Wie machst du Journalismus, wenn es in den schrumpfenden Tageszeitungsredaktionen in deiner Region einfach keinen Platz mehr für dich gibt? Wenn du ein ordentliches Volontariat bei deiner Regionalzeitung gemacht hast, die dich dann aber trotzdem nicht will? Aufgeben? In anderen Jobs fremdgehen? Oder auf die Freundin hören, was man ohnehin öfter tun sollte, und einen eigenen Kanal öffnen? So wie es Wolfgang Holzhäuser in schwäbischen Aichach getan hat. „Hey Wolfi“ heißt der. Und ein Buch hat er jetzt auch noch geschrieben.

Ein Buch, das aufrütteln soll und mutig machen. „Aber mein Hobby blieb immer die Verschwörungserzählung. Der Extremismus. Und vermutlich sagt das alles über mich, was du wirklich wissen musst“, schreibt er im Einstieg in sein Buch. Motto: „Und was machst du so?“

Da schreibt er auch darüber, wie er dazu kam, einen eigenen YouTube‑Kanal aufzumachen, der mittlerweile 174.000 Abonnenten hat. Eine Zahl, die in der Schnatterbude YouTube durchaus Gewicht hat. Denn dorthin sind inzwischen einige von uns gegangen, die von ihrer kriselnden Heimatzeitung nicht mehr „gewollt“ wurden.

Und trotzdem wussten: Das Land und die Demokratie gehen kaputt, wenn Journalismus nur noch Blümchentee macht und als kritische Stimme verstummt. Gerade in diesen Zeiten. Denn dass Extremismus und Verschwörungserzählungen immer mehr Platz in den Köpfen einnehmen und die Menschen systematisch verblöden, das ist ja nicht nur seit den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt klar. Das beschäftigt politisch engagierte Leute schon lange. Mindestens seit Donald Trumps erstem Wahlsieg 2016.

Demokratie unter Beschuss

Etwas knirscht und kracht in unserer Demokratie. Eine Menge Leute sind schon lange dabei, sie systematisch zu demolieren. Unterstützt von gewissenlosen Techbros und glitschigen Milliardären, denen Demokratie, Freiheit und Wohlstand der Menschen herzlich egal sind. Egoisten mit jeder Menge Kohle in der Hand, mit der sie die Welt verfeuern, die Medien aufkaufen oder attackieren. Und Parteien päppeln, die ihre Interessen mit Brachialgewalt, Lügen und falschen Versprechungen durchsetzen.

Und Wolfgang Holzhauser hat seine eigenen Erfahrungen in der Politik gesammelt, in der SPD-Ortsgruppe seiner Heimatstadt. Wo er wirklich zeigen konnte, wie man fleißig Wahlkampf macht und mit den Leuten ins Gespräch kommt. Und dann erleben darf, wie selbst in der eigenen Ortsgruppe Strippen gezogen und Wahlen für die Listenplätze hingebogen werden, bis wieder die altvertrauten Genossen ganz oben auf der Liste stehen. Und die Wahl in einem Debakel endet.

Was macht man da?

Da braucht man so eine Frau an seiner Seite, die diese Ambition versteht, dass einer trotz alledem Journalist sein muss. Über all die Themen reden muss, die ihn aufregen und nicht schlafen lassen. Seinen Kanal bei YouTube hatte er sowieso schon seit 2006. Warum da nicht all das machen, was in der dünner werdenden Kreiszeitung einfach keinen Platz mehr hat? Erst mal als Hobby, um so richtig Dampf abzulassen.

Und siehe da: Es klappte. Denn das Bedürfnis bei den Leuten da draußen war da. Davon können auch Gleichgesinnte reden wie Der Dara oder Alexander Prinz, die auf ihren Kanälen ebenfalls mit Verve und Spitze den Zuschauern erklären, wie Politik funktioniert. Und wie die Antidemokraten die Demokratie angreifen, aushöhlen und verteufeln. Und wie mit Verschwörungserzählungen die Menschen verblödet werden.

Das sind Wolfis Leib- und Magenthemen, zu denen er mittlerweile über 1.300 Videobeiträge produziert hat in seinem Studio im Keller. Seit 2025 macht er das nun hauptberuflich, trägt ihn seine Kommentartätigkeit im eigenen Studio, wo er auch die Emotionen nicht weglässt und das ironische Augenzwinkern, wenn er über die Kapriolen der Extremisten und ihrer Gläubigen erzählt.

Sein Motto: „Die Welt dreht durch – ich dreh’ Videos. Hey Wolfi ist dein Kanal für investigativen Zorn mit Herz.“

Hey Wolfi besucht den Katapult Verlag

Und wer sich jetzt sein Buch „Wie wir Extremisten den Stecker ziehen“ zu Gemüte führt, merkt schnell: Auch im Buch trifft er den Tonfall, mit dem er in den Videos seine Zuschauer anspricht, ins Grübeln und ins Schmunzeln bringt.

Denn eins hat er gelernt – und im Buch macht er es regelrecht zum Grundrezept: Jammern und Den-Kopf-Einziehen hilft überhaupt nichts in einer Zeit, in der die frisch gebügelten Nazis mit aller Macht in die Parlamente drängeln, die Medienkanäle mit ihren Lügen zuballern und kritische Journalisten nur zu gern mit Abmahnungen und Anzeigen überziehen, wenn ihnen nicht passt, was die erzählen.

Sodass Wolfi auch seine ersten Erfahrungen mit Anwälten und Gericht machen musste, anfangs ein bisschen eingeschüchtert, weil er das noch nicht kannte. Inzwischen hat auch er gelernt, dass fast alle Anzeigen aus der rechten Seite Bullshit sind, hahnebüchene Versuche, einen kritischen Kommentator kleinzukriegen, die sich dann vor Gericht als heiße Luft entpuppen. Plumpe (und rechtschreiblich schlechte) Versuche, den Kritiker einzuschüchtern und mundtot zu machen.

Politik für die Überreichen

Eher verwirrend findet Wolfi, dass die Polizei seine eigenen Anzeigen meist nicht ernst nimmt. Denn es gibt ja auch noch die Leute im Internet, die keine Skrupel kennen, ihren Frust über die Kritik mit Beleidigungen, Verleumdungen und sogar drastischen Drohungen zu artikulieren, weil sie tatsächlich glauben, im Internet sei alles erlaubt.

Und so sind die Algorithmen der großen Tech-Konzerne aus den USA ja auch gestrickt: Sie verstärken alles, was im Netz für Zoff und Aufregung sorgt, denn das treibt die Zahl der Interaktionen nach oben und damit den Werbeumsatz. Das macht die Tech-Milliardäre reich. Eine funktionierende Diskussion in den Netzwerken? Ihnen ist das herzlich egal. Und natürlich erklärt das Wolfi in seinem Buch auch. Und mit dem Katapult Verlag hat er auch einen Partner gefunden, der sich sogar wissenschaftlich mit den Themen Rechtsextremismus und Radikalisierung beschäftigt.

Sodass das Buch auch mit den bekannten Grafiken von Katapult angereichert ist, die z.B. zeigen, wo die AfD Verdachtsfall für den Verfassungsschutz ist, wo es Demonstrationen gegen die Rechtsextremen gibt oder worüber sich die jungen Menschen im Land besonders große Sorgen machen – und da kommen gleich hinter der möglichen Kriegsgefahr „Politischer Populismus und Extremismus“. Gleich dahinter „Umweltverschmutzung“ und „Klimawandel“.

Das hängt alles miteinander zusammen. Die jungen Leute wissen das. Und wissen vielleicht auch besser als die Alten, dass man dagegen mit Meckern, Motzen und Jammern nicht ankommt. Oder gar dem Wählen einer extremistischen Partei, die den Leuten das Blaue vom Himmel verspricht, aber tatsächlich auch nur Politik für die winzige Minderheit der Überreichen machen will, die unsere Welt ohnehin schon ausplündern. Während sie unsere Hirne in den asozialen Medien mit „algorithmischem Terrorismus“ zumüllen.

Gegenrede, laut und deutlich

Und da die europäischen Regierungen ganz offensichtlich nicht bereit oder in der Lage sind, die wildgewordenen Netzwerke zu bändigen und zu regulieren, braucht es – herzlich willkommen in der Demokratie – Gegenrede. Laut, pointiert, deutlich. Manchmal auch trickreich, so wie es Wolfo mit einem Parteikollegen schon mal getan hat, als er mit ihm gemeinsam die Website „Aichacher für Demokratie“ auflegte – AfD Aichach also. Was natürlich der Aichacher AfD überhaupt nicht passte.

Aber wer sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hat wie Wolfi, der weiß auch: „Die AfD und ihre rechtsextremen Geschwisterparteien auf der ganzen Welt brauchen Negativität als Treibstoff.“ Das ist der Stoff, aus dem sie ihre Kampagnen stricken. Die Kampagnenmacher in diesen Parteien wissen, wie man Wut, Zorn und Machtlosigkeit in mediales Kapital ummünzt.

„Es mag paradox erscheinen, dass eine Partei, die eher die Interessen von Konzernen und Überreichen vertritt, vor allem von denen gewählt wird, die vom Wahlprogramm am wenigsten profitieren würden. Aber Emotionen brauchen keine Vernunft. Emotionen brauchen ein Ventil“, schreibt Wolfi im letzten Kapitel seines Buches.

Schweigen ist keine Lösung

Und er stellt dort auch noch etwas fest, was sich gerade die konservativen Politiker ins Stammbuch schreiben sollten: „Nicht die Parteien sind bei den Wählern erfolgreich, die rechtspopulistische Politik übernehmen, sondern die, die das Leben der Menschen verbessern, indem sie sich auf die Verringerung der sozialen und wirtschaftlichen Risiken konzentrierten. Parteien, die das Leben de Menschen wirklich verbessern wollen.“

Dass gerade die AfD nicht nur Vorreiter bei der maximalen Bespielung der Social-Media-Kanäle ist, mit ganzen Bot-Netzen ihre Reichweite hochtreibt und inzwischen auch die KI benutzt, um das Netz mit Fake News zu fluten, analysiert er in seinem Buch natürlich auch. Er kennt sein Metier, in dem er arbeitet. Meist zu nächtlicher Stunde, um den familiären Alltag nicht zu stören.

Und dazu gehört auch das Wissen darum, wie rechtsextreme Denkfabriken und Politiker das Overton-Fenster seit Jahren immer weiter nach rechts verschieben und Dinge sagbar machen, die noch vor Jahren für die gesellschaftliche Ächtung des Sprechers gesorgt hätten. Rechtsextreme wissen, wie man mit der Wortwahl auch die Wahrnehmung der Menschen verändert, sie mitnimmt ins Reich der Lügen und Mythen.

Schweigen ist da ganz bestimmt nicht die Lösung. Dulden und aushalten erst recht nicht. Klappe aufreißen und gegenhalten, das betont auch Wolfi zuletzt immer wieder, sind der richtige Weg, dem penetranten Lärm von rechts etwas entgegenzusetzen.

„Unser größtes Geschenk an die Extremen und ihre Geldgeber wäre, wenn wir aufhören würden, dagegen zu sein. Laut sein. Nervig sein“, schreibt er. Und demonstriert es in jedem seiner Video-Beiträge. Man muss es sich nur immer wieder bewusst machen: „Denn wenn wir alle gemeinsam da sind, dann sind wir mehr. Wenn wir zusammenhalten, dann kann uns niemand abmähen.“

Aber dazu braucht man den Mumm, die Klappe zu öffnen. Den hat er. Und mit dem Katapult Verlag einen Verlag gefunden, in dessen Programm sein Buch bestens passt.

Wolfgang „Hey Wolfi“ Holzhauser „Wie wir Extremisten den Stecker ziehen“ Katapult Verlag, Greifswald 2026, 22 Euro.

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