht nur die Bilder der Zeppeline mit, sondern auch das installierte Misstrauen aus Zeiten der Willkür. Es durchwebt sich in Hannah Manns Erzählung, ist wie selbstverständlich und unaufgeregt präsent, während Suzanna und Daria die Spuren der Großmutter finden. Und damit ein Stück ihrer Lebensgeschichte, die sie selbst nicht erzählt.

Und auch so wird es ein Roman dicht an der Realität, in der wir leben. Weil er eben auch vom Nicht-Erzählten erzählt. Dem, was andere mit sich tragen, aber nie darüber reden, es tief in sich verschließen und damit ihre Angehörigen geradezu ratlos machen. Wie aber lebt es sich als Kind oder Enkel, wenn diese Geschichten fehlen? Auch darum geht es in diesem Roman, auch wenn es Hannah Mann gar nicht besonders herausstellt: Es ist präsent. Und manchmal ist es ein Abenteuer wie das hier erzählte, das wenigstens ein Stück der Geschichte sichtbar macht.

Mit einem siebenjährigen Mädchen, das ihre Welt mit einer leisen und faszinierenden Logik betrachtet, die wie selbstverständlich die kleinen Spuren der verschwundenen Oma lesen kann.

Hannah Mann „Zeppelin und Karpfen Aufbau Verlag, Berlin 2026, 24 Euro.

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