Leipzig ist Kultur. War es eigentlich schon immer. Zumindest in den letzten 44 Jahren. Und davor natürlich auch. Aber 1982 sagte sich der Schriftsteller Helmut Richter: Dieses Leipzig braucht endlich ein richtiges Kulturmagazin. Eins, das zeigt, wie diese Stadt kulturell eigentlich tickt. Da hätte er wohl auch nicht geahnt, dass das Magazin auch noch eine Revolution und eine Jahrtausendwende überlebt.

Und 2026 immer noch da ist und die Stadt so zeigt, wie sie in den Knatternachrichten des Tages kaum noch wahrnehmbar ist. In der vergangenen Woche feierte das Heft Nr. 89 die Ankunft in der lesenden Welt.

Und wer die Hefte gesammelt hat, der weiß, dass er damit das leuchtende, feiernde, kreative, selbstbewusste Leipzig gesammelt hat. Die glühende Seele der Stadt, auch wenn die lokalen Politiker das schon sehr lange nur noch als lästige Geldausgabe betrachten. Abwurfmasse für eine auf neoliberal getrimmte Zeit, die alles, was sich nicht zu Cash machen lässt, für unnütz erklärt.

Was immer auch Menschen trifft und betrifft. Und etwas, was so viele Menschen aus ihrem Leben gestrichen haben, weil sie es sich nicht (mehr) leisten können. Das schöne Gut Kultur. Ob nun Theater- oder Opernbesuch, ein vertrödelter Abend in der Galerie, ein vergeigter Abend in den Sesseln des Gewandhauses, ein Abend im Kabarettkeller oder ein Chorkonzert in der Lieblingskirche.

Die „Leipziger Blätter“ machen aller halben Jahre immer wieder sichtbar, dass es das alles noch gibt. Dass Leipzigs Seele noch reich ist und leuchtet. So wie die filigranen Lampen im Opernhaus, das längst auch schon seine Geschichten im Heft gehabt hat. Und dieses Gefühl für die Leser bereithielt, dass das Leben Glanz haben kann.

Ein bisschen wenigstens.

Etwas, auf das man sich schon lange im Voraus freuen darf.

Menschen und Schicksale

Und gleichzeitig zeigen gerade die zeithistorischen Beiträge im Magazin, dass das schon lange zur Seele der Bürgerstadt Leipzig gehört. Weil sich Menschen mit all ihrem Können oder ihrem Geld dafür eingesetzt haben, dass es möglich wurde – so wie die Verlegerin Cläre Kirstein, die in diesem Magazin Sabine Knopf porträtiert – samt ihrer tragischen Familiengeschichte, oder die Familie Börner, die einst das Hotel „Kaiserhof“ am Ring betrieb und später den „Thüringer Hof“, porträtiert von Hella Gormsen, oder der – beinah vergessene – Maler Fritz Salisz, über den Claudia Pfeifer schreibt, oder …

Man denkt ja dabei zumeist auch ein wenig „historisch“: Es ist lange her. Die schwere Walze der Geschichte ist drüber gegangen …

Da verliert man schnell all jene aus dem Blick, die sich in unserer Gegenwart bemühen und dieser Stadt Witz und Seele verpassen. So wie Krimiautor, Tour-Guide und Geschichtsenthusiast Henner Kotte, der im Dezember 2024 starb. Axel Thielman und Gunter Böhnke widmen ihm in diesem Heft einen kleinen, lebendigen Erinnerungsartikel.

Der eben nicht zuletzt sichtbar macht, dass auch Leipzig eine bräsige, langweilige Stadt wäre, wenn es diese aufopferungsvollen, nimmermüden Typen nicht gäbe. Diese Wagemutigen, die sich noch begeistern können für „Kleinparis“. Was man im lärmenden Tagesgebrabbel ja schon längst vergessen zu haben scheint.

Bewahren und Verlieren

Dabei stecken überall Geschichten, die erzählt werden können und im Heft auch erzählt werden – über den Bau des Hotels „Merkur“, das neue Messegelände, das stille Comeback von Albert Lortzing in Leipzig, die Leipziger Jazztage oder die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig. Beim Blättern darf man sich vergewissern: Es ist noch (fast) alles da.

Auch wenn sich die Verluste mehren, weil die Kommunen deutschlandweit von einer völlig verpeilten Finanzpolitik abgewürgt werden, in Nöte gestürzt werden, die sie alle so noch nicht kennen. Da stirbt dann auch mal ganz leise das „Gewandhausmagazin“, dem ein Nachruf gewidmet ist.

Sollten wir uns Sorgen machen?

Ja. Gewaltige Sorgen. Denn was wird aus diesem Leipzig, wenn sich der Gedanke festsetzt, dass es sich Kultur nicht mehr „leisten“ kann? Wenn das auch jene Nischen leer räumt, in denen die jüngeren Leipziger das Leben tanzen lassen – so wie in der Leipziger Clubkultur, die längst von Schließungen betroffen ist, weil „Krisen und Stadtraumverdichtung“ die Lokalitäten schleifen? Wird Leipzig zur Schlafstadt, in der nichts mehr funkelt?

Ahnungslose Funktionäre

Eine offene Frage. Deswegen sind die „Leipziger Blätter“ so wichtig. Weil sie von alledem erzählen, manchmal fast Vergessene wie den Kunstmaler Emil Fröhlich würdigen. Oder daran erinnern, wie politisch Kunst einmal war, so politisch, dass die Ausbürgerung von Wolf Biermann auch die SED und ihre „Organe“ in Aufruhr versetzte, weil die Leipziger auf einmal Fragen stellten und ahnungslose Funktionäre auf dem falschen Fuß erwischten.

Dazu hat Katrin Löffler eine sehr ergiebige Suche im Leipziger Stadtarchiv angestellt. Man staunt, was sich in Akten so alles erhalten kann. So wird ein neues Heft der „Leipziger Blätter“ auch zur Fundgrube für all jene, denen diese Stadt nicht wurstegal ist. Sondern so ein bisschen ans Herz gewachsen. Ich weiß, das ist schwer. Manchmal könnte man närrisch werden.

Aber dann schafft man es mal wieder, sich in schicker Garderobe unter die filigranen Leuchten im Opernhaus zu stellen und sich auf den Gong zur Vorstellung zu freuen. Halb zwischen drängelndem Alltag und dem vorsichtigen Aufatmen, wenn das Licht gedimmt wird und man sich für ein paar Stunden einfach in Schauen und Hören und Genießen verwandeln darf. Froh, dass es so ein kulturvolles Städtchen noch gibt.

Und die grimmige Geldhuberei der politischen Narren noch nicht alles rasiert hat. Denn eins weiß man nach dem Lesen auf jeden Fall: Kultur ist Hoffnung und Zuversicht. Wer sie ausbläst, tötet die Seele der Stadt.

Kulturstiftung Leipzig (Hrsg.) „Leipziger Blätter 89“ Passage Verlag, Leipzig 2026, 14,90 Euro.

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