Eigentlich sind Autoren happy, wenn sie ein Stipendium bekommen und als Writer in Residence ein paar Monate aussteigen können aus ihrem gewöhnlichen und hektischen Alltag, um sich einmal an meist abgeschiedenen Orten ganz auf ein neues Buchprojekt zu konzentrieren. Doch manchmal kann man dann auch an einem Ort landen, an dem einen die Einsamkeit fertig macht. So erging es dem Leipziger Autor Bertram Reinecke im Herbst 2024, als er glücklich über den Zuschlag war, ein paar arbeitsame Wochen im Gerhart Hauptmann Haus in Agnetendorf verbringen zu können.

Er packte sich den Koffer voll mit Manuskripten und Fragmenten aus den letzten Jahren in der Hoffnung, daraus etwas Neues schaffen zu können. Aber dann landete er in Agnetendorf (heute polnisch: Jagniątków) und fand sich „lost in translation“. Da war praktisch niemand, mit dem er sich nach der einsamen Arbeit am Schreibtisch irgendwie auf sächsisch verständigen konnte.

Und einsam und abgelegen ist diese einstige Wohnstätte Gerhart Hauptmanns sowieso. So abgelegen, dass es dort niemanden überrascht, wenn man auf Bergwanderungen mal einem Bären begegnet. Und so etwas hat Folgen, wie Reinecke im Nachwort erzählt. Denn auch Schriftsteller sind eigentlich gesellige Typen, selbst dann, wenn sie meist wieder nur mit anderen Schriftstellern zu tun haben.

Wenn sie über Wochen so ganz auf sich allein und ihr rumorendes Gehirn angewiesen sind, dann schaufelt das unterforderte Gehirn natürlich ganz existenzielle Fragen nach oben. Erst recht, wenn der Autor gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat (oder auch nicht) und nun über den Rest des Lebens nachdenkt. Über das, was da noch kommen könnte.

Die Aussicht tat wohl ein Übriges dazu: „Friedhof mit Aussicht über die Felder / kaum zwei Dutzend Gräber / sonst alles, was es braucht: Feldsteinmauer / Bäume, wie von Friedrich gemalt …“

So viele Dinge …

Was kommt da noch? Was wird man selbst noch auf die Beine stellen? Und wann kommt der Tag, an dem ein Anderer den Wikipedia-Beitrag vollendet und aus „ist“ ein „war“ macht?

Und was hat man alles verpasst? Unterlassen? Nie gesehen? Ist die Wunschliste ans Erleben denn nicht nimmer noch ewig lang? „Es gibt ja so viele Dinge, die du nicht gesehen hast: / Die sieben künischen Dörfer / die Gebeine der 1000 Jungfrauen zu Köln …“ Da fällt ihm so manches ein. Man kann ja auch all die Seiten zu den deutschen Attraktionen im Weltkulturerbe aufrufen und allein schon beim Lesen das Gefühl bekommen: Da ist jeder touristische Firlefanz zum schutzwürdigen Gut erklärt worden. Und eigentlich reizt einen nichts, aber auch gar nichts, da mal hinzufahren.

Agnostiker bleibt Agnostiker. Und man spürt, wie seine Stimmung kippt, wie er regelrecht ungehalten ist bei dieser Beschau des ganzen halben Lebens, bei dem man selbst mit 50 nicht weiß: Wo ist eigentlich wirklich die Hälfte? Ab wann ist es Zeit, sich Gedanken zu machen über das Aufräumen in den ganzen Sammlungen, die sich im Lauf des Lebens zu Hause abgelagert haben? Lauter Dinge, die einen einmal begeistert haben. Und nun sind sie staubige Erinnerungen, bei denen man nicht recht weiß, warum sie einmal so wichtig schienen.

Ein Skandal

Im Grunde hat die Einsamkeit letztlich die Regie übernommen und aus der Arbeit des Dichters mit seinen eigenen Fragmenten und den aus der Erinnerung gewählten Zitaten bekannter Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft ein Langgedicht zu formen.

Angeregt durch Peter Rühmkorfs „Mit den Jahren, Selbst III/88“. Es scheint sich geradezu angeboten zu haben, auch wenn der Ton, den Reinecke trifft, sein eigener ist, in vielen Veröffentlichungen und Übersetzungen schon geübt, bewährt, wie selbstverständlich geworden. Changierend zwischen Abgeklärtheit, ein wenig bitterer Ironie und der Selbstverständlichkeit eines Dichters, der nicht davor zurückschreckt, heiter scheiternd über die eigene Obsoleszenz nachzudenken.

Das klingt, als hätte er sich mit dem Zerbröseln des eigenen Lebens abgefunden. Aber tatsächlich ist er ziemlich sauer. „Was soll man den sagen / bei all dem Gequatsche, ach / dass ich vergehn soll wie ein Fingerschnippen / ist doch unsäglich / das fortschreitende Fortschreiten der Zeit / und Sterblichkeit ein Skandal …“

Zu welchen Versen einen die Einsamkeit so treiben kann. Und zu welchen Ein- und Aussichten. Einige davon in die Vergangenheit mit all ihren Erwartungen und unausgesprochenen Ansprüchen, die man irgendwie nie erfüllen konnte. Oder wollte. Weil es einen – auch mit der Sprache – woanders hingezerrt hat. Vergangenheit also als Berg verpasster Chancen? Das könnte einen so richtig auf den Boden drücken. Aber das ist Reineckes Ding nicht: „Aber damals, damals, damals zu sagen / ist natürlich auch eine Möglichkeit / seine Zeit rumzubringen …“ Und richtig depressiv zu werden. Selbst beim Urlauben „in einer anregenden Gegend“.

Schäfchen einzählen

Denn wo bleibt man da mit seiner Arbeit am Sprachwerk, wenn man sich auf einmal eingeklemmt fühlt zwischen damals und dem einsamen „Schäfchen einzählen bis man hinwegsinkt“? Es gibt nicht viele Dichter, die sich so dem Nachdenken über die Vergänglichkeit des eigenen Seins gewidmet haben. Und dann noch ein oszillierendes Langgedicht draus gemacht haben, mit Friedhofsbesuch und etlichen durchaus politischen Gedanken über Unsterblichkeit und das Verschwinden eines gutwilligen Lesepublikums: „Aber mal im Ernst, heute ist man ja schon Optimist / wenn man hofft, dass öffentliche Bücherschränke / nicht bald verschwinden wie die Gotteshäuser …“

Denn das ist nun einmal die Resonanz für einen Autor: Dass es da draußen noch Leute gibt, die sich Zeit nehmen zum Lesen, dass es überhaupt noch Leute gibt, die wissen, was Literatur ist. Da wird es dann stellenweise schön zynisch und bitter. Wozu einen die Einsamkeit in Agnetendorf eben bringen kann, wenn man keinen hat, der einem beim Frühstück ein paar tröstende Worte sagt. Oder einen auffängt, wenn man mit lauter Endlichkeitsgedanken vom verlassenen Friedhof zurückkommt.

Um dann am Schreibtisch wenigstens einen Trost zu finden: Dass das nicht das Ende sein muss. „Was auch passiert / treu warten daheim die Hausschuh auf dich / und das abgestandene Wasser in der Leitung …“ Manchmal will man gar nicht mehr vom Leben. Und manchmal ist genau das der Trost, der einen über Wasser hält.

Bertram Reinecke „Mit den Jahren. Selbst 10 / 24“, Moloko Print, Schönebeck 2025.

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