Können die Deutschen überhaupt Zukunft denken? Eine nicht ganz unwichtige Frage in Zeiten, in denen sich demokratische Parteien reihenweise verkapselt haben in einer Bewahrung des bedrohten Status quo und eine rechtslastige Partei Wählerstimmen damit sammelt, dass sie die demokratischen Institutionen demolieren will und sich gar als „Retter des Landes“ aufspielt?
2024 und 2025 widmete sich eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Zurück in die Zukunft!“ den Visionen, die es in der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte ja durchaus gab.
Dieser Essayband ist in gewisser Weise Folge dieser Veranstaltungsreihe. Historiker, Soziologinnen, Autorinnen gehen in diesen Essays der Frage nach, welche Zukunftsvorstellungen es in den beiden deutschen Staaten seit 1949 eigentlich gab. Auch wenn der Schwerpunkt dann ganz schnell auf den Jahren 1989/1990 liegt. Aus naheliegendem Grund, feierten Friedliche Revolution und Deutsche Einheit in diesen Jahren doch jeweils gerade ihre 35‑jährigen Jubiläen.
Und das fällt vielen Autor/-innen in diesem Band auf: Das Aufbruchjahr 1989/1990 wird immer dann besonders ausgiebig thematisiert, wenn mal wieder so ein rundes Jubiläum ansteht. Zwischendurch wird es mehr oder weniger vergessen. Womit dann in der Regel auch der ganze deutsche Osten wieder in der Versenkung verschwindet.
Zumindest bis zur nächsten Landtagswahl, bei der die maßgeblichen Medien dann wieder in ein großes Oweih verfallen, weil sie die Wahlergebnisse partout nicht verstehen.
Aus Gründen natürlich.
Ein Moment voller Zukünfte
Und das hat nun einmal mit diesem wirklich historischen Aufbruch der damaligen DDR-Bürger 1989 zu tun, die die Geschichte auf unerhörte Weise ins Rollen brachten. Ein Moment, den so ähnlich in diesem Herbst 1989 auch die Tschechen erlebten, wovon natürlich auch erzählt wird – im Beitrag von Libuše Černá zur Samtenen Revolution.
Denn dass die Friedliche Revolution in der DDR Teil eines ganzen – friedlichen – Revolutionszyklus in Osteuropa war, wird bis heute nur zu gern vergessen. Große Reden werden zum Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) und zum Mauerfall (9. November) geschwungen, es wird von „Wunder“ schwadroniert und der „Wahnsinn“ der Nacht des Mauerfalls immer wieder kolportiert. Dass die Bürger der DDR da aber etwas erlebten, was in der Lebenszeit eines Menschen selten passiert, wird vergessen.
Oder gar nicht gesehen, weil die üblichen Redenschwinger zu den Jubiläen auch keine Vorstellung von den Komplexitäten der Geschichte haben. Von der Komplexität von Erinnerungen auch nicht. Man plappert die üblichen Phrasen nach und geht einfach davon aus, dass das Jetzt genau das ist, worauf die Selbstermächtigung der Ostdeutschen 1989 eigentlich zielte.
„Für ein offenes Land mit freien Menschen“
Was natürlich Quatsch ist. Davon erzählt unter anderem die Künstlerin Katrin Hattenhauer, die besonders dadurch bekannt wurde, dass sie am 4. September 1989 zusammen mit Gesine Oltmanns an der Nikolaikirche das Transparent „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ entrollt hat. Gerade in ihrem Tagebuch hat sie festgehalten, wie offen dieser Moment eigentlich war und wie unterschiedlich auch die Vorstellungen der Bürgerrechtler in der DDR über die mögliche Zukunft des Landes.
Auch das eine Parallele zu Prag: Dass es Menschen gab, die sich überhaupt erst einmal vorstellen konnten, dass das Land verändert werden konnte, dass der gegenwärtige Zustand nicht für die Ewigkeit Bestand hat. Und beide Bürgerrechtsbewegungen gingen auch darüber hinaus und formulierten eigene, positive Vorstellungen. So wie auf dem Transparent von Hattenhauer und Oltmanns.
Damit beginnt nämlich Veränderung. Nicht mit Gemaule und Genörgel und Unzufriedenheit. Sondern mit der Kraft, sich vorzustellen, was sich verändern kann und muss. Dann entsteht nämlich erst die Vision, vor der das betonierte Jetzt verblasst und schäbig und unaushaltbar wird. Das sind jetzt nicht die Formulierungen aus den acht Essays, die dieser Band versammelt, aber darum geht es praktisch in jedem.
Auch schon im einführenden Essay von Elke Seefried, die die „Zukünfte im geteilten Deutschland“ untersucht. Mit der gar nicht überraschenden Erkenntnis, dass von diesen euphorischen Anfängen in beiden Ländern schon in den 1980er Jahren eigentlich nichts mehr da war.
Veränderung beginnt im Denken
In der DDR wurden die einst glühend gekochten Utopien einer kommunistischen Zukunft schon in den 1970er Jahren kassiert, als das Wettrennen gegen den Westen wirtschaftlich nicht mehr zu halten war und es eigentlich nur noch um eine Verwaltung des aktuellen Zustands ging. Aber es ist nun einmal so: Ein Land, das seine Zukunft nicht mehr denken kann, hat auch keine.
Die Menschen erfahren die Verwaltung des Gegebenen als Lähmung und Trostlosigkeit. Erst recht, wenn selbst die Schutzmacht in Moskau längst daran gegangen ist, die Erstarrung zu lösen. Also auch das Gefühl zu verbreiten, dass Veränderung möglich ist.
Und das hat, wie Elke Seefried feststellt, sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun und der gerade im Westen gepflegten „Adenauer-Renaissance“. Als wäre ausgerechnet in der Adenauer-Zeit die deutsche Zukunft irgendwie verborgen. Während die Ostdeutschen immer seltener von „Wunder“ und „Wahnsinn“ sprechen, wenn sie an das Jahr 1989 denken.
Denn die meisten Zukunftsvisionen, die damals heiß diskutiert wurden, erwiesen sich dann 1990 als nicht verwirklichbarer Weg. Da gewann bekanntlich die Vision vom schnellstmöglichen Weg in die deutsche Einheit. Eine Vision, die mit riesigen Erwartungen aufgeladen war, von denen sich viele bis heute nicht erfüllt haben.
Im Raum der Möglichkeiten
Aber es wird gerade deshalb auch deutlich, dass so seltene historische Momente wie der Herbst 1989 eben auch Momente sind, in denen sich auf einmal viele Zukünfte auftun, wie Valerie Schönian analysiert. Auf einmal sehen auch die Menschen auf der Straße, dass Geschichte keine geradlinige Autobahn in die Zukunft ist, sondern ein Möglichkeitsraum, von dem niemand wirklich weiß, welcher Pfad dann tatsächlich begangen wird.
Mit Folgen, die man 35 Jahre später beschaut und trotzdem ins Grübeln kommt, warum einiges so schiefgegangen ist.
Warum es immernoch ein so starkes Ostbewusstsein gibt, wie es Schönian nennt, bei manchen verbunden mit heftiger Ostalgie und starker Abgrenzung, bei anderen mit der Gewissheit, dass auch eine als trist und erstarrt empfundene Gegenwart veränderbar ist. Nicht nur Schönian fragt deshalb nach den Erinnerungen der Ostdeutschen an ihren Herbst der Revolution.
Erinnerungen, die oft ausblenden, was für ein graues und diktatorisches Land die DDR gewesen war. Da sind sich die Deutschen nur zu gern einig beim Verklären der Vergangenheit. Und so kommt so mancher Essay zu der nur zu berechtigten Frage: Können die Deutschen eigentlich keine Zukunft mehr denken? Finden sie ihr Heil tatsächlich nur noch in einer verklärten Vergangenheit? Und was passiert mit einem Land, das sich so umfassend dem Denken anderer Zukünfte verweigert?
Was ja in sämtlichen Wahlen der jüngeren Zeit sichtbar wurde. Dem „Zurück in die Vergangenheit“ stand ein geradezu verkniffenes Verteidigen des Ist-Zustandes gegenüber, als wenn dieser Zustand tatsächlich das einzig denkbare „Ende der Geschichte“ wäre. Obwohl Millionen Bürger täglich spüren, dass dieser Zustand eigentlich unaushaltbar ist, auch nicht zukunftsfähig. Und dass es viel zu wenige Politiker/-innen gibt, die überhaupt noch Ideen vertreten, die Deutschland besser machen könnten. Zukunft also wieder denkbar machen, gestaltbar.
Die Verhältnisse zum Tanzen bringen
Denn Menschen halten Ohnmacht nicht aus. Auch dann nicht, wenn sie eigentlich nicht wissen, wohin die Reise gehen könnte. Wie eben so viele Ostdeutsche, die aus lauter Verachtung ihr Kreuz bei den Rechtsextremen machen. Erstaunlich ist natürlich, dass in keinem der Essays wirklich eine aktuelle und belastbare Zukunftsvision gezeichnet wird.
Was freilich eben auch mit der Fokussierung auf die Jahre 1989/1990 zu tun hat, in denen nun einmal allein die Ostdeutschen erlebten, wie sich das anfühlt, wenn man erstarrte Verhältnisse in Bewegung bringt und Ideen für eine gemeinsame Zukunft entwickeln kann.
Dass sie dann postwendend von einer neoliberal gemanagten Transformation ausgebremst und enttäuscht wurden, gehört natürlich auch in diese Geschichte. Es geht auch immer um Psychologie, um geweckte Erwartungen und enttäuschte Hoffnungen, gebrochene Versprechen und gelebte Ignoranz.
Denn – das steht nicht in diesem Essayband – die Mehrheit im Westen dachte überhaupt nicht daran, dass sich für sie irgendetwas ändern müsste. Sie lebte weiter in der irrigen Vorstellung, die alte Bundesrepublik brauche keine Zukunftsvision (mehr).
Und das war falsch. Es machte blind für eine Wirklichkeit, die sich im Osten zuerst manifestierte und nun auf einmal die ganze Republik zu verschlingen droht, die ihre Zukunft ausgerechnet bei Adenauer verortet und völlig ignoriert, dass auch das Vertrauen in die Demokratie zerbröselt, wenn nur noch Verwalter eines als alternativlos verkauften Jetzt in die Spitzenämter drängeln.
Und damit geht auch – wie Robert Ide in seinem Essay andeutet – die dringend notwendige Erinnerung an unsere (gemeinsame) Geschichte verloren. Eine Erinnerung, die eben nicht von Dauer und Unveränderbarkeit erzählt, sondern davon, dass die Dinge in Bewegung kommen, wenn die Zeitfenster möglicher Zukünfte sich auftun.
Da ist dann eher die Frage, ob das mutig angepackt wird und die Bürger tatsächlich gefragt sind, Zukunft mitzugestalten. Oder ob langweilige Bürokraten dem Volke einreden, dass früher ohnehin alles besser war.
Jenny Baumann, Robert Grünbaum, Lars Lüdicke (Hrsg.), „Zurück in die Zukunft“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 20 Euro.
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