Die Ostfriesen haben schon einen bekommen, die Dänen, Schweden und Isländer. Nun bekommen auch die Sachsen einen Fettnäpfchenführer. Der ist eigentlich nicht für die Sachsen gedacht, sondern für die Außerirdischen, die sich mal ungeplant nach Sachsen verirren. Oder sich in ein Mädchen namens Jenny verlieben und nun das Wagnis eingehen, Jennys Heimat mit eigenen Augen zu erkunden. Und mit allen Vorurteilen, die so ein Hessenjunge mitgebracht hat aus seiner Sozialisation. Kristina vom Dorf nimmt die Experimentalanordnung ernst.

Mancher kennt sie schon aus ihren Büchern „Made in Sachsen“ und „Sächsisches Allerlei“. Oder von ihrem YouTube‑Kanal, von Instagram, Facebook oder TikTok. Sie scheint allgegenwärtig, gibt den Zuschauern Dialektunterricht und erklärt ihnen, was es mit diesem seltsamen Völkchen zwischen Elbe und Erzgebirge auf sich hat. Dabei war sie lange weg, hat auf Zypern gelebt und mit dem deutsch-deutschen Hickhack nichts zu tun gehabt. Und als sie zurückkam, war der Salat schon angerichtet.

Beidseitig. Oder allseitig, wie man es nehmen will. Nur dass es aus der Position des Schwächeren dann doch eher wie Ignoranz aussieht. Und das kennen die Sachsen. Spätestens seit den Plünderungen Friedrichs des Zweiten von Preußen und dem krachledernen Auftrumpfen des Preußischen. Was richtet so eine Geschichte an mit den Menschen, die dann 200 Jahre lang gesagt kriegen, dass sie nicht richtig dazugehören, immer auf der falschen Seite stehen und ihre Sprache, ihr Dialekt eigentlich der unbeliebteste in ganz Deutschland ist?

Es gibt sie tatsächlich, diese Umfragen, mit denen genau das abgefragt wird.

Sächseln ist politisch

Natürlich tritt auch Tobias aus Frankfurt am Main mehrfach ins sprachliche Fettnäpfchen, auch wenn er sich Mühe gibt und für seine Jenny, die irgendwie Journalistin aus Leipzig ist, alles tun würde. Auch Sächsisch sprechen. Was dann schon mal das allergrößte Fettnäpfchen ist. Denn das geht meistens schief. Man muss hineingeboren sein in eine Mundart, um wirklich in ihr leben zu können. Wenn andere es tun, wird es eine Verhohnepiepelung. Lang genug erlebt.

Denn dummerweise kam auch der einstige SED-Parteichef Walter Ulbricht aus Sachsen und sächselte auch noch. Und das animierte westdeutsche Kabarettisten, Komiker und solche, die sich dafür hielten, vier Jahrzehnte lang dazu, nicht nur die grauen Eminenzen der SED mit Sächseln zu verulken, sondern den ganzen ostdeutschen Mauerstaat und seine Bevölkerung gleich mit.

Weshalb die Verachtung für das Sächsische sehr viel mit der langen deutsch-deutschen Teilung zu tun hat. Und sich eben leider 1990 nicht in Luft aufgelöst. Das muss man bei diesen Rankings immer mitbedenken. Auch wenn es Kristina vom Dorf nicht erwähnt und lieber die Preußen als Verursacher dieser lang anhaltenden Malaise benennt.

Es ist nicht die einzige Stelle, an der man merkt: Fettnäpfchen beruhen meist auf Gegenseitigkeit. Sie brauchen auch einen, der sie aufstellt. Und es stehen eine Menge da, wie Kristina vom Dorf feststellt. Denn wenn das Dissen nun schon Jahrzehnte anhält und selbst in scheinbar seriösen Nachrichtensendungen immer neu aufgekocht wird, dann erzeugt es Gegenwehr und Trotz.

Dann kommt das „Nu grade!“ durch, das einst die Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt so schön auf den Punkt gebracht hat. Denn auch sie kannte vor 100 Jahren schon diesen scheelen Blick auf ihr schönes Sachsen.

Sachsen mal Fünf

Das nun einmal nicht so grau, trist und einheitsbreiig ist, wie es andernorts gern gemalt wird. Da muss Tobias durch, ob bei Party-Feiern in Leipzig, beim Oma-Besuch im Erzgebirge, beim Kaffeetrinken und Ditschen. Da lernt er bald, dass es das eine Sächsisch gar nicht gibt, sondern mindestens fünf Mundarten, die in den sächsischen Weiten auch noch in feinste Unterschiede abgleiten.

Und selbst wenn dieser Dialekt burschikos und bodenständig daherkommt, darf man seine Gemütlichkeit nicht falsch einschätzen. Da sitzt man sehr schnell wieder im Fettnapf, hat Gefühle verletzt und Erwartungen bestätigt.

Da darf man auch ein bisschen Mitleid haben mit Tobias, der sich so viel Mühe gibt, den Dialekt zu verstehen und die Mentalität der Menschen zu begreifen, die in einem ganz und gar nicht gräulichen und tristen Land leben. Im Gegenteil. Wenn es um Kultur, Küche, Musik und sehenswerte Landschaften und Städte geht, muss sich Sachsen nicht verstecken. Im Gegenteil: Da staunt der Hesse. Und ist verblüfft.

Und man ahnt, wie es auch in der Autorin rumort, die so gar nicht verstehen will, warum die Westler mit so viel Verachtung auf den Osten schauen. Als wollten sie ihre alten grauen Bilder bewahren und ihre Vorurteile über die Menschen, die da in der finsteren ostdeutschen Pampa leben. Oder wohl eher vor sich hin vegetieren. Und dann auch noch Nazis wählen, weil sie mit den Brosamen, die ihnen die Brüder und Schwestern zugeworfen haben, nicht zufrieden sind.

Wer darf dazugehören?

Es geht gar nicht anders. Es geht an die tief sitzenden deutsch-deutschen Malaisen. Und an den Frust der Menschen, die in diesem ruf-lädierten Freistaat leben und eigentlich berechtigt stolz sein möchten auf das Ländchen, das sie haben. Und letztlich auch einmal ganz selbstverständlich dazugehören wollen. Das schwingt immer wieder mit, dieses Gefühl, doch nicht als gleichwertig betrachtet zu werden. Eher als ungebetener Gast am Katzentisch, der eigentlich nicht mitreden soll.

Ist das so? Ist so.

Und so kapseln sich auch die Ureinwohner ein in ihren Frust, grollen und schmollen. Und erklären diesem unbeleckten Tobias, wo in Deutschland eigentlich die Kaffeekultur entstand, der Autobau seine Wurzeln hatte, die beste Musik herkommt und Silbermond und Kraftklub zu Hause sind. Und natürlich heißt ein Kapitel „Der ewige Verlierer. Der DDR‑Sachse“ und eins „So ä Ronny. Vorurteile gegen Sachsen“.

Die „schönsten Mädchen“ kommen ins Bild und die kleinste Weinregion Deutschlands. Aber man merkt auch – etwa im Kapitel „Ein Schwibbogen in jedem Fenster. Sächsische Weihnachten“, dass es dieses „eigentliche Sachsen“ so nicht mehr gibt. Auch wenn die Provinzregierung in Dresden diese Art Heimattümelei feiert und zelebriert, als wäre tatsächlich das Erzgebirge der Maßstab für das ganze Land.

Weshalb es von außen eben oft genug ziemlich klein und hinterwäldlerisch wirkt. Nicht so weltoffen und modern, wie es Tobias in Leipzig erlebt. Es ist also auch ein innersächsisches Problem, wie dieses Land sich darstellt für die Welt. Ob mit Steigerchor und 24-Monate-Weihnacht oder mit Eierschecke, Lene Voigt und Bach. Das sind verschiedene Welten.

Und manchmal springt Kristina vom Dorf emsig zwischen ihnen hin und her, denn sie kennt das sächsische Dorf ja auch von Kindesbeinen an. Und man ahnt zumindest, dass dieses Sachsen eigentlich aus völlig verschiedenen Welten besteht, die manchmal ineinandergreifen, manchmal ohne Übergang nebeneinander stehen.

Aber dieser Tobias lässt sich nicht entmutigen, auch weil er mit Jenny eine durchaus beherzte Führerin durch das seltsame Land hat, das ganz offensichtlich selbst seinen Platz noch nicht gefunden hat in der Gegenwart und manchmal bierernst und kaffeetrunken in einer Gemütlichkeit steckt, die so recht nicht passen will zu einer Welt, die eben nicht am Gebirgskamm endet.

Kristina vom Dorf „Fettnäpfchenführer Sachsen“ Bruckmann Verlag, München 2026, 14,99 Euro.

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