Ist der Osten anders? War er schon immer anders? Oder ist da – frei nach Willy Brandt – längst zusammengewachsen, was zusammengehört? Alles nicht ganz unwichtige Fragen, die nach 35 Jahren deutscher Einheit immer noch rumoren. Und jetzt auch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigt haben. Denn irgendwann ist ja die Zeit vorbei, dass man das Gefühl der Zerrissenheit immer nur SED, Stasi und Mauer zuschreiben kann. Für dieses Buch wurden 15 namhafte Ostdeutsche befragt, die es ja irgendwie wissen müssen. Das Bild, das sich ergibt, ist erstaunlich mehrdimensional.
Auch weil Olaf Jacobs dafür Vertreter verschiedener Generationen und beiderlei Geschlechts ausgesucht hat – von Altbundespräsident Joachim Gauck bis zur Journalistin Nhi Le, die auch einen weiteren Aspekt des Andersseins mit ins Bild bringt – in diesem Fall den der Tochter aus einer vietnamesischen Vertragsarbeiter-Familie. Schon da darf der Leser staunen. Auch sie kann über ihr spezifisches Ostdeutsch-Sein sprechen. Der Osten ist viel bunter, als selbst die meisten Ostdeutschen wahrhaben wollen. Die leider in vielem genauso eindimensional ticken wie die dominierenden westdeutschen Medien. Um dazu gleich auch Olaf Jacobs aus seinem Vorwort zu zitieren: „Durch Wiederholung haben sich viele Klischees verstetigt. Der Osten wird in einige Serien und Medienformaten noch immer als düster und rückständig dargestellt.“
Wir leben in Vorurteilen und Zuschreibungen, in Erzählmustern, die immer wieder abgepaust werden. Was nicht ins Raster passt, wird nicht erzählt. Oder so formuliert: Die Ostdeutschen werden summiert, als würden sie alle ins simple Raster passen. Das sorgt auch dafür, dass nicht einmal mehr wahrgenommen wird, dass die Ostdeutschen sich genauso besonders fühlen wie die Bayern, Schwaben und Niedersachsen.
Lebenserfahrungen und Lebenserzählungen
Um es einfach zu betonen: Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Viele der Interviewten fühlen sich in diesem Label sogar aufgehoben, verstanden und verortet. Denn die Interviews fördern auch immer wieder zutage, wie die Herkunft die Identität prägt, wie Großelten und Eltern auch ihre Kinder und Enkel geprägt haben durch ihre Lebenserfahrungen und Lebenserzählungen. Und mit der Weitergabe von Haltungen. Das wird immer wieder deutlich: Die DDR war immer eine Flickwerkgesellschaft, eine Mangelwirtschaft sowieso. Und eine Arbeitergesellschaft. Auf gewissen Ebenen sogar eine Solidargemeinschaft, denn der Mangel zwang natürlich alle Menschen dazu, mit Anderen zu kooperieren, einander auszuhelfen.
Deutlich wird aber auch: Man identifiziert sich eben nicht mit dem Staat DDR, sondern mit dieser Mentalitätsgemeinschaft im Osten. Die mit der „Wende“ nicht verschwunden ist. Im Gegenteil: Die deutsche Einheit brachte für die Meisten neue Ausgrenzungs- und Abwertungserfahrungen mit sich. Der Elitentausch hat nicht nur Spuren hinterlassen, sondern ein lähmendes Gefühl, dass Ostdeutsche nicht gefragt sind, bestenfalls geduldet. Oder – wie es der Journalist Chistoph Dieckmann anspricht – eine Feigenblattrolle. Sozusagen der Alibi-Ossi in der großen westdeutschen Redaktion zu sein, der dann mal die ostdeutsche Sicht in seinen Beiträgen sichtbar machen soll.
Dieckmann erklärt es sehr fachkundig, denn nach den Jahren bei der „Zeit“ weiß er, das sich Ausgrenzung und blinde Flecke auch hinter Behauptungen von journalistischer Objektivität verstecken, von scheinbarer Unparteilichkeit, hinter der sich eine nie hinterfragte westdeutsche Sicht auf ein standardsetzendes Normal verbirgt. Stillschweigend wird das Normativ West zum Maß alle Dinge gemacht. Da muss sich kein Ostdeutscher wunden, dass er damit automatisch in der Kiste „unnormal“ landet.
Westdeutsche Männer unter sich
Eigentlich ist es ein bitteres Buch, weil dieser Effekt in mehreren Interviews deutlich wird. Ein Effekt, dessen Ausmaß die Digital-Unternehmerin Franzi Kühne deutlich macht, wenn sie auf die Nicht-Vertretung von Ostdeutschen selbst in ostdeutschen Leitungsfunktionen zu sprechen kommt. Immerhin war sie 2006 die erste und einzige ostdeutsche Frau in im Aufsichtsrat eines westdeutsche börsennotierten Unternehmens. Und man hat so eine Ahnung, warum Deutschland im Jahr 36 nach der deutschen Einheit wie erstarrt wirkt: „Ich gehe davon aus, dass wir nur auf schlaue Ideen kommen, wenn unterschiedliche Ideen an einem Tisch sitzen. Und da sind Frauen aktuell unterrepräsentiert genauso wie Menschen mit anderen Hintergründen. Es sitzen also immer wieder dieselben Männer an einem Tisch und überlegen über die alten Probleme und wundern sich, warum sie nicht auf neue Lösungen kommen, weil sie keine unterschiedlichen Perspektiven mit an den Tisch holen. Und so drehen wir uns im Kreis und sind auch viel zu langsam darin, etwas daran zu ändern.“
Es ist ein Elitenproblem. Ein Teilhabeproblem sowieso. Denn das frustriert natürlich, wenn nicht nur Frauen, sondern eben auch Ostdeutsche insgesamt nach 35 Jahren in den entscheidenden Gremien in Unternehmen, Staat, Hochschulen usw. kaum vertreten sind. Mit wem sollen sie sich identifizieren? Mit den langweiligen Christians aus NRW? Oder dem sauertöpfischen Sauerländer? Das funktioniert einfach nicht.
Verhinderte Dynamik
Der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak benennt noch ein weiteres mentales Phänomen, das den Osten tief geprägt hat. Denn die Unmöglichkeit, in die entscheidenden Positionen aufzusteigen, war schon vorher ein Problem, denn in den 1970er Jahren verlor auch die DDR ihre innere Dynamik, die zuvor Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien den Aufstieg ermöglichte. In den 1970er Jahren erstarrte die DDR-Gesellschaft regelrecht. Kubiak: „Was man aber auch gesehen hat, ist, dass es da so eine Verharrung gab. Weil ab den siebziger Jahren haben sich die Eliten der DDR aus sich selbst rekrutiert, und das hat dazu geführt, dass es dann auf einmal nicht mehr so große Chancen gab, noch aufzusteigen.“
Aber all die klugen jungen Leute, die da bis 1989 schon feststeckten in der unteren Hierarchie, kamen auch 1990 nicht zum Zug, weil die von ihnen angestrebten Positionen nun von Westdeutschen besetzt wurden. Und die – das merkt Kubiak natürlich auch an – brachten ihre eigenen westdeutschen Netzwerke mit, aus denen sich auch heute noch ihre Nachfolger rekrutieren. Netzwerke, die die Ostdeutschen nicht haben.
Es ist also keine Überraschung, wenn Ostdeutsche reihenweise die doppelte Erfahrung von Chancenlosigkeit gemacht haben. Und dann nur noch geplättet auf den Fernseher schauen, wenn westdeutsche Experten das Podium besetzen und erklären, wie der Osten und die Ostdeutschen sind. Eine sehr erhellende Stelle.
Repräsentanz und Respekt
Die Regisseurin Annika Pinske geht in ihrem Interview dann darauf ein, welche gefühlsmäßigen Folgen das hat. Als Regisseurin hat sie immer wieder erfahren, wie leicht man in Klischees über den Osten abgleitet und dabei die Wirklichkeit aus den Augen verliert.
„Es geht nicht immer nur um Mauer- und Stasi-Geschichten, mit denen viele nichts zu tun haben“, sagt sie, „sondern um ganz grundlegende Themen: Zugehörigkeit, Anerkennung, Liebe, Leben. Wertschätzung. Damit ringen alle, auch die Menschen im Osten.“ Die sich natürlich nach Strich und Faden veräppelt vorkommen, wenn sie immer nur auf Mauer, Stasi, Nazi reduziert werden. Das frustriert nicht nur, das schafft Gefühle von Erniedrigung, Ausgrenzung, Abwertung. Und das spüren auch die jungen Ostdeutschen.
Alexander Prinz, der im Internet als „Der dunkle Parabelritter“ seine Videos veröffentlicht, hinterfragt das stereotype Bild, das westdeutsche Medien vom Osten malen. Und merkt etwas an, was in diesen sich als Maßstab verstehenden Medien einfach nicht sichtbar wird: „Das Tolle an Deutschland ist ja, dass wir so unterschiedliche kulturelle Inseln haben. Also ganz viele kleine Besonderheiten auf sehr engem Raum. Flächentechnisch ist Deutschland nicht so groß, aber es gibt wahnsinnig viel Vielfalt, und das sowohl sprachlich als auch im Brauchtum etc. Und ich glaube nicht, dass das der inneren Einheit entgehen steht. Nur, dass Ostdeutschland so exotisiert wird, dass das was Besonders wäre, dass die ein bisschen anders sind als die anderen – das ist das Seltsame.“
Verprellte Hoffnungen
Und dazu kommt etwa, was für die meisten Ostdeutschen eben die zentrale Transformationserfahrung war – worauf die Pädagogikforscherin Frauke Hildebrandt in ihrem Interview eingeht: Sie machten reihenweise die Erfahrung, dass weder ihr Wissen noch ihre Erfahrung gefragt waren. Sie waren nicht mehr handelnde Subjekte wie in der Friedlichen Revolution, sondern nur noch Objekte einer radikalen Umverteilung. Frauke Hildebrandt: „Und dann sind sie gestartet und haben ganz schnell erlebt, das all ihre Selbstwirksamkeitserwartungen – wie ich jetzt sagen würde – nicht erfüllt wurden. Ob sie den Mund aufgemacht haben oder nicht, ob die Kalikumpel gestreikt haben oder nicht. Die hatten keinerlei Agency, die konnten nicht handeln. Es hatte keine Effekte, es hat nichts gebracht. Diese Erfahrung nach großer Hoffnung, glaube ich, war der Totschlag.“
Es hätte anders gehen können. Als Tochter der weiland medial omnipräsenten brandenburgischen Ministerin Regine Hildebrandt weiß sie das. Dass Wirksamkeit nun einmal dadurch entsteht, dass die eigenen Leute auch in die Elite aufsteigen und dort thematisieren, was die Menschen bewegt. „Man denkt immer, das sei alles nur Symbolik – das ist nicht so. Wenn Sie Leute mit diesen Erfahrungen in den Positionen haben, dann werden die die Themen stärker im Blick haben, und sie werden sich anders darum kümmern. Und genau das fehlt: In den Hinterzimmern der Macht finden Sie keine Ostdeutschen. Und es werden weniger“, stellt sie fest.
Auch der Merkel-Effekt ist verpufft. „Und nochmal: Die Leute im Osten sind nicht repräsentiert. Das ist kein Gefühl. Und man weiß einfach, dass sich Menschen, die nicht repräsentiert sind, aus einer Ordnung verabschieden. Das ist eine große Ungerechtigkeit und eine massive Kränkung. Damit haben wir es jetzt zu tun.“
Eine Frage der Identität
Man findet im Buch natürlich auch andere, leicht oder stärker verschobene Positionen. Es wird auch deutlich, dass die Sicht auf den Osten stark vom Jahrgang geprägt ist, in den man hineingeboren wurde. Aber es überrascht auch nicht, dass auch die Jüngeren in den 1980er und 1990er Jahren Geborenen eine starke Beziehung zu Ostdeutschland haben, zu ihren Herkunftsregionen und den Prägungen durch ihre Familie. Und das Gute ist: Sie sehen darauf nicht mit Distanz. Im Gegenteil: Es ist für Viele ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität, nicht nur aus dem Osten zu kommen, sondern sich auch als Ostdeutsche zu fühlen. Und damit auch stark zu empfinden, dass dieser Osten ein genauso eindrucksvoller und prägender Landesteil ist wie die ganzen westdeutschen Bundesländer, die sich so gar nicht als Westdeutschland verstehen.
Und da passiert es selbst einem begabten Autor wie Domenico Müllensiefen, sein Schreiben so gar nicht als spezifisch ostdeutsch zu verstehen – seine Kritiker aber damit zu verblüffen, dass ihm eindrückliche Beschreibungen des Ostens gelingen, die nur einer aufschreiben kann, der es mit allen Fasern selbst erlebt und verinnerlicht hat. Denn natürlich prägt einen das Land, in dem man aufwächst, genauso wie einen die Erfahrungen der Freunde, Kollegen und der eigenen Familie prägen. Und die sind reicher und in vielen Teilen völlig anders, als es auf der großen deutschen Theaterbühne meistens erzählt wird.
So gesehen ist das ganze Buch auch eine Einladung, sich auf die ganze Eigensinnigkeit verschiedenster Ostdeutscher einzulassen.
Olaf Jacobs und Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hrsg.) „Die DNA des Ostens. Was uns ausmacht“, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 24 Euro
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