„Unsere Familie war keine Familie der Lacher. Weder meinen Vater, noch meine Mutter habe ich jemals anständig lachen gehört.“ So beginnt Katrin Seddig ihren Text „Gedanken über das Lachen“. Halb Feuilleton, halb Essay. So nüchtern und trocken, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie den Text auf einer der Lesebühnen vorträgt, in denen sie Mitglied ist. Aber gerade deshalb scheint das zu funktionieren. Weil sie etwas ganz und gar Gewöhnliches tut.

Etwas, was wir alle tun. Ständig. Es kann der banalste Anlass sein, und auf einmal schaltet unser Gehirn in den Selbstlauf, stellt Verbindungen her, kramt uralte Erinnerungen hervor, nutzt den Moment, eine kleine Nuss zu knacken, einem Problem auf den Grund zu gehen. Oder einfach einem dieser Dinge, die unser Leben ausmachen, das ja bekanntlich ein Museum der seltsamsten Sammelstücke ist.

Sage nur einer, unser Leben sei langweilig. Auch wenn es oft so aussieht. In der Rückschau erst recht in jenes Ländchen DDR, in dem auch Katrin Seddig aufwuchs, in Strausberg geboren, aber wirklich groß geworden mitten im Wald. Und da bei Strausberg gibt es zahlreiche Wälder. Da und dort ein Haus im Wald hinter dem Dorf, ein paar wenige Nachbarn.

Zur Schule muss das Kind den Bus nehmen. Auch wenn der Weg morgens durch den finsteren Wald führt. Es ist ein auch für DDR-Verhältnisse abgelegener und armer Ort. Ein Ort, der zum Träumen anregte. Das Mädchen las viel. Am liebsten draußen im Wald unter einem Baum.

Schöne Kindheit …

Ob es sich damals schon solche Gedanken über seine Eltern gemacht hat? Wer weiß? Wahrscheinlich schon. Noch nicht druckreif und zu Ende gedacht. Wir denken unsere Eltern nie zu Ende. Sie sind die Hüter unseres jungen Lebens, sorgen dafür, dass wir funktionieren. Und das manchmal mit guten Absichten.

Worüber Katrin Seddig in ihrem Text „Gedanken zur schönen Kindheit“ nachdenkt. Denn ihr geht eigentlich auf den Keks, dass alle Leute behaupten, sie hätten eine schöne Kindheit gehabt. „Aber in unseren eigenen Verhältnissen war meine Kindheit, zum Beispiel, so lala.“

Wer über die Kindheit nachdenkt, kommt um das Bild der eigenen Eltern nicht herum. „Unsere Eltern waren keine schlechten Menschen, nicht böse, sie schlugen nicht oft, sondern selten und nur aus Wut und Verzweiflung, und eigentlich gab nur unsere Mutter uns gelegentlich Ohrfeigen. Unser Vater vielleicht ausnahmsweise, es gefiel ihm nicht, Mädchen zu schlagen.“

So trocken kommt das heraus. Samt der Distanz, die viele Kinder spüren, wenn sie sich zu erinnern versuchen, wer ihre Eltern eigentlich waren, damals. Und Seddig kehrt mit ihren Texten immer wieder in das Land ihrer Kindheit zurück: Brandenburg. Obwohl sie seit 1994 in Hamburg lebt. Aber das Land der Kindheit wird man nicht los. „Gedanken zu Brandenburg in elf Teilen“ heißt denn auch einer der Texte. Es ist jetzt das Brandenburg der Gegenwart. Mit austrocknenden Seen, angelnden Nazis an der Oder, eisschleckenden Nazis in der Einkaufsstraße.

Vielleicht werden Landschaften so, wenn sie ihre Hoffnungen verloren haben. Obwohl es auch vorher schon vergessene Landschaften waren. So wie fast die gesamte DDR. Als wären die Menschen nur zu Gast gewesen, mit den Augen längst woanders, in einer verlockenden Ferne, in der alles nicht so banal ist, so gewöhnlich, so alltäglich. Und selbst im Verhältnis zu den Eltern wird dieses Befremden sichtbar: „Kinder hatten vor allem die Aufgabe, zurechtzukommen. Ohne die Eltern zu belästigen, denn die Eltern hatten sehr viel zu tun.“

Strenge Liebe

Da dürfte sich so mancher wiedererkennen. Weil es stimmt. Weil Kinder – anders als heute – nicht im Mittelpunkt standen, umsorgt, betütelt, unter stressigster Aufmerksamkeit. Da wären viele Eltern in der DDR gar nicht auf die Idee gekommen, dass man mit Kindern so umgehen könnte. Im Gegenteil: Arbeit ging vor. „Wir hatten, was wir brauchten, und wir hatten natürlich unsere Eltern, aber wir hatten sie auch nicht, denn sie waren nicht da, im tieferen Sinne. Sie wussten nicht, wie es uns ging, sie wussten nichts über unsere Ängste. Angst sollten wir auch nicht haben, denn Angst hieß, dass wir nicht zurechtkamen, Angst machte unsere Eltern sehr wütend.“

Es wird ein Elternbild sichtbar, das einem vertraut vorkommt. Weil es so typisch war für den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Wie zeigt man Kindern seine Liebe? Darf man das überhaupt? Immerhin war das ja genau die Elterngeneration, die in ihrer Kindheit beigebracht bekam, „hart wie Kruppstahl“ sein zu sollen. Erziehung hatte hart zu sein. Das ist noch gar nicht so lange her. Fast bedauert man diese Eltern, denen eingetrichtert worden war, dass Erziehung streng zu sein hatte.

Natürlich denkt Katrin Seddig in den in diesem Band gesammelten 25 Texten nicht nur über ihre Kindheit im Wald nach. Obwohl diese Art, über die simpelsten Dinge des Lebens einfach mal gründlich nachzudenken, dort geboren worden sein muss. Unter Bäumen. Und das Nachdenken hat eine Stringenz, die die meisten von uns nicht aufbringen, weil Gedanken nun einmal zum Hüpfen und Hin-und-her-Springen neigen. Wir sind nicht geübt darin, einmal beim Thema zu bleiben und es im Kopf hin und her zu wenden, ein bisschen verwundert darüber, dass die Dinge so sind, wie sie sind.

Frauen in Kittelschürzen

Und Anlässe, den Gedanken einen Stups zu geben, gibt es jede Menge. Angefangen mit den „Gedanken zu meiner Arbeit“ (dem Schreiben) über Gedanken zu den Bäumen vorm Fenster, über die Elbe, Facebook-Vorschläge oder auch – größer geht es kaum – „Gedanken zu Frauen:“ „Als ich ein Kind war, hatte ich ein ziemlich klares Bild davon, was eine Frau ist“, beginnt sie diesen Text. Ihre Texte leben von diesen ersten Sätzen. Denn sie verführen, verführen in Gedankengänge, die man so nicht erwartet hätte. „Eine Frau ging arbeiten. Eine Frau hatte Kinder. Eine Frau kochte das Mittagessen und hängste die Wäsche auf.“

Frage da mal einer, wie unsere Bilder entstehen, unsere Vorstellungen von Männern, Frauen, Kindsein, Elternsein. Vergesst die Fachbücher und die Sonntagsreden. Schaut mit den Augen des Kindes. Genau das tut Katrin Seddig. Und sie hat sich diese kindliche Aufmerksamkeit bewahrt. Man kann es auch kindlichen Ernst nennen. Denn niemand betrachtet die Welt mit solchem Ernst wie die Kinder.

Und nur wenige bewahren sich das fürs Leben, bewahren sich die Gewissheit, dass alle Dinge seltsam sind und lohnenswert, über sie nachzudenken: über Wind, Haare, Hasen, den Herbst natürlich, Liebe, Schnecken, Unterwäsche und Turnhallen. Und natürlich über die Liebe: „Meine erste Liebe war unsere Oma Frank. Sie hatte ausgeleierte Ohrläppchen, eine riesige Nase, krumme Beine und trug eine Kittelschürze.“

So kann man anfangen, über die Liebe nachzudenken. Und darüber, warum wir an manchen Menschen so hängen und hinterher ein Leben lang das Gefühl haben, das Allerwichtigste verpasst oder nie gesagt zu haben. Manchmal einfach, weil uns damals noch die Worte fehlten. Aber wir haben es gesehen. Und in Gedanken können wir an den Anfang zurückgehen und die Geschichte noch einmal aufspulen.

Wir wissen ja, was daraus geworden ist. Und dass die Geschichten, die uns passieren, eigentlich kein Ende kennen. Nur ein „Fortsetzung folgt“. „Alles, was ich tun kann, ist, davon erzählen“, schreibt Katrin Seddig in „Gedanken zu meiner Arbeit“. „Ich weiß nicht, ob es nützt, auf die Art, wie das Erneuern der Kanalisation nützt. Aber ich tue es eben.“

Manchmal braucht man gar keine andere Motivation: Man tut es eben. Und staunt dann vielleicht, dass die Leute im Saal wie gebannt zuhören. Weil sie sich wiedererkennen. Oder etwas zu fassen bekommen, was ihnen auch passiert ist. Nur haben sie sich darüber bisher keine Gedanken gemacht. Nicht ahnend, was alles geschieht, wenn man erst einmal anfängt, sich Gedanken zu machen.

Katrin Seddig „Gedanken zu Turnhallen“ Literatur Quickie Verlag, Hamburg 2026, 22 Euro.

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