Früher war es gar nicht möglich: Nach 65 Jahren hat der BND endlich all jene Akten freigegeben, die sich mit seinen Verstrickungen in den Fall Globke befassen. Von 1953 bis 1963 war Dr. Hans Globke Chef des Bundeskanzleramtes und damit der höchste Beamte der Bundesrepublik und die rechte Hand von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Doch er war kein unbeschriebenes Blatt, sondern im NS-Reich als Referent im Innenministerium direkt beteiligt an den Gesetzesverfahren zur Diskriminierung und Entrechtung der Juden.

Dass ihn Adenauer bis zuletzt im Amt behielt, war ein Skandal. Aber es erzählt auch eine Geschichte.

Eine Geschichte, mit der sich der Historiker Klaus-Diemar Henke seit Jahren intensiv beschäftigt hat. Von 2011 bis 2022 war er Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des BND 1945 – 1968.

Er kannte die Materie also schon aus dem ff., bevor der BND sich Anfang 2026 endlich entschloss, die Akten insbesondere zu den Aktivitäten des Auslandsnachrichtendienstes im Umfeld des Eichmann-Prozesses 1961/1962 freizugeben. Da ging es eigentlich nicht mehr um die Bewahrung eines guten Rufes, den der frühe BND schon lange nicht mehr hat.

Wer ein bisschen historisch interessiert ist, kennt die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes noch als Organisation Gehlen, benannt nach ihrem Leiter Reinhard Gehlen, ehemaliger Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) der Wehrmacht und damit nicht der einzige wichtige Funktionär in der frühen Bundesrepublik, der durch sein Wirken in der NS-Zeit belastet war.

Gute Freunde

Man kannte sich bestens, der Draht aus dem Büro von Hans Globke zu Gehlen war kurz und direkt. Und er wurde auch nicht erst aktiviert, als der israelische Geheimdienst Mossad 1960 den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann aus Argentinien entführte und in Jerusalem den Prozess gegen ihn vorbereitete.

Als Leiter des sogenannten „Eichmannreferats“ im Reichssicherheitshauptamt organisierte Eichmann die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden in Deutschland und den besetzten Gebieten. Er war damit einer der zentralen Akteure in der systematischen Vernichtung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen.

Und die Grundlage seiner Arbeit waren genau jene 1935 erlassenen „Nürnberger Gesetze“, welche die Entrechtung der Juden haarklein definierten und zu denen der Jurist und Ministerialbeamte Dr. Hans Globke einen Kommentar schrieb, der auch nach dem Krieg kein Geheimnis war.

Und der in mehreren Attacken auf den Chef der Staatskanzlei eine Rolle spielte. Und der natürlich auch die Frage nahelegte, ob Globke und Eichmann sich nicht auch persönlich kannten und wie verstrickt das Reichsinnenministerium tatsächlich dann in die reale Vernichtungsmaschinerie der Nazis war.

Geübte Abwehr

Klaus-Diemar Henke beschränkt sich nicht auf die beiden „heißen“ Jahre 1961/1962, als der BND damit beschäftigt war, alles an Material aus dem Prozess in Jerusalem zu bekommen, was irgend zu bekommen war. Er setzt früher an. Denn tatsächlich erzählt dieser Vorgang von all dem, was Henke in Titel „Vergangenheitsabwehr“ nennt. Und natürlich von der Rückkehr vieler hochgradig belasteter Akteure aus der NS-Zeit in verantwortungsvolle Positionen der jungen BRD.

Leute, die nicht nur aus Sicht der damaligen SPD (deren Vorstand der BND ebenfalls unterwanderte) keine solche Funktion in der jungen Demokratie hätten besetzen dürfen. Doch die frühen Jahre der BRD waren auch davon geprägt, dass die Zeit der gerade von den Alliierten betriebenen Prozesse gegen NS-Täter endete und sich die hoch belasteten Seilschaften gegenseitig dabei halfen, wieder in gut dotierte Positionen zu kommen.

Henke beschreibt es ganz konkret auch an der Rückkehr Globkes in den Staatsdienst, auch wenn er einige Jahre aus gutem Grund dafür überhaupt nicht infrage kam. Aber gerade in dieser Zeit arbeitete Globke intensiv an seiner Legende, die er durch ein gutes Dutzend sehr wohlwollender „Persilscheine“ untermauerte.

Danach war er eben nur ein unauffälliger Ministerialbeamter, der mehr oder weniger unwillig an der Judengesetzgebung mitschrieb und eigentlich dadurch, dass er da mitmachte, gar die schlimmsten Auswüchse verhinderte.

Windige Legenden

Eine Legende, die ihm schon in den frühen 1950er Jahren kein Kritiker abnahm, auch wenn noch nicht alle seine Verstrickungen in die Legitimierung der Judenverfolgung bekannt waren. Diese Details kamen erst im Lauf der Zeit ans Licht, in der Globke trotz aller Kritik in der Staatskanzlei aushielt und Adenauer immer weniger daran dachte, den belasteten Mann zu entlassen.

Eine Rolle spielte dabei natürlich auch, dass ein Großteil des beladenden Materials aus der DDR kam, oft von dem für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen zuständigen Politbüromitglied der SED, Albert Norden, lanciert und für eine immer schärfere Agitation gegen die Adenauer-Regierung genutzt, die mit den Vertstrickungen wichtiger Beamter in der NS-Zeit diskreditiert werden sollte.

Aber Henke ist Historiker. Er weiß, dass solche Agitation nicht nur nervt, sondern in der Regel ein Bärendienst in der Aufklärung ist. Und so war ein durchaus erfolgreicher Teil der Vergangenheitsabwehr eben auch der stete Hinweis darauf, dass all diese Vorwürfe aus Ostberlin ja nur Propaganda seien. Ein Versuch, die Demokratie im Westen zu diskreditieren. Und gleichzeitig konnte man mit dem Hinweis auf die Ostberliner Agitation auch die Kritiker im eigenen Land immer wieder abblocken, sie wären ja wohl doch nur willige Handlanger des Ostens.

Das funktionierte lange Zeit sehr gut, auch weil es mit jenem Phänomen einherging, das die Atmosphäre im Westen in den frühen Jahren prägte. Man verdrängte die eigene Mitschuld und Verstrickung in das NS-Reich so gut es ging. Und Adenauer versuchte eben auch dadurch, Ruhe ins Land zu bekommen, dass er die vielen Tausende Mitläufer und Mittäter möglichst stillschweigend in die neue Gesellschaft zu integrieren versuchte.

Ein Vorgang, den auch die alliierten Partner – allen voran die USA – tolerierten, weil für diese völlig andere Dinge im Vordergrund standen – der immer schärfer ausgetragene Kalte Krieg und die Integration der BRD in das Westbündnis. Mit Leuten wie Gehlen arbeitete man da eher nüchtern und skrupellos zusammen.

Der Eichmann-Prozess als Auslöser

Doch der beginnende Prozess gegen Eichmann brachte die Dinge auch in Bonn wieder in Bewegung. Denn nicht nur Globke musste befürchten, dass Adolf Eichmann auch seinen Namen im Prozess nennen und damit die Verstrickung des höchsten Beamten der BRD in die Vernichtung der Juden in aller Öffentlichkeit diskutiert würde. Verhindern konnte das auch der BND nicht.

Doch ihm gelang es frühzeitig, an den entscheidenden Stellen eigene V-Leute zu platzieren – gerade im direkten Umfeld von Eichmanns Verteidiger Robert Servatius –, sodass der BND jederzeit früh darüber informiert war, was Eichmann sagte, schrieb und ankündigte. Und damit auch Globke sofort informieren konnte, sodass die Abwehr oder gar Verhinderung brisanter Nachrichten stets frühzeitig in die Wege geleitet werden konnte.

Aus Geheimdienstsicht durchaus ein Meisterstück, das Henke nun mit den freigegebenen BND-Akten minutiös schildern kann. Samt all den auch vom BND gemanagten Aktionen gegen zunehmend profundere Kritik an Globke und der Ignoranz der Judenvernichtung im Dritten Reich. So würdigt Henke eben auch rührige Aufklärer wie Reinhard Strecker, die die Widerstandskämpfer-Legende, die sich Globke gestrickt hatte, öffentlich demontierten.

Und am Rand kommen dabei allerlei Leute ins Licht, die sich dem BND bereitwillig als Informanten andienten. Oder – wie der ostdeutsche Verlagsleiter und Schriftsteller Günter Hofé dem BND zeitnah mitteilten – was aus der ostdeutschen Propagandamaschine demnächst zu erwarten war. Der BND war also bestens informiert, nicht nur über den Jerusalemer Prozess und die Versuche in Deutschland, endlich die Aufarbeitung der NS-Zeit in Gang zu bringen.

Er wusste auch bestens Bescheid über die finanziellen Sorgen von Eichmanns Verteidiger Servatius und die ziemlich wilden Versuche von mit Eichmann verbandelten Altnazis, durch den Verkauf von Eichmanns Schriften Geld zu machen, mit dem auch die Verteidigung finanziert werden könnte.

Ende des Schweigens

Aber eins konnte auch der BND nicht verhindern, auch wenn er über seinen V-Mann sogar Einfluss auf die Verteidigung nahm: Dass mit dem Eichmann-Prozess die lang unterdrückte Beschäftigung mit dem NS-Reich und dessen systematischer Vernichtung der Juden endlich in Gang kam und sich das Klima gegenüber den stark belasteten einstigen NS-Tätern zu drehen begann.

Noch konnten Globke und Adenauer darauf zählen, dass willfährige Journalisten in konservativen Blättern jeden Angriff auf den belasteten Staatssekretär abwehrten. Aber auch hier bröckelte die Front, je mehr Einzelheiten auch über Globkes Tätigkeit im Reichsinnenministerium bekannt wurden und seine behauptete Widerstands-Rolle sich zunehmend in Luft auflöste.

Und Henke geht gründlich ins Detail. Das Buch ist nicht ohne Grund so dick geworden. Jeden einzelnen Faden rund um die BND-Aktivitäten in dieser Zeit greift er auf und lässt damit eine Atmosphäre wieder lebendig werden, die man heute fast vergessen hat. Samt der langen Zeit, in der eine intensive Beschäftigung mit der NS-Zeit und ihren wieder in Amt und Würden gekommenen Tätern systematisch unterdrückt wurde.

Detailliert lernt man die Verteidigungsstrategien eines Globke kennen, sieht Globkes Freunde im BND emsig agieren und ihn informieren. Sieht auch Adenauer, wie er in geselliger Runde am Kamin mit liebsamen Journalisten das Problem Globke kleinredet.

Und erfährt dann mit dem fortschreitenden Prozess in Jerusalem eben auch, wie der Wind sich in Deutschland zu drehen beginnt und die Abwehrschlachten aus der Staatskanzlei immer weniger fruchten, während jener Prozess beginnt, der Ende der 1960er Jahre seinen ersten Höhepunkt erreicht, als auch in der BRD endlich die systematische Aufarbeitung der NS-Verbrechen begann.

Lauter kleine Rädchen

Hans Globke ist freilich auch deshalb symptomatisch für diese Zeit, weil er nicht nur für sich selbst in Anspruch nahm, an der verbrecherischen Praxis des NS-Regimes eigentlich nichts hätte ändern zu können und nur deshalb brav ausgeharrt zu haben bis zum Schluss, um gar noch Schlimmeres zu verhindern. Auch Eichmann in Jerusalem verteidigte sich ja mit der Behauptung, nur ein Befehlsausführer gewesen zu sein, ein Rädchen im Getriebe der Judenvernichtung.

Und gegen Befehle hätte man sich damals ja nicht auflehnen können. Das war auch der Tenor in mehreren Kriegsverbrecherprozessen, in denen Globke dann als Zeuge der Verteidigung sprach und immer wieder in diesem Sinn argumentierte, obwohl es für diese Art Befehlsnotstand in der NS-Zeit keinen Beweis gab.

Zuletzt machte sich der pensionierte Staatssekretär damit nur noch lächerlich, zeigte damit aber eben auch, wie sich die Mittäter aus der NS-Zeit nach dem Krieg auch und gerade moralisch ihrer persönlichen Verantwortung entzogen.

Es ist kein beruhigendes Buch, das Klaus-Dietmar Henke hier geschrieben hat. Es beleuchtet in einer Intensität die frühen Jahre der BRD, wie es wenigen Standardwerken bisher gelang.

Und es zeigt in Tiefenschärfe, wie Leute wie Globke, Gehlen und Co. ihre neu gewonnene Macht eben auch dazu nutzten, die eigene Vergangenheit zu verklären und die öffentliche Diskussion über das Erbe der NS-Zeit so lange kleinzuhalten, bis das einfach nicht mehr funktionierte.

Klaus-Dietmar Henke „Vergangenheitsabwehr“« Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 50 Euro.

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