Zuerst stutzt man: Klassengesellschaft? Gibt es denn überhaupt noch Klassen? Leben wir nicht in einer Eiapopeia-Wohlfühl-Wohlstands-Gesellschaft? Zumindest, wenn man einschlägigen Parteien und Medien glauben darf. Der Begriff „Klasse“ ist geradezu verschwunden. So wie der einst die Politik aufwühlende Klassenkampf. Aber die Göttinger Soziologin Nicole Mayer-Ahuja belehrt ihre Leserinnen und Leser bald eines Besseren. Und zeigt auch sehr deutlich, warum unsere Gesellschaft derart zerrissen, trostlos und aggressiv geworden ist.

Denn am Ende ist alles Wirtschaft. Oder mit den Worten von Bill Clinton: „It’s the economy, stupid!“ Mit einer gut laufenden Wirtschaft gewinnt man Wahlkämpfe, hält das Volk bei guter Laune, kann den Staat ausfinanzieren und die Zufriedenheit mit der Demokratie stärken.

Nur: Irgendetwas ist da in den vergangenen 40 Jahren schiefgelaufen. Und zwar an einer Bruchstelle, die ganz elementar ist für das Vertrauen der Malocher in die Demokratie, den Staat, die Parteien. Auch wenn das erst im vierten Kapitel von Mayer-Ahujas Analyse richtig deutlich wird.

Denn vorher nutzt sie die Gelegenheit ausführlich, um die Leser daran zu erinnern, dass die Klassen nicht verschwunden sind, auch wenn sie in der Wirtschaftswissenschaft und der Soziologie jahrzehntelang nicht mehr vorkamen, abgeräumt mitsamt Karl Marx und seinen (scheinbar) veralteten Thesen zur Funktionsweise von Kapital und Lohnarbeit.

Nur: Daran hat sich nicht wirklich etwas geändert, auch wenn sich die Lohnarbeit seit Beginn des industriellen Zeitalters vor 200 Jahren immer weiter verändert hat. So sehr, dass viele Lohnbeschäftigte heute gar nicht mehr wahrnehmen, dass sie nach wie vor die „doppelt freien“ Arbeitskräfte sind, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihr Leben zu fristen. Und die „Reproduktion der Arbeitskraft“, was Mayer-Ahuja nicht ohne Grund deutlich hervorhebt.

Denn wenn es keine Menschen mehr gibt, die ihre Arbeitskraft verkaufen können und müssen, haben auch die Manager der großen Unternehmen ein Problem. Sie brauchen nicht nur die Rohstoffe, die sie in die Produktion einschleusen, sondern auf allen Ebenen willige, qualifizierte und möglichst auch sehr produktive Menschen, die daraus verkäufliche Produkte herstellen.

Und da geht es schon lange nicht mehr um die typischen Industriearbeiter, die unser Bild von Arbeiterklasse prägen. Und die sich mit starken Gewerkschaften über 150 Jahre auch eine Reihe wichtiger sozialer Absicherungen erkämpft haben.

40 Jahre neoliberale „Reformen“

Längst leben wir in einer wachsenden Dienstleistungsgesellschaft, die von Arbeitsverhältnissen geprägt ist, in denen man die vollwertige Arbeit des klassischen Industriearbeiters auf den ersten Blick nicht mehr erkennt. Auf den zweiten schon.

Denn seit 1985, seit die damalige schwarz-gelbe Regierung im Bund damit anfing, den Arbeitsmarkt zu „reformieren“ und immer mehr prekäre Arbeitsmodelle gesetzlich zu ermöglichen, sind immer mehr Menschen in Arbeitsverhältnisse gerutscht, die mit dem klassischen Verständnis von Arbeit nichts mehr zu tun haben. Stichworte sind Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Minijobs, Outsourcing.

Alles übrigens nichts wirklich Neues. Unternehmer haben auch schon zu den Zeiten von Marx und Engels versucht, die Belegschaften zu differenzieren, Kernbelegschaften und Randbelegschaften zu schaffen, den einen mehr zu zahlen und mehr Rechte zuzugestehen und die anderen bewusst abzuwerten. Denn damit verhindert man nicht nur innerbetriebliche Solidarität, sondern schafft auch Misstrauen, Neid und einen künstlich geschaffenen Wettbewerb um die besseren Arbeitsplätze.

Und es bleibt nicht im einzelnen Unternehmen. Denn einerseits mobilisiert der Kapitalismus immer mehr Arbeitskräfte und schürt die Konkurrenz, indem er z.B. Frauen von vornherein als Billigarbeitskräfte einsetzt. Und nicht nur Frauen fungieren in dieser Rolle, die den Druck auf die besser dotierten Männerarbeitsplätze erhöht. Auch Migranten haben von Anfang an diese Rolle gespielt, wurden – wie die „Gastarbeiter“ – als billige Aushilfskräfte ins Land geholt. Aber sie waren auch immer die ersten, die entlassen wurden.

Und sie sind auch heute diejenigen, die zumeist in den prekären Arbeitsbereichen eingesetzt werden. Die Beschäftigten in der „Vollwertarbeit“ hatten also immer das Beispiel vor Augen, was passiert, wenn sie selbst keine Leistung bringen.

Wie man die Basis für Familiengründungen zerstört

Wie ausgeklügelt die Modelle mittlerweile sind, schildert Mayer-Ahuja ausführlich. Es gibt längst genug Studien und Befragungen dazu, auch wenn diese in den Medien weitgehend ignoriert werden. Eben auch, weil Redakteure kaum eine Vorstellung davon haben, unter welchen Bedingungen die meisten Lohnabhängigen arbeiten. Und arbeiten müssen.

Wer nichts besitzt – kein Land, kein Kapital –, der muss seine Arbeitskraft verkaufen, wenn er seine „Arbeitskraft reproduzieren“ will. Was nicht nur tatsächliche Kraft und Gesundheit betrifft. Mayer-Ahuja merkt es fast beiläufig an. Denn wer „produziert“ eigentlich die Arbeitskräfte von morgen?

Da wird es spannend, denn spätestens hier wird deutlich, dass Arbeitspolitik direkt mit Sozialpolitik zusammenhängt. Und mit der Frage, wie viel freie Zeit und wie viel Geld die Lohnabhängigen zur Verfügung haben, um eine Familie zu gründen und sich um die Kinder zu kümmern.

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der sich die ökonomischen Bedingungen für eine Familiengründung über vier Jahrzehnte schleichend immer mehr verschlechtern? In der gerade die jungen Berufsanfänger zuallererst mit Arbeitsmodellen konfrontiert werden, die eigentlich eine Familiengründung ausschließen? Also nicht einmal die verlässlichen Bedingungen vorfinden, mit denen noch ihre Eltern ins Arbeitsleben eingetreten sind.

Und Minijobs (mit denen meist Frauen das nötige Geld zur Familienkasse beitragen), Leiharbeit und immer höhere Anforderungen an Flexiblität, Mobilität und Überstunden-Bereitschaft (gern verkauft als „mehr Selbstverantwortung“) sorgen zwangsläufig dafür, dass sich die Basis für eine Familiengründung rapide verschlechtert.

Und so merkt man spätestens im vierten Kapitel, dass es eine Wirtschaft ohne politische Rahmensetzung nicht gibt. Dass es die Politik ist, die mit Gesetzen den Rahmen festlegt, innerhalb dessen Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Einziges Rezept: Immer mehr Druck

Mayer-Ahuja stellt das ganze neoliberale Wirtschaftsverständnis, das seit über 40 Jahren das politische Handeln auch in Deutschland bestimmt, vom Kopf auf die Füße. Und zeigt letztlich auch, wie sehr die politischen „Schmarotzer“-Kampagnen nichts anderes sind als Aktionen, mit denen die übermächtigen Unternehmenseigner dafür sorgen, dass der Druck auf die Menschen, ihre Arbeitskraft um jeden Preis – auch den schlechtesten – zu verkaufen, immer weiter gewachsen ist.

Das letztlich schärfste Mittel war dann 2005 die Einführung der Hartz-Gesetzgebung, die letztlich, wie Mayer-Ahuja feststellt, eine umfassende Enteignung der Versicherten war.

Denn sie nahm den Beschäftigten, die jahrzehntelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatten, genau dieses Kapital, schrumpfte das Anrecht auf Arbeitslosengeld auf ein Jahr und setzte alle Arbeitsuchenden, die dann im ALG II landeten, dem radikalen Druck aus, sich umgehend wieder um einen Job zu bemühen. Egal welchen.

So hat sich der Staat zum Komplizen der Wirtschaftsbosse gemacht. Und wer die Verlautbarungen der aktuellen Regierung liest, weiß: Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Die Wähler haben sich 2025 die nächste Regierung gewählt, die den Druck auf die Beschäftigten weiter erhöht.

Mit fatalen Ergebnissen, wie Mayer-Ahuja zu Recht feststellt. Denn genau an dieser Stelle zerbricht unsere Gesellschaft. Weil immer mehr – vor allem junge Menschen – im Arbeitsleben erfahren, dass Vertrauen und Sicherheit zerstört sind. Selbst wenn sie einen heiß begehrten vollwertigen Job bekommen, haben sie – meist gleich in der nächsten Abteilung – die Beispiele vor Augen, wie schlechter bezahlte und prekäre Arbeit aussieht. Und damit wächst – im ganzen Land – die Angst, wieder abzustürzen. In einem dieser Billigjobs zu landen, die nicht mal reichen, um eine ordentliche Wohnung zu finanzieren.

Testfeld Ostdeutschland

Es ist die Politik gewesen, die die Angst in den deutschen Arbeitsmarkt eingepflanzt hat. Und gleichzeitig reihenweise Unternehmen dazu animiert hat, die Gewerkschaften zurückzudrängen und aus Tarifverträgen auszusteigen. Eine Erfahrung, die besonders Ostdeutsche nach 1990 machen durften, als sie quasi Objekte einer umfassenden „Liberalisierung“ des Arbeitsmarktes wurden.

Viele von ihnen erfuhren schnell, wie es sich in outgesourcten Unternehmen und Abteilungen arbeitet. Man wurde nicht nur Bürger 2. Klasse, sondern Beschäftigter 2. und 3. Klasse. Schlechter bezahlt, aber mit einem deutlich höheren Druck, die Zumutungen des Managements zu erfüllen. Denn in den neu geschaffenen prekären Arbeitsbereichen galt und gilt der Einzelne jederzeit als ersetzbar. Im Jobcenter warten ja schon die Nächsten, die den mies bezahlten Job haben wollen. Oder müssen.

In diesem vierten Kapitel merkt man letztlich, wie systematisch seit 1985 die deutsche Arbeitswelt zerstückelt und prekarisiert wurde. Wieviele Bereiche das inzwischen umfasst – von der Pflege über die Logistik bis zu Reinigung und Einzelhandel – wurde in den vorhergehenden Kapiteln schon sehr deutlich. Wer Arbeit derart zerhackstückt, der sorgt auch dafür, dass immer mehr Menschen keine gewerkschaftliche Vertretung mehr haben. Und damit für ein Schwinden jener Solidarität, mit der (westdeutsche) Industriearbeiter einst ihre Erfolge im Arbeitskampf erzielten.

Das muss nicht zu Ende sein. Mayer-Ahuja schildert auch einige erfolgreiche Arbeitskämpfe der jüngeren Zeit. Wenn Belegschaften und Gewerkschaften es schaffen, die neu hochgezogenen Mauern und Abschottungen zu überschreiten, können sie wieder den nötigen Druck aufbauen, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu erkämpfen.

Und das kann und muss sogar weitergehen, stellt die Autorin mit Bezug auf mehrere aktuelle Studien fest.

Die Sollbruchstelle der Demokratie

Denn genau hier – im Arbeitsleben – entscheidet sich, ob Menschen Vertrauen in Demokratie und Politik entwickeln. Oder aufgeben, die Kraft, den Mut und das Vertrauen verlieren. Ausgepowert von Arbeitsbedingungen, die ihnen nach der Arbeit nicht mehr die Kraft lassen, „sich um private und familiäre Angelegenheiten zu kümmern“.

Also um das, worum es im Leben eigentlich geht, auch wenn es im Schema der Ökonomie nur als „Reproduktion der Arbeitskraft“ auftaucht. Und da geht es nicht nur um die Fitness, mit der sich gut dotierte Spitzenarbeitskräfte ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten versuchen. Da geht es wirklich um Partnerschaft, um Kinder, um das Gefühl, ein selbstgestaltetes Leben zu führen. Also um das, worum es im Leben eigentlich geht.

Nicht die Lohnarbeit sollte der Mittelpunkt des Lebens sein (und die Kräfte des Beschäftigten völlig verzehren), sondern das „freie“ Leben in einer selbstgestalteten Partnerschaft. Mit Kindern, die nicht nur künftige Arbeitskräfte sind (und im deutschen Bildungssystem schon früh beigebracht bekommen, dass wir in einer Klassengesellschaft leben), sondern unser aller Hoffnung und Zukunft.

Und das ist die Stelle, an der man merkt, wie das neoliberale Verständnis von prekärer Arbeit nach unmd nach dazu führt, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr identifizieren können mit ihrer Arbeit, der Firma, in der sie arbeiten, aber auch dem Staat, den Parteien und der Politik.

Also genau das, was wir derzeit beobachten – nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern, in denen die neoliberalen Rezepte seit 40 Jahren in Anwendung gebracht wurden. Mayer-Ahuja appelliert am Ende gar nicht mal an die Politik, obwohl sie weiß, dass es die Politik ist, die den Rahmen für die Arbeitswelt setzen muss und es in der Hand hat, die prekären Beschäftigungsmodelle einzuhegen oder ganz zu untersagen.

Sie appelliert eher an die „kollektive Organisierung von Beschäftigten“, die sich über die Grenzen der Abteilungen und Unternehmen hinweg solidarisieren müssten, um gemeinsam die wilden Auswüchse der prekären Arbeitsmodelle zu bekämpfen. Gewerkschaften müssten hier eine neue Rolle spielen.

Denn mit den üblichen Argumenten aus der „Wirtschaft“, warum Belegschaften geteilt, separiert, outgesourct und in Konkurrenz zueinander gebracht werden, hat die Wirklichkeit nicht viel zu tun. Denn da geht es letztlich nur um „Bedürfnisse“ der Kapitaleigner – um mehr Profit, mehr Kontrolle und Arbeitnehmer/-innen, die nicht (mehr) die Kraft haben, sich gegen steigenden Leistungsdruck zu wehren.

Nicht um funktionierende Unternehmen oder erfolgreiche Marktteilnahme. Oder gar ein funktionsfähiges Land. Auch wenn viele Unternehmen versuchen, die Veranwortung über Gruppenarbeit und Deadlines immer mehr auf die Arbeitenden selbst zu übertragen, den Konkurrenzdruck direkt in die Belegschaften zu verlagern.

Fehlstelle Arbeitspolitik

Aber das alles zerstört tatsächlich die Grundlagen jenes unausgesprochenen Gesellschaftsvertrages, nach dem Lohnarbeit allerwenigstens dazu reichen sollte, „seine Arbeitskraft zu reproduzieren“. Was mit einer anderen Organisation von Arbeit und Arbeitszeit sehr wohl möglich ist. Aber dazu muss sich auch das gesellschaftliche Denken ändern.

Und auch die Beschäftigten müssen (wieder) lernen, dass nicht die noch mieser bezahlten Malocher aus der Sub-Firma ihre Feinde sind. Dass es auch um Politik, geht und die Frage, welchen Parteien man die Regie über das eigene Arbeitsleben anvertraut.

Da kommt man dann ins Grübeln. Denn wo sind eigentlich die Parteien, die sich wirklich verantwortlich fühlen für die Malocher im Land und eine ehrlichere und menschlichere Arbeitspolitik? Und warum wählt eine Mehrheit immer wieder Parteien, die ausgerechnet all jene verachten, die sich auf einem demolierten Arbeitsmarkt zu den miesesten Konditionen verkaufen müssen?

Und das sind – wie die Statistiken nun einmal belegen – vor allem die jüngeren Arbeitskräfte, die – anders als ihre Eltern – nun einmal erleben, dass ihre Jobangebote schlechter, unsicherer und mieser bezahlt sind. Da frage einer, warum das Misstrauen inzwischen die ganze Gesellschaft durchzieht. Es hat Gründe.

Und die haben eben auch damit zu tun, wie das neoliberale Denken über Menschen und Malocher das Bewusstsein verdrängt dafür hat, dass sich alle Lohnabhängigen letztlich auf derselben Seite der Barrikade wiederfinden, auch wenn sie glauben, keine Gemeinsamkeit miteinander zu haben. Und das ist keine Minderheit, wie Nicole Mayer-Ahuja feststellt, sondern längst die Mehrheit.

90 Prozent aller Beschäftigten sind in Deutschland in Lohnarbeit beschäftigt. Und die meisten erleben Arbeitsbedingungen, die vor dem Hintergrund eines selbstgestalteten Lebens unzumutbar und bedrückend sind. Und Politik hat – eben nicht erst seit „Hartz IV“ – eine Menge dafür getan, in ganzen Branchen die unzumutbare Arbeit zum Normalzustand zu machen.

Nicole Mayer-Ahuja „Klassengesellschaft akut“ C. H. Beck, München 2025, 26 Euro.

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