Bis Leipzig haben sie es nicht geschafft. Und auch fünf Wochen Trampen am Stück waren am Ende nicht drin. Nach zehn Tagen war vor allem Deddi fertig mit sich, der Welt und der Mühsal der Landstraße. Sid hätte noch weitergemacht. Wer weiß, wohin es die beiden 19-Jährigen noch getrieben hätte in jenem Sommer 1984, als sie sich völlig ohne Ziel daran gemacht haben, die DDR kreuz und quer zu durchreisen. Ohne Zelt. Ohne Ziel. Auch so lernt man ein Land kennen.
Und seine Bewohner. Denn auf die haben sich die drei Reisenden einlassen müssen – so ohne Zelt, ohne sicheren Übernachtungsplatz. Auf den ersten Etappen ihrer Tramp-Tour aus Mecklenburg Richtung Süden hatten sie auch noch Elle dabei, Deddis Freund, der nur fünf Tage Zeit hat, mit auf Tramp-Tour zu gehen.
Einer der drei schrieb auch noch fleißig Tagebuch, sodass 2009 tatsächlich erstmals ein Buch wurde aus dieser Reise, in der man eben nicht nur die DDR irgendwie kennenlernt, wie sich damals von innen anfühlte, sondern auch eine Ahnung bekommt von den Brüchen, die das Land durchzogen. Damals schon. Dieses Ostdeutschland war niemals homogen.
Und das merken Deddi und Sid spätestens nach Dresden, wo sie mit den dort auflaufenden Punks aus der ganzen Republik fröhliche Gelage feiern. In Dresden muss auch Elle Abschied nehmen. Und danach geht es Richtung Erzgebirge. Und vielleicht ist es genau diese Tour durchs Erzgebirge, die Deddy völlig die Motivation nimmt.
Stundenlang fahren die Autos auf der Strecke Aue – Zwickau einfach stur an ihnen vorbei. Es ist Pascha, der sie im Trabant 500 bis nach Schwarzenberg mitnimmt, der dieses Gefühl auf den Punkt bringt. „Schlechte Gegend zum Trampen. Dieses Bergvolk ist griesgrämig. Es würde mich nicht wundern, wenn einige von denen gedacht haben, ihr steht da, um ihnen freundlich zu winken.“
Und Sid kann es nur bestätigen: „Das fing an, als wir die Gegend um Karl-Marx-Stadt verließen. Man hätte meinen können, wir sind in einem anderen Land. Total komisch.“
Die Mentalitäten des Ostens
Und auch nach Schwarzenberg sollte sich das nicht ändern. Das demotiviert. Und gerade Deddi ist derjenige, der sich – anders als Sid – nicht mehr selbst motivieren kann. Vielleicht wird’s ja mit der nächsten Etappe besser.
Hat eigentlich überhaupt schon jemand das Buch über die Mentalitäten der Ostdeutschen geschrieben? Mehrzahl: Mentalitäten. Vieles an der ostdeutschen Geschichte ist schlichtweg nicht erklärbar, wenn man diese Mentalitätslandschaften nicht kennt.
Und Sid, Deddi und Elle lernen einige davon kennen. Mit (Ost-)Berlin und Dresden auch zwei der Brennpunkte, an denen junge Leute damals andockten, Gleichgesinnte trafen und die Polizei in Unruhe versetzten.
Es bleibt schlicht nicht aus, dass sie mit den Menschen, die sie unterwegs treffen, auch über den Zustand des Landes reden. Denn 1984 – da war längst spürbar, dass das Land erstarrte und wirtschaftlich auf dem Zahnfleisch ging.
Die Funktionäre der SED verloren immer mehr an Glaubwürdigkeit. Die Medien waren im Propaganda-Slang erstarrt. Die Leute schauten Westfernsehen. Und immer weniger hatten das Gefühl, dass sie noch gefragt waren, dass es für sie eine Chance gab, in diesem Land etwas zu bewirken.
„Die Partei manövriert sich selbst von Jahr zu Jahr in ein größeres Dilemma“, merkt Deddi in einer der vielen Diskussionen an, die er auch mit Sid führt. „Bei uns im Betrieb gibt es eine Quote, wonach pro Monat soundso viel neue Genossen gewonnen werden müssen. Da wird gepokert, versprochen, gelogen und geschoben – das ist nicht mehr feierlich.“
Ein Land in Widersprüchen
Es ist der Blick in eine Zeit, in der auch die Diskussionen über das Land und seine Führung immer mehr in Sarkasmus abglitten. Es war ja nicht so, dass die Bewohner des Landes nicht wussten, wie es in ihrer Region und ihrem Betrieb und ihrer Stadt aussah, obwohl darüber in den Parteimedien natürlich nicht berichtet wurde.
Aber Nicht-Berichten heißt nun einmal nicht, dass die Menschen blind sind für Erstarrung und unfähige Verwalter. Deddi wird noch deutlicher:
„Aber vielleicht wäre der Wechsel wirklich gar nicht so übel. Irgendwann sind auch die besten Leute mal verschlissen. Nur, wer soll’s machen? Wenn ich mir die ganzen Witzfiguren anschaue, die da alljährlich auf den Tribünen herumstehen und mit Fähnchen winken, wird mir angst und bange.“
Später – da machen sie gerade in einem Zeltlager in Geyer Station – diskutieren sie sogar mit einem Westdeutschen, der hier einen billigen Urlaub verbringt, und tun etwas, was sie hinterher an sich selbst zweifeln lässt:
Sie verteidigen die DDR, als würden sie die offizielle Parteipropaganda tatsächlich glauben. Ein seltsamer Moment. Der aber gerade aus dem Abstand von über 40 Jahren verständlicher wird.
Denn genau das beschreibt ja die seltsam widersprüchliche Haltung der Bewohner dieses kleinen Landes zu ihrer eigenen Heimat. Denn Heimat ist es am Ende eben doch, etwas, wofür man sich verantwortlich fühlt, auch wenn man in Wirklichkeit machtlos ist.
Aber die beiden haben auch so eine Ahnung, dass der etwas beleibte Mann aus dem Western eben nicht wirklich unvoreingenommen auf ihr eingemauertes Ländchen schaut. Und was er dann sagt, erinnert doch sehr an den heutigen Nicht-Dialog zwischen West und Ost. Wie der Westen auf den Osten schaut, sagt der Mann sogar unverblümt:
„Allerdings solltet ihr wissen, dass die Ostzone für die wenigsten bei uns von Interesse ist. Wer nicht gerade Verwandte hier hat, der schert sich kaum um das, was bei euch passiert. Auf der anderen Seite sehe ich allein an der stetig wachsenden Zahl jener, die zu uns flüchten, deutlich, wie groß wiederum der Drang deiner Landsleute ist, die Zone zu verlassen. Ganz so toll kann es hier also doch nicht sein.“
Abschied von Visionen
Zumindest ist das Bier billig, das die beiden Tramper mit ihren jeweiligen Unterwegs-Bekanntschaften in nächtelangen Runden vertilgen. Man muss wahrscheinlich wirklich 19 sein, um so eine Ochsentour mit diesen Mengen an billigem Alkohol durchzustehen.
Erstaunlich, dass die beiden trotzdem einen klaren Kopf behalten, neugierig auf immer neue Bekanntschaften. Und auf die Geschichten, die die anderen zu erzählen haben.
Die wiederum – das überrascht ebenfalls nicht – sind eher nicht das brave und störrische Arbeitervolk , das in der DDR so gefeiert wurde, sondern eher Außenseiter und Querköpfe, Unangepasste aller Art. Man lernt ein Stück DDR kennen, das eigentlich schon längst Abschied genommen hat von den Parolen und Visionen der Partei, das einfach nur das Leben feiert und sonst sehr abgebrüht über die Grenzen des Lebens in diesem Land redet.
Und das wird immer wieder zu sehr langen Nächten in Mitropa-Restaurants, auf Zeltplätzen, in den Wohnungen der Leute, die den beiden ein Obdach anbieten. Denn sie sind ja ohne Zelt unterwegs und wollen möglichst billig durchkommen.
Da muss das Geld für die ganzen fünf Wochen reichen. Und vielleicht wäre es tatsächlich noch eine längere Tramp-Tour geworden, wäre Deddis Batterie am Ende nicht so runter gewesen.
So sehr, dass es fast zu einer richtig heftigen Auseinandersetzung mit Sid gekommen wäre, der eigentlich noch weitertrampen wollte. Vielleicht kämen ja doch wieder bessere Wegabschnitte.
Ein Land wie ein Flickenteppich
Aber manchmal sind es auch die zu vielen Abenteuer und Begegnungen unterwegs, die einen fertigmachen, auch wenn es Deddi so vielleicht nicht sah. Aber Sid denkt so drüber nach: „Für ihn war das vielleicht tatsächlich alles ein bisschen zu viel des Abenteuers. Und nicht nur das. Hatten sie sich nicht auch jeden Tag mit Ideen, Visionen, Ideologien, Lebensauffassungen auseinandersetzen müssen, die für sie in der ihnen begegneten Form zum Teil völlig unbekannt waren? Man muss schon ein dickes Fell haben, um das alles nicht an sich heranzulassen.“
Aber genau das kann Deddi nicht. Im Grunde haben die beiden in den zehn Tagen so viele verschiedene Aspekte des kleinen Landes kennengelernt, dass es für eine dicke soziologische Studie gereicht hätte. Oder eben das niederschmetternde Gefühl, dass selbst diese scheinbar so gleichgemachte DDR ein wilder Flickenteppich aus Haltungen, Lebensweisen, Anschauungen und Erfahrungen war.
Viel zu viel für einen nachdenklichen Burschen wie Deddi, während Sid einfach schon wieder an das nächste Abenteuer dachte. Gerade die Verschiedenheit der beiden Freunde macht den Spannungsbogen auf, lässt sie zusammenhalten und durchhalten.
Zumindest bis zu dem Tag, an dem es Deddi tatsächlich zu viel wird. Als hätte ihn die chaotische Vielstimmigkeit des kleinen Landes völlig überfordert. Und so gelingt Jens-Uwe Berndt, indem er aus dem Tagebuch einen dicken Tramp-Reisebericht gemacht hat, im Grunde auch ein Porträt des kleinen Landes, das ja 1990 nicht verschwunden ist.
Verschwunden ist nur der alte Staat mitsamt der Staatspartei. Die Menschen mit ihren völlig verschiedenen Sichten auf Land, Leben und Zukunftserwartung sind ja geblieben.
Genauso wie die westdeutsche Ignoranz, die gar nicht wissen will, wie verschieden, flickenhaft und zerrissen der Osten ist. Bis heute. Auch wenn sich keiner mehr so eine wilde Idee ausdenken würde, trampend das kleine Nicht-Land zu erkunden.
Jens-Uwe Berndt Reise durch (k)ein Land Demmler Verlag, Ribnitz-Damgarten 2026, 17,95 Euro
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