Ende Januar sorgte die Zerstörung eines die ganze Fassade bedeckenden Efeus an der Thomasiusstraße 6 für helle Aufregung. Nicht nur beim Ökolöwen, der postwendend Anzeige erstattete. Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen stellte gleich eine Anfrage für die Februar-Ratsversammlung. Was wusste die Stadt über den Vorgang? Und warum ist sie nicht eingeschritten?
„Die jüngste Zerstörung der jahrzehntealten Fassadenbegrünung an der Thomasiusstraße 6 ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für eine besorgniserregende Entwicklung: Trotz fortschreitender Klimakrise und hitzebedingter Belastungen in der Stadt werden immer wieder wertvolle Grünstrukturen illegal beseitigt. Fassadenbegrünungen wie der Efeu an der Thomasiusstraße 6 sind unverzichtbare Bausteine der urbanen Klimaanpassung. Sie kühlen Gebäude, bieten Lebensraum für Insekten und Vögel, filtern Feinstaub und mildern Hitzeinseln, gerade in dicht bebauten Innenstadtlagen“, begründeten die Grünen ihre Anfrage an die Verwaltung.
„Besonders bitter ist die zeitliche Nähe zu einer aktuellen Anfrage unserer Fraktion (VIII-F-02267), in der das Umweltdezernat noch die ‚erfolgreiche Ausweitung von Fassadenbegrünungen‘ darlegte – während parallel diese schwer zu ersetzende Grünstruktur zerstört wurde.“
Das Amt für Bauordnung und Denkmalpflege bestätigte nun, dass die Kappung des Efeus ohne Genehmigung erfolgte: „Der Verwaltung ist bekannt, dass der Efeu am Mittwoch, den 28.01.2026, auf Brusthöhe durchtrennt und an den Folgetagen Stück für Stück von der gesamten Fassade entfernt wurde.“
Was besonders pikant ist, weil die Beantragung des Schnitts erst einen Tag später bei der Stadt beantragt wurde: „Am 29.01.2026 ging beim Amt für Umweltschutz (AfU) der ‚Antrag auf Zustimmung zu einer dringenden Maßnahme – teilweiser Rückschnitt am Giebel des Einzeldenkmals Thomasiusstraße 6‘ ein. Dieser Antrag wurde vom AfU am 05.02. an die Abteilung Denkmalpflege beim Amt für Bauordnung und Denkmalpflege (ABD) zur Bearbeitung weitergeleitet, da Arbeiten an einem Kulturdenkmal geplant sind.“
Kennen die Hausbesitzer die Baumschutzsatzung nicht?
So herum geht das aber nicht, bestätigt das Amt: „Die illegale Maßnahme kann nicht durch eine nachträgliche Genehmigung legalisiert werden. Es wird die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitenverfahrens geprüft. Zur Zeit befindet sich das Verfahren in der Bearbeitung. Eine abschließende Entscheidung steht noch aus.“
Wobei es aus Sicht des Gebäudeeigentümers tatsächlich einen Grund dafür gab, den Efeu zu beschneiden, wie das Amt für Bauordnung und Denkmalpflege mitteilt: „Das Gebäude Thomasiusstraße 6 weist nach Angaben des Eigentümers im Dachbereich und am Giebel Schäden auf, die Reparaturen notwendig machen und die Stellung eines Gerüstes erfordern. Dies wiederum bedingte den Eingriff ins Fassadengrün.“ Aber auch hier betont das Amt: „Üblich ist die Antragstellung vor Maßnahmebeginn.“
Eine Schwierigkeit für das jetzt eingeleitete Ordnungswidrigkeitsverfahren ist dabei: „Allerdings gehört der Efeu nicht zum denkmalgeschützten Bestand.“
Über das Agieren des Gebäudeeigentümers jedenfalls können die Mitarbeiter des Bauordnungsamtes nur den Kopf schütteln: „Der Fall Thomasiusstraße 6 macht deutlich, dass selbst klare Rechtsgrundlagen wirkungslos bleiben, wenn sie missachtet werden. Neben der konsequenten Anwendung bestehender Regelungen und deren Ahndung bei Verstößen, sind daher auch fortlaufend Informationsangebote für Bürgerinnen und Bürger erforderlich, welche die Bedeutung von Gehölzen und Fassadenbegrünungen deutlich machen.“
Dutzende Verstöße jedes Jahr
Was in eine ganze Serie ähnlicher Vorfälle passt, die die Verwaltung in den vergangenen Jahren registrieren musste. Das kann mit Unkenntnis nicht mehr erklärt werden. Die Grünen hatten nämlich auch nach den festgestellten Verstößen gegen die Leipziger Baumschutzsatzung gefragt.
Und das sind nicht wenige, wie das Bauordnungsamt feststellt: „Im Amt für Stadtgrün und Gewässer wurden folgende ungenehmigte Eingriffe in nach Baumschutzsatzung geschützte Gehölze registriert: im Jahre 2023 44 Vorgänge, 2024 90 und 2025 74 Vorgänge.“
Und was wird nun aus dem Efeu an der Thomasiusstraße 6? Der könnte noch eine Chance haben, erklärt das Bauordnungsamt: „Da bei dem ungenehmigten Eingriff ausschließlich oberirdische Pflanzenteile entfernt wurden, besteht grundsätzlich die Möglichkeit einer Regeneration. Efeu (Hedera helix) ist eine sehr regenerationsfähige Kletterpflanze, die aus verbleibenden Triebresten oder aus dem Wurzelstock erneut austreiben kann.
Eine abschließende Bewertung der Regenerationsfähigkeit ist erst nach Beginn der Vegetationsperiode möglich, da sich die Vitalität verbliebener Pflanzenteile erst dann verlässlich beurteilen lässt. Für das Wiedererlangen einer gewissen ökologischen Funktion werden mindestens 10 bis 15 Jahre vergehen.“
Es wird also dauern, bis diese Hauswand wieder grün wird. Und zwar ziemlich lange.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:










Keine Kommentare bisher