Das Gottvertrauen schwindet: In Scharen verlassen die Menschen die beiden großen Kirchen. Nicht nur in Deutschland. Auch in Österreich. Und das große „Warum“ treibt natürlich auch die Theologen um, die sich an den Hochschulen intensiv mit der Bibel, dem Glauben und einer Gegenwart beschäftigen, in der die Kirche für immer weniger Menschen Maßstab und Trost ist.
Und so stellt Ulrich H. J. Körtner in diesem Buch tatsächlich die Vertrauensfrage. Wem vertraut man eigentlich noch? Eine Frage, die auch Atheisten umtreibt.
In unseren wild gewordenen Zeiten erst recht, in denen sich ganze Parteien, Thinktanks und Medienkonzerne darauf spezialisiert haben, Misstrauen, Wut und Hass zu schüren. Und das Vertrauen der Menschen in Politik und Gesellschaft systematisch zu zerstören. Das ist im Grunde die Begleitmusik zu den Glossen und Essays, die der österreichische Theologe Ulrich H. J. Körtner über die Jahre in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht hat.
Texte, die sich auch mit benachbarten Themen wie Vernunft, Robotern und Künstlicher Intelligenz, Verletzlichkeit, Tod, Krankheit und Lebenssinn beschäftigen. Aber auch mit den „Lügen der Tröster“, dem einzigen Text, der auch den Trost ins Spiel bringt. In diesem Fall den falschen Trost, der die Trostlosen erst recht spüren lässt, dass ihnen niemand wirklich hilft.
Eine Lage. In der sich ja nun auch die Kirchen selbst befinden. Darauf gehen die letzten Texte in diesem Band ein. Da hat man vor 20 Jahren noch optimistisch geglaubt, man würde – gegen den Trend – wieder wachsen, den Menschen der verstörten Gegenwart mit „Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ wieder ein Angebot machen, das sie gar nicht ausschlagen können. Und dann geht das Schrumpfen ungebremst weiter, beschleunigt sich gar, als die Priesterskandale in den Medien für Aufsehen sorgen.
Vertrauen, Trost und Geborgenheit
So verspielt man Vertrauen. Wo Vertrauen fragmentiert, sucht auch niemand Rat und Trost oder Geborgenheit. „Gottvertrauen und Möglichkeitssinn“ hat Körtner sein Buch untertitelt. Und im Vorwort verweist er auf die grundlegende Frage, die ihn umtreibt: Wie kommt der Mensch zu einem Grundvertrauen im Leben? Und wie gehen Atheisten damit um?
Denn diese Frage beschäftigt ja nicht nur Gläubige. Dass unser Leben gefährdet ist, endlich und ungewiss, das merken auch die ungläubigen Thomasse. Und wenn ein Unfall oder eine Krankheit oder der Tod eines geliebten Menschen uns aus der Bahn werfen, erschüttert uns das zutiefst. Aber wir gehen alle anders damit um.
Und das hat mit Vertrauen zu tun. Und da wird es spannend. Denn aus welchem Vertrauen schöpfen dann Menschen, wenn sie nicht – wie Körtner – auf einen Gott vertrauen, der einen am Ende vielleicht irgendwie auffängt?
Oder um ein paar Sätze von Körtner zu zitieren: „Ich werde zu Boden geworfen und doch nicht vernichtet. Darin drückt sich die Hoffnung auf einen letzten Sinn der eigenen endlichen, zerbrechlichen und unvollkommenen Existenz aus, der selbst über das eigene Sterben hinausreicht.“ („Krankheit und Lebenssinn“)
Und wenn nicht? Wenn der Gedanke, es gäbe da eine Auferstehung und ein Paradies im Himmel, nicht mehr zündet? Ganz abgesehen von der Tatsache, dass auch der gläubige Mensch ein sinn-erfülltes Leben eigentlich vorher leben möchte. Und spätestens in der Schulzeit das große Herumgefrage beginnt: Was ist der Sinn des Lebens?
Leben ohne Sinn?
Das ist natürlich eine bekloppte Frage. Aber eine, die auf das Wesentliche hinführt: Was gibt unserem Leben eigentlich Sinn? Oder sind wir ganz sinnlos in die Welt geworfen, irgendeine fruchtbare Tierart, die sich so gedankenlos vor sich hin fortpflanzt? Und viele Menschen scheinen ja genau so vor sich hin zu leben. Eingesponnen in ihre Verlorenheit, ihre Jammertiraden, Vorwürfe und Trostlosigkeiten. Als wäre irgendjemand anders schuld daran, dass sie sich so verloren fühlen.
Und dass sich sehr viele Menschen derart verloren fühlen, ist ja unübersehbar. Und so stellt sich – da hat Körtner nun einmal recht – für alle die Frage nach dem Ur-Vertrauen. Jenem Vertrauen, das er immer wieder Gottvertrauen nennt. Auch wenn er doch immer wieder auf die Tatsache zurückkommt, dass so ein Ur-Vertrauen – auch darin, dass man selbst alle Widrigkeiten bestehen kann – aus aktivem Handeln entspringt.
Im Essay „Krummes Holz – aufrechter Gang“ beschreibt er diese Haltung zum eigenen Leben sogar sehr konkret, auch mit Verweis auf Luther und Kant, die ihre Mitgeschöpfe und ihre Neigung, den Kopf hängen zu lassen, ja auch kannten: Verantwortungsethik nennt es Körtner. Und wer mag, kann das Neue Testament genau so lesen.
„Die Haltung, die einer solchen Ethik entspricht, ist die der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung – also eine Haltung der Verantwortlichkeit und des Verantwortungsbewusstseins.“ Und wenig später: „Solche Haltung ist mit Widerstandskraft verbunden. Sie äußert sich in der Kraft, der eigenen Trägheit und Neigung, zum Opportunismus zu widerstehen. Aus ihr resultiert die Stärke, auch äußerlich zu widerstehen und Zivilcourage zu zeigen.“
Ach du meine Güte!
Nur: Woher kommt dieses Selbst-Vertrauen? Körtner verweist auf Luther, der das als eine „von außen zukommende Gabe“ begriff. Und auch Bonhoeffer hat sich ähnlich geäußert.
Aber Körtner beschäftigt sich auch mit anderen, scheinbar ur-christlichen Tugenden, sogar recht ausführlich mit Güte und Barmherzigkeit. In „Ach du meine Güte!“ beschäftigt er sich folgerichtig auch mit der Theodizee, also der Frage nach Gottes Güte. Eine Frage, die für christliche Autoren seit Jahrhunderten zum philosophischen Problem wird.
Denn was muss man von der Güte Gottes halten, wenn er in seiner Schöpfung auf Erden Kriege, Epidemien, Mord und Totschlag zulässt? Eine Frage, die ja bekanntlich Voltaire so schön bissig in seiner Novelle „Candide oder der Optimismus“ auf den Punkt gebracht hat. Die war zwar zuallererst gegen die schöne Behauptung von Gottfried Wilhelm Leibniz gerichtet, wir lebten in der „besten aller Welten“.
Aber Körtner verweist richtig darauf, dass dieses Problem auch schon in der Bibel behandelt wird, wo Gott ja aus lauter Grimm über die sündhaften Menschen die Sintflut über die Erde kommen lässt. Ein Widerspruch, der nicht nur die Glaubensgeschichte durchzieht. Unser ganzes Denken steckt in diesem Dualismus von Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Wir wollen alle gut sein und zu den Guten gehören.
Und merken dann, wenn es brenzlig wird, doch wieder, dass das „Böse“ auch in uns steckt. Hier säuberlich in Anführungszeichen gesetzt, weil es dieser blanke Dualismus ist, der uns blendet und dumm macht.
„Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt“, stellt Kant in Bezug auf Luther fest. Wir sind – ach du Schreck und ojemine – fehlbare Wesen. Wir irren uns, machen Fehler, haben Schwächen (die wir uns ungern eingestehen) und gehen mit der Welt (Gottes Schöpfung) und anderen Menschen oft gedanken- und rücksichtslos um.
Und: Wir wissen das.
Wir wissen das alle.
Leben heißt handeln
Das sind Stellen in Körtners Essays, an denen deutlich wird, dass das alles eigentlich keine theologischen Fragen sind und auch nicht nur für Menschen wichtig ist, die in Gott Trost und Vertrauen suchen. Diese Fragen betreffen uns alle. Denn sie fordern eine Entscheidung von uns. Lassen wir uns das Leben einfach nur gefallen? Oder nehmen wir es aktiv an, als Herausforderung, uns als Mensch zu zeigen? So, wie es Hannah Arendt in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ beschreibt.
Denn wir ach so gottlosen Menschen sind überhaupt nicht so ratlos, wie sich das aus theologischer Sicht oft darstellt. Denn das, was uns Halt, Trost und Vertrauen im Leben (und in unser Leben) gibt, können und müssen wir selbst auf die Beine stellen. Im Grunde erzählt auch die ganze Jesus-Geschichte davon. Denn nicht nur ein abwesender Gott kann gütig sein.
Das können wir auch selbst. Und wer sich an die herzlichsten Momente seines Lebens erinnert, erinnert sich an gütige Menschen, Menschen, die aktiv wurden in Zuneigung, Rat, Trost und Zuspruch.
Wir leben, weil wir uns zeigen. Und zwar unseren Mit-Menschen. Indem wir scheinbar ur-christliche Tugenden üben wie Barmherzigkeit. Die Samariter unter uns wissen das. Und die, denen von hilfreichen Samaritern geholfen wurde, auch.
Ein gutes Ende
Und auf einmal merkt man: Den Sinn in unserem Leben geben wir ihm selbst. Indem wir handeln, Menschen in den Arm nehmen, helfen, Teil von etwas werden. Wir sind erst, wenn wir uns zeigen, uns Liebe geben, Trost und Wärme. Denn natürlich ist das Leben oft genug hart. Unberechenbar sowieso. Und immer viel zu kurz.
Was ja dann diese Not am Ende erzeugt, wenn die Frage steht, ob wir einen guten Tod sterben, mit dem Gefühl, nicht umsonst gelebt zu haben. Oder einen verbitterten, weil wir trostlos daliegen. Gar alle Brücken abgebrochen und Kinder und Enkel vergrämt haben in nie endendem Groll?
Eigentlich – das ahnt man irgendwie bei Körtners Versuchen, den Trost und das Vertrauen irgendwie doch noch bei einem abwesenden Gott zu finden – ist auch die Jesus-Geschichte eine Spiegelgeschichte, die uns zeigt, dass wir hier auf Erden handeln müssen. Denn nur wer handelt, gewinnt Vertrauen – in sich und sein Leben.
Was – und das schildert Körtner in „Glaube im digitalen Zeitalter“ selbst sehr kritisch – mit unseren heutigen Vorstellungen vom perfekten Körper und einer künstlichen „Intelligenz“ nicht viel zu tun hat. Da werden uns Chimären für teuer Geld verkauft, die nichts mit unserem Da-Sein zu tun haben.
„Wir sind weder körperlose Intelligenz, noch auf unsere Körperlichkeiten beschränkt. Das eine wie das andere ist eine Gestalt der Entfremdung“, schreibt Körtner.
Wenn selbst die Kirchen Trost brauchen
Und beide sind Mittel, das Misstrauen zu säen, unser Selbst-Vertrauen zu untergraben und uns am Ende gar einzureden, Maschinen wären intelligent und würden uns überflüssig machen. Was ja tatsächlich der Wurm der Zeit ist: die Behauptung, der Mensch in all seiner Unvollkommenheit wäre überflüssig, könne einfach aussortiert werden.
Ersetzt durch irgendwelche künstlichen Programme. Die aber nichts von dem können, was Menschen ein Vertrauen in dieses Leben auf Erden gibt – sie können nicht trösten, nicht in den Arm nehmen, nicht helfen in der Not, nicht retten, nicht barmherzig sein. Bestenfalls sind sie so doof wie ihre Programmierer und der digitale Quark, mit dem sie gefüttert wurden.
Und so appelliert Körtner eigentlich für etwas, das auch ohne Gott Vertrauen und Möglichkeitssinn gibt: den Mut, menschlich zu handeln und selbst gütig und barmherzig zu agieren, sich also als fühlender und mit-fühlender Mensch zu zeigen in einer Welt, in der selbst die großen Kirchen inzwischen nach Trost und Zuspruch suchen.
Denn – das stellt Körtner ja auch ganz beiläufig fest: Kirche, das sind nicht die Bischöfe und Päpste oder die schönen steinernen Gebäude in der Stadt. Kirche ist die Gemeinschaft der Menschen. Und ganz offensichtlich laufen sie auch davon, weil sie dort keinen Trost mehr finden, kein Ur-Vertrauen, ohne das man in einem immerfort gefährdeten Dasein auf Erden eigentlich nicht auskommt.
Ulrich H. J. Körtner „Reine Glaubenssache“ Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 29 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:


















Keine Kommentare bisher