Darf man denn das? Ist das denn noch erlaubt? Solche Fragen stellen sich ja auch Schriftsteller, wenn es ihnen in den Fingern juckt und sie die gelernten Werkzeuge des deftigen Humors auf eine Gesellschaft anwenden wollen, die einerseits sprachlich so sensibel geworden ist, dass sie kaum noch einen Satz ohne künstliche Interpunktion zustande bringt, andererseits aber völlig entfesselt und Sprache wie einen Holzhammer benutzt. Und dabei bieten die Schlagzeilen des Tages oft schon Anlass genug, in die Tasten zu hauen. Aber so richtig.
So, wie es der Hallenser Autor Christian Kreis in diesem
Büchlein getan hat, reimgewaltig, pointenfreudig, auf klassisch
frohlockene Art eine Moral setzend, die so jedem gesellschaftliche
Gespreize widerspricht.
Die Schlagzeilen, die er als Aufhänger nutzt, sind echt, haben in letzter Zeit allesamt medial für Furore gesorgt. Und damit freilich auch gezeigt, nach welche seltsamen Mechanismen Medien in Deutschland inzwischen funktionieren. Und ebenso die Medienaufmerksamkeit der Nutzer.
Denn seriöse Berichterstattung hat kaum noch eine Chance in einem Umfeld, in dem auf Zoff und Klamauk geeichte Algorithmen dafür sorgen, dass die abseitigsten Meldungen die größte Aufmerksamkeit bekommen und die Nutzer der elektronischen Geräte kaum noch Zeit und Kraft haben, nach den Nachrichten zu suchen, die wirklich wichtig sind für sie.
Manipulation mit Bullshit
Man kann es auch so ausdrücken: Die großen Plattformen Made in USA und die ebenso von US-Konzernen betriebenen Suchmaschinen haben dafür gesorgt, dass die „Nachrichten“-Welt der meisten Nutzer nur noch aus Klamauk, Blödsinn, Ablenkung, Lüge und Fake News besteht. Und mittlerweile darf man davon ausgehen, dass genau das Absicht ist.
So nämlich lassen sich Menschen manipulieren und für politische Stömungen rekrutieren., die die Zerstörung der Demokratie und der gesellschaftlichen Gesprächsbasis auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Statt dessen regen sich die Kommentierer dann über Nachrichten auf, die in einer seriösen Presselandschaft bestenfalls ganz hinten in der Zeitung unter „Vermischtes“ erschienen wären, so ein paar Erstaunlichkeiten aus der Welt menschlichen Fehlverhaltens.
Aber diese Schenkelklopfer-Geschichten sind so präsent, dass auch ein Autor wie Christian Kreis nicht mehr drumherum kommt, sie wahrzunehmen. So wie die Esel-beißt-Rentner-tot-Geschichte aus Ungarn. Eine Geschichte, die natürlich ganz anders klingt, wenn man die tatsächlichen Vorgänge kennt. Aber die landen schon lange nicht mehr in den Überschriften.
Nur um Reichweite und Aufmerksamkeit im einem wild gewordenen Nachrichten-Kosmos zu bekommen, spitzen die Nachrichten-Ersteller drastisch zu, übertreiben, treiben die Überschrift regelrecht ins Absurde. Hauptsache „es klickt“. Es lockt die Leute an die Bildschirme, um eine am Ende völlig unwichtige Nachricht zu lesen, die für gewöhlich nicht mal die Druckerschwärze im Lokalblatt wert wäre.
Auf dem Niveau der Biertische
Eine von Tausenden solcher Nachrichten, die für gewöhnlich nicht mal im Polizeiticker landen, weil sie so oft und alltäglich vorkommen. Aber die immer mehr an einem wild gewordenen Boulevard geschulten Aussieber in den Redaktionen greifen zu, wenn sich aus einer banalen Nachricht mit der Überschrift „Hund beißt Mann“ eine machen lässt mit „Mann beißt Hund“. Das ist dann schon lange Biertischniveau.
Aber wer merkt das noch?
Christian Kreis jedenfalls, der sich 43 dieser Schlagzeilen geschnappt und daraus deftig und witzig gereimte Moritaten gemacht hat, in denen er die ganze Absurdität der verschlagzeilten Vorgänge auf die Spitze treibt. Mit einem untergründig spürbaren Gefühl für die Verführbarkeit der gewöhnlichen Leser, die sich den Stoff aus den überhitzten Medienkanälen jeden Tag hereinziehen wie Brausepulver oder anderes Krümelzeug.
Hauptsache, es zündet. Und man fühlt sich hinterher so schön behämmert. Denn wenn die Welt schon so bekloppt ist, warum sollte man sich da anders benehmen?
Nur dass Kreis dann jeder Moritat auch noch ganz klassisch eine Moral anfügt, die die Absurdität noch einmal steigert. Die aber so trocken und ernsthaft klingt, als könne sie auch im nächsten Abreißkalender stehen – als Ratschlag für ein gutes Leben in einer Welt, in der ganz offensichtlich die Leute immer verückter werden.
Da gibt es dann gut gemeinte Warnungen vor dem Al-Kaida-Charakter von gestörten Kühen, vor gehirnfressenden Bakterien in der schönen Ostsee, vor rauflustigen Pythons aus dem Toilettenbecken oder mordlustigen Kindern, die einen Schweinswal zu Tode kitzeln.
Irgendwie so passiert
Alles irendwie so passiert. Oder so ähnlich. Oder doch ganz anders. Ganze Boulevardwelten leben ja davon, einstmals ersthafte Fakten so lange durch Fleischwolf und Häcksler zu drehen, bis nur noch eine völlig abstruse Story da steht, die zwar irgendwie so passiert ist, nur halt ein bisschen anders. Weniger blöd und irre.
Es gab auch einmal Zeiten, als solche Medien einfach nicht ernst genommen wurden. Aber das hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Unterstützt natürlich von sturen Algorithmen, denen Inhalt und Wahrhaftigkeit von Meldungen völlig egal sind.
Sie sind auf Zoff, Aufregung und Geknall getrimmt. Und sorgen auch mit dieser Justierung dafür, dass immer mehr Menschen nur noch in einer Welt der heillos verdehten Meldungen unterwegs sind und das tatsächlich für die neue Realität halten. Eine Realität, in der Weltumsegler von Kannibalen verspeist werden, CDU-Politiker beim Urinieren vom Blitz erschlagen werden, Japaner unter ihren Pornosammlungen begraben werden und Brustimplantate mörderische Kugeln abfangen.
Und die Moral von der Geschicht …
Bei den Leuten, die diese ausgesiebten Meldungen zu brünstigen Geschichten für die große Medienmaschine zusammenstückeln, hört da meist die Fantasie auf. Und auch ihr angefüttertes Publikum denkt sich da nichts weiter. Aber einen wie Kreis befeuern solche Schlagetotzeilen erst recht, die Geschichte plastisch und deftig auszumalen. Ganz im bekannten Bänkelsängerstil.
Denn wenn man so etwas schon erzählt, muss es eine moralische Komödie werden, gern auch etwas derber als bei Omas Kaffeekränzchen. Der Zuhörer verträgt ja was. Und nichts ist befreiender, als zu erfahren, dass andere Leute sich noch viel bekloppter benommen haben als unsereins. Und dann meist schlagzeilenträchtige Erlebnisse dabei hatten.
Ob es wirklich so passiert ist?
Das weiß am Ende nur noch der, der ursprünglich die Zeilen für die erste Nachricht zusammenhämmerte. Ob über Leute, die in der Münchner U-Bahn Stangen ablecken oder erfrieren, weil die Batterie ihres E-Bikes leer war. Da wird ein erfrorener E-Biker eben in der Moral zu einer Werbung für ein Luxusauto. Da kennt Christian Kreis nichts.
Wenn die Leute schon nicht auf ihren kleinen menschlichen Sachverstand hören, dann muss man ihnen eben ein bisschen Moral mit Würze verpassen. So als Nachschlag. Und zur Freude von Lesern, die sowieso längst das dumme Gefühl haben, dass sie im medialen Alltag längst mit völlig bekloppten Ratschlägen an jeder Ecke beschossen werden.
Mit Patrick Wilden aus Dresden hat Christian Kreis dann auch noch einen Gleichgesinnten gefunden, der die 44. Morität für dieses Büchlein beigesteuert hat. Aufhänger ist eine Nachricht aus den Westfälischen Nachrichten, die mit der Titelzeile glänzte: „Frau ersticht Mann nach fast 50 Ehejahren“.
Da hat der Titel-Formulierer wirklich noch lange nachgedacht und die Frage drängt sich auf, warum sie so lange gewartet hat. Was natürlich mit dem eigentlichen Drama nichts zu tun hat. Aber viele Meldungs-Verzapfer merken so etwas nicht mehr, hauen die Schlagzeile so hin und sind tatsächlich überzeugt, der Welt etwas Gutes getan zu haben.
Aber Kreis und Wilden verwandeln das nicht in nur zu berechtigten Frust, sondern in bissige, derbe Moritaten. Die auf ihre Weise entlarvend sind für die Nachrichtenbastler, die den Orkus unserer dauerregten Medienwelt mit immer neuem Bullshit anreichern, dessen Sinn es am Ende nur ist, die Wirklichkeit für die Nutzer unter einem riesigen Misthaufen aus Nonsense zu begraben.
Christian Kreis „Esel beißen Rentner tot. 44 Schlagzeilenmoritaten“ Unzeit Verlag, Halle 2026, 19 Euro.
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