Der gehenkte Vater im Buchtitel ist niemand anders als Hans Frank, Kriegsverbrecher, Gouverneur des Generalgouvernements Polen, mitverantwortlich für den Tod von Millionen Juden, Polen, Ukrainern, einer von den Hauptangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und am 16. Oktober 1946 in Nürnberg hingerichtet. Das jährt sich jetzt zum 80. Mal. Und noch immer ist er der Albdruck im Leben seines Sohnes Niklas Frank. Der schrieb jetzt seine zweite Abrechnung mit dem Vater.
Die erste erschien 1987: „Der Vater – eine Abrechnung“. Und sie sorgte damals für Furore. Selbst im „Stern“, wo Niklas Frank 23 Jahre als Redakteur und Reporter arbeitete, erschien ein Abdruck. Und es hagelte gehässige Briefe aus rechten Kreisen. Denn so etwas hatte noch kein Kind eines der deutschen Kriegsverbrecher gewagt: öffentlich, deftig und deutlich abzurechnen mit einem Vater, der sehenden Auges zum Mittäter und Verbrecher wurde, zum „Schlächter von Polen“. Und das ist kein Ehrentitel.
Sein Buch erschien damals noch in einem renommierten Verlag, auch wenn der große Verlagsboss damals schon erzürnt reagierte. 2026 suchte Niklas Frank vergeblich nach einem Verlag, der den Mumm gehabt hätte, sein Buch ins Programm zu nehmen. Und auch die großen Zeitungen winkten ab. Oder besser: Sie drucksten sich weg. Das Buch erschien jetzt also im Eigenverlag.
Und geht mit dem gehenkten Vater noch gründlicher ins Gericht. Denn jetzt hat Niklas Frank dessen Verurteilung und Sterben in den Fokus genommen, hat alle verfügbaren Quellen aufgetan und die Erinnerungen der Eigenzeugen, die von Hans Franks letzten Tagen berichteten. Und er stellt seinen Vater im schriftlichen Zwiegespräch zur Rede.
Auch wenn dieser natürlich nicht mehr antworten kann. Ein Anlass, dass Niklas Frank sich noch einmal so tief in diese belastende Materie hineingekniet hat, war auch der Tod seiner Frau Hannelore. Ein Tod, der eine Rüstung sprengte, von der Niklas Frank selbst vorher immer nur geahnt hatte, dass sie da war und ihn auch im Zusammenleben mit Hannelore an etwas hinderte, was Millionen deutscher Männer nur zu vertraut sein dürfte: bedingungslos und offen zu leben.
Das unsichtbare Erbe
Und sich letztlich auch eine Liebe einzugestehen, die er erst recht tief in sich vermauern musste: die Liebe zu einem Vater, der auch in den sechs Lebensjahren, die sie gemeinsam teilten, ganz offensichtlich unfähig war, den eigenen Kindern wirklich Vertrauen und Geborgenheit zu geben. Für Niklas‘ ältere Geschwister ging das tragisch aus. Auch sie wurden diesen Vater im Kopf nie los. Samt seinen falschen Ansprüchen und seiner Unfähigkeit zum Ehrlichsein.
Niklas als jüngster Sohn hatte dazu noch an einem der flapsigen Aussprüche seines gefühllosen Vaters zu kauen, der einfach frei Schnauze behauptete, Niklas sei gar nicht von ihm, sei nur ein Bastard. Und das war in der Nazi-Zeit scharfer Tobak. Er erzählt aber auch von Franks völlig desolater Ehe mit seiner Frau Brigitte, die zwar an seiner Seite großprotzig die „Königin von Polen“ spielen konnte, aber den Platz in seinem Herzen seiner großen Liebe Lilly hergeben musste.
Dass auch Brigitte keine wirklich zur Liebe fähige Mutter war, auch das fließt in dieses Buch ein, in dem Niklas Frank geradezu minutiös die letzten Tage, Stunden, Minuten im Leben seines Vaters aufrollt, ihn bis unter den Galgen begleitet und auch bis zum letzten Foto, das ihm ein anonymer Zusender erst vor kurzer Zeit zugeschickt hat – dem nackten Hans Frank auf einem Sarg. Auch das ein Foto, das derzeit kein deutsches Medium veröffentlichen wollte. Noch so ein Aufhänger für den mittlerweile 87‑jährigen Autor, die seltsam verschwiemelte Moral in deutschen Medienhäusern zu thematisieren.
Und letztlich auch die verquaste Moral der Deutschen, die 80 Jahre nach der Hinrichtung der deutschen Hauptkriegsverbrecher wieder ohne Skrupel eine rechtsextreme Partei wählen und emsig daran gehen mitzuhelfen, die so schwer errungene Demokratie wieder abzuschaffen.
Verdrängte Schuld
Also ganz im Geiste von Hans Frank und seinen Kumpeln auf der Nürnberger Anklagebank zu agieren. Als hätten sie nichts gelernt aus der deutschen Geschichte. Nichts verstanden. Oder nichts verstehen wollen. Niklas Frank jedenfalls sieht schwarz für Deutschland, sieht die nächste Nazi-Diktatur heranrollen, weil sie viele Deutsche sich ihrer eigenen Menschenfeindlichkeit nicht stellen wollen.
Nie gestellt haben. Ihre Großeltern und Eltern haben ihre Mitschuld am mörderischsten aller Regime verdrängt. Und ihre Kinder und Enkel machen es nach. Für Niklas Frank das eindeutige Erbe seines Vaters und seiner Spießgesellen, das im deutschen Bürgertum bis heute überlebt hat.
Weshalb es selbst selbsternannten bürgerlichen Parteien so unheimlich schwer fällt, eine billige Brandmauer zu halten. Denn man tickt ja eigentlich ganz ähnlich wie die miesen Typen auf der anderen Seite der Brandmauer. Und Niklas Frank kennt das alles, hat sich dem eigenen Trauma gestellt, von dem er lange nicht wusste, dass es ihn belastet. So, wie auch sein Vater traumatisiert gewesen sein muss. Auch darüber scheibt er.
Ein Trauma greift die eigene Persönlichkeit an, zerfrisst das Selbstbewusstsein. Und auch wenn Niklas Frank hier immerfort den eigenen Vater piesackt und zu einem Gespräch auffordert, das der Mann so nie ermöglicht hat, merkt man die ganze Zeit: Das betrifft das ganze Volk und Millionen von Vätern und Söhnen. Millionen Vätern, die ihre Unfähigkeit zu Nähe und Liebe hinter Maske, Uniform und dämlichem Gerede versteckt haben.
Und ihren Söhnen das blödeste alle Erben hinterlassen haben: Ein ebenso demoliertes Selbstbewusstsein, das sich dann hinter Härte, Rüstung und Abwehr vertstecken musste. Und muss. Das ist ja nicht verschwunden. Das vererbt sich, wenn Männer immer wieder als Söhne eingeprügelt bekommen, dass sie keine Gefühle zeigen dürfen.
Hinter der Maske
Und so ähnlich ging es auch Niklas Frank. Bis ihn der Tod seiner geliebten Frau endlich dazu zwang, sich dieser tiefen Verletzung zu stellen. Und die Wut gegen den Vater endlich rauszulassen. Richtig rauszulassen. Denn diese Wut kommt aus allem Nicht-Gesagten, Nicht-Gefragten, Nicht-Gelebtem. All dem, was sie alle verpassen, wenn sie das starke, unfehlbare Männchen spielen müssen.
Was Niklas Frank dabei zeigt, ist eben auch die ganze traurige Welt, die sich hinter der Maske des Spießbürgertums versteckt: „Hündisch und feige zu sein, sind Merkmale der Spießbürger. Sie haben mit Demokratie nichts am Hut, entwickeln zunächst eine versteckte, dann vorwärts treibende Aggressivität gegen alles, was nach Gleichberechtigung und Freiheit riecht. Mit anderen Worten: Sie vertreten zigmillionenfach in Deutschland die sogenannte bürgerliche Moral.“
Die dann eben nicht nur Tun und Denken einschränkt, sondern auch – um einmal einen Buchtitel von Alexander und Margarete Mitscherlich zu zitieren – „Die Unfähigkeit zu trauern“. 1967 erschienen, just zwanzig Jahre, bevor Niklas Frank dann seine erste Generalabrechnung mit seinem Vater schrieb.
Unfähig zu Reue und Trauer
Das gilt bis heute. Und zwar nicht nur für die Kinder der Haupttäter. Sondern für einen Großteil der Deutschen, die sich nach 1945 nur zu gern damit herausredeten, sie hätten von all dem nichts gewusst und nichts mitbekommen. Oder nur Befehle erfüllt und was der Ausreden mehr waren. Die Traumata wirken fort. Auch in fehlender Empathie, brodelnder Aggression gegen die Schwächeren.
Und berechtigt fragt sich Niklas Frank immer wieder, wie eigentlich sein Vater mit seinen Traumata umgegangen ist, oder ob er sich gerade deshalb, um diese Lücke im eigenen Ich zu füllen, den Nazis angewanzt hat und Hitler geradezu in glühender Liebe verfiel. War das so eine Art Ersatz für das eigene infrage gestellte Ich?
Sodass die verquaste Ideologie eines Alfred Rosenberg (der in der selben Nacht gehenkt wurde wie Hans Frank) ein Ersatz war für das eigene, verkümmerte Ich? Ein gestiefeltes und brüllendes, das sich in der Macht und der Gewalt über Schwächere austobte und gleichzeitig einredete, an alledem nicht schuld zu sein? So, wie sich die ganze Männerbande in Nürnberg für unschuldig erklärte. Unfähig zu Reue und Trauer. Bis unter den Galgen, wo sich Niklas Frank so sehr wünschte, sein Vater hätte wenigstens hier Worte der Entschuldigung gefunden.
Aber das fiel diesen Großmäulern allesamt nicht ein. Das ist bezeugt. Nicht nur durch die Berichte der nächtlich geladenen Presseleute aus den USA, Frankreich, England und der Sowjetunion. Sondern auch durch den damals noch von den Amerikanern eingesetzten bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner, der den Hinrichtungen als Zeuge beiwohnte. Nicht ganz freiwillig. Aber er gab Zeugnis ab.
Du sollst nicht fühlen
Und so sind die letzen Minuten auch von Hans Frank relativ dicht protokolliert. Minuten, die sich tief ins Leben des Sohnes eingebrannt haben, der damals erst sieben Jahre alt war, aber zeitlebens irgendwie mit dem gehenkten Vater und seinen Taten umgehen musste. Und gleichzeitig mit der ganz normalen Liebe des Sohnes, die er erst im hohen Alter wirklich zulassen konnte.
Mit allen Konsequenzen. Wie geht man damit um, wenn man das nicht in einer völlig falschen Verklärung des Mannes verstecken will und kann, der genau gewusst hat, dass „sein“ Generalgourvernement ein Schlachthaus war, in dem die SS wütete und Hans Frank selbst auch noch stolz darauf war, eine Million junger Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt zu haben.
Es ist eine heftige und deftige Abrechnung, die sein Sohn Niklas nun vorlegt. Mit Tönen, wie man sie aus der deutschen „Bewältigungsliteratur“ nicht kennt. Direkt, nackt, fordernd. In manchmal bissig ausgemalten Dialogen mit diesem Vater, die so nie stattgefunden haben. Immer in direkter Anrede. Denn für ihn ist dieser Gehenkte noch immer allgegenwärtig.
So, wie sein Geist bei deutschen Wahlen fröhliche Urständ feiert und das Land wieder in eine Diktatur zu verwandeln droht. Auch weil sich die Deutschen nie wirklich der eigenen Schuld gestellt haben, auch wenn Bundespräsidenten feierliche Reden dazu schwangen.
Denn der Schuld ins Auge zu blicken, heißt nun einmal auch, Trauer zuzulassen. Auc über das eigene Versagen. Gefühle zu zeigen. Und Verletzlichkeit. Womit der nächste Buchtitel zu zitieren wäre, diesmal von Alice Miller „Du sollst nicht merken“ von 1981, das dem 1980 erschienenen „Am Anfang war Erziehung“ folgte.
Stichwort „schwarze Pädagogik“. So, wie deutsche Jungen schon im Kaiserreich erzogen wurden. Und im Nazi-Reich erst recht. Das hat Generationen geprägt und emotional stumm und taub gemacht.
Sage niemand, die Psychologen hätten nicht versucht, das Problem zu erfassen. Auch wenn es an den Eziehungsstilen in deutschen Familien wenig änderte. Im Schweigen aber pflanzten sich die Traumata fort.
Ein Leben lang
„Ach, Vater, was hast Du mir angetan, seufze ich Dich in diesen Laptop“, schreibt Niklas Frank. „Selbst, wenn Du tatsächlich nicht meiner gewesen bist, ich blieb dennoch ein Leben lang Dein Bastard. Zugehörig gefühlt habe ich mich nie irgendwem. Außer vielleicht Hannelore. Aber der konnte ich mich nicht wirklich öffnen. Allein stromerte ich durchs Leben, bis jetzt ins Greisenalter. Und schon aus diesem Satz erkennst Du: Ich kann auch ganz schön selbstmitleidig labern. So wie Du!“
Und mehrmals fragt Niklas Frank diesen immernoch allgegenwärtigen Vater, warum er mitgemacht hat. Warum er, als er es noch konnte, nicht ausgestiegen ist, sich verweigert hat? Natürlich gibt es darauf keine Antworten. Bestenfalls Vermutungen. Die es aber nicht leichter machen, diesen Versager in seinen selbstentworfenenen Generalgouverneurs-Uniformen zu verstehen.
So, wie Millionen Söhne mit Vätern leben mussten, die auf sich selbst und ihre wirklichen Gefühle nie ansprechbar waren. Sich hinter Härte und Arroganz verschanzten. Oder einfach schwiegen. Und sich in der Arbeit versteckten, denn Fleißigsein und diszipliniert zu arbeiten, das hatten sie gelernt.
Und gerade das, stellt Niklas Frank mehrfach fest, war ein guter Humus dafür, dass der Ungeist der NS-Ideologie überdauert hat, immer wieder fruchtbaren Boden fand. Und nur ein bisschen gepäppelt und gebauchmiezelt werden muss, um das Land wieder in ein Tollhaus zu verwandeln. Und so wird das ein sehr aktuelles Buch, wie es auch Philippe Sands im Vorwort feststellt.
Jawohl, genau jener Philippe Sands, der in Frankfurt gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hat und am 12. Oktober auch in Leipzig sprach im Literarischen Herbst: „Dieses Buch ist ein Weckruf – an die Menschen in Deutschland und darüber hinaus. Vergessen wir nicht, wozu wir Menschen fähig sind, mahnt Niklas. Erinnern wir uns daran, dass eins unweigerlich zum anderen führt. Seien wir keine Feiglinge angesichts dessen, was auf uns zukommt.“
Niklas Frank „Mein gehenkter Vater und seine Bastarde“, Eigenverlag Brigitte Frank unsel. Erben, Ecklak 2026, 25 Euro.
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