Das geschieht auch Gedichtbänden heutzutage nicht allzu oft, dass sie binnen kürzerer Zeit eine Neuauflage erleben. Der Band „Mondlabyrinth“ erschien schon 2024 im Mitteldeutschen Verlag. Nun gab es eine zweite Auflage. Auch aus aktuellem Anlass, denn der Dichter André Schinkel bekam am 10. Oktober in der kleinen Stadt Oschakan in Armenien eine auch für Dichter aus Mitteldeutschland seltene Ehrung: den Kantegh-Preis der Writers Union of Armenia und des Katholikats von Etschmiadsin.
Und wofür er den bekam, das erzählt auch dieser Gedichtband, denn einige Gedichte beschäftigen sich mit dem fernen Armenien und seiner Geschichte, die auch noch in der Gegenwart lodert. So wie im letzten Gedicht dieses Bandes noch: „Still versunken in den Bränden der Welt das kühle Land, / Wenn du die Halbwüsten, Flußtäler unds Schluchten durcheilt / Hast …“
So formen Verse die Welt, wird Welt greifbar und dicht. Mit dem Blick des Dichters, der das Gestern und Eben-noch mitdenkt. Zuhört, wie die Welt atmet. Nicht nur am Ararat, zu dem er hinaufschaut, diesem zentralsten aller Berge für die Armenier.
Sondern auch mit dem Blick auf zwei eigentlich provinzielle Flüsse – auf Mulde und Saale. Denn er durchstreift auch sein Geburts- und Heimatland mit diesem umfassenden Blick. Fast wünschte man sich, so würden alle Menschen schauen, das Große sehen, das Unfassbare, das nun einmal größer ist als unser Leben. Selbst wenn es nur der Fluss ist, der vor oder unter unseren Füßen strömt. Alles ist Geschichte. Und wir schwimmen mittendrin. Von Anfang an.
Landschaft aus Porphyr und Ammoniten
Wir sind Teil dieser Landschaft. Und das spüren wir auch. Manche nennen es Heimat, ein Begriff, der regelrecht verbrannt ist. Deswegen kommt er hier auch nicht vor. Auch nicht, wenn André Schinkel in seine sächsische Geburtslandschaft zurückkehrt an die Mulde, so wie in „Meines Vaters Kind“, einem der kürzeren Gedichte.
Und dennoch atmet es Weite, verbindet die Landschaft des Halbstroms, der da aus dem sächsischen Gebirge kommt, mit den Landschaften der benachbarten Gedichte, die nach Armenien führen, nach Bosnien, in uralte Steppen oder gar die Vorzeit, durch die wir laufen können, etwa auf der „Straße nach Ziegenbrück“.
Ein ganzes Kapitel widmet sich jener eigentlich benachbarten Heimat, auch wenn da eine Ländergrenze durchführt. Grenzen sind so willkürlich. Sie erfassen gar nicht die wirklichen Räume, in denen wir unterwegs sind und uns verwurzelt fühlen. So wie im „Porphyrnen Land“, oder dem Ort, wo das Haus der Kindheit steht – Gottchen, schon wieder so ein abgegriffener Mulch.
Wenn man Gedichte wie die von André Schinkel, liest, merkt man erst, was der Wortschwall der deutschen Spät- und Niederromantik eigentlich mit unserem Sprachgefühl angerichtet hat, wie es unser Welt-Sehen verkitscht hat.
Da möchte man die Tür hinter sich zuknallen und hinausstapfen in diese tatsächlich zutiefst poetische Landschaft, in der wir leben, ob nun an Mulde, Saale oder Weißer Elster. Wo es Orte gibt, die uns zerreißen, wenn wir nur an sie denken: „Die Zukunft endet auf halber Treppe / Sie führt ins Nichts, weil sie die Zeit / Nicht hat, sich noch zu entwickeln / Während das Geräusch draußen ansteigt …“ Und das ist nicht nur so ein Gefühl aus dem durchströmten Zweiland.
Es könnte auch Neuseeland sein, ei Hauch Ägpten bei Anblick der „Pyramiden“ von Sangerhausen oder das von Mythen durchglühte Griechenland. Überall kann man, wenn man wirklich schaut und sieht, die Zeit spüren, die vorüberströmt. Selbst an der „Saale bei Wettin“. Wie weit zurück schweift da der Blick? „Im Stichlot / Des Blicks diese unglaubliche, mammutene / Landschaft, hier, am Fließ, das sie Saale nennen, / Was ‚Schicksal’ heißt. Still sitzen wir, stumm.“
Liebe im stillen Land
Man braucht – wie es Schinkel hier bewusst in Gänsefüßchen setzt – all diese bombastischen Worte nicht, mit der einst tüttelige Professoren glaubten, das So-da-sein in ein heroisches Gedöns fassen zu müssen. Im Gegenteil. Keine schmetternden Kapellen und Phrasen. Nur Still-Sein, Stumm-Sein. Schauen und Staunen.
So wie es Schinkel hier tut. Manchmal allein aufbrechend in die Landschaft hinter Halle, wo er heute lebt und schreibt. Immer wieder auch zu zweien. Eine tief empfundene Liebesgeschichte durchwebt die Gedichte, scheint zu tragen, scheint zu passen. Auch wenn sie mittendrin wieder endet. Wie so viele Liebesgeschichten enden, ohne dass wir es fassen können. Sind wir zu kompliziert? Fehlen uns die richtigen Worte? Oder sind zu überwältigt vom Liebe-Erleben?
So, wie wir vom eigenen Da-Sein überwältigt sind. „Ich denke an die Stadt meiner Kindheit. Ich bin in meinem Denken daran verloren und geborgen zugleich.“ Wir bringen ja all diese Erinnerungen mit, egal, wohin wir gehen.
Und das färbt und tönt die Welt, die wir uns erlaufen. So wie es Schinkel tut, der sich von den teils uralten Orten (Nebra) in dieser Landschaft genauso anrühren lässt wie von den funkelnden Ansichten von Saaleck, Zschochwitz, Oberaltenburg. Es ist eine lebendige Welt, die atmet, wenn wir sie betrachten. Und uns fühlen lässt, wie das ist, hier für eine Moment geborgen zu sein. Manchmal in Korrespondenz zu anderen.
Landschaft aus Traum und Geröll
Den natürlich hat diese Landschaft auch eine ganz eigene Dichterschule hervorgebracht – die sächsische. Zu der Thomas Rosenlöcher und Wulf Kirsten gehör(t)en, die Schinkel beide mit eigenen Versen würdigt. Einem „Donnermond für Wulf Kirsten“ zum Beispiel. Auch das so einer, der die Vorzeit mit hineinsah in seine Verse aus einer „Landschaft / Aus Traum und Geröll …“
Da ist er schon nach Thüringen gewechselt. Denn eigentlich ist alles hier eng beieinander, der Weg nach Weimar kurz und besinnlich, wo Schinkel in die Fürstengruft steigt und nahebei Wielands Grab besucht.
Immer wieder geht es um Stille. Stille, die das Vergangene erst hörbar macht. „Stille Uhren, Plejaden – der Kreis durch den / Der Himmel in die Blicke sticht, von Goseck und / Pömmelte her … in unsere bunten Träume / Gefaßt, als würden die Jahrtausende aufstehn / Und unsere Blicke schütteln …“ Logisch, dass in so einem Gedicht auch die Gestirne aufscheinen und „der Arm des Orion die Morgenröte des / Tages einfängt …“
Es sind Gedichte, die selbst den Bogen der Zeit aufspannen, entstanden – wie Schinkel verrät – vor allem zwischen 2014 und 2024, selbst wieder Teil einer Tetralogie, von der es der dritte Band ist. „Band vier der Reihe soll sich den Gestirnen widmen“, schreibt Schinkel. Dabei ging es in „Mondlabyrinth“ gar nicht so sehr um den Mond und seine – manchmal sehr laute und tönende – Anwesenheit in unserem Leben. Tatsächlich ging es um die Landschaften unter diesem Mond.
Und die darin gefangenen Zeitalter, die uns mit diesem „versunkenen Kontinent“ des Gewesenen verbinden. Die ganze Welt, die uns zu Füßen liegt, zumindest dem Dichter, der auch zu Füßen des Ararat das Staunen nicht verliert.
André Schinkel „Mondlabyrinth“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 20 Euro.
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