Gibt es überhaupt noch Karten? Wer noch nicht gebucht hat zum Literarischen Herbst, sollte sich sputen. Denn der beginnt am Sonntag, dem 11. Oktober. Und er wartet – eigentlich noch kompakter als in den Vorjahren – mit einem Programm auf, das zum Zuhören und Mitdenken anregt. Und ein großer Preis wird ebenfalls im Rahmen des Literarischen Herbstes verliehen, der bis zum 17. Oktober ein knackevolles Programm bietet. Für den Grüffelo dürfte es beinah zu spät sein.
Denn der kommt in diesem Jahr zum ersten Mal zum Literarischen Herbst. Und zwar mit dem neuesten Buch der Reihe von Axel Scheffler: „Die Grüffelo-Oma“. Lange hat der Literarische Herbst darum gekämpft, Axel Scheffler nach Leipzig zu lotsen. Endlich, endlich hat es geklappt, sagt Mitorganisator Nils Kahlefendt. Gleich am Sonntag, dem 11. Oktober, um 15:00 Uhr ist es so weit. Da gastiert Axel Scheffler mit dem neuen Buch in der Schaubühne Lindenfels.
Dabei stehen in dieser Woche lauter bekannte Leipziger Lokalitäten in direktem Wettbewerb um das literaturbegeisterte Publikum. Wohin geht man, wenn es an allen Enden lockt?
Die „Grüffelo-Oma“ ist nicht die einzige Buchpremiere in diesem Herbst. Am Sonntag, dem 15. Oktober, feiert Martina Hefter um 20:00 Uhr in der Residenz des Schauspiels Leipzig Buchpremiere für ihren neuen Roman „Nach der Sonne Schauen“. Da hätten wir jetzt schon gern die Rezension dazu verlinkt.
Aber der Verlag hat dringend darum gebeten, vor dem 15. Oktober keine Kritik zu veröffentlichen. Also lohnt es sich, hinzupilgern und zu erfahren, was die Buchpreis-Trägerin von 2024 (damals für ihren Roman „Hey, guten Morgen, wie geht es dir“) diesmal geschrieben hat.
Sascha Kokot und Christoph Wenzel
Ein neues Buch steht auch am selben Abend um 19 Uhr in der Möbelkooperative Süd (Richard-Lehmann-Straße 47a) im Mittelpunkt. Da findet nämlich eines der für diesen Literarischen Herbst geplanten Lyrikhotels statt. In diesem Gesprächsformat treffen hier Sascha Kokot und Christoph Wenzel aufeinander.
An diesem Abend treffen zwei Dichter aufeinander, die nicht durch Effekte überwältigen wollen, sondern auf Genauigkeit, die Kraft der präzisen Beobachtung, setzen.
Sascha Kokots aktueller Band „Geisternetze“ (2026) verwebt die vergeblichen und glückenden Versuche, ein neues Leben entstehen zu lassen, mit der uns alle verbindenden Erfahrung von Verlust und Vergänglichkeit.
Der ländliche Raum, das Hinterland, die Übergangszonen, an denen die Stadt ausfranst, Vororte, die einst Dörfer waren – sie bilden das Terrain der literarischen Geografie von Christoph Wenzel in „landläufiges lexikon“ (2022): Orte und Landschaften, die der Mensch geprägt, die er sich zur Heimat gemacht und gleichzeitig versehrt hat.
Wenzels Gedichte machen Landstriche historisch durchlässig, spannen kollektive wie individuelle Erinnerungs- und Möglichkeitsräume auf – die immer auch sind: Orte innerer und äußerer Krisen, Unorte, Utopien, Herzkammern, Wörterbücher.
„Es wird schön … glaube ich … also fühlt euch herzlich eingeladen!“, lädt Sascha Kokot ein.
Die Träume, die wir hatten
Und bewegend wird garantiert auch ein Abend, der am Dienstag, dem 13. Oktober, um 18:00 Uhr im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina stattfindet. Dort ist die Autorin Christiane Hoffmann mit ihrem Buch „Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“ zu Gast und kommt ins Gespräch mit UBL-Direktorin Dr. Anne Lipp.
Worum geht es in dem Buch? – Ende der Achtzigerjahre: Eine Gruppe von jungen Frauen studiert Russisch. Sie lesen Dostojewski, trinken Wodka und reisen durch die Sowjetunion. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, der Träume von einem demokratischen Russland und einem friedlichen Europa. Jahrzehnte später nimmt sich eine von ihnen das Leben. Es ist die Woche, in der Russland die Ukraine überfällt.
Hoffmanns Buch verbindet die Erinnerung an eine besondere Freundschaft mit der Geschichte der deutsch-russisch-ukrainischen Beziehungen, erzählt aus der persönlichen Anschauung der Autorin. Es tut dies auf eine Weise, die Raum lässt für Zweifel und Trauer, für Fragen und Ambivalenzen.
Damit gibt Christiane Hoffmann den Debatten um Russland die emotionale Tiefe zurück, für die im ersten Schock nach dem Angriff kein Platz mehr war, und schlägt zugleich Brücken über die Gräben, die dieses Thema in die deutsche Gesellschaft eingezogen hat.
50 Jahre Punk BRDDR
Und am Mittwoch, dem 14. Oktober, um 19:00 Uhr lohnt sich der Weg ins Zeitgeschichtliche Forum. Denn dort gibt es einen Abend unter dem anspielungsreichen Titel „Verwende deine Jugend!“, 50 Jahre Punk BRDDR mit Jan Müller und Henryk Gericke. Jan Müller dürfte Musikanhängern als Mitbegründer und Bassist der Band Tocotronic aus Berlin bestens bekannt sein.
Er kommt mit Henryk Gericke, Autor, Herausgeber und Galerist aus Berlin, ins Gespräch. Ulrich Gutmair, Autor und Kulturredakteur, wird moderieren.
Die Veranstaltung „Verwende deine Jugend!“ widmet sich dem Rückblick auf fünf Jahrzehnte Punk- und Gegenkultur in Ost- und Westdeutschland. Im Fokus steht dabei die Beobachtung, dass die alternativen Szenen in der DDR und der Bundesrepublik trotz umfassender historischer Aufarbeitung in der öffentlichen Erinnerung bis heute weitgehend getrennt wahrgenommen werden.
Während die westdeutsche Szene insbesondere durch Jürgen Teipels Buch „Verschwende deine Jugend“ (2001) früh eine breite Rezeption erfuhr, folgten Dokumentationen und Musikeditionen über den Osten erst später.
Dieser Abend widmet sich dem gemeinsamen Rückblick, der Diskussion und der Musik. Mit Henryk Gericke und Jan Müller kommen zwei markante Protagonisten der Szene ins Gespräch, die zu den wachsten Beobachtern jener Prozesse gehören, in denen Popkultur unsere Gesellschaft prägt. Das Gespräch führt der Kulturjournalist Ulrich Gutmair.
Henryk Gericke, geboren 1964 in Ostberlin, lebt ebenda und ist Autor, Herausgeber und Galerist. 1981–82 war er Sänger der Ostberliner Punkband „The Leistungsleichen“, 1985–1989 Herausgeber unabhängiger Editionen und Samisdat-Hefte (Caligo, Autodafé, Art. 27, Braegen) sowie Autor in anderen unabhängigen Editionen. 2010 gründete er die Staatsgalerie Prenzlauer Berg. Seit 2019 ist er Herausgeber der Schallplatten-Edition „tapetopia – GDR Undergroundtapes 1980–1990“. Zuletzt erschien von Gericke „Tanz den Kommunismus – Punkrock DDR 1980–1989“ (2024).
Jan Müller, geboren 1971 in Hamburg, ist seit der Gründung 1993 Bassist der Band „Tocotronic“. Müller lebt seit 2010 in Berlin und betreibt seit 2019 den populären Interview-Podcast „Reflektor“. 2022 veröffentlichte er zusammen mit Rasmus Engler den Roman „Vorglühen“. Musikalisch sozialisiert wurde Müller von Punk im Hamburg der späten 1980er Jahre, wo er in Bands wie „Meine Eltern“ und „Punkarsch“ spielte.
Ulrich Gutmair wurde 1968 in Dillingen an der Donau geboren. Er schreibt seit gut dreißig Jahren für Tageszeitungen und Magazine über Pop und Geschichte. Seit 2007 ist er Kulturredakteur der taz. Zuletzt erschien „Wir sind die Türken von morgen. Neue Welle, neues Deutschland“ (2023).
Und natürlich kann das nur eine kleine, wirklich kleine Auswahl aus dem Programm des Literarischen Herbstes sein.
Wer das komplette Programm durchblättern möchte, findet es hier.
https://literarischer-herbst.com/
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