Ostdeutsche können auch anders: Das bewiesen die Einwohner von Halle, als sie den Naturwissenschaftler, Netzwerker und begeisterten Kleingärtner Karamba Diaby 2013 erstmals in den Bundestag wählten. Dort vertrat er seine Heimatstadt Halle (an der Saale) drei Legislaturperioden lang. Im Sommer 2024 gab er dann bekannt, dass er nicht noch einmal für ein Bundestagsmandat antreten werde. Aber wie sieht so eine Bilanz für elfeinhalb Jahre im Bundestag eigentlich aus? Stoff für eine Rückschau.

Die organisierte Andrej Stephan, Historiker von Beruf und von 2015 bis 2025 Wahlkreismitarbeiter von Karamba Diaby. Was Wahlkreismitarbeiter so alles machen und erleben, das wird in den Beiträgen in diesem Buch auch erzählt. Es sind lauter Beiträge von Mitstreitern, Wegbegleitern, Freunden und Unterstützern des SPD-Bundestagsabgeordneten, aber auch von Menschen, deren Initiativen und Anliegen in diesen elfeinhalb Jahren spürbare Unterstützung durch ihren Abgeordneten in Berlin bekamen.

Denn in Berlin werden nun einmal auch Entscheidungen gefällt für die Wahlkreise, aus denen die Abgeordneten kommen. Und man merkt in diesen Wahlkreisen sehr wohl, ob ihre Abgeordneten zum Beispiel um Fördergelder und Ansiedlungen kämpfen oder eben nicht.

Das geht nur mit jeder Menge Geduld und etwas, was dem im Senegal geborenen Karamba Diaby ganz offensichtlich in die Wiege gelegt wurde: sein enormes Talent, im Gespräch sofort Vertrauen herzustellen und Kontakte zu knüpfen. Eine Eigenschaft, die auch hilft, wenn man in eine politische Laufbahn einsteigt, was Diaby ja wiederum nicht in die Wiege gelegt wurde.

Nach Deutschland kam er 1985, um hier ein Chemiestudium aufzunehmen, was ihn 1989 nach Halle führte. 1996 legte er seine Promotion vor, deren Thema die Schwermetallbelastung in den Böden von Kleingartenanlagen war. Die Liebe zum Kleingarten ließ ihn bis heute nicht los. Selbst in seinen Wahlkämpfen wählte er die grünen Oasen in seinem Hallenser Wahlbezirk immer wieder für Gesprächsformate.

In Zeiten entfesselter Medien

Auch dadurch machte er sich vor Ort einen Namen, wurde geradezu zum Gesicht seiner Heimatstadt. Und zeigte einfach durch seine Präsenz, dass der Osten nicht das ist, als was er in den großen westdeutschen Medien immer wieder gemalt wird. Und auch Halle hatte in den Mainstream-Medien dieses finstere Image verpasst bekommen. Das war so schön bequem. Da musste man nicht hinfahren und sich mit den komplexen Gemengelagen in den ostdeutschen Bundesländern beschäftigen.

Dafür durfte man dann elf Jahre lang staunen, dass ein Mann wie Karamba Diaby für Halle im Bundestag saß, sich dort in mehreren Gremien profilierte und sich auch nicht einschüchtern ließ, wenn es zunehmend Anschläge auf seine Hallenser Wahlkreisbüros gab und die Drohungen in den „Social media“ immer aggressiver wurden.

Diese Drohungen, so sagte er am Ende, seien nicht der wesentliche Grund gewesen, dass er nicht noch einmal für den Bundestagswahlkampf antrat. Aber sie spielten eben doch eine Rolle. Sie erzählen von einer Gesellschaft, in der völlig entfesselte Medien das Schlechteste und Schlimmste in den Menschen befeuern – von der Politikerverachtung bis hin zum Rassismus.

Dass die Leute, die auf den dort gepflegten Furor aufspringen, in der Regel gar nichts wissen über die Arbeit von Politikern im Allgemeinen und Bundestagsabgeordneten im Speziellen, macht die Sache nicht besser. Ahnungslosigkeit ist für nichts eine Entschuldigung. Und wer sich jetzt in die vielen kleinen Beiträge in diesem Buch stürzt, bekommt ein wenig mit, wie stressig und arbeitsintensiv das Leben eines Bundestagsabgeordneten ist.

Erst recht, wenn er nicht nur auf den Ausschusssitzungen und Plenartagungen in Berlin rotiert, sondern auch jede Gelegenheit wahrnimmt, in seinem Wahlkreis präsent zu sein und sogar mal Kittel oder Blaumann anzieht, um in die Rolle der ganz normalen Erwerbstätigen zu schlüpfen. „Perspektivwechsel“ nennen das jene Abgeordneten, die das tatsächlich machen und dabei mit kleinen und größeren Gewerbetreibenden, Beschäftigten und Kunden ins Gespräch kommen. Ein geradezu unerlässliches Korrektiv für die „Blase Berlin“.

Die ignorierte Vielfalt des Ostes

Und diese Kontakte hat Diaby genauso gepflegt, wie er sich in mehreren Vereinen und Initiativen engagierte, sich für Kleingartenvereine, das alte Stadtbad, die Freiwillige Feuerwehr und das THW interessierte. Oder sogar die Schaffung einer neuen Wetterstation in Halle-Zwönitz, über die in diesem Band der berühmte Wettermann Jörg Kachelmann selbst schreibt.

Aber auch SPD-Schwergewichte aus dem Bund und aus Halle, wo Diaby auch eine Zeit lang Mitglied des Stadtrates war, kommen zu Wort. Manche haben ihre Beiträge als Dankesschreiben formuliert. Auch etliche der Menschen, die Diaby in dieser Zeit als Mitarbeiter/-innen begleiteten und einen Mann erlebten, der sich auch um seine Praktikanten und Wahlkreismitarbeiter kümmerte.

Was doppelt wichtig wurde, als sich die aggressiven Wortmeldungen in den „Social Media“ häuften, die nun einmal nicht der Abgeordnete als erster abbekam, sondern die jungen Leute, die seine Accounts betreuten.

Da und dort klingt an, welch eine Belastung dieser entfesselte Hass für die Menschen ist, die mit ihm umgehen müssen. Ein Hass, der auch zupappt, dass der Osten viel vielfältiger ist, als er in der Sicht dieser Posting-Verfasser aussieht. Oder in der Sicht jener Journalisten, die sich immer nur auf die Rechtsextremisten im Osten konzentrieren, aber die lebendige Gemeinschaft außerhalb der rechten Blasen meistens ignorieren. Und damit schwächen.

Auch deshalb ist dieses Buch wichtig, weil es zeigt, dass es abseits der rechten Blasen eine sehr lebendige Demokratie im Osten gibt. Und dass es Menschen wie Karamba Diaby braucht, die dieser Vielfalt eine Stimme geben und mit ihrer offenherzigen Art auch zeigen, dass sich Demokraten nicht einschüchtern lassen dürfen. Oder gar wegducken und den verlogenen Argumenten der Rechtsextremen auf den Leim gehen.

Aber dazu braucht man Haltung und Mut. Und beides bescheinigen die Autor/-innen in diesem Buch ihrem Abgeordneten. Und so nebenbei wird das Buch eben auch eine Art Bilanz für elfeinhalb Jahre Arbeit im Bundestag. Nicht nur für Halle.

Andrej Stephan (Hrsg.) „Karamba Diaby. Ackern für (H)Alle“, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2025, 24 Euro.

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