Es ist ein zutiefst aufwühlendes Buch, das die syrische Autorin Samar Yazbek hier geschrieben hat. Es führt direkt hinein in den syrischen Bürgerkrieg, der eigentlich kein Bürgerkrieg war, sondern ein mörderisches Gemetzel, das der langjährige Machthaber Baschar al-Assad gemeinsam mit seinem Verbündeten Russland gegen sein eigenes Volk entfesselt hat, nachdem dieses sich getraut hatte, öffentlich gegen sein Regime zu protestieren. Rima gerät mitten hinein in diesen Wahnsinn. Der sich eigentlich nicht erzählen lässt. Es sei denn, man hat die Fantasie eines begabten Kindes.

Samar Yazbek floh 2011 selbst vor diesem von einem durchgeknallten Diktator entfesselten Krieg. Heute lebt sie in Paris. Ihr Buch „Der blaue Stift“ erschien 2017 erstmals in Beirut. Es hat also sehr, sehr lange gedauert, bis es den Weg in die deutsche Sprache fand und den Lesern hierzulande mit frappierender Wucht erzählt, wovor die Millionen Syrer ab 2011 eigentlich flohen.

Etwas, was in Deutschland unter dem Gejammer der sogenannten „Migrationskrise“ einfach verdrängt, weggewischt und ignoriert wurde. Ignoriert auch von Regierenden, die ihre geflissentliche „Abarbeitung“ des Themas hinter Floskeln versteckten und das grausige Drama schlichtweg ignorierten, das dahinterstand und geschätzte 12,9 Millionen Syrer zur Flucht zwang.

Das ist keine kleine Zahl. Und keine gewöhnliche. Es ist eine Zahl, die erst dann entsteht, wenn ein Machthaber wie Baschar al-Assad sein Volk regelrecht verachtet und auf Proteste damit reagiert, dass er Städte und Stadtteile komplett zerbomben und dabei auch noch Mittel einsetzen lässt, die weltweit geächtet sind, darunter auch Bomben mit Giftgas, die flächendeckend auf bewohnte Gebiete abgeworfen wurden.

Rima und die Geschichten aus den Büchern

Einen solchen Angriff erlebt auch Rima, das Mädchen, das in diesem Buch seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die schon gar nicht so einfach beginnt. Denn Rima ist hochbegabt, ist aber vor Jahren verstummt. Irgendetwas in ihr hat beschlossen, dass sie nie mehr sprechen wird.

Doch eine mitfühlende Lehrerin bringt der Tochter der Reinigungskraft, Rimas Mutter, die Rima jeden Tag zur Arbeit in die Schule begleitet, Lesen und Schreiben bei. Und schnell werden die Bücher aus der Schulbibliothek ihre Freunde, beginnen „Der kleine Prinz“ und „Alice im Wunderland“, sie durch ihr Leben zu begleiten, fließen ein in die Bilder, die Rima malt, und die Geschichten, die sie schreibt.

Ihr Talent beeindruckt die wenigen Menschen in ihrem Kosmos, den sie eigentlich nie verlässt. Denn etwas drängt sie permanent dazu, wegzulaufen. Weshalb ihre Mutter angefangen hat, das Mädchen festzubinden. Eigentlich zu ihrem Schutz, denn längst hat sich die Welt draußen in der Stadt verändert. Und als sie dann mit ihrer Mutter tatsächlich einmal aufbricht, um die geliebte Lehrerin in einem anderen Stadtteil von Damaskus zu besuchen, geraten sie mit dem Bus in einen der Checkpoints, die mittlerweile große Teile der Stadt abriegeln. Und am Checkpoint eskaliert eine Kontrolle, löst sich das Seil, mit dem Rima an die Hand ihrer Mutter gebunden ist, und Rima läuft los.

An diesem Tag verschwindet ihre Mutter und Rima landet mit einer Schusswunde im Krankenhaus. Schon das ein Ort, an dem sie mitten im alltäglichen Grauen des Regimes liegt, ohne fortlaufen zu können. Im Nachbarzimmer werden junge Männer gefoltert. Und auch das Mädchen, das mit ihr das Bett teilt, wurde gefoltert und verschwindet eines Tages.

So, wie fortan immer mehr Menschen, denen sie begegnet, verschwinden. Auch wenn das nur ein Bild ist und Rima eigentlich genau weiß, was mit ihnen geschehen ist. Doch sie lässt es nicht an sich heran. Denn so lange auch nur die Hoffnung bleibt, dass die Verschwundenen wieder auftauchen, so lange wird sie auch sich selbst nicht aufgeben.

Im Grauen des Krieges

Auch wenn es überhaupt nicht besser wird, auch nicht an dem Tag, an dem ihr Bruder sie aus diesem fürchterlichen Krankenhaus abholt und in der Nacht in jenen Stadtteil bringt, der sich seit Wochen gegen die mörderischen Angriffe des Regimes wehrt. Es scheint wie eine Rettung zu sein, doch ab jetzt erlebt Rima erst recht alle Grauen eines Krieges, in dem das wütende Regime mit Bomben und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt.

Wer mit Rima mittendrin steckt in diesem Albtraum, der bekommt hier eine Ahnung davon, warum 12,9 Millionen Syrer damals flohen. Nur ein Teil davon bis nach Deutschland.

Nur bekommt Rima diese Chance nicht. Daran hindert sie bis zum Schluss das Seil, mit dem sie zuletzt Hassan, dem ihr Bruder sie anvertraut hatte, an das Fenster ihrer Kellerzuflucht gebunden hat. Viel zu fest, sodass sie den Knoten nicht einmal lösen kann, als Fliehen tatsächlich nur noch die einzige Option ist. In diesem Keller fand sie die Papiervorräte einer ehemaligen Druckerei, sodass sie wenigstens genug Papier hat, um ihre Geschichte aufzuschreiben, mit dem einzigen Stift, den sie hier noch gefunden hat, dem blauen Stift aus dem Titel.

Sie erzählt „in Kreisen“, wie sie schreibt, nähert sich den bedrückenden Ereignissen der jüngsten Zeit vorsichtig an, umkreist sie und versucht, das Grauen möglichst nicht beim Namen zu nennen. Aber gerade weil sie auf ihr Leben selbst schaut, als wäre es „nur“ eine Geschichte, in der der Kleine Prinz genauso real sein kann wie Alice aus dem Wunderland oder die Figuren aus den Bildern Chagalls, wird das Bedrückende ihrer Situation immer dichter.

Der vergessene Krieg

Am Ende ist sie allein. Die Menschen, die ihr wichtig waren, sind „verschwunden“, kehren nicht wieder zurück. Und ihre Zuflucht liegt in einem völlig zerstörten Stadtviertel – ohne Wasser, ohne Essen. Ein abgemagerter Hund gräbt in den Trümmern, zwei Jungen fliehen zuletzt, als sie den Schrei des Mädchens aus dem Keller hören.

Und dann lässt Samar Yazbek ihre Leser allein mit dieser Geschichte. Die kein Happy End haben kann, weil es dieses Happy End im von Bomben verwüsteten Syrien nicht geben konnte. Jedenfalls nicht für Rima, die hier auch stellvertretend für die Hunderttausenden Menschen steht, die vom Krieg des syrischen Diktators verschlungen wurden.

Ein Krieg, der heute fast vergessen scheint, während die Herzlosen in Deutschland noch immer gegen „die Migranten“ wettern und keinen Raum lassen für Mitleid und Mitgefühl. Und das stille Begreifen, dass es Leute wie Baschar al-Assad und seine Diktatorenkumpel sind, die ihre Länder in eine Hölle verwandeln und Millionen Menschen erst zur Flucht zwingen, weil das Dableiben den sicheren Tod bedeuten würde.

Verwüstete Landschaften

Und weil Samar Yazbek aus eigenem Erleben wusste, was passiert, wenn gnadenlose Männer in Machtpositionen austicken, brach sie 2024 auch auf, um mit Geflüchteten aus dem Gazastreifen zu sprechen.

27 dieser Überlebensberichte hat sie in ihrem Buch „Gaza“ gesammelt. Berichte, denen man anmerkt, dass die Autorin weiß, wovon die vom Trauma gezeichneten Menschen erzählten, was es anrichtet mit den Menschen, wenn gnadenlose Männer Kriege, Bürgerkriege und Vergeltungskriege anzetteln und dabei weder auf Frauen, Kinder noch Alte, nicht auf Schulen oder Krankenhäuser Rücksicht nehmen und die Weltöffentlichkeit machtlos und tatenlos zuschaut, wenn ganze Landstriche verwüstet werden.

Rima verdrängt das Grauen, das vor ihren Augen passiert, sucht Halt in den Geschichten aus den Büchern, die sie damals lesen durfte, als noch keine Bomben fielen und die Stadt Damaskus noch nicht in einen Ort des Verschwindens verwandelt worden war. Und man ahnt, mit welchen Albträumen all jene flohen, die diese Exzesse eines völlig enthemmten Militärs erlebt haben.

Menschen, die selbst von all jenen erzählen könnten, die vor ihren Augen „verschwunden“ sind. Wenn denn jemand zuhörte und wissen wollte, warum so viele Menschen auf eine Flucht gegangen sind, von der sie nicht wussten, ob es jemals wieder eine Heimkehr geben würde.

Samar Yazbek „Der blaue Stift“« Unionsverlag, Zürich 2026, 24 Euro.

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