Hoheneck – das war das berüchtigte Frauenzuchthaus bei Stollberg, in dem in der DDR-Zeit über 24.000 Frauen eingesperrt wurden. Unter Haftbedingungen, die dem heutigen Besucher nur das kalte Grausen kommen lassen. Denn seit 2024 kann man das sanierte Gebäudeensemble als Gedenkstätte besichtigen. Und ein Gefühl dafür bekommen, wie gnadenlos in der DDR nicht nur mit kriminell gewordenen Frauen umgegangen wurde, sondern auch mit den sogenannten Politischen.

Deren Schicksale standen bislang im Mittelpunkt der Erinnerung an Hoheneck. Der Historiker Sebastian Lindner hat jetzt die Geschichte des Zuchthauses selbst zum Thema gemacht.

Eine Perspektive, die auch aus Sicht der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eher ungewöhnlich war. Sind nicht die Erinnerungen und Lebensberichte der Frauen, die in Hoheneck eingesperrt waren, der wichtigste Teil der historischen Aufarbeitung?

Am Ende staunte selbst Dr. Nancy Aris, die Landesbeauftragte. Denn was Lindner hier aus meterlangen Aktenreihen in verschiedensten Archiven zur Funktionsweise von Hoheneck herausgearbeitet hat, ergänzt die Erinnerungen der Frauen nicht nur, sondern macht sichtbar, wie das Repressionssystem in der DDR funktionierte.

Und Lindner macht auch sichtbar, wie selbst das Gefängnissystem der DDR unter denselben Verschleißerscheinungen litt wie das ganze Land. Nur ein einziges Gefängnis wurde in der DDR-Zeit neu gebaut. Alle anderen stammten aus den vorhergehenden, ja bekanntlich auch nicht so lichten Epochen.

Hoheneck selbst wurde ab 1862 als „Weiberzuchthaus“ errichtet. Und an der Bausubstanz hat sich praktisch auch bis in die DDR-Zeit nicht viel verändert. Im Gegenteil: Auch nach 1950, als erst das Justizministerium von der SMAD das Zuchthaus übernahm und dann weitergab ans Innenministerium, waren die baulichen Schäden unübersehbar. Schäden, unter denen auch die inhaftierten Frauen litten.

Erst recht, als die Justizpraxis der DDR dazu führte, dass das auf 650 Plätze ausgelegte Zuchthaus über Jahre hinweg bis zum Doppelten überbelegt war. Ein Zustand, den es so ähnlich auch in den anderen Gefängnissen der DDR gab. Aber es wird nicht nur die desolate Situation im DDR-Gefängniswesen sichtbar, sondern immer wieder auch mit Blick auf die Gesetzesnovellierungen und amtlichen Schreiben des Innenministers auch der Geist, der dazu führte, dass es immer wieder zu neuen Verurteilungswellen kam, die die Gefängnisse aus allen Nähten platzen ließen.

Erziehung als Strafe, Strafe als Erziehung

Und zu diesem Geist gehört das zentral installierte Denken über Strafe und Erziehung, das immer wieder Wellen der Verschärfung erlebte. Die DDR rühmte sich zwar öffentlich, ein Gefängniswesen nach internationalem Standard zu betreiben.

Aber mit Sebastian Lindner bekommt man einen durch Akten, Statistiken und Berichte belegten Einblick in einen Haftalltag, der mit internationalen Standards nicht viel zu tun hatte. Der im Gegenteil von Rücksichts­losigkeit, Härte, schlechter Essensversorgung und vor allem Zwangsarbeit geprägt war.

Denn hunderte Betriebe in der DDR nutzten die Nähe solcher Haftanstalten, um dort einen Teil ihrer Produktion billig auslagern zu können. Schön für den „sozialistischen Wettbewerb“, in dem dann – auf Kosten der Gesundheit der Zwangsarbeiter/-innen – die Planvorgaben übertroffen wurden. Aber für die Frauen war es eben auch noch zusätzliche Schikane, die auch noch miserabel bezahlt wurde, weil der größte Teil des Geldes, das sie „verdienten“, zur Begleichung ihrer Haftkosten verwendet wurde.

Was übrigblieb, war geradezu kärglich und konnte von den Frauen in einem meistens ebenso kärglich bestückten Kiosk im Zuchthaus eingelöst werden.

Lindner beleuchtet aber auch die Struktur der Zuchthausverwaltung, widmet den Leitern der Anstalt ein ganzes Kapitel, in dem schon recht deutlich wird, wie ungenügend das Leitungspersonal für die DDR-Gefängnisse eigentlich für die Aufgabe ausgebildet war. Er beleuchtet die Situation in der Krankenstation, die erst spät überhaupt einen richtigen Arzt als Leiter bekam.

Er geht auf das Dienstpersonal ein, vom Wachpersonal bis zu den „Erzieherinnen“, die tatsächlich so hießen. Denn selbst im Zuchthaus galt: Die „sozialistischen Persönlichkeiten“ mussten erzogen werden. Was sich in Hoheneck letztlich als Farce erwies. Denn gerade den „Politischen“ misstraute man zutiefst, hatte eher Angst davor, dass sie mit ihrer kritischen Haltung zur SED-Macht die anderen Frauen anstecken könnten.

Arbeit als Zwang

Aber gerade beim Thema „Erziehung durch Arbeit“ wird auch das, was Lindner herausarbeitet, sehr deutlich: Zur Arbeit hatten die „führenden Genossen“ eigentlich genau dieselbe Einstellung für frühere deutsche Autokratien. Dass man Menschen durch Arbeit bessern könnte, war eine reine Fiktion. Es ging nur um die Arbeitskraft der schlecht ernährten und medizinisch schlecht versorgten Frauen, die in Hoheneck Elektromotoren wickelten, Kleider ausbesserten und Strumpfhosen für Esda produzierten.

In schlecht beleuchteten und ungenügend belüfteten Hallen, in denen sie ihre Normen bringen mussten, sonst bekamen sie nicht einmal das klägliche „Taschengeld“, mit dem sie sich im Anstaltsladen etwas kaufen konnten.

Kein Wunder, dass die Direktoren der Betriebe, die in Hoheneck produzieren ließen, an dieser Ausbeutungspraxis bis zum Schluss festhielten und sich gegenüber der verantwortlichen Polizeidienststelle, der Hoheneck unterstand, eher für den Erhalt der miserablen Arbeitsbedingungen einsetzten als für deren Verbesserung.

Dass viele Frauen unter diesen Bedingungen krank wurden und Schäden fürs Leben davontrugen, gehört mit in diese Bilanz. Genauso wie die Tatsache, dass im Grunde kein Verantwortlicher für dieses rücksichtslose Regime zur Verantwortung gezogen wurde. Verblüffender für Lindner war eher die Tatsache, dass es das MfS war, das sich – auch in der Haftanstalt, wo es eine eigene Zweigstelle unterhielt – für die Abstellung von Missständen einsetzte.

Aber das nachweislich nicht aus humanitären Gründen, sondern eher aus Sorge, die Missstände könnten zu Unruhen unter den inhaftierten Frauen (und schlechter Presse im Westen) führen.

Ein Name sorgt für Abschreckung

Und so wird eben auch ein Verwaltungsregime im Zuchthaus sichtbar, das in vielen Belangen labil und prekär war, ein oft genug ungenügender Kompromiss zwischen hehren Ansprüchen und einer schäbigen Wirklichkeit, in der die Frauen eigene Strategien entwickeln mussten, um diese Zeit irgendwie durchzustehen. Und das mit oft drakonischen Strafmaßen und dem Entzug ihrer Kinder.

Der staatliche Umgang mit den Kindern der inhaftierten Frauen ist ein Kapitel für sich. Lindner beleuchtet natürlich auch die Gründe, warum die Frauen in Hoheneck einsitzen mussten. Ein Kapitel, mit dem auch die Arbeits- und Lebensbedingungen in der DDR ein Stück weit sichtbar werden. Ein Land, in dem das alte Denken über „asoziales Verhalten“ noch immer Gesetzeskraft hatte.

Und gleichzeitig wird eben auch das hierarchische und autoritäre Denken sichtbar, mit dem die SED das ganze Land verwaltete. Und in das sich die Bewohner der DDR so gut wie möglich einfügten. Denn Namen wie Hoheneck wirkten auch abschreckend. Genauso wie Bautzen oder Roter Ochse.

Man wusste, wie drakonisch das Nichtangepasstsein oder gar der Widerstand gegen die Zumutungen der SED-Herrschaft bestraft wurden. Oder – wie es am Ende den Hauptteil der politisch Verurteilten betraf – schon der Versuch, das zugemauerte Land zu verlassen.

Während mit den Schicksalsberichten der Frauen, die aus ihrer Haftzeit in Hoheneck berichtet haben, die Folge für die Betroffenen inzwischen auch in den Medien sichtbar thematisiert wurden, macht Sebastian Lindner in diesem Buch sichtbar, wie die Maschinerie funktionierte, die Hoheneck am Laufen hielt. Wie die miserablen Bedingungen für die inhaftierten Frauen nicht nur Folge der DDR-Mangelwirtschaft waren, sondern in der Regel auch ganz gewolltes Mittel, die Frauen gefügig zu machen und ein militärisch organisiertes Kommandoregime im Zuchthaus am Laufen zu halten.

Aber genau dieser Blick gehört dazu, wenn man verstehen will, wie die SED-Herrschaft in der DDR funktionierte, wie hinter allen Parteitagsreden und sozialistischen Phrasen immer ein Staatsdenken stand, das Abweichungen von der „Parteilinie“ drakonisch bestrafte und auf Abschreckung setzte, wo so gern von „sozialistischer Erziehung“ die Rede war.

Zumindest am Rand streift Lindner jene Statistiken, die von schweren Unfällen, Selbstverletzungen und Todesfällen in Hoheneck erzählen. Geradezu verstörend sind dann die in den Text eingefügten Bilder aus einer internen Schrift der Haftanstalt, in denen dargestellt wurde, wie die ideale Ausstattung der Haftanstalt eigentlich aussehen sollte.

Es sind Bilder, die mit der erlebten Wirklichkeit in den überalterten Gebäuden nicht viel zu tun hatten. Selbst die 2024 eröffnete Gedenkstätte lässt ahnen, wie groß der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit war.

Lindners Buch ergänzt die bekannten Berichte der Frauen, die von ihren schlimmen Erlebnissen in Hoheneck erzählt haben. Es erlaubt den Blick hinter die Kulissen. Und ist gerade deshalb an vielen Stellen umso beklemmender, auch weil es zeigt, wie wenig Spielraum die eingesperrten Frauen tatsächlich hatten, dem rabiaten Ausnutzungsregime in Hoheneck zu entkommen.

Sebastian Lindner „Hoheneck“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 15 Euro.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar