Wer heute in Berlin an der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche steht, wird vergeblich nach einem Café namens Romanisches Café suchen. Auch den hässlichen Bau im (neo-)romanischen Stil, in dem es sich befand, sucht man vergeblich. Der wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. An seiner Stelle befindet sich heute das Europa-Center. Dabei war das Romanische Café in der Weimarer Republik eine Institution. Etwas, was es in dieser Art weltweit nicht noch einmal gab. Und heute erst recht nicht mehr gibt.
Wenn sich aber jemand wie der Journalist Christian Buckard daran macht, die Geschichte dieses Cafés zu schreiben, dann geht es nicht um die großen Kaffeehausräume in dem hässlichen Bau im Romanik-Stil, nicht um Speisekarten und Küchenpersonal. Sondern um die Gäste dieses Cafés, das zwar eine Vorgeschichte seit 1901 hatte, aber zum Treffpunkt der geistigen Elite Berlins erst wurde, als Bruno Fiering das Lokal 1909 übernahm und zur Konkurrenz für das zuvor führende Café des Westens machte, das 1915 für einen Komplettumbau geschlossen wurde.
Christian Buckard setzt den Zeitpunkt, als die Berliner Berühmtheiten ihr Stammlokal wechselten, mit dem Jahr 1913 gleich. Noch ein Friedensjahr. Das letzte Jahr vor dem „Weltuntergang“. Aber auch jenes goldene Zeitalter, das die letzten Jahrzehnte des Kaiserreichs prägte. Berlin wurde zum Brodeltopf der Literatur, der Kunst, des Theaters, der modernen Presse. Hier tanzte der Bär. Während ein vom Militärgeschmetter besoffenes Bürgertum den Krieg herbeijubelte und die einst so stolzen Sozialdemokraten umfielen wie die Kegel, als es um die Kriegskredite ging.
Alles, was einen Namen hat
Da muss Buckard gar nicht weit ausholen. Mit diesem Café und seinen Berühmtheiten ist er mittendrin im Geistesleben der Zeit. Und gleich die ersten Kapitel sind gepickt mit Namen und Schicksalen, die bis heute bekannt sind, deren Werke noch immer gelesen, gesehen und angehört werden. Und die trotzdem nichts ändern konnten an der Verführung eines ganzen Volkes zu Kriegswahn und falschem Heroismus.
Einige der „Bewohner“ des Romanischen Cafés mussten selbst in den Krieg ziehen und kehrten später traumatisiert zurück. Sie fanden nach dem Krieg in Romanischen Café wieder den Ort, an dem sie Gleichgesinnte trafen, verwandte Seelen aus der Welt des freien, unbändigen Denkens. Hier wurden Kunstrichtungen geboren, Buch- und Filmprojekte. Hier gärte der junge, unbändige Geist, der sich in den Goldenen Zwanzigern in allen Farben entfalten sollte.
In jenen wenigen Jahren nach Krieg und Hyperinflation, in denen die Weimarer Republik zeigte, was sie hätte sein können, wenn sie nicht durch ihr eigenes erzkonservatives Bürgertum und den aufkommenden Faschismus erwürgt worden wäre. Logisch, dass die letzten Kapitel beschreiben, wie die Schlägertrupps der Nazis das Café ab 1933 immer wieder stürmten, die Gäste verprügelten und vertrieben und das Ende des Romanischen Cafés im Grunde zementierten, lange bevor die Bomben des Zweiten Weltkriegs das Haus zerstörten. Die berühmten Gäste waren da längst auf der Flucht, vertrieben oder verhaftet. Buckard muss es gar nicht erst betonen, dass das Publikum dieses Cafés für all das stand, was die Weimarer Republik bis heute leuchten lässt – und was die Nazis hassten und verachteten.
Was sie übrigens bis heute tun.
Die Gäste und ihre Schicksale
Die ersten Kapitel im Buch sind ein regelrechtes Namensgewitter, mit dem Buckard auch nur skizzieren kann, wer hier ab 1913 eine Zuflucht fand: Gesprächspartner, Geliebte und Mäzene. Wer auf die entsprechende Wikipedia-Seite schaut, findet dort eine kleine Liste der illustren Gäste. Es ist nur eine kleine Auswahl. Verständlicherweise.
Wie ordnet man das? Wie macht man es erzählbar? Und vor allem: Wo findet man die Geschichten? Christian Buckard hat Berge von Büchern und Biografien durchforstet, um die Schicksale der Café-Besucher lebendig werden zu lassen. Und er hatte natürlich das Glück, dass viele von diesen Menschen ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben. Erinnerungen, in denen immer wieder das Romanische Café erscheint, weil es für die in Berlin Lebenden oder Gestrandeten eine Art Heimstatt war, eine Wohnung auf Zeit.
Auch weil viele von denen, die man heute noch kennt, bettelarm waren und hier ihre ersten Kontakte knüpften, die ihnen den Weg zum Ruhm eröffneten. Ob nun Billy Wilder und Curt Siodmak aus der frühen Filmwelt, ob angehende Journalisten wie Sebastian Haffner oder Wolfgang Koeppen oder die jungen Leute aus Ungarn um Leó Szilárd, die einmal mit dem Manhattan-Projekt der amerikanischen Atombombe berühmt werden sollten.
Treffpunkt und Zwischenstation
Aber nicht nur die Ungarn landeten hier auf ihrer Durchreise in die Welt, auch viele Juden aus Osteuropa machten das Romanische Café zu ihrer neuen Heimat. Sie kamen in zwei Wellen – erst nach den Pogromen des späten Zarenreichs, dann nach den blutigen Bürgerkriegen der jungen Sowjetunion, die ebenfalls in Pogrome ausarteten. Sie hatten eigentlich gute Gründe anzunehmen, dass ihnen so etwas im zivilisierten Berlin nicht passieren würde.
Und trotzdem erlebten sie – im Grunde schon ab dem Börsenkrach-Jahr 1929 –, wie schnell eine Zivilisation aus dem Takt geraten und zerstört werden konnte, wenn eine völkische Partei Zulauf bekam und ihre Doktrinen mit Schlägertrupps in die Berliner Straßen schickte. Und trotzdem glaubten die meisten Gäste im Romanischen Café nicht, dass das auch für sie brandgefährlich werden würde.
So ein Absturz in die Barbarei? Im florierenden Berlin, das für ein Jahrzehnt tatsächlich so etwas wie eine Weltstadt war, undenkbar. Selbst nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sträubten sich viele jüdische Gäste, die Drohung dahinter zu begreifen.
Und so erzählen die letzten Kapitel natürlich von den vielen Fluchten der einstigen „Bewohner“ des Cafés, manche in allerletzter Minute. Man findet sie in Prag wieder, in Paris, aber ab 1936 einige auch im Spanischen Bürgerkrieg. Im Grunde darf man auf fast jeder Seite staunen: Auch der war hier Stammgast? War mit den Kellnern und dem Caféhausbetreiber Bruno Fiering auf vertrautem Fuß, hatte angemessen Vertrauen aufgebaut, dass er bei den Kellnern auch mal anschreiben lassen konnte. Denn viele konnten sich meist nicht mehr leisten als eine Tasse Kaffee, an der sie sich stundenlang festhielten.
Arbeitsort und Kontaktbörse
Mancher schrieb hier seine Artikel, die anderntags in der Zeitung standen. Mascha Kaléko schrieb wunderbare Gedichte – auch über das Leben in diesem besonderen Café. Emil Orlik zeichnete die berühmten Kaffeehausbesucher – unter anderem Albert Einstein, der als einer der Ersten begriff, was mit den Nazis über Deutschland kommen würde. Hier wurden die Bühnen- und Filmkarrieren von Marlene Dietrich, Fritzi Masary und Max Pallenberg besprochen. Der aus Prag immer wieder nach Berlin eilende Kisch machte das Café zu seiner Redaktionsstube. Und mit dem Schicksal Alexander Granachs erzählt Buckard das Leben eines heute fast vergessenen Schauspielers, der damals halb Berlin faszinierte.
Und unter den Ungarn startete ein gewisser Endre Ernö Friedman hier seine Fotografenlaufbahn, den die Welt später als einen der berühmtesten Kriegsfotografen kennenlernen sollte, unter dem Namen Robert Capa. Man konnte Brecht genauso antreffen wie Klabund und Arthur Koestler. Fast fragt man sich: Wer war eigentlich nicht da? Und man weiß es eigentlich, bevor all die Vertriebenen in Zürich, Paris oder New York nach einem Ersatz für das Romanische Café suchten: Es gab keinen.
Auch wenn sich viele der einstigen Besucher des Romanischen Cafés zeitweilig in Paris wiedertrafen, der einzigen Stadt, die es irgendwie mit diesem Berlin der 1920er Jahre aufnehmen konnte. Mit seiner dann von den Nazis zertrampelten Weltoffenheit, Vielfalt und geistigen Explosivität.
Das fand auch im Deutschland der Nachkriegszeit keine Wiederholung. Manche der einstigen Gäste suchten die Ruinen des Cafés auf und meldeten den Verlust dieses einzigartigen Ortes in die Welt. Eines Ortes, der auch von der Herzlichkeit eines Bruno Fiering lebte, der es nicht fertigbrachte, die oft armen und hungrigen Gäste aus dem Lokal zu verweisen. Wissend, dass sein Café mehr war als eine „Wohnstätte“ für hungernde Künstler.
Eine Börse der Ideen
Was Christian Buckard nachzeichnet – auch indem er einige Schicksale der Gäste ausführlicher erzählt –, ist die Geschichte eines geistigen Brennpunktes, wie es ihn nach dem Machtantritt der Nazis in Deutschland nicht mehr gab. Eines Ortes, an dem sich die Ruhelosen der jungen, angefeindeten Republik trafen, eine Börse der Ideen, Projekte und Schicksale.
Und gerade weil es das Romanische Café nicht mehr gibt, denkt man immerzu an die Gegenwart. Und an die Selbstverständlichkeit, mit der schon wieder viele Wähler die Zerstörung der Zivilisation in Kauf nehmen und nur zu bereit sind, den neuen Rattenfängern hinterherzulaufen, die ihre Verachtung für Minderheiten, Frauen, Wissenschaft und Kunst regelrecht zum Programm gemacht haben. Wie ihre Vorläufer in den 1920er Jahren, denen das freisinnige Leben im Romanischen Café ein Dorn im Auge war.
Im Grunde ist diese Geschichte eine Warnung, auch wenn es so einen Schmelztiegel der Träumer und Künstler heute nicht mehr gibt. Vielleicht auch nicht geben kann, weil mit der Weimarer Republik auch eine besondere Kaffeehauskultur untergegangen ist, die später nur in viel kleineren Formaten einen Nachklang fand.
Lost Place
Auch wenn man ahnt, wie sehr so ein Ort heute fehlt, an dem man – egal zu welcher Tageszeit – immer anregende Gesprächspartner finden konnte. Herausforderungen für den Kopf, die all der Klimbim der „social media“ nicht bieten kann. Denn dafür muss man mit Leuten wie Kästner, Grosz, Haffner oder Remarque an einem Tisch sitzen, bei einer Tasse Kaffee oder auch mehr.
Mit anregenden Menschen ringsum an den anderen Tischen. Manchmal ein babylonisches Gewirr, das hier am Ende den Buchtitel ergab. Obwohl das Sprachengewirr nicht der Grund war für den Untergang des Romanischen Café, sondern ganz allein der Hass der Nazis gegen das Funkeln einer Weltoffenheit, die in ihrem völkischen Denken bis heute keinen Platz gefunden hat.
Es ist ein Buch, das glücklich macht. Und zutiefst traurig, wenn man am Ende mit Christian Buckard zuschauen muss, wie die Nazis es mit Gewalt und Aufhetzung schafften, die junge, verletzliche Republik erst in Angst und Schrecken zu versetzen und dann zu zertrampeln. Wie am Ende auch manchen Stammgast aus dem Romanischen Café. Es muss erinnert werden. Und das tut Christian Buckard hier mit einer großen, breiten Farbpalette, die zeigt, dass dieses Berlin einmal eine farbenprächtige, lebendige Stadt war, bevor alles braun und grau übertüncht wurde.
Christian Buckard „Café Babylon. Berlin, Romanisches Café“ C. H. Beck, München 2026, 26 Euro.
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