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Leipzig-Grünau feiert in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen. Der WBS-70-Wohnblock in der Liliensteinstraße 19–39, zu dem das Haus Nummer 29 gehört, wurde vor 40 Jahren gebaut. Das ist auf einer der von Anstrich und Tapete befreiten Platten im Erdgeschoss, anhand der Signatur des Herstellerwerks, zu erkennen. Jetzt zieht, mit dem Wohndemonstrator für das Nukleuswohnen zeitweilig neues Leben in den lange leer stehenden Block ein.

Am 11. Juni war ein Pressetermin, an dem wir selbstverständlich teilnahmen, und seit dem 15. Juni wohnen die ersten Menschen zur Probe in der neuen Wohnform. Beim Pressetermin trafen wir Ariane, eine der ersten Bewohnerinnen, und fragten sie: Warum hast Du Dich beim Probewohnen beworben und was erwartest Du?
Pressetermin und Führung durch das Projekt
Es ging los mit der Vorstellung des Projektes. Dazu führte Florian Fischer-Almannai von der RWTH Aachen ein. Warum überhaupt neue Wohnformen? Wohnraummangel, Fehlbelegung von Wohnraum, Vermeidung von Emissionen durch Nutzung von Bestandsgebäuden und andere Gründe, die hier nicht detailliert dargestellt werden sollen, wurden genannt und begründet.
Er kam über Themen wie theoretische Wohnraumreserven, die durch Auflösung von Fehlbelegungen erschlossen werden könnten, schließlich auf neue Wohnformen und beschrieb das Nukleuswohnen wie folgt:
„Ganz kurz das Prinzip, der Nukleus, der Kern, ist eine vollwertige Wohnung. Also nicht nur Küche, Wohnzimmer und Badezimmer, sondern auch das erste Individualzimmer.“
Das wichtigste bauliche Element ist der Flur, der zwischen den Nuklei und den weiteren Individualräumen liegt. Dieser ermöglicht eine gemeinschaftliche Nutzung von Flächen, diese ist aber kein Muss. Wir kommen später darauf zurück.

Reem Almannai, von Almannai Fischer Architekt*innen, übernahm und kam zuerst auf des Deutschen liebstes Kind, das Auto, zu sprechen. Sie zog den Vergleich zwischen Probefahren und Probewohnen, beschrieb die einzelnen Nuklei und wies darauf hin, dass hier ein Experiment stattfindet: „Der Demonstrator soll eben ein Labor sein, in dem wir mit diesem Experiment die Hypothesen der Forschung überprüfen, in dem wir Behauptungen aufstellen und nicht einfach sagen: Das geht nicht. Sondern: „Warum geht es nicht und woran liegt es, dass es eben nicht geht?“

Nach Ausführungen zum Bauablauf und zu Details, wer, was wo im Einzelnen gemacht hat, kam Bürgermeister Dienberg zu Wort. Er drückte seine Freude darüber aus, dass das Projekt in Grünau angesiedelt ist und versprach weitere Unterstützung.
Es folgte Nelly Keding, Vorstandsvorsitzende WG Lipsia. Wir haben im Anschluss mit ihr gesprochen. Kann Nelly Keding sich vorstellen, dass die Lipsia das Konzept verstetigt?

Auch André Ruhsam, Standortleitung der B&O Bau haben wir um ein Statement gebeten. Unter anderem interessierte uns, ob B&O Bau später auch den Ausbau, der jetzt von den Projektteilnehmern der RWTH durchgeführt wurde, übernimmt.
Der Rundgang
Auf dem Rundgang sahen wir verschieden gestaltete Nuklei. Beispielsweise mit separater Küche, eine Art Einraumwohnung. Bei einer anderen Variante war eine Küchenzeile im Wohnzimmer, die ehemalige Küche war zum Schlafzimmer umgewidmet.
Die Bäder hatten Zugänge vom Wohnraum und vom Flur und es gab interessante bauliche Veränderungen in den Zimmerecken. Dort waren nichttragende Wände teilweise entfernt. Dafür war eine schräge Wand und ein Glaselement (Implantat) eingebaut, welche unter anderem auf dem Flur für Beleuchtung sorgten.

Immer wieder wurde betont, dass diese baulichen Veränderungen zum größten Teil von den Projektbeteiligten, dem Team der RWTH Aachen, mit vorhandenen Materialien, wie nicht mehr benötigten Türen u. ä., durchgeführt wurden.
Wir sprachen dazu mit Yanik Wagner, Lehrstuhl für Wohnbau RWTH Aachen, einem der Projektbeteiligten und Mitverfasser des Papers „Nucleus Living – The Basics, Experiences, Outlook“. Das Paper ist in der Deutschen Fassung „Nukleuswohnen – Grundlagen, Erfahrungen, Ausblicke oder San Riemo und die Folgen“ nicht frei verfügbar, deshalb verlinken wir hier auf die englische Version.
Fazit: Insgesamt ein interessantes Projekt, wir dürfen gespannt sein, ob sich diese Wohnform etabliert. Das Nukleuswohnen ist, nach Meinung des Autors, nicht für alle Menschen geeignet. Da der Flur der Begegnungsraum ist, wenn man aus dem Nukleus in zusätzlich angemietete Räume geht, ist die Privatsphäre nicht die einer klassischen Wohnung. Allerdings hat man viel mehr Privatsphäre als in einer WG und mehr als im Cluster-Wohnen.
Wir werden uns im nächsten Jahr mit Probewohnenden und den anderen Akteuren in Verbindung setzen und über die Ergebnisse des Wohndemonstrators berichten.
Anhang: Was ist Nukleuswohnen?
„Die technokratische Seite des Nukleuswohnens lässt sich kurz und bündig so zusammenfassen: ‚Lebenslanger, angemessener Wohnraum für alle und zu jeder Zeit‘. Was wie eine Form des Sozialismus klingt, erfordert im Hintergrund recht komplexe – wenn auch nicht sehr komplizierte – Mechanismen, wenn es auf ein ganzes Gebäude angewendet wird; diese sollten schnell und jederzeit auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner oder Haushalte sowie auf die Haushaltsgrößen in einem Wohngebäude reagieren.
Der Komplexität der Mechanismen oder vielmehr der komplexen Kombinatorik einzelner Räume sollte durch eine extrem einfache, klare und robuste Grundstruktur in fast umgekehrter Proportionalität begegnet werden.
Im besten Fall ermöglicht dies einen Raumtausch oder eine ständige (Neu-)Konfiguration von Wohnungen ohne Umbauten, ohne komplizierte oder teure Verlegungen oder gar die Bereitstellung beweglicher Trennwände, sondern stattdessen unter Anwendung eines sehr einfachen ‚Tür‑auf, Tür‑zu‘‑Prinzips.“ Aus Nucleus Living – The Basics, Experiences, Outlook, maschinell übersetzt.

Das klingt sehr kompliziert, vereinfacht bedeutet es die Neuaufteilung einer vorhandenen Wohnbaustruktur. Im WBS-70, wie er in der Liliensteinstraße steht, befinden sich zwei Wohnungen auf jeder Etage, eine Zwei- und eine Drei-Raum-Wohnung (Bild 1). Aus den im Bild oben befindlichen Räumen entstehen die Nuklei (Kerne) in verschiedenen Varianten. Auf Bild 2 ist die Variante mit separater Küche und Zugang zum Bad über den Flur zu sehen.

Bild 3 zeigt wie eine Küchenzeile im Wohnzimmer eingerichtet werden kann. Die ehemalige Küche wird zum Schlafraum. Es gibt noch mehr Varianten, diese finden Sie auf der Wohnbau-Webseite.

Die größte Besonderheit des Umbaus ist auf Bild 4 zu sehen. In dieser Variante sind zwei der drei Treppenhäuser, die in Bild 1 zu sehen sind, entfernt und zu Zimmern umgebaut worden, die Flure der Häuser sind verbunden und das mittlere Treppenhaus dient als Zugang zur Etage. Hier mit einem angebauten Treppenturm.

Die in den Bildern unten zu sehenden Räume können flexibel von den Mietern der Nukleus-Wohnungen angemietet werden, wobei der Flur zum Gemeinschaftsraum der Etage wird. Hier zeigt sich die oben beschriebene eingeschränkte Privatsphäre außerhalb des Nukleus.
Je nach Verfügbarkeit liegen zusätzlich angemietete Individualräume nicht unbedingt in unmittelbarer Nähe des Nukleus. Trotz allem ist es ein interessantes Projekt und es wird gewiss Nutzerinnen und Nutzer finden.
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