Am Samstag, dem 17. Oktober, gab es die große Buchpremiere in der Residenz des Schauspiels Leipzig: Dort stellte Martina Hefter, Buchpreisträgerin von 2024, im Rahmen des Literarischen Herbstes ihr neues Buch vor. Es ist kein gemütliches Buch geworden. Sondern ein sehr nachdenkliches. Gar nicht so sehr, was den Umgang mit Kunst betrifft, auch wenn eine Sprühattacke des scheinbar viel erfolgreicheren Malers Herto Straus auf die Baumhaus-Installation der Künstlerin Iona Bartschok wie eine Grundmelodie die Erzählung durchzieht. Immer wieder auftaucht wie ein wunder Punkt.
Die Attacke erfolgte wenige Tage, bevor Iona für die Arbeit an einem neuen Projekt in eine leere Halle im (ehemaligen) Leipziger Tagebaugebiet zieht. Es ist nicht nur die Sprühattacke, die wie ein Schatten auf diesen Tagen, Wochen, Monaten in der leeren Halle eines ehemaligen Umspannwerks liegt. Es ist auch dieser seltsame Sommer, der längst Teil von vielen derartigen Sommern ist, die nicht nur über Leipzig brüten. Die uns begleiten und unsere Wahrnehmung dessen, was normal ist, zunehmend verändern.
Auch wenn viele Menschen einfach so leben, als würde gar nichts passieren. Als würde sich unser Klima nicht dramatisch verändern und damit infrage stellen, ob wir in 5.000 Jahren überhaupt noch da sind. Oder sich die Erde in einen Ort verwandelt hat, an dem menschliches Leben nicht mehr möglich ist.
Das ist eigentlich auch Thema des Projekts, das sich Iona Bartschok vorgenommen hat. Auch deshalb hat sie die Zuflucht in dieser einsamen Halle im Leipziger Neuseenland gesucht. Eine im Buch durchaus verfremdete Landschaft. Nur das Kraftwerk Lippendorf steht wie ein Menetekel mitten in dieser Landschaft und spuckt weiße Dampfwolken aus.
In 5.000 Jahren
Während der Himmel wochenlang ohne einen Tropfen Regen und ohne ein bisschen Abkühlung über dem Land liegt, die Wiesen verdorren und Iona Tag für Tag vermeidet, an ihrem Projekt zu arbeiten. Als wolle es – anders als das Baumhaus ihrer Kindheit – jetzt nicht Gestalt annehmen. Nicht im guten, nicht im tragischen Sinn. Denn wie sieht dieses Seenland in 5.000 Jahren aus? Wuchert die Natur wieder? Besiedeln exotische Vögel die neu gewachsenen Wälder an den zunehmend verlandenden Seen, weil keine Menschen mehr in diese zurückkehrende Natur eingreifen?
Das ist eigentlich die positive Vision, die Iona im 3D-Verfahren umsetzen will. Die negative aber scheint vor ihren Augen zu beginnen. Denn das ist die Vision einer zerstörten Landschaft, die ihre Stabilität verloren hat. Die Kippen rutschen nach, die Ufer brechen in die Seen ab.
Das ganze Land sackt ab. Und als wolle das extremer werdende Wetter zeigen, wie berechtigt es ist, diese eher beängstigende Vision der Zukunft ernst zu nehmen, folgen den heftigen und regenlosen Sommergewittern am Ende neun Tage Regen, die Iona und ihren ungeplanten Gast Nova in der einsam am See gelegenen Halle festhalten.
Eine Gemeinschaft, die sich – anders als von Iona befürchtet – ganz gut gestaltet. Vielleicht auch, weil zwei Hunde die Stimmung aufhellen – der KI-generierte Hund Robyn, den Iona für dessen Besitzer so lange betreut, wie sie in der Halle wohnt, und die ihr schon zu Beginn ihres Aufenthalts zugelaufene Hündin Bella. Die sie eigentlich im Tierheim abliefern müsste, aber dann irgendwie wie selbstverständlich bei sich behält.
Wenn das Extreme normal wird
Nur ist nach diesen neun Tagen fettigem Dauerregen die Landschaft verändert. Straßen sind unterspült, die S-Bahn-Strecke gesperrt, weil sich ein Krater aufgetan hat, und Leipzig ist nur noch auf Umwegen durch eine Landschaft zu erreichen, in der alles ins Rutschen gekommen zu sein scheint.
Was eigentlich die – negative – Vision ihres Kunstprojekts gewesen wäre, bricht sich längst Bahn. Trifft längst die Landschaften jenseits der Großstadt, in der das Leben noch irgendwie weiterzugehen scheint, als wäre das alles nicht so schlimm.
Nur eins weiß Iona am Ende sicher: „Die Landschaft in fünftausend Jahren. Diese Idee, die nach wie vor ein wenig hoffnungsvoll in mir flackert, aus der aber einfach nicht richtig etwas werden will.“
Künstler/-innen kennen dieses Gefühl, wenn eine Idee sich sträubt gegen die Umsetzung, weil einem nicht nur das Unbewusste sagt, dass es so nicht werden wird. Weil es dafür nicht einmal einen Anfang gibt. Dafür die allgegenwärtige menschliche Gleichgültigkeit gegen die Folgen des eigenen Tuns. Und gerade weil Martina Hefter die Sichtweise einer Künstlerin sprechen lässt, wird etwas deutlich, was wir alle spüren.
Auch dann, wenn wir nicht wie Iona im bayerischen Hochgebirge aufgewachsen sind als Tochter einer Bauernfamilie, die ihren Bauernhof mit der Alm und den Kühen längst aufgegeben hat. Auch weil sich das Klima selbst in den Alpen seit Jahren verändert hat, aus einem einst beliebten Skigebiet einen Ort gemacht hat, in dem der Schnee im Winter immer seltener wurde, die Lärchen auf den Bergkuppen abgestorben sind, weil es für sie längst zu warm geworden ist, und statt der Schneelawinen nun Staublawinen aus den porös werdenden Bergen herunterbrechen.
Die Rituale der anderen
Das Baumhaus, das Iona sich in ihrer Jugend dort gebaut hat, ist längst verschwunden. So wie die Begleiter ihrer Kindheit, etwa der etwas ausgeflippte Zia, der am Ende doch lieber mit der Dorfjugend soff, statt es mit Iona zusammen auszuhalten, dass man irgendwie nicht dazugehörte, wenn man die Rituale der anderen nicht mitmachte.
Es ist auch eine Geschichte über das Außenseitertum, die Selbstbehauptung und unser Aushalten in einer Welt, die sich ganz allmählich in einen gefährlichen Ort verwandelt. Und wir verdrängen es zwar, tun so, als wäre es schon immer so gewesen. Doch die Extreme, über die in den Nachrichten berichtet wird, haben sich über Jahrzehnte immer mehr verwandelt, sind heftiger und vernichtender geworden. Mit Bergbächen, die als reißende Flüsse über ihre Ufer treten, mit sterbenden Wäldern, im Regen wegbrechenden Straßen.
Und für Iona beginnt das alles irgendwie auch mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl, als der giftige Regen auch über ihrer Bergheimat niederregnete, anfangs unbeachtet, weil die Warnungen erst später kamen. Am Ende aber würde dieser Regen den späteren Krebstod ihrer Eltern bedeuten.
Alte Rollenmuster
So verflechten sich Kindheitserinnerungen und Gegenwart miteinander, hinterfragt sich Iona die ganze Zeit, fragt sich auch, welche Rolle denn nun die Farbattacke von Herto Straus auf ihr in der Leipziger Kunsthalle ausgestelltes Baumhaus für sie selbst hat. Ist das jetzt Teil des Kunstwerks? Muss sie diesem rücksichtslosen Kommilitonen irgendwie Absolution erteilen? Oder hat er gar recht, wenn er ihre Kunst abwertet?
Man merkt schon: Da spielen auch die Erfahrungen der Autorin selbst mit hinein, Erfahrungen von Ignoranz und Abwertung, welche die Kunst von Frauen nach wie vor erfährt. Der moderne Kunstbetrieb fördert nach wie vor allem Männer. Und damit ihre Eitelkeit. Ein Markt schafft Maßstäbe. Es sind oft aber keine rationalen. Oft nur Spiegel einer Gesellschaft, die sich ihrer eigenen blinden Flecken nicht bewusst werden will.
Und auf einmal merkt man: Beide Themenstränge gehören zusammen. Ionas Ratlosigkeit dabei, wie sie jetzt mit dem letztlich rücksichtslosen Angriff von Herto Straus ganz persönlich umgehen soll (während sich kaum jemand dafür interessiert, wie es ihr damit geht), und ihre Ratlosigkeit den Wetterextremen gegenüber, die sie in der einsamen Halle da im Leipziger Süden erlebt. Nicht einmal selbst in Gefahr gerät.
Aber doch spürt, dass sie hier ihr geplantes Kunstprojekt nicht schaffen wird. Während sie die Wetter-App auf ihrem Handy eigentlich nicht ernst nehmen will und dennoch mit allen Sinnen darauf wartet, dass die angekündigte Gewitterzelle tatsächlich kommt.
Während sie die Natur um die Halle herum beobachtet und das Gefühl hat, das alles eigentlich nur noch auszuhalten: „Und seither halte ich aus. Halten wir aus, wir beide, eine heimatlose, ungewisse Hündin und ich. Wir fliegen über die Brachen, jagen durch die scheuen Birkenwälder, solange sie noch da sind, denn hier bricht vielleicht bald alles ein, oder der Sturm fegt alles um, und dann alles von vorn.“
Im Zeitalter zunehmender Extreme
Womit sie letztlich ein Lebensgefühl erfasst, das längst viele Menschen teilen. Ein Gefühl, ziemlich allein zu sein im Zeitalter zunehmender Wetterextreme, die immer näher zuschlagen. Und auf eine ohnehin schon geschundene Landschaft treffen.
Was bleibt, ist dann diese zutrauliche Bella, die Iona ein Gefühl gibt, das sie lange nicht mehr gespürt hat: „Die gute Bella. Ihre Ohren fliegen, es wird hell um mich, heller sogar als damals in meinem Tunnel aus Schnee, als ich die Faust gegen ihn stieß. Als ich überlebt habe, wie ich alles immer überlebt habe.“
Da klingt es an, das Grundgefühl, das so viele kennen mittlerweile im Angesicht der angesagten Katastrophen, die wir vielleicht hätten aufhalten können, als noch Zeit dafür war. Und die uns nun immer ein wenig heftiger treffen und ahnen lassen, wie das mal werden wird – in 100 Jahren, in 1.000, in 5.000. Während die, die von all dem profitieren, in ihren laufenden SUVs sitzen und auf unseren Protest mit der Gnadenlosigkeit derer reagieren, die wissen, dass alles käuflich ist. Auch jeder Anwalt, mit dem man die zornigen Protestierer einschüchtern und mundtot machen kann.
Auch das ein Aspekt unserer Einsamkeit. Und des ganz und gar nicht schützenden Gefühls, dass wir vielleicht trotzdem überleben werden. Dieses Mal und das nächste Mal.
Wissend, was auch Iona weiß: „Das Schlimme ist, dass ihnen alles egal ist.“
Martina Hefter „Nach der Sonne schauen“ Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 25 Euro.
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