Schon seit mehreren Jahren schauen Demokraten geradezu entsetzt auf das, was in den USA geschieht. Wie konnten die USA, die einst Vorbild für die Demokratien der Welt waren, derart abdriften, sich in etwas verwandeln, was nur noch wie ein Albtraum aussieht? Mit einem Präsidenten, der sein Amt schamlos zur Selbstbereicherung ausnutzt und einen russischen Diktator hofiert?

Das alles begann eben nicht mit der ersten Wahl von Donald Trump zum Präsidenten 2016. Das alles hat eine lange Vorgeschichte, die Gerhard Padderatz und Christian Wannenmacher in diesem Buch gründlich erzählen. Sehr gründlich.

Denn zum Verständnis dieser gravierenden Veränderungen und der mit Trump begonnenen Demontage der demokratischen Institutionen gehört auch das Wissen um die Kräfte, die einen Trump erst ermöglicht haben. Kräfte, die eine grundlegende Stärke der amerikanischen Demokratie gegen sie gewendet und seit den 1970er Jahren auch alle medialen Kanäle zur Verfügung haben, ihre Sicht auf das Land in die Köpfe der Menschen zu predigen.

Denn am Anfang stand ein Passus in der amerikanischen Verfassung, der eigentlich dafür sorgen sollte, dass nie wieder Päpste und Kirchen den Menschen vorschreiben, was sie zu denken und zu glauben haben, auch kein Fürst und kein König. Das ist die strikte Trennung von Staat und Kirche, geboren aus der leidvollen Erfahrung all der Menschen, die auch aus Glaubensgründen aus Europa flohen und in Amerika eine neue Heimat fanden.

Und die sehr genau wussten, dass Glaubens- und Meinungsfreiheit nur gesichert sind, wenn der Staat sich in Glaubensfragen nicht mehr einmischt. Das war die Basis zur Entstehung einer lebendigen Glaubensszene in den USA. 83 Prozent der Amerikaner geben in Umfragen an, an Gott zu glauben, 40 Prozent gehen mindestens einmal pro Woche zum Gottesdienst. Das sind erstaunliche Zahlen, wenn man sie mit dem Mitgliederschwund der beiden großen Kirchen in Deutschland vergleicht. Aber es hat auch Folgen.

Apokalypse und moderne Medien

Was Padderatz und Wannenmacher ausführlich am Beispiel der Evangelikalen beleuchten, jener fundamentalistischen Protestanten, die ein zutiefst apokalyptisches Weltbild vertreten und fest daran glauben, dass wir in einer Zeit leben, die direkt auf die Apokalypse zusteuert. Und das nicht fürchten, sondern begrüßen. Und für die die USA das Land sind, in dem sich das Reich Christi verwirklichen wird. Eigentlich, so denkt man, eine Haltung, die vielleicht in den diversen fundamentalistischen Kirchengemeinden lebt, sonst aber eigentlich keine Rolle spielen sollte.

Doch in diesem Milieu haben sich in den letzten hundert Jahren eine ganze Reihe von Akteuren etabliert, die überzeugt waren, dass das Konsequenzen für den Staat haben sollte. Ihre Vision war ein christlicher Staat, letztlich das, was man einen Gottesstaat nennen kann, der alles dafür tut, dass die radikalen Vorstellungen der Fundamentalisten auch die Politik bestimmen sollten.

Und spätestens mit dem Aufkommen des Fernsehens und reichweitenstarker religiöser Sender gewannen sie einen enormen Einfluss, wurden charismatische Prediger nicht nur zu Leitfiguren einer sich zunehmend radikalisierenden Szene, sondern auch zu Instanzen, die zunehmend nach politischem Einfluss suchten. Und diesen Einfluss auch akribisch vorantrieben.

Padderatz und Wannenmacher zeichnen detailliert nach, wie dieser Einfluss seit den 1970er Jahren zunehmend spürbarer wurde und mit den Präsidentschaften von Ronald Reagan und George W. Bush auch direkt ins Weiße Haus vordrang. Und wie dies das klassische Verständnis von der Trennung von Staat und Kirche aushöhlte und nach und nach ins Gegenteil verwandelte, moralisch hochgradig aufgeladen.

Calvin und die Prädestination

Und gleichzeitig geprägt von einer ganz amerikanischen Auslegung des Protestantismus, der eher wenig mit Luther und einer Kenntnis der Bibel zu tun hat, dafür viel mit puritanischen Einflüssen und einem besonders starken Einfluss des Calvinismus, der nicht nur eine besonders rigide Sittenstrenge predigt, sondern auch eine eigene Form der Prädestination. Klingt erstmal völlig schräg.

Ist aber ein Glaubenssatz, der wirklich nichts mehr mit Luthers Vorstellung zu tun hat, dass der Mensch durch Glauben zu Gott kommt (und damit am Ende in den Himmel). Wikipedia bringt dieses Glaubensverständnis so auf den Punkt: „Das Heil erlangt, wer von Gott zum Heil vorherbestimmt ist.“

Und schon zu Calvins Zeit wurde das ganz kapitalistisch gelesen: Wer Erfolg hat, reich wurde, mächtig, der wurde es nicht durch glückliche Umstände, sondern das war – durch Gott – vorherbestimmt. Der Mensch war auserwählt. Und da er es war, konnte er gar nicht mehr aus Gottes Gnade fallen. Egal, was er tat.

Das machte den Calvinismus von Anfang an so attraktiv für die neu entstehende kapitalistische Gesellschaft. In den USA verwandelte sich das in die vorherrschende Vorstellung, dass eben auch Reichtum gottgegeben war, egal, mit welchen Methoden er zusammengetragen wurde. Was aber passiert, wenn Prediger – wie ein gewisser Pat Robertson – zur Überzeugung kommen, dass die Regierenden in Washington nicht christlich genug handeln? Wenn die USA doch ein christliches Land sein sollen, in dem die alten Gebote wieder Geltung haben sollten?

Er ist eine dee Leitfiguren, die immer wieder auftauchen, wenn Padderatz und Wannenmacher schildern, wie systematisch fundamentale Organisationen – von denen die Heritage Foundation nur die bekannteste ist – daran gingen, nicht nur ihre Vorstellung von einem christlichen Staat zu formulieren, sondern auch die Mitglieder der fundamentalistischen Gemeinden dazu animierten, sich um alle möglichen Wahlämter zu bemühen und so nach und nach den Staat zu übernehmen.

Dahinter steckt die Ideologie des Dominionismus, die Vorstellung, dass der weltliche Staat übernommen werden muss. Das aber ist nun einmal das Ende von Trennung von Staat und Kirche.

Eine Partei wird gekapert

Und die beiden Autoren schildern sehr genau, wie dieser Eroberungs- und Übernahmeprozess vonstatten ging. Von unten nach oben.

Bis dann auch die Grand Old Party, die Republikaner, nach und nach von evangelikalen Hardlinern gekapert wurde und schon unter George W. Bush das Übergewicht der Radikalen so groß war, dass der Präsident nicht mehr ohne diese Hardliner regieren konnte und nicht nur im Sprachgebrauch zunehmend apokalyptisch wurde, sondern – spätestens nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 – auch in der Weltpolitik apokalyptisch agierte. Jetzt ging es auf einmal um den Endzeitkampf des „Guten“ gegen das „Böse“.

Die Kriege, die die USA führten, wurden auf einmal zu Kreuzzügen. Aber es blieb ja bekanntlich nicht bei der Außenpolitik. Denn diese Haltung veränderte die USA auch im Inneren gründlich.

Einmal ausführlicher zitiert: „Die Freiheit und Toleranz, die durch die Trennung von Staat und Kirche ermöglicht wurde, ging mit dem zahlenmäßigen Wachstum, der Vermischung lehrmäßiger Unterschiede und der zunehmenden Durchdringung der Kirchengemeinden mit dem charismatische Element mehr und mehr verloren. Schon Mitte der 1970er Jahre hatte eine Entwicklung eingesetzt, die Amerika schrittweise und systematisch zu einem Land machen sollte, das sich zunehmend intolerant und totalitär verhält – ein Prozess, der sich in jüngerer Zeit noch verstärkt hat.“

Ein Glaube, der sich allein als gültig versteht, wird zwangsläufig intolerant gegen alle anderen – Andersgläubige und Atheisten. Das hat die Politikkultur der USA nachhaltig verändert. Der politische Gegner ist nicht mehr nur Konkurrent um die politischec Lösungen, sondern wir zum Feind. Und da sind die Schablonen, wer alles Feind und „Satan“ ist, in den USA noch viel gröber als in Deutschland.

Wobei gar nicht überrascht, wenn die beiden Autoren im letzten Kapitel skizzieren, welchen enormen Einfluss die fundamentalistische Radikalisierung in den USA längst auch auf diverse populistische Bewegungen und Parteien in Europa hat.

Hegemoniales Denken

Und es überrascht auch nicht, dass die von fundamentalistischen Glaubenssätzen dominierte Politik in ihrer Umsetzung Züge annimmt, die einem aus dem europäischen Faschismus nur zu vertraut sind. Denn Vorstellungen von Hegemonie, „Reinheit“, Absolutheitsanspruch und Intoleranz erzeugen fast zwangsläufig ähnliche Vorstellungen vom Staat, von „Sendung“ und Moral. Und natürlich auch davon, dass jedes Mittel recht ist, die Macht zu erobern und die Gegner mit allen Mitteln zu bekämpfen.

„Schon am Ende der Bush-Jahre konnte man sagen, dass die evangelikalen Fundamentalisten ihre wichtigsten Ziele erreicht hatten: Die religiöse Rechte hatte die Schlüsselpositionen der Macht eingenommen.“

Und während die Beobachter im Ausland noch glaubten, mit Barack Obama würde der Spuk wieder eingefangen, sorgte Trumps Wahlsieg 2016 für Entsetzen. Auch heute sind die Blicke alle auf diesen wild-agierenden Präsidenten gerichtet, der die Welt mit täglich neuen Eskapaden verwirrt. Aber dabei übersehen die Kommentatoren, dass Trump ohne die bestens organisierten fundamentalistischen Netzwerke im Hintergrund (und deren reiche Geldgeber) nie auch nur Präsidentschaftskandidat der letztlich völlig gekaperten Republikaner geworden wäre.

„Es wäre ein Fehler, die Veränderungen, die sich im Moment in den USA abspielen und sich auch auf den Rest der Welt auswirken, allein auf Donald Trump zurückzuführen“, schreiben die beiden Autoren. „Das Bestreben konservativ-christlicher Kräfte, das Land unter Kontrolle zu bringen, ist – wie wir gesehen haben – älter und stützt sich auf eine breite Basis.“

Systematische Entkernung der Demokratie

Und was Trump da in seiner zweiten Amtszeit systematisch abarbeitet, ist auch nicht auf seinem Mist gewachsen. Es ist von der von zutiefst konservativen religiösen Kräften geschaffenen Heritage Foundation im „Project 2025“ ausgearbeitet. Eine regelrechte Blaupause für die religiöse Machtübernahme in den USA und die systematische Demolierung des verhassten Staates.

Wer heute Begriffe wie „schlanker Staat“ benutzt, sollte wissen, dass das aus genau dieser Ecke kommt und vor allem die Entkernung des (in den USA ohnehin schon weniger ausgebauten) Sozialstaates bedeutet, den Angriff auf Bildung und Hochschulen. Und ein calvinistisches Verständnis von „Erfolg“, das die Armen und Ausgegrenzten ganz offen selbst verantwortlich macht für ihr Schicksal.

Sie wären ja nur faul (herzliche Grüße an Friedrich Merz) und unfähig, ihre Chancen wahrzunehmen. Und wer einen starken Sozialstaat befürworte, sei ja eh schon ein verdammter Linksextremer. Und diese Lehre wirkt, weil sie immer auch mit der moralischen Überzeugung einhergeht, dass Reichtum gottgegeben ist und jeder, der oben auf der Suppe schwimmt, sowieso schon ein von Gott Auserwählter ist.

Und so richtig optimistisch klingen die beiden Autoren nicht, was die mögliche Ablösung Trumps durch einen neuen demokratischen Präsidenten betrifft. Denn einen Großteil der im „Project 2025“ aufgezeichneten Demontagen im Staatsapparat hat er längst bewältigt. Und nicht nur Richterstühle wurden mit überzeugten Gesinnungsfreunden besetzt, sondern tausende Beamtenstellen im Staatsapparat. Alles Leute, die oft genug auch die apokalyptischen Vorstellungen eines Gottesstaates teilen, der berufen sei, den Kampf gegen das Böse mit allen Mitteln voranzutreiben.

Kulturkampf mit Untergangsszenarien

Befeuert wird diese Sicht auf den Staat auch durch die dramatischen Bilder vom Niedergang, die die Bildschirme dominieren: „Das ‚Project 2025‘ geht davon aus, dass Amerika in einer großen Krise steckt, in einem existenziellen Kulturkampf. Nur die konservativ-christlichen Kräfte des Landes, die sich in der republikanischen Partei konzentrieren und diese bestimmen, könnten die USA vor dem Untergang retten“, stellen Padderatz und Wannenmacher fest.

„Um ihren Argumenten Gewicht zu verleihen, bauen sie ein dramatisches Feindbild auf, das real nicht existiert, und klassifizieren ihre politischen Gegner, vor allem die Vertreter der Demokratischen Partei – oder genauer gesagt: alle Personen, die nicht mit ihnen, den Trump-Republikanern, übereinstimmen – als radikale Linke und Marxisten. Und nichts ist in Amerika so unamerikanisch, unchristlich und böse, wie links zu sein.“

Da hat man schnell eine in Deutschland aktive Partei vor Augen, die genauso agiert und argumentiert. Das kommt nicht von ungefähr. Aber es wirkt, gerade bei Wählern, die die Angstmache für bare Münze nehmen und die Bilder einer Endzeitstimmung nur zu gern für real halten.

Und auch die Unbarmherzigkeit nur zu gern übernehmen, wenn es um das Malen neuer und alter Feindbilder geht. Das steckt auch in unserer Gesellschaft noch: diese Sehnsucht nach „klaren Fronten“ zwischen „Gut und Böse“. Und wenn die erst mal klar sind, ist ja jedes Mittel erlaubt. Viele Beobachter dessen, was in den USA geschieht, hoffen ja noch immer auf die Selbstheilungskräfte der dortigen Demokratie.

Nur: Wie soll das funktionieren, wenn die demokratischen Spielregeln nicht mehr akzeptiert und sogar bekämpft werden?

„Nach Lage der Dinge ist jedoch Skepsis angesagt“, lautet der letzte Satz in diesem Buch, das einmal richtig geballt zeigt, wer da in den vergangenen Jahrzehnten systematisch daran gearbeitet hat, aus der vorbildhaften Demokratie der USA ein Land zu machen, das sich immer mehr in etwas verwandelt, was man einen Gottesstaat nennen kann.

Gerhard Padderatz, Christian Wannenmacher „Albtraum USA“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 32 Euro.

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