1990 verpasste die alte Bundesrepublik die einmalige Chance, etliche längst überholte Gesetze zu entsorgen und auch die Verfassung zu modernisieren. Doch die Granden der westdeutschen Politik wollten nur den schnellen Beitritt der fünf ostdeutschen Länder, aber ganz bestimmt keine Diskussion über ein modernes Staatsverständnis. Auch das gehört zu den Dingen, die in den heutigen Unmutsdebatten mitschwingen. Denn worüber ein Volk nicht diskutieren darf, das bleibt fremd. Und die Friedliche Revolution wird erinnert wie ein abgebrochenes Gespräch.
Ein Gespräch, das so dringend notwendig gewesen wäre. Denn beide Teile des geradezu bürokratisch zusammengeflickten Landes hatten schon damals eine offene und öffentliche Debatte darüber nötig, wer man eigentlich sein wollte, welche Werte man teilte und für wichtig und schützenswert hielt. Was sollte wirklich Staatsraison sein und was echte demokratische Teilhabe?
Der Zentrale Runde Tisch hatte im Februar 1990 den Entwurf für eine eigene, neue Verfassung ausgearbeitet, in der sich Vieles von dem wiederfand, was zur Friedlichen Revolution geführt hatte. Jede Menge menschliche Selbstermutigung, jede Menge Anregungen für eine tatsächlich moderne und zur Teilhabe auffordernde Gesellschaft.
Unter anderem hatten auch die Aktivisten aus der Szene der Schwulen, Lesben und queeren Menschen ihre Forderungen zu einem umfassenden Diskriminierungsverbot eingebracht. Da steckten natürlich auch Erfahrungen aus der DDR mit drin, auch wenn Homosexualität in der DDR eher ein Randthema war. Es gab keine offiziellen Verfolgungen. Der Staat duldete die Szene, beobachtete sie aber intensiv, so wie die allgegenwärtige Staatssicherheit alles beobachtete und archivierte, was von den gesetzten Normen abwich.
Und natürlich wurden die Staatshüter noch munterer, wenn sich Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen zu organisieren begannen. Was natürlich im staatlichen Rahmen nicht möglich war. Auch hier war es wieder einmal die Kirche, die diesen Menschen ein Obdach bot. Zähneknirschend durchaus, denn Homosexualität stellte natürlich auch den Moralkodex der evangelischen Kirche infrage. Keine konfliktfreie Beziehung. Aber die Kirche war nun einmal der wichtigste Schutzraum für jeden Versuch, die gesellschaftlichen Verwerfungen zu artikulieren.
Sichtbarwerden
Und mit Karin Dauenheimer rückt in diesem Buch eine Frau in den Mittelpunkt, die sowohl in Leipzig als auch in Dresden aktiv wurde, um Lesben und Schwulen einen Ort der Begegnung, des Austauschs und der Diskussion zu schaffen. Ganz bewusst sogar in dieser Konstellation. Denn natürlich hatten schwule Männer und lesbische Frauen in einer letztlich zutiefst konservativen Gesellschaft mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Insbesondere der Dresdner Arbeitskreis, den die studierte Theologin Karin Dauenheimer initiierte, wurde zu so einem Ort des Kennenlernens und des Sichtbarwerdens.
Denn Staat und Teile der Kirche waren sich darin einig, dass Homosexualität öffentlich nicht sichtbar sein sollte. Da legte sich Daubenheimer auch mit der Kirche an, organisierte Stände auf den diversen Kirchentagen. Das Buch wird auch sehr persönlich, denn große Teile basieren auf Daubenheimers eigenen aufgeschriebenen Erinnerungen.
Für die Buchausgabe wurde ihr Text durch Teresa Tammer erweitert, mit Fotos und Dokumenten ergänzt, die sichtbar machen, wie die Arbeit Karin Daubenheimers seinerzeit wirksam wurde und sich ihr Engagement mit der feministischen Bewegung in der DDR vernetzte.
Denn thematisch ging es ja all diesen Strömungen um ganz ähnliche Erfahrungen – Erfahrungen des Ignoriertwerdens, des ins Abseits Verwiesenseins. Und damit um ganz zentrale Fragen von Selbstbehauptung, Akzeptanz und Sichtbarkeit. Aber wie das so war in der DDR: Wenn Menschen sich derart organisierten und auch noch die Öffentlichkeit suchten, war die Stasi nicht weit.
Über Karin Dauenheimer wurde auch ein Operativer Vorgang angelegt. Und er hatte Folgen, denn in dessen Rahmen versuchten die MfS-Mitarbeiter auch, Karin Dauenheimer aus ihrer Stelle als Journalistin bei der Tageszeitung „Die Union“ herauszudrängen. Was ihnen beinah zu gelingen schien. Doch die Journalistin, die ihre Redaktion auch immer wieder mit den „unpassendsten“ Themen konfrontierte, hatte Glück. Die Zeitung ließ das Ansinnen des MfS ins Leere laufen.
Das Private ist politisch
Aber auch das Privatleben nahmen die Herren von Horch & Guck unter die Lupe. Immerhin hatte Karin Daubenheimer gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin ein Kind adoptiert. Eigentlich ein Unding in der DDR, wo homosexuelle Paare kaum eine Chance hatten, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Doch in diesem Fall war es eins jener Kinder, die aus einer Beziehung junger Frauen mit Gästen aus Afrika entstanden waren, Studenten zumeist. Kinder, die ihrerseits im Adoptionssystem der DDR schwer vermittelbar waren. So kam Karin Dauenheimer zu ihrer Tochter Sarah, der in diesem Band auch einige Kapitel gewidmet sind.
Denn eigentlich schuf sich Karin Dauenheimer dadurch ja ein weiteres „Problem“ in einem Land, das seinen latenten Rassismus nicht eingestand. Aber auch dieser Teil der Geschichte erzählt von einer selbstbewussten Frau, die sich von Vorurteilen nicht kleinbekommen ließ.
Und die sich auch nicht irritieren ließ, als die Stasi versuchte, den Dresdner Arbeitskreis zu zersetzen, wie das im Jargon der Grauen Männer hieß. Auch die Schaffung eines ganz offiziellen Treffpunkts für Homosexuelle im Kulturbund könnte in dieses Vorhaben passen. Denn dadurch bekam der Staat mehr Kontrolle über die im Arbeitskreis Aktivven.
Doch für Karin Dauenheimer war das kein Grund, sich einschüchtern zu lassen. Und daran hielt sie auch nach 1990 fest, als auch in Dresden auf einmal die rechtsradikalen Angriffe zunahmen und die Neonazis erstmals daran gingen, die Zivilgesellschaft zu terrorisieren. Eine Entwicklung, in der auch Tochter Sarah auf einmal verstärkt im Fokus stand.
Ein Stück Emanzipationsgeschichte in der DDR
Und so macht auch das Kapitel „Widerstand, Wunden und Neuanfang“ sichtbar, dass die alten Kämpfe eigentlich auch die neuen waren. Es konnte ja auch gar nicht anders sein in einer Gesellschaft, die sich nie über ihre eigenen Befindlichkeiten vergewissert hat.
Man stürzte sich in die Deutsche Einheit, als würden dadurch über Nacht gleich auch mal alle gesellschaftlichen Konflikte gelöst – obwohl schon die Ereignisse in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen zeigten, dass gar nichts geklärt war und die konservative Politik nur zu bereit war, vor den gewalttätigen Umtrieben der Neonazis einzuknicken.
Und dass das Thema Frauenemanzipation sogar einen Rückschlag erlebte, ist ja bekannt. Dauenheimer war mit dabei, als das Frauenbildungszentrum in Dresden aus der Taufe gehoben wurde. Die Liebe führte Karin Dauenheimer dann nach Duisburg. Das hätte auch das Ende ihrer Geschichte sein können. Aber es war ihr zu wichtig, über all das zu erzählen, was sie in der DDR-Zeit erlebt und mitinitiiert hat. Durch die Mitarbeit von Teresa Tammer wurde ihre Geschichte rund, fand ihre Einordnung in die letztlich erstaunlich vielfältige Emanzipationsgeschichte der DDR und damit der Friedlichen Revolution, die nun einmal auch menschliche Ansprüche formulierte, die dann in der Hektik der Deutschen Einheit oft genug ins Hintertreffen gerieten.
Mit diesem Buch bekommt auch die Buchreihe der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eine neue Facette, wird ein bisher wenig bekanntes Kapitel der DDR-Geschichte sichtbar. Und es ist nun einmal so: Wie modern und menschenfreundlich ein Land ist, erweist sich an seinem Umgang mit Minderheiten aller Art. Dem offiziellen Umgang mit ihnen, aber auch dem ganz individuellen. Dürfen Menschen, die anders lieben, sichtbar werden? Oder sorgen uralte, nie ausdiskutierte Ressentiments dafür, dass die Ausgrenzung weitergeht?
Eins zeigt Karin Dauenheimers Leben jedenfalls: Die Dinge ändern sich nur, wenn man sich nicht wegduckt und mit seinem Anliegen selbstbewusst in die Öffentlichkeit geht.
Karin Dauenheimer, Teresa Tammer „Lesbische Selbstbehauptung in der DDR“ Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 15 Euro.
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