Mit Einigkeit und Recht und Rache (Haymon Verlag) liefert Wolfgang Ainetter seinen zweiten Politkrimi und macht damit endgültig klar, dass sein Erfolgs-Debüt von 2024 (Geheimnisse, Lügen und andere Währungen, Haymon Verlag) kein Zufall war. Wer den politischen Betrieb kennt, liest hier nicht zur Entspannung, sondern zur Wiedererkennung.

Der Ausgangspunkt ist so elegant wie unerquicklich: Beim Bundespresseball kippen Kanzler und Finanzminister nach dem Champagner um. Kein großer Knall, kein Pathos – Macht stirbt diskret, aber geschniegelt. Ermittler André Heidergott, Wiener mit Schmäh und Schadenfreude, stolpert daraufhin durch ein Berlin, in dem Moral situativ, Loyalität flüchtig und Haltung meist nur Staffage ist.

Witzig ist das Buch nicht, weil Pointen gesetzt werden, sondern weil Ainetter das Milieu laufen lässt. Der Humor entsteht aus präziser Beobachtung: aus Ministerien, die zwar keine Digitalisierung hinbekommen, aber zuverlässig die Umlaufmappenindustrie stützen; aus Journalisten, die zwischen Unabhängigkeit und Alkoholeinfluss pendeln; aus Politikern, deren größte Angst nicht der Tod, sondern Bedeutungsverlust ist. Das ist kein Klamauk, das ist Betriebskenntnis.

Besonders süffig gerät die Demontage der ehemaligen Ampel: nicht als Abrechnung, sondern als lakonisches Protokoll kollektiver Überforderung. Niemand wird geschont, aber auch niemand dämonisiert. Ainetter weiß: In Berlin sind selten Bösewichte am Werk – größtenteils nur Eitle, Überforderte und strategisch Ahnunglose. Genau deshalb trifft die Satire.

Wolfgang Ainetter. Foto: Niels Starnick
Wolfgang Ainetter. Foto: Niels Starnick

Dass der Autor selbst Ministersprecher war, merkt man jeder Seite seines Ampelkrimis an. Dialoge sitzen, Abläufe stimmen, und dort, wo andere Krimis Spannung simulieren, reicht hier ein Nebensatz. Wenn jemand schreibt: „Warnhinweis für Politikerinnen und Politiker: Die folgenden Kapitel können Unbehagen beim Champagnertrinken auslösen“, dann ist das keine Pointe – sondern eine Dienstanweisung.

Einigkeit und Recht und Rache ist kein Krimi, der die Demokratie rettet. Aber einer, der sie sehr genau beobachtet, während sie sich selbst beim Walzer auf die Füße tritt. Der Politkrimi des Jahres. Süffig, klug, unerquicklich und gerade deshalb ausgesprochen vergnüglich.

Nachtrag: Alle geschilderten Vorgänge sind selbstverständlich so frei erfunden wie Wahlversprechen im Wahlkampf. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder politischen Konstellationen sind daher rein zufällig (und vermutlich politisch gewollt.)

Wolfgang Ainetter „Einigkeit und Recht und Rache“, Haymon Verlag, Wien, 2026, 14,95 Euro.

Termintipp: Buchmesse-Lesungen am Donnerstag, dem 19. März, 10.30 Uhr im Forum Literatur auf der Leipziger Buchmesse und um 20 Uhr in Jacques Weindepot in der Bernhard-Göring-Str. 31 · 04107 Leipzig. Zum vergnüglichen Abend wird ein Glas Wein (Rot, Weiß oder Rose) ausgeschenkt. Um einen Unkostenbeitrag von 3 Euro wird gebeten.

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