Durch Connewitz, Leutzsch, Plagwitz und Gohlis führten die „Spaziergänge“ aus dem Lehmstedt Verlag. Schon sie haben gezeigt, was es in Leipzig alles zu entdecken gibt, wenn man mal die überlaufene City verlässt. Dass man aber auch ein ganzes Stück Leipziger Stadtgeschichte erlebt, wenn man über den Südfriedhof spaziert, das zeigt Doris Mundus in diesem ganz besonderen Spaziergang.

Obwohl es tatsächlich sieben Spaziergänge sind, jeder einzelne eine Kennenlern-Tour von Persönlichkeiten, die Leipzigs Stadtgeschichte in den vergangenen 150 Jahren geprägt haben. Man trifft Leute, die man hier gar nicht erwartet hätte und steht traurig vor Gräbern von Menschen, die man noch persönlich erlebt hat und die einem nahe waren. Und noch sind.

Und natürlich ist das Schlendern selbst schon ein Erlebnis in einer der größten Friedhofs-Parkanlagen Deutschlands, deren Geschichte Doris Mundus gleich zum Einstieg erzählt – dabei auch die Schattenseiten nicht auslassend, denn die Geschichte des Alten und des Neuen Johannisfriedhofs gehören unbedingt zur Vorgeschichte des Südfriedhofs, der eine rücksichtslos in den 1970er Jahren devastiert, der andere Jahrzehnte ungepflegt, sodass viele wertvolle Grabmale dort zerstört und verschwunden sind und der Alte Johannisfriedhof eigentlich auch nur noch eine Ahnung seiner selbst ist.

Architekten, Verleger, Widerstandskämpfer

Aber auch auf dem Südfriedhof wurde gefrevelt. Davon zeugt bis heute der in großen Teilen noch erhaltene „Sozialistische Ehrenhain“, der nach Stadtratsbeschluss von 1992 längst hätte beräumt werden sollen, damit die historische Alleesituation wieder hergestellt werden kann.

Aber bis auf den Abbau der propagandistischen Steinwände ist nicht viel passiert. Vielleicht auch, weil die Friedhofsverwaltung von niemandem einen Plan bekommen hat, was von den hier aufgestellten Steinen noch erhalten werden soll oder ob alles weg muss.

Denn natürlich werden hier auch Menschen gewürdigt, die tatsächlich Opfer der NS-Justiz wurden, weil sie versuchten, gegen das Regime zu kämpfen. Etliche Leipziger Straßen sind bis heute nach ihnen benannt – von Arthur Hoffmann bis Alfred Kästner. Sie werden im vierten Spaziergang alle gewürdigt.

Ein Spaziergang, der zwar am Ehrenhain endet, der aber auch Bekanntschaften ermöglicht mit Persönlichkeiten, die Leipzig geprägt haben. So wie der Architekt Julius Zeißig oder der Musikverleger Max Abraham, der Architekt Clemens Thieme oder der Instrumentenbauer Ludwig Hupfeld.

Man kann die Namen alle nur auswahlweise aufführen. Insgesamt 213 Grabmäler hat Doris Mundus ausgewählt und dabei noch lange nicht den ganzen Friedhof erschlossen.

Feldpostmeister, Dichter, Zirkusdirektor

Zu den Persönlichkeiten, denen oft aufwendige Grabanlagen gewidmet wurden, gibt es jeweils ein Foto der Grabanlage und einen kleinen biografischen Text, sodass man auch ohne Vorkenntnis ein erstes Gefühl dafür bekommt, welche Rolle die Persönlichkeit in der Leipziger Geschichte spielte, oft auch darüber hinaus – wie der „Rote Feldpostmeister“ Julius Motteler, der hier genauso begraben liegt wie (nach mehreren Umbettungen) der Dichter Christian Fürchtegott Gellert oder der Zirkusdirektor Cliff Aeros.

Man findet die Erinnerungsstätte an Marinus van der Lubbe und den Reiseführerverleger Fritz Baedeker, aber auch die Wissenschaftler Wilhelm Wundt und Karl Sudhoff.

Da ist man schon im dritten Spaziergang, der nicht grundlos so viele Wissenschaftler und Künstler vereint: Sie liegen auf dem Südfriedhof alle dicht beieinander. Und natürlich wird einem das Herz schwer, wenn man an den Grabstätten von Cäsar, Fred Delmare, Klaus Renft oder Jürgen Hart steht.

Spätestens hier merkt man, ob sie einem näher waren als Kurt Masur oder Wolfgang Mattheuer, die auch hier liegen. Aber das ist sowieso egal. Denn hier wird ein Reichtum sichtbar, der sonst im Leipziger Alltag meist nicht gesehen wird – der Reichtum einer Kulturstadt, die in der ganzen Zeit, in der der Südfriedhof existierte, für Künstlerinnen und Künstler immer attraktiv war.

Manche ganz leise – so wie der Dichter Georg Maurer oder die Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß, die den Text für den größten City-Erfolg „Am Fenster“ geschrieben hat.

Spuren der Kriege

Manch ein Name sagt einem anfangs nichts und man erfährt erst im Text, wie sehr der Südfriedhof im späten 19. Jahrhundert der Begräbnisplatz der namhaften Leipziger Unternehmer und Fabrikanten war, die sich hier von anerkannten Künstlern eindrucksvolle Grabmale gestalten ließen.

Verleger, Rauchwarenhändler, Bankiers und Gastwirte lernt man kennen, Apotheker und Hoteliers, oft genug mit Grabmalen, auf denen Jünglinge oder Mädchen als Trauernde dargestellt sind oder als glücklich zum Himmel Eilende.

Denn oft wurden die Grabanlagen schon angelegt, wenn die Kinder der Käufer früh verstarben. Was dann ab 1914 ja meist der Tod auf dem Schlachtfeld war.

Natürlich ist auch der Krieg gegenwärtig, denn die Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs haben genauso ihren Platz gefunden wie die Gefallenen des Ersten. Immer wieder trifft man auch auf Gemeinschaftsgrabanlagen von Dörfern im Leipziger Südraum, die dem Kohlebergbau zum Opfer fielen.

Doris Mundus macht ja mit ihren kleinen Texten deutlich, wie sehr dieser Friedhof auch ein Friedhof der Geschichten ist.

So wie die Geschichte des Fußballers Johannes Skockan, der bei einem Freundschaftsspiel in Prag 1897 nach einer schweren Verletzung gestorben ist, oder die von Oskar Seifert, dem Schausteller, der als Seiferts Oscar zur Leipziger Legende wurde.

Thomaskantoren und Oberbürgermeister

Man begegnet den Leipziger Thomaskantoren des 20. Jahrhunderts – auch dem so früh verstorbenen Georg Christoph Biller. Aber auch die Schöpfer des Südfriedhofs – wie etwa Carl Otto Wittenberg – fehlen nicht. Genauso wenig wie der Komponist Siegfried Tiefensee, dessen Sohn ja eine Zeit lang Oberbürgermeister von Leipzig war.

Natürlich trifft man auch etliche Oberbürgermeister an – von Rudolf Dittrich bis zu Hinrich Lehmann-Grube. So wird der Friedhof – anders als das Leipziger Straßenverzeichnis – tatsächlich zu einem Stadtgedächtnis. Denn die meisten hier Bestatteten wurden niemals zur Benennung irgendeiner Straße in Erwägung gezogen.

Schlicht deshalb, weil ihr Leben eben kein Politikum war, sondern meist nur emsige Arbeit. Arbeit, die freilich nachwirkt, so wie die der Sexualwissenschaftlerin Lykke Aresin oder die des Fotografenehepaars Renate und Roger Rössing.

Die Männer – so scheint es auf den ersten Blick – sind deutlich in der Überzahl. Aber das liegt oft daran, dass zwar das Grab auf ihren Namen läuft, Frauen und Kinder aber ebenfalls hier bestattet wurden.

Und natürlich kann auch so ein Friedhof nur widerspiegeln, wie die jeweilige Zeit von ihren Berühmtheiten dachte, ob sie Frauen nur mitdachte und mitbegrub, oder ob das Wirken der Frauen auch des Ruhmes wert befunden wird – so wie bei der Sängerin Helga Brauer, der Dichterin Lene Voigt oder der Schauspielerin Christa Gottschalk.

Das Büchlein lädt auch alle jüngeren Leipziger/-innen ein, sich einfach mal auf den Weg zu machen und hier einen kleinen Kosmos Leipziger Persönlichkeiten kennenzulernen, die die Stadt in unterschiedlichster Weise geprägt haben und oft auch prägend waren für den Geist und die Atmosphäre in der Stadt, die sich in den 136 Jahren, seit es den Südfriedhof gibt, deutlich verändert hat.

Damals – so erzählt Doris Mundus – lagen die ersten Gräberfelder noch weit außerhalb der Stadt. Nicht einmal eine Straßenbahn fuhr hin. Auch das Völkerschlachtdenkmal stand noch nicht, das heute so aussieht, als wäre der Südfriedhof drumherum angelegt worden, obwohl es genau andersherum war.

Natürlich geht Doris Mundus auch auf die architektonischen Sehenswürdigkeiten ein, insbesondere auf die eindrucksvolle Kapellenanlage samt Krematorium, die das Zentrum des Friedhofs bildet.

Von der Muse geküsst

Beigelegte Karten ermöglichen es, die vorgeschlagenen Routen relativ schlüssig zu erlaufen. Wer Glück hat, sieht auch einige der Tiere, die auf dem Friedhof ein Zuhause gefunden haben. Die künstlerische Gestaltung der Gräber ist meist einen zweiten und dritten Blick wert. Und natürlich auch ein paar Gedanken über Diebe und Plattmacher, die auch auf dem Südfriedhof einige Gräber nicht verschont haben.

Und es ist ja nicht nur Vergänglichkeit, über die man dabei nachdenken kann. Es sind auch Talent und Bewunderung der Hinterbliebenen, die ja im Fall begabter Künstler immer eine Menge Menschen sind. Bewunderung dafür, dass es Menschen gibt, die ihren Reichtum mit allen teilen und verschwenderisch leben und manchmal Dinge hinterlassen, die einfach Freude bereiten – so wie die Tierplastiken von Alfred Thiele.

Oder die Gosenschenke „Ohne Bedenken“, die der Veterinärwissenschaftler Hartmut Hennebach wieder zum Leben erweckt hat. Auf der Stele, die ihm sein Freund Günther Huniat geschaffen hat, wird er von der Muse geküsst. Noch so eine Leipziger Einwohnerin, die in letzter Zeit ziemlich in Vergessenheit geraten schien.

Aber wie man sieht, ist sie noch da und spaziert nachts wohl zwischen den Gräbern, ein bisschen stolz darauf, dass Leipzig zum Glück nie aufgehört hat, eine musische Stadt zu sein. Man muss nur immer wieder dran erinnern. Die sieben Spaziergänge über den Südfriedhof helfen dabei.

Doris Mundus Leipziger Spaziergänge. Südfriedhof Lehmstedt Verlag, Leipzig 2022, 10 Euro.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar