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Zwischen den Zeiten: Gunnar Deckers großartige Analyse der späten Jahre der DDR

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    Das große Buch zur DDR-Geschichte ist noch nicht geschrieben. Das zur Geschichte der alten Bundesrepublik übrigens auch nicht. Aber bei der DDR-Geschichte fällt es auf, wie sehr die Sicht auf dieses Land nach wie vor durch eine West-Brille betrachtet wird und lauter Forschungsergebnisse vereinzelt nebeneinanderstehen und nichts zusammenpasst. Gunnar Deckers Buch ist tatsächlich das erste Buch, das eine realistische DDR-Erzählung sichtbar macht.

    Der Philosoph, Kritiker und Sachbuchautor Gunnar Decker hat schon in der jüngeren Vergangenheit mit Büchern zum Osten und seiner Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht – im Jahr 2000 mit dem Reportagenband „Gefühlsausbrüche oder Ewig pubertiert der Ostdeutsche“, den er gemeinsam mit seiner Frau Kerstin Decker schrieb, und 2015 mit „1965 – der kurze Sommer der DDR“.

    1965 ist den meisten Ostdeutschen kein Begriff, eigentlich wie die komplette DDR-Geschichte. Denn was sie im Geschichtsunterricht lernten, hatte mit dem, was wirklich geschah, wenig zu tun. Es war die Propaganda-Variante dessen, was die SED gern als Geschichte auswendig gelernt haben wollte. Ein langweiliges, tristes Konglomerat, in dem alles, was ostdeutsche Geschichte tatsächlich aufregend und spannend gemacht hätte, wegretuschiert worden war. Ganz in stalinistischer Manier: Wer in Ungnade gefallen war, verschwand erst nach Bautzen und dann aus den Fotos und Büchern.

    Und dass die DDR-Funktionäre genau so handelten, wurde spätestens 1988 auch dem Letzten klar, als der Vertrieb des sowjetischen Monatsmagazins „Sputnik“ in der DDR verboten wurde, weil darin ungeschönt über Stalin und seine Verbrechen berichtet wurde.

    Diesen Vorgang erwähnt Decker freilich nicht. Er hat seinem Buch sogar eine kleine Liste angehängt mit Vorgängen, die er nicht noch extra erwähnt hat. Denn sonst wäre sein Buch am Ende ein fetter 1.000-Seiter geworden. Schon all das, was er in diesem Buch über die späten Jahre der DDR erzählt, gehört eben nicht zur heute wahrgenommenen DDR-Geschichte. Als wären wir irgendwo im Jahr 1990 steckengeblieben und nie über Stichworte wie Mauer, Stasi, Mauertote, Bautzen, Trabi, Sandmännchen und Diktatur hinausgekommen.

    Die Sicht auf DDR-Geschichte wird von westdeutschen Kommentatoren dominiert und schwankt zwischen finsterer Unterdrückung und Ostalgie-Kitsch. Man hält an seinen alten Feindbildern und der alten Verachtung fest, ganz so, als könnte man allein mit dieser Verachtung dafür sorgen, dass dieses lästige Land einfach verschwindet – so, wie es auch einige Parteikämpfer 1990 so gern formulierten: auf den Müllhaufen der Geschichte.

    Nur: Die Geschichte kennt keine Müllhaufen. Sie verwertet alles wieder und wieder. Sie prägt Menschen. Und sie lässt keine weißen Flecken zu. Und sie erzeugt ein Gefühl des Unbehagens, wenn das einfach immer wieder ignoriert wird und die betroffenen Menschen nie gefragt werden. Es wird immer nur über sie gesprochen. Und was gesprochen wird, ist falsch, löcherig, schief. Die alte falsche Geschichtsschreibung wurde durch eine neue falsche Geschichtsschreibung ersetzt.

    Ab 1965 auf dem Holzweg

    Das wurde schon mit Gunnar Deckers „1965“-Buch deutlich. Das Jahr war eine der vielen Zäsuren in der Geschichte der 1949 gegründeten DDR. Einer der vielen Scheidewege, an denen eine der vielen möglichen anderen Entwicklungen der DDR mit Gewalt abgeschnitten wurde. Andere solcher Scheidepunkte waren der Volksaufstand 1953, die Entmachtung der Schirdewan-Gruppe 1958, der Sturz Ulbrichts 1971 und die folgende desaströse Wirtschaftspolitik, Helsinki 1975 und natürlich 1976 – die Ausbürgerung von Wolf Biermann.

    Womit wir am Ausgangspunkt dieses Buches sind. Denn mit Biermanns Ausbürgerung begann nicht nur die Spätphase der DDR. Mit der Ausbürgerung verlor die SED-Führung ihren Rückhalt in der Intelligenz des Landes. Die hat Erich Honecker schon immer verachtet. Das war schon 1965 sichtbar, als er das 11. Plenum des ZK der SED zum Kahlschlag-Plenum machte und die besten Autoren und Regisseure des Landes öffentlich anprangerte und ihre Werke verbieten ließ. Womit auch die gerade begonnene künstlerische Öffnung des Landes und die beginnende Diskussion über die eigene Gesellschaft radikal abgewürgt wurden.

    Umso verblüffender, dass Honeckers Machtübernahme 1971 dann sogar als eine Art frischer Wind empfunden wurde. Gerade unter Künstlern. Eigentlich war es gar nicht erst die Biermann-Ausbürgerung, die zeigte, dass die Honecker-Truppe überhaupt nicht abweichen wollte vom alten stalinistischen Kurs. Schon 1975 wurde zum Beispiel die Klaus-Renft-Combo verboten. Renft-Texter Gerulf Pannach unterzeichnete dann 1976 wie etliche andere beliebte und renommierte Künstler der DDR den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung.

    Den Protest wollte die SED-Spitze so bereinigen, wie sie schon frühere Protestaktionen ostdeutscher Künstler bereinigt hatte – mit Druck, Nötigung, Kesseltreiben, das einige der Unterzeichner seelisch tatsächlich zermürbte und krank machte. Viele kündigten jetzt aber endgültig ihre Beziehung zu diesem Staat – die DDR erlebte den größten Verlust ihres künstlerischen Potenzials, weil die Gemaßregelten ihre Koffer packten und lieber in den Westen gingen – wohin viele eigentlich nie gewollt hatten. Das arbeitet auch Gunnar Decker sehr quellenreich und genau heraus.

    Was alles nicht im Zentralorgan stand

    Viele DDR-Künstler sahen im Experiment DDR tatsächlich die einmalige Chance, ein anderes, menschlicheres Deutschland zu schaffen. Und das, obwohl in den Zeitungen und im Fernsehen des Landes nicht diskutiert werden durfte. Wo aber dann? Das ist das eigentlich Verblüffende an Deckers Buch, der in den 1980er Jahren Philosophie studierte an der Humboldt-Universität in Berlin: Es wurde tatsächlich diskutiert.

    Jenseits der offiziellen Zeitungen hatte sich eine informelle Welt herausgebildet, in der alles, was im Land passierte, jeder winzige Kurswechsel, jeder Lichtblick, jeder Husarenstreich tatsächlich diskutiert wurde. Und das Westfernsehen spielte dabei nur eine geringe Rolle. Auch das verblüfft. Aber allein die Bücherliste, die Gunnar Decker aufmacht, zeigt, dass dieses informelle Diskutieren das ganze Land erfasst hatte. Was die SED-Zensoren versuchten zu unterdrücken, machte trotzdem die Runde.

    Und was in den Zeitungen nicht diskutiert werden sollte, verlagerte sich in Buchtitel, die ein enormes Echo im Land auslösten und allein schon durch die verkaufte Auflage zeigten, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Selbst wenn sie jahrelang in der Genehmigungsschleife der „nicht existenten“ Zensur steckenblieben, fanden sie bei Erscheinen sofort ihre Leser. Und Decker hat sie – wie es aussieht – alle noch einmal gelesen.

    Und so kann er schon fast nur anhand von Buchtiteln die komplette Geistesgeschichte der späten DDR nachzeichnen. Angefangen von Strittmatters „Wundertäter III“ über Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“, Christa Wolfs „Kassandra“ und „Störfall“ bis zu Christoph Heins „Tangospieler“ und „Die Ritter der Tafelrunde“ oder Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“ oder „Die Übergangsgesellschaft“.

    Er vergisst auch die heiß diskutierten Theaterinszenierungen nicht, nicht den bunten Vogel Dean Reed, nicht den Weggang Manfred Krugs und auch nicht Christoph Heins Rede gegen die Zensur auf dem Schriftstellerkongress 1987. Und natürlich auch nicht die Wirkung von Gorbatschows Glasnost und Perestroika, die bei den Intellektuellen in der DDR auch deshalb auf fruchtbaren Boden fiel, weil sich engagierte Herausgeber auch bemüht hatten, die wichtigsten Autoren der sowjetischen Tauwetter- und Perestroika-Literatur in der DDR zu veröffentlichen.

    Auch das lauter Bücher, die von Hand zu Hand gingen und all die Diskussionen auslösten, die offiziell unerwünscht waren – über Hochrüstung (Aitmatows „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“), Umweltzerstörung (Rasputins „Abschied von Matjora“), das Teuflische am Stalinismus (Bulgakows „Der Meister und Margarita“), unterdrückte Forschung (Granins „Sie nannten ihn Ur“). Im Spiegel des „Großen Bruders“ wurden die Fehlentwicklungen im Land sichtbar, derselbe gnadenlose Geist und der gleiche Verlust jeglicher Utopie.

    Den genau schafften die Hardliner in der SED-Führung ja mit all ihren immer wiederkehrenden Tribunalen, Kahlschlägen, Verboten und Ausbürgerungen: Sie nahmen dem Land jede Alternative, all das, was Menschen eigentlich noch emotional mit einem Staat verbindet. Aber ein Staat, der Veränderung nicht mehr zu denken wagt, schafft ganz folgerichtig eine Stimmung der Enttäuschung, der Hoffnungslosigkeit, der Ausweglosigkeit. Und bei jenen Autor/-innen, die nach 1990 überhaupt wagten, darüber zu schreiben, wird diese Zermürbung sichtbar. Immer wieder taucht Christa Wolf derart auf im Text, auch weil sie schon vor 1989 darüber schrieb.

    Dem Verlust der Utopie folgt die Ent-Täuschung

    Die 1980er Jahre sind im Grunde ein Hallraum, in dem die namhaften Künstler dieser Enttäuschung in Film, Bild und Buch Ausdruck verliehen. Und wer Deckers Analysen dazu liest, spürt wieder die Wucht all dieser Kunstwerke, die die obersten Zensoren irgendwann einfach nicht mehr verbieten konnten. Oder auch wollten.

    Obwohl Deckers Analyse wohl stimmt: Mitte der 1980er Jahre war ihre Macht verschlissen. Sie hatten ihren Rückhalt verspielt. Sie waren lächerlich geworden und hatten sich auch lächerlich gemacht, denn gerade die besten Autor/-innen pfiffen jetzt auf die Genehmigungspraxis, veröffentlichen ihre Bücher oft gleich im Westen und schufen damit genau den Widerspruch, aus dem die Zensoren in Ostberlin nicht mehr herauskamen.

    Und beim erneuten Lesen der Bücher ist Decker noch heute verblüfft, wie genau sie den Nerv der Zeit trafen und eigentlich den Abgesang an der DDR vorwegnahmen, Jahre, bevor das berühmte Volk auf die Straßen ging. Wobei auch das nicht stimmt. Das Volk kam erst, als die Dinge längst ins Rutschen gekommen waren. Auch in der Friedlichen Revolution verweigerte die angebetete Arbeiterklasse die „führende Rolle“. Und als sie dann in Scharen kam, ging es – wie die 20 Jahre zuvor – nur noch um materielle Dinge.

    Gunnar Decker zeigt auch sehr anschaulich, wie die Entwicklungen in der Sowjetunion die Entwicklung in der DDR beeinflussten. Und wie die Selbstermächtigung schon viel früher begann, nicht erst 1989. Die Friedens- und Umweltbewegung in der DDR streift Decker nur am Rande. Beide gehören ja längst schon zum besser erforschten Teil der DDR-Geschichte, besser erforscht als die Geschichte der Künstler und Autoren, die natürlich 1976 vor einer fast unlösbaren Frage standen: Resignieren? Weggehen? Oder Weitermachen und – so wie Christa Wolf – nach der eigenen Wahrhaftigkeit suchen?

    Ergebnis offen. Auch Christa Wolf wusste nicht, wohin sie diese Selbstbefragung führen würde. So wenig, wie der Maler Werner Tübke wusste, wohin ihn die zwölfjährige Arbeit am Bauernkriegs-Panorama bei Frankenhausen führen würde. Oder Heiner Müller, der selbst verblüfft war, wohin ihn die Teile III bis V der „Wolokolamsker Chaussee“ führten.

    Die Fernseharchive der DDR zeigen die falsche Geschichte

    Wer diese letzten zehn bis 14 Jahre der DDR immer nur mit dem (Propaganda-)Material der DDR-Fernseharchive bestückt, der malt ein falsches Bild von diesem Land. Genauso falsch wie das Bild vom Hitlerreich, das durch die Propaganda-Filme der Nazi-Zeit bebildert wird und heute ganz unübersehbar einigen jungen Leuten ein verlogenes heroisches Bild vom „Vogelschiss“ suggeriert, während sie die zerstörerische, menschenfeindliche Wahrheit dieser Zeit nicht wahrnehmen.

    Und bei Gunnar Decker kommt hinzu, dass er sich auch emsig mit zugänglichen Biografien, Briefwechseln, Erinnerungen beschäftigt hat, in denen die persönlichen Beziehungsgeflechte der von ihm beleuchteten Autorinnen, Maler, Regisseure sichtbar werden. Und damit auch die ganz persönlichen Reaktionen auf alles, was in der DDR geschah. Manche rieben sich auf bis zur körperlichen Zerstörung – so wie Franz Fühmann oder Konrad Wolf, der mit „Solo Sunny“ einen der eindrucksvollsten Filme über die DDR-Endzeit drehte.

    Sein eigentliches Vermächtnis aber schaffte er nicht mehr, in einen Film zu verwandeln. Aus diesem Material machte dann sein Bruder Markus Wolf das Buch „Die Troika“, das noch kurz vor Ende der DDR für Furore sorgte. Denn Markus Wolf war ja nicht irgendwer: Bis 1986 war er Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes gewesen. Sein Rücktritt und sein Bruch mit der Honecker-Linie waren eigentlich ein kleines Erdbeben. Gab es also in der Nomenklatura doch noch Leute, die den Mut hatten, eine Perestroika in der DDR zu wagen?

    Sie kamen, wie wir wissen, nie zum Zug. Und auch Gorbatschow erntete ja in der Sowjetunion nicht die Früchte, die er gern ernten wollte. Auch die Analysen zum Zustand der Sowjetunion in Deckers Buch sind lesenswert. Denn natürlich stand auch all das nicht in DDR-Geschichtsbüchern. Und in neueren steht es auch nicht. Und Deckers Buch macht sichtbar, warum das so ist, warum der übliche Rückgriff auf offizielle Zeitungen und Fernsehbeiträge ein falsches Bild ergeben muss. Es ist wie mit der kompletten Geschichte der Dissidenz in der DDR: Da sie nie offiziell war, ist sie nur aus persönlichen Quellen, Akten und Archiven rekonstruierbar.

    Ein Land, das sich selbst unter Verschluss hielt

    Decker erwähnt ja auch Rudolf Bahro, dem er im Westen eine größere Rolle einräumt als im Osten, was auch daran lag, dass seine „Alternative“ nur im Westen erscheinen durfte, obwohl sie kenntnisreich wie kein anderes Buch den Zustand der Wirtschaft im Ostblock analysierte. Aber das sollten ja die von jubelnden Parteitagen und immer neuen Planübererfüllungen berauschten Bürger der DDR nicht erfahren, denn dann hätten sie 1977 schon gewusst, dass die Art des Wirtschaftens, die da praktiziert wurde, nur in einem ökonomischen Debakel enden konnte. Und musste. Es war nur eine Frage der Zeit.

    Vielleicht wurde Bahro tatsächlich nur wenig rezipiert in der DDR. Aber was in seiner „Alternative“ stand, war zumindest bekannt. Und die DDR-Bewohner hatten sehr wohl mitbekommen, was die Krisen der 1970er Jahre (Kaffeekrise, Erdölkrise) für ökonomische Folgen hatten. Nur findet man die Diskussionen darüber in keinem Zentralorgan, in keiner Parteitagsrede, in keinem ZK-Beschluss. 99 Prozent dessen, was in der DDR geschah, was das Land veränderte und immer weiter in die Sackgasse führte, wurde nirgendwo offiziell dokumentiert. Manchmal blieb es einfach Verschlusssache, manchmal wurde dessen Erwähnung schon zum Beginn schlimmster Sanktionen gehen die Betroffenen.

    So gesehen waren Bücher, Filme und Theaterstücke nicht einmal nur ein Ventil für das Nichtsagbare, sondern die Autor/-innen in ihrer Not machten es auf künstlerische Weise sagbar, erfahrbar und lesbar. Oft in verkleideter Form. Aber für viele Enttäuschte, Frustrierte und nach Leben Hungernde waren diese Bücher, Filme, Theaterinszenierungen, Gedichte und Lieder (Bettina Wegners „Sind so kleine Hände“ zum Beispiel) wie eine Überlebensration. Das nötige Stück Zuversicht, den Zustand des Landes als veränderbar zu denken und sich nicht völlig entmutigen zu lassen, es auch zu verändern. All das, was 1989 geschah, ist ohne diesen geistigen Hintergrund und Vorlauf nicht denkbar.

    Gunnar Decker einmal selbst zitiert: „Die Bedeutung, die diese Veröffentlichungen damals für uns hatten, lässt sich kaum überschätzen, sie waren buchstäblich geistige Nahrung, etwas, das man heute, im Zustande geborener Sattheit nicht mehr versteht.“

    Da bezieht er sich auch auf die oft mit jahrelanger Hartnäckigkeit ermöglichten Veröffentlichungen etwa von Bloch und Hilbig im Reclam-Verlag.

    Ein ganzes Land nur Makulatur?

    Und 1990 war das auf einmal – Makulatur. In dem Jahr mussten ja bekanntlich die DDR-Verlage einen großen Teil ihrer Jahresproduktion schreddern lassen, weil die Buchhandlungen endlich mit dem ersehnten Bücherangebot aus dem Westen geflutet wurden. Dabei gerieten auch Dutzende seit Jahren erwartete Titel in den Schredder, die in der „alten“ DDR für Furore und Diskussionen gesorgt hätten – im neuen, geeinten Deutschland aber keine Rolle mehr spielten. Auch weil nicht nur Westverlage den ostdeutschen Markt fluteten, sondern weil auch die großen westdeutschen Medienkonzerne die Deutungsmacht über den Osten übernahmen, die sie bis heute nicht aufgegeben haben.

    Deswegen riss die eigentliche ostdeutsche Diskussion, die bis 1989 nicht hatte öffentlich sein dürfen, abrupt ab. Mit Folgen, die auch ins Psychische gehen. Decker zitiert dazu Helga Königsdorf mit den Worten: „Ich empfand den einseitigen Politiktransfer von West nach Ost als demütigend. Demütigungen sind immer gefährlich, weil die meisten Menschen dann jemanden brauchen, an den sie diese Demütigungen weitergeben können.“ Geschrieben vor 30 Jahren. Und erstaunlich hellsichtig.

    Und Gunnar Decker benennt auch etwas, was die Bewerter zurückliegender Geschichte fast immer vergessen, weil sie schlicht übersehen, dass sie die Folgen von Geschichte schon kennen. Die aber, die im entscheidenden Moment handelten (oder auch nicht handelten), kannten die Folgen nicht. Konnten sie nicht kennen. Decker: „Solche Weichenstellungen in der Geschichte muss man immer erinnern, will man mehr als bloßes Treibgut im Hier und Jetzt sein. Wie kamen bestimmte Entscheidungen zustande, welche Umstände und Hintergründe spielten mit hinein in das, was sich dem Einzelnen dann als schicksalhaftes Geschehen darbot?“

    Erst wenn man diesen Blick öffnet, sieht man auch die ganze Geschichte der DDR mit ihren Scheidepunkten, Sackgassen und Akteuren, die eben nicht immer nur Ulbricht und Honecker hießen. Und man sieht, dass das Gebilde, dessen Führungszirkel so massiv versagt hatte, mehr war als nur ein Provisorium, das 1990 einfach per Federstrich rückgebaut werden konnte.

    Als hätte all das nie eine eigene Identität gehabt, eigene Lebenserfahrungen und Anteil an dem, was ab 1976 in Bewegung kam. Im Osten wohlgemerkt. Nicht im Westen. Der hat auch nach 1990 so getan, als müsse er sich nicht verändern und könne seine Sicht auf alles, was geschah, einfach drüberstülpen. Und das ganze verachtete Ländchen einfach ausradieren aus der (gemeinsamen) deutschen Geschichte.

    Es braucht wieder den unbefangeneren Blick des Historikers, der nicht mit Scheuklappen auf diesen als ätschibätschi betrachteten Teil der deutschen Geschichte schaut, sondern auch sehen will, was da liegt – bis hin in diese letzten 14 Jahre, in denen es zuallererst die Intellektuellen waren, die wieder um den aufrechten Gang und das Stückchen menschliche Souveränität zu ringen begannen, ohne das weder ein Staat zu machen ist noch eine Revolution. Die Friedliche Revolution ist ohne diesen Vorlauf nicht denkbar.

    Gunnar Decker Zwischen den Zeiten, Aufbau Verlag, Berlin 2020, 28 Euro.

    Die DDR und der Rest der Welt: Ewald Königs Notizen über ein Land, das noch immer sein Eckchen im Geschichtsbuch sucht

    Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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