Wir dürfen träumen. Alle dürfen wir träumen. Davon, den Traumpartner fürs Leben zu finden. Davon, dass unsere Talente gewürdigt werden. Dass wir belohnt werden für unser Bemühen. Dass eines Tages alles zusammenkommt und wir das unendlich schöne Gefühl erleben, dass uns das Glück nicht vergessen hat. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und das wissen vor allem all jene, die trotz aller Begabung auf der Strecke bleiben und mit dem niederschmetternden Gefühl leben müssen, den Ansprüchen da draußen nie genügen zu können.

Und es ist eine ganz schlichte Wahrheit: So geht es den Meisten. Es wird zwar gern behauptet, wir würden in einer Wettbewerbsgesellschaft leben. Aber in einem echten Wettbewerb gelten die Regeln für alle, sind diese für alle gleich, haben wirklich alle dieselben Chancen. Unser Land sähe anders aus. Völlig anders. Denn Chancen werden hier nicht nach Talent, Fleiß, Einsatz und Qualifikation verteilt. Wir leben in einer gnadenlosen Stände- und Klassengesellschaft. Und wer nicht zu den schnöseligen Reichen und Superreichen gehört, die sich am Gemeinsamen bedienen, als stünde allein ihnen die große Torte zu, der erlebt ungefähr das, was die Heldin dieses Buches der Leipziger Autorin Frank Bloom erlebt.

Eigentlich heißt sie Annete. Aber alle nennen sie Netti, auch ihre scheinbar viel erfolgreichere Schwester Ellen, die sich wenige Gelegenheiten entgehen lässt, Netti zu sagen, was sie von ihrer prekären Lage hält. Dabei ist Netti talentiert, hat sich früh entschlossen, ihre Leidenschaft als Schauspielerin auszuleben. Doch die große Bühnenkarriere oder gar die im Film blieb ihr versagt. Die Rollen auf den kleinen Hinterhofbühnen, die sie bekommt, reichen nicht zum Leben. Also jobbt sie noch, war bis eben noch ganz gut in einem Callcenter beschäftigt. Aber dort hat man ihr kaltschnäuzig die Kündigung verpasst.

Und damit platzen all ihre Träume – zum Beispiel die große Reise mit ihrem Sohn Luis nach New York. Auf einmal ist das alte Problem wieder da: Wovon die Miete bezahlen? Und den Urlaub? Der ist nun auch wieder nicht drin. Aber wie gesagt: Wir alle dürfen träumen.

Auf in den Süden

Und Franka Blooms Erzählung ist im Grunde so ein Leben in den Traum hinein. Wenn schon New York nicht mehr drin ist – warum dann nicht das Angebot einer netten Inhaberin eines Reisebüros annehmen, einfach mit deren Sohn Giorgio in dessem klapprigen VW-Bus nach Triest zu fahren. Vielleicht auch nicht allein. Warum sollte sie nicht ihren Vater mitnehmen, der seit dem Tod seiner Frau vor ein paar Monaten allein in seinem Haus hockt, sich gehen lässt und regelrecht verliert in der Trauer um seine Frau. Und das Überraschende: Er ist sofort Feuer und Flamme. Allein das Reiseziel Triest scheint in ihm ein regelrechtes Feuer zu entzünden.

Man merkt schon: Das ist ein Stoff, der wie fürs Verfilmen geschrieben ist. Ein Film fürs Gemüt: Es geht was im Leben. Es gibt hilfreiche Geister. Wir sind nicht allein. Auch wenn es natürlich dauert, bis sich alle Protagonisten dieser Reise in den Süden miteinander erwärmt haben und Bruno seine seltsamen Erlebnisse mit dem Rucksack hat, den er unterwegs immer wieder vergisst. Ein kleines Drama folgt dem nächsten. Aber man ahnt schon: In Triest wird sich das alles neu verknüpfen. Erst recht, weil Giorgio unterwegs auch noch seine Nichte Lulu einlädt, die ihrerseits Kummer mit ihrer strengen Mutter hat.

Und gerade Lulu scheint mit dem scheinbar nur grantigen Bruno am besten auszukommen. Und tatsächlich entfaltet sich Brunos Geschichte in Triest erst so richtig, merkt auch Netti, dass sie auf einmal auf den Spuren von Brunos Hochzeitsreise von vor 50 Jahren gelandet ist. Und sie lernt einen völlig anderen Vater kennen, als wäre er ein völlig anderer Mensch gewesen, damals, als er mit Louise in Triest und Duino war. Louise, die damals noch gezeichnet und gemalt hat, hoch talentiert. Sie hätte auch an einer Kunstakademie studieren können. Hat sie aber nicht. Da ist auch Netti baff, was sie alles über ihre Mutter nicht wusste.

Träume verwirklichen

Aber es ist ja eine Traumgeschichte. In so einer Geschichte bleibt es nicht bei der traurigen Feststellung, dass wir alle ein Talent haben, aber nichts draus machen konnten, weil wir immer vor verschlossene Türen standen. Netti entdeckt nicht nur einen völlig veränderten Bruno, sie merkt auch, wie sie sich selbst verändert, wie die Last von ihr weicht, denn auf einmal begegnet sie Menschen, die einfach helfen und die Gäste aus dem Norden mit offenen Armen empfangen. Und selbst ihre Agentin schickt ihr auf einmal verwirrende Nachrichten. Ist sie jetzt als gealterte Schauspielerin nicht einmal mehr gut genug für die Agentur? Wird das ein Abschied von ihrem Traumberuf?

Wird es natürlich nicht. Und natürlich treibt die Geschichte regelrecht auf lauter Höhepunkte zu. Bruno feiert den schönsten 80. Geburtstag seines Lebens, Ellen und Luis tauchen auf, Giorgio verwirklicht seinen Lebenstraum. Und so nebenbei bandeln sich zwei Lieben an. Das Herz geht einem auf. Man blättert sich regelrecht in die Freude hinein, die man so gut versteht, weil es genau die Freude ist, die man für gewöhnlich nicht bekommt.

Und so ist das Buch im Grunde eine phantasievolle und trotzdem subversive Erzählung davon, wie es sein könnte, wenn Menschen ihre Träume erfüllen dürfen. Auch wenn Netti mit sich hadert, denn die langen Jahre ohne großen Erfolg haben an ihrem Selbstbild genagt. Wenn man immer wieder beiseite geschoben wird und gespiegelt bekommt, man sei nicht perfekt genug, dann zerbröselt die Selbstachtung. Dann glaubt man am Ende tatsächlich, dass man nichts kann und einem nichts zusteht. So, wie es vielen, vielen Menschen geht, die in unserer ach so verlogenen Gesellschaft aussortiert, abserviert, kleingehalten werden.

Nicht aufgeben

Nur ja nichts gönnen, zugestehen, zulassen. Wo kämen wir da hin, wenn alle Menschen die gleichen Chancen hätten?

Oder wenigstens die eine große Chance, die Netti am Ende vor eine große Entscheidung stellt. Denn das dumme Gefühl, dann im entscheidenden Moment zu versagen, das steckt tief in ihr.

Was passiert nicht?

Der kleine VW-Bus geht nicht kaputt, muss also auch nicht den Berg hinaufgeschoben werden. Aber das Bild auf dem Cover trifft es auch. Denn das ist ja Nettis Leben bis zu diesem Punkt: Sie hat ihr kleines Lebens-Auto immer beharrlich geschoben, hat nie aufgegeben, egal, wie groß die finanziellen Sorgen waren oder wie flüchtig die Männer. Wer nicht aufgibt, kommt ja trotzdem weiter und weiß zumindest eins: Dass er die Kraft hat, lange, lange durchzuhalten. Auch wenn der große Anruf aus Hollywood ausbleibt.

Und so nebenbei ist das Buch auch eine farbenfrohe Liebeserklärung an Italien, an Triest und Duino. Und auch Louise hat am Ende noch ihren großen Auftritt. Mit einem völlig verwandelten Bruno, der endlich auch zugeben kann, dass er seinen Töchtern vielleicht doch nicht der Vater gewesen ist, der er hätte sein können.

Franka Bloom „Andere nennen es Urlaub“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026, 14 Euro

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