Wer beschreibt die Welt? Wer zeigt ihre Facetten? Und ihre stille Magie, die wir nur empfinden, wenn wir uns herausnehmen aus dem Lärm und der Betriebsamkeit? Und trotzdem mit wachen Sinnen unterwegs sind? Mit allen. Auch denen, die sich hinterrücks zu Wort melden, wenn man doch in lauter schönen Landschaften unterwegs ist. Denkste.

Das dachte sich der Leipziger Dichter Thomas Böhme schon 1983, als er mit seinem ersten Gedichtband „Mit der Sanduhr am Gürtel“ für einen kleinen Aufstand im ostdeutschen Feuilleton sorgte. Darf der denn das?

Aber etwas passierte ja da in seinen Texten, die sich ein wenig wie Collagen lasen. Als würde sich die ganze Welt der Gedanken, all das, was in unserem Kopf herumschwirrt, immer wieder einmengen in die poetischen Texte, sie doppelbödig machen, fragmentarisch.

Und das berührte auch die Leserinnen und Leser damals. Denn es machte sichtbar, wie wir vielleicht tatsächlich auf die Welt sehen. Nämlich genau so. Mit einem Bienenschwarm irrlichternder Assoziationen und Erinnerungen im Kopf. Die Dinge sind nie so simpel und lyrisch, wie sie uns vor Augen kommen, können sie gar nicht sein.

Und so zeigt nun auch dieser neue Gedichtband des Leipziger Dichters, wie das alleweil und überall passiert. Wir können die Welt gar nicht sehen, ohne sie zu interpretieren. Und Böhme ist einer, der viel belesen die europäische Geschichte genauso parat hat wie die Kunstgeschichte, die Weltliteratur und die Schlagzeilen des Tages. „Ohrenbetäubend“ ist das.

Und so beginnt auch eins seiner Gedichte, in dem der blutige Lärm der nie endenden Kriege auch in die Strophen hereintobt: „Blutgetränkt ist die er zwar überall, / In der Kornkammer Europas / ist der Boden längst übersättigt.“

Aber ist das politische Tamtam des Tages eigentlich Stoff für Gedichte? Natürlich. Nur halt nicht so, wie es Hymnendichter jahrhundertelang praktizierten. Es ist kein Stoff zur Glorifizierung. Aber es staubt überall in unser Leben hinein. Als Fragment, Zitat, Aufreger, als Störsignal. Manchmal und immer öfter bis zum Überdruss.

Man kann das gar nicht aus den Gedichten heraushalten, wenn sie unser Da-Sein in dieser Welt tatsächlich in seiner Tiefe und Vieldeutigkeit zeigen sollen. Und Böhme zeigt das Leben so. Er lässt die Fragmente einfließen in seine Texte. Und zeigt damit, dass sich selbst das wüste Lamento der hohen Politik in Fäden und Patches verwandelt, die sich unverhofft in einen scheinbar nur poetischen Moment hineinmischen.

Der Lärm der Zeit

Und Gedichte mit solchen Einmischungen finden sich in allen vier Kapiteln in Böhmes neuem Gedichtband, besonders präsent gleich im ersten: „Nachtfasern“. Da wird sich so mancher an seine vergeblichen Versuche vorm Einschlafen erinnern, die Fratzen und Albträume des Tages endlich aus dem Kopf zu bekommen.

Es klappt oft einfach nicht. So wie in „Himmelshexe“: „Stürme mit Flüchen beladen / Aufruhr der Elemente / Berstende Deiche & Dämme. / Sieh, wie die Himmelshexe / auf eisernem Besen / aus der Wolkenburg fährt! – / Eine Furie, aufgebläht, maßlos / in ihrer entfesselten Wut.“

Scheinbar ein entsetzter Blick auf die entfesselten Elemente. Doch am Ende drängt sich die digitale Wirklichkeit in den Text, der wild gewordene Ort, in dem unsre Albträume heute schon toben. Nur dass Böhme dieses Tohuwabohu eben so betrachtet: als lärmende Störung. Während unsere Welt vor unseren Augen ärmer wird, verwüstet, verbrannt, bedrückender.

Und da merkt man, dass beides zusammengehört: das rebellierende Theater in unseren Köpfen und unsere Gefühle von Trauer und Verstörtsein, wenn wir auf eine scheinbar noch heile Welt schauen und mittendrin merken, wie das Grauen aufsteigt: „Hier ein entfesselter Sturm / da ein zermalmender Strom / ein Irrer auf Amokfahrt – / wenig nur trennt uns vom Grauen“, schreibt Böhme in „Winter Prélude“, in dem er sein Gefühl im Angesicht einer problematisch und fragil gewordenen Gegenwart beschreibt. Ein nur zu vertrautes Gefühl.

Und dabei ist er ein stiller, geradezu in sich ruhender Beobachter. Ekstase liegt ihm fern. Eher ist er ein Stoiker, der mit ruhigem Blick registriert, was er sieht, auch wenn im Kopf die Bilder des Tages lodern. Bilder, die er genauso wenig los wird wie wir. Und manchmal weiß auch er sich nicht anders zu helfen: „Schlag nur nicht die Zeitung auf! / Nimm die Geräte vom Netz! / Verstopf dir die Ohren! / Sieh nicht in den Spiegel!“ So liest sich das in einem Gedicht mit dem geradezu klassischen Titel „Frühsommer“.

Algorithmen und Pegelstände

Nur dass der Frühsommer längst zu einem Hochsommer geworden ist. Der dann ungeschminkt im Gedicht „Im Hitzestau“ seinen Platz einnimmt. Nur dass es Böhme eben nicht beim Registrieren belässt. Im Text werden die Katastrophen lebendig und bildhaft. Und dazu kommt: Dieser Dichter verklärt nichts. Er weiß, wie das alles zusammenhängt. Und wer an den Schrauben dreht, um die Welt in eine Hölle zu verwandeln: „Mit der Logik von Algorithmen / steigen die Pegelstände. / Der Geist erlahmt, nur die Ohren / sind noch geschärft, lauschen / dem Stakkato aufs Fensterblech …“ („Sintflutartiges“)

Böhme versteckt den Stoff nicht, aus dem seine Gedichte entstehen. Und er bürstet auch die glorreichen Texte der berühmten Früheren gegen den Strich – Rilke etwa, Gottfried Benn, sieht Fallada in Carwitz ackern und widmet Elke Erb einen Text als Nachruf.

Der Text steht gleich neben dem titelgebenden „Vergessene Wunder“, in dem Böhme fast skizzenhaft zeigt, wie präsent die Erinnerungen unserer Kindheit in uns weiterleben, Bilder, die daran erinnern, dass wir die Welt einmal wie ein Wunder entdeckten. Etwas, was die meisten Menschen so völlig aus ihrem Jetzt verdrängen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir das Leben (wieder) als Wunder betrachten würden?

Den natürlich beginnt auch die Bewunderung der Welt im Kopf. Wer nicht mehr staunen und sich wundern kann, ist eigentlich schon erledigt, abgeheftet, abgestempelt. Dabei ist es so nötig, immer wieder daran zu erinnern, dass alles, was Menschen beginnen, in ihren Köpfen beginnt. Auch das Schlimme: „Alle Kriege beginnen im Kopf / und auch alles Sterben.“

„Gut zu wissen“ heißt das Gedicht – mit dem sarkastischen Untertitel „und vollkommen nutzlos“. Und sarkastisch wird Böhme diesmal. Das geschieht ihm nicht oft. Aber wer sonst soll es den Leuten da draußen sagen, die leben, als wäre es kein Geschenk? Oder gar endlich.

Wer macht die Zeit?

Und Endlichkeit dringt in diesem Gedichtband unübersehbar ein in Böhmes Versen. Das Alter macht ihn nachdenklicher, bewusster auch für den Stoff, aus dem unsere Kindheit gewoben wurde. Poesie entsteht durch Vielschichtigkeit, Tiefe und das alte, immer noch spürbare Staunen: „Und wie sie sich wandeln, bleiben sie / einander ähnlich – das sich selbst vergessende Kind / & der Gott, der schon neue Spiele ersinnt.“ („Mein Spielzeug“)

Logisch, dass dann auch ein „Zeitmacher“ sein Gedicht bekommt. Denn wir stecken ja mittendrin, werden selbst gewoben aus Zeit, Vergangenheit und kaum greifbarer Gegenwart. Was bleibt? Das wissen wir, wenn wir in den Spiegel schauen. Ein zuweilen sehr frustrierender Akt. Aber wir reisen ja nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch die Welt.

Und nehmen Bilder, Zitate und Erinnerungen mit. Das letzte Kapitel im Buch, „Raumgreifend“, ist mit diesen Reisen gefüllt – ins Ferne und ins Nahe. Nach Rom, wo sich die Legionen der alten Römer mit den Touristen-Pulks des Heute vermengen, nach Ravenna oder einfach nach Greiz.

Ein Örtchen, in dem Thomas Böhme eine seiner wichtigen Erfahrungen der Grenzüberschreitung hatte. „Aus Greiz wurde Reiner Kunze vertrieben. / Einst hatte ich ihn besucht / Warnungen in den Wind geschlagen / und wurde mit einem verbotenen Buch beschenkt.“ Es geht tatsächlich um Greiz in „Genzenlos. Greiz“: „Fast fünfzig Jahre mußten vergehen / bevor ich den Ort meiner Grenzüberschreitung / in milderem Licht sah.“

Man spürt mit Böhme, wie wir doch eigentlich alle mit der Befähigung zur Poesie auf die Welt da draußen schauen, in der wir gelandet sind, uns aufhalten ein Weilchen, irren, zagen, etwas wagen. Und uns selbs doch überall mit hinschleppen. Die Orte sind das, was wir in sie hineinsehen. Fragmentiert, illuminiert durch die plakativen Verheißungen der Kataloge, die uns ein Märchen versprechen, wenn wir nur schnellstmöglich buchen mit einem Mouse-Klick.

Aber diesen Katalog durchblättert der Dichter nur. Die Märchenbilder entstehen ganz von allein im Kopf. Da muss man keine „Teestunde in einem Berberzelt buchen“ und Weltreisender spielen. Denn Böhme weiß, dass man dazu nicht in die Wüste fliegen muss.

Dass man dazu nur den aufmerksamen und skeptischen Blick in die Welt braucht, in der wir Tag für Tag unterwegs sind, skeptisch, verwirrt, verstört. Oder – wie in „Dänische Spiele“: „Immer von Zweifeln zerfressen – / Andersen, nackt vor dem Spiegel. / Nur im Märchen wird das häßliche Entlein / zum Schwan.“

Thomas Böhme „Vergessene Wunder“ quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2026, 15 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar