Alle möglichen cleveren Leute verkaufen uns derzeit auf allen Kanälen die Ergebnisse eines aufwendigen Machine Learning als Künstliche Intelligenz, spielen mit unseren diffusen Vorstellungen davon, was eigentlich Intelligenz ist. Und behaupten auch noch dreist, diese digital aufgepeppte Mustererkennung würde die menschliche Intelligenz in Kürze gar übertreffen. Für wie doof halten uns diese Leute eigentlich?
Oder ist es gar andersherum: Sie halten sich für außerordentlich klug und unfehlbar? So wie die meisten Leute heutzutage. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die unfehlbare Klugheit gerade riesige Katastrophen anrichtet. Aber was ist dann eigentlich Klugheit?
Eine Frage, mit der sich der Philosoph Manuel Scheidegger nun schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Eigentlich seit seinem Philosophiestudium, dem aus Sicht superkluger Leute sinnlosesten und unnützesten aller Studien. Landläufig nur dazu geeignet, am Ende als Taxifahrer zu enden. Wobei Scheidegger in diesem Fall die Taxifahrer verteidigt. Er selbst hat ein Netzwerk mit dem Namen „Argumented Reality“ gegründet, „das Organisationen im Kulturwandel unterstützt“.
Und genau darum geht es. Denn dazu muss man nicht einmal Philosoph sein, um zu sehen, was die Besessenheit von Klugheit und Unfehlbarkeit gerade mit unserer Gesellschaft, dem Diskussionsklima und der Welt anrichtet. Wir feiern Klugheit auf allen Ebenen, wollen immerfort als klug erscheinen, schämen uns für jeden Fehler und stehen alle in einem immer wilderen Wettbewerb der rücksichtslosen Rechthaberei. Und halten es in Wirklichkeit gar nicht aus, werden krank in diesem wilden Streben nach einer Perfektion, die überhaupt nicht menschlich ist.
Und lassen uns dann von überklugen Leuten auch noch einreden, eine Mustererkennungs-Software, die von Menschen programmiert wurde, werde uns nun gar in der Perfektion des Denkens übertrumpfen.
Keine Intelligenz (KI)
Dabei spuckt diese Software immer mehr Blödsinn aus. Denn – ach du Schreck! – sie arbeitet ja mit von Menschen gelieferten Inhalten. Scheidegger nennt dieses überall angepriesene Produkt denn auch konsequent Keine Inteligenz (KI). Eigentlich ein Randthema in dieser Geschichte. Aber ziemlich erhellend, wenn es darum geht, unsere eigenen Abgründe des Denkens sichtbar zu machen. Die auch schon die alten Griechen kannten.
Und ruckzuck sind wir mittendrin in der Philosophie, die zwar übersetzt „Liebe zur Weisheit“ heißt, sich aber seit über 2.500 Jahren mit einem ganz zentralen Thema beschäftigt: Wie denken wir eigentlich? Was ist Denken? Und welche Tücken bereitet uns dieses Denken?
Und keiner wusste das so früh und hinterfragte es penetrant wie ein Typ namens Sokrates, der im alten Athen herumlief und den ach so klugen Leuten Löcher in den Bauch fragte und sie vor allem mit einer Frage nervte: Warum? Warum ist das so? Am Ende verurteilten sie ihn ja bekanntlich wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend zum Tod durch Gift. Wobei er ja bekanntlich selbst seine Richter noch nervte mit Fragen.
Für viele Wissenschaftler war genau das der Beginn von wissenschaftlichem Denken, das – wie auch Scheidegger ausführlich darlegt – eben erst entstehen kann, wenn sich Menschen eingestehen, etwas nicht zu wissen. Also im landläufigen Sinn dumm zu sein.
Und Scheidegger nimmt sich selbst gar nicht aus. Im Gegenteil: Selbst seine Lebenserfahrung hat ihn gelehrt, dass wir Menschen meistens nicht klug sind, oft ratlos, unsicher und manchmal richtig dumm. Obwohl dieses Manchmal ziemlich häufig ist. Nur: Wir bekommen früh beigebracht – herzliche Grüße an das absaufende deutsche Bildungssystem –, dass wir nicht dumm sein dürfen. Dass wir keine Fehler machen dürfen, Fehler etwas Schlimmes und Peinliches sind. Und Dummheit geradezu verachtenswert.
Wie denken wir wirklich?
Nur: So mögen heutige Kultusminister, PISA-Tester und Lehrplanbastler denken. Mit der Realität unseres Denkens hat das nichts zu tun. Und das wussten auch die großen Philosophen der Geschichte. Nicht alle. Manche haben auch nur schöne Texte geschrieben.
Aber die, die es ernst meinten mit dem Nachdenken über unser Denken, die beschäftigten sich alle mit dem frappierenden Phänomen, dass wir eigentlich nur deshalb in der Lage sind, irgendetwas Richtiges über uns, die Welt, das Leben und den ganzen Rest zu sagen, weil wir imWesentlichenn dumm sind. Im ganz elementaren Sinn, so wie es Sokrates formuliert hat: Wissend, dass wir eigentlich nichts wissen.
Und genau da wird es spannend, denn genau das ist die Voraussetzung dafür, dass wir neugierig werden, uns selbst hinterfragen, neue Fragen stellen, fähig werden zur Erkenntnis (und zum Lernen) und – Überraschung! – zum geselligen Austausch mit anderen Menschen.
Wer an dieser Stelle angekommen ist, merkt, wie ihn Scheidegger sachte hineingeführt hat in das Grundproblem unserer ach so klugen Gesellschaft, die in ihrer Besessenheit vom Klugsein gerade immer dümmer wird und Fehler macht, zu deren Korrektur sie unfähig ist. Denn dazu müsste man die eigene Dummheit eingestehen. Was die Herren der Zerstörung natürlich niemals zugeben würden.
Und auf einmal bekommt man eine riesengroße Sehnsucht, dass in unsere Politik etwas zurückkehrt, was in den letzten Jahren völlig verschwunden ist: die Fähigkeit von Politikern und Politikerinnen, Fehler zuzugeben, öffentlich, ernsthaft, sichtbar für alle. Und damit diese schreckliche Maske endlich einmal abzulegen, die uns vorlügt, die von uns gewählten Menschen wüssten tatsächlich, was sie tun. Und warum.
Die unterschätzte Ressource Dummheit
Dabei wissen sie es genauso wenig wie wir. Auch Politik ist – wenn sie gut ist – vor allem Trial and error. Und Learning by doing. Wir lernen, indem wir Dinge ausprobieren, Fragen stellen, Fehler eingestehen und – hoppla! – aus Fehlern lernen. Aber ohne dabei einen Kult daraus zu machen, wie es heutzutage in diversen Managerschulen gepredigt wird, so nach dem Motto: Ich habe damals einen richtigen Fehler gemacht. Aber ich habe was draus gelernt und bin nun noch erfolgreicher … Scheidegger schildert seitenweise, was für ein wahnsinnig dummes Denken das ist.
Und wie genau dieses Denken dazu führt, dass sich unsere Weltwahrnehmung immer mehr verengt und wir vor lauterBesessenheitt von Erfolg unsere besten Ideen verspielen, verdaddeln, ignorieren. Selbst die Weltgeschichte der Erfindungen erzählt davon, dass man so auf keine neuen Ideen kommt, sondern bestenfalls die alten Ideen neu aufbrüht. Immer wieder. Bis die Luft raus ist. Oder das, was wir so landläufig Kreativität nennen.
Denn diese braucht – wer hätte das gedacht – eine gehörige Portion Dummheit im klassischen philosophischen Sinn:diee Fähigkeit, uns selbst in unserer Beschränktheit wahrzunehmen. Oder einmal mit Scheideggers Worten, nachdem er dieses Thema bei Kant, Schopenhauer, Nietzsche und Adorno explizit gefunden hat: „Im Sinne der intelligenten Dummheit wird das Nicht-Verstehen zum Motor der Auseinandersetzung mit der Welt. Die intelligente Dumme weiß, dass sie nicht versteht. Sie versteht ihr Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen als Gelegenheit, sich dem Unbekannten zu öffnen.“
Scheidegger wendet in seinem Buch konsequent das generische Femininum statt des generischen Maskulinums an. Eine sprachliche Würdigung, die das weibliche Geschlecht besser beachtet. Aber die Sätze zur Dummheit richten sich nicht besonders an Frauen, auch wenn das hier so klingt. Denn Dummheit betrifft uns alle. Sie macht – mindestens – die Hälfte unseres Denkens aus.
Und trotzdem sind wir geradezu fixiert darauf, ja niemanden merken zu lassen, dass wir fehlbar sind, uns ständig irren und korrigieren, bei den meisten Themen keine Ahnung haben und eigentlich ständig sagen möchten: Ich habe das nicht verstanden. Denn damit beginnt es.
Wir wissen es einfach (noch) nicht
Doch genau diese Frage wird uns schon in der Schule abtrainiert. Nur ja nicht durchblicken lassen, dass wiretwasd (noch) nicht verstanden haben, dass wir zweifeln und zaudern, weil uns hundert Lösungen durch den Kopf schwirren und die Entscheidung so schwierig ist. Denn wir wissen ja vorher nie, was am Ende wirklich passiert. Und manche von uns drücken dann trotzdem den roten Knopf, bauen Kernkraftwerke direkt ans Meer oder springen auf S-Bahn-Dächer. Im Ausprobieren selbst der dümmsten Ideen sind wir Spitze.
Und dann liest Scheidegger mit großem Vergnügen die Bestseller der Weltliteratur, in denen Dummheit geradezu zum Motiv wird – von „Don Quijote“ über „Der Idiot“ bis zu „Forrest Gump“. Und entdeckt ausgerechnet dort eine Fähigkeit, die wir alle haben, aber einfach ignorieren, weil wir eingebläut bekommen haben, dass Fehler peinlich und inakzeptabel sind. Obwohl die Geschichte der menschlichen Erfindungen und Entdeckungen ohne das Eingeständnis der eigenen Dummheit unmöglich gewesen wäre.
Mit Scheideggers Worten: „Denken heißt, sich zu orientieren, um Wege zu finden, aber auch, sich zu desorientieren, um andere Wege einschlagen zu können. Es bedeutet, nicht immer den gleichen Fehler zu wiederholen. Aber auch nicht den Fehler zu machen, alles zu wiederholen.“
Schöne Grüße an die aktuelle Politik, möchte man da sagen. Wer unfähig ist, ein mögliches Scheitern auch nur zuzulassen, scheitert zwangsläufig. Und wer gar glaubt, gar keine Fehler machen zu können, der scheitert erst recht. Denn damit nimmt er sich alle Möglichkeiten, aus den eigenen Fehlern vielleicht was zu lernen.
Lernen von den Kindern
Und jedes Kind weiß: Wir lernen nur aus unseren Fehlern. Und letztlich zeigt Scheidegger in sprachlich sehr lebendigem Stil, dass „Dummheit nicht das Gegenteil von Intelligenz“ ist, sondern „unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Lebens“. Man könnte auch so weit gehen zu sagen: Zu Menschen geworden sind wir tatsächlich erst, als unsere Vorfahren sich ihre eigene Unvollkommenheit eingestanden und begannen, „dumme“ Fragen zu stellen.
Denn nur wer Fragen stellt, weil er weiß, dass er etwas nicht weiß, bekommt Dinge heraus, findet heraus, wie die Welt funktioniert, tritt als ur-neugieriges Wesen in die Wirklichkeit. Auch das wissen Kinder und stellen deshalb nur zu gern immer wieder die schönste aller Fragen: Warum?
Väter und Mütter können ein Lied davonsingen,d wie man verzweifeln kann, wenn man dann versucht, als immerkluger Erwachsener zu antworten. Da verliert man nämlich.
Erfahrenere Eltern wissen, dass die Warum-Frage eine Einladung ist, gemeinsam etwas herauszufinden. Und den kleinen Biestern die Lust daran zu stärken, dem Leben mit immer neuer Neugier und immer neuen Fragen zu begegnen.
Wer aufhört, Warum zu fragen, der ist eigentlich schon tot. Oder zumindest gefangen in einer Vorstellung von immerfort ausgestellter Klugheit, die uns letztlich in einsame Wesen verwandelt, die sich nicht mal mehr trauen nachzufragen, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt. Obwohl es uns allen so geht, wie es Scheidegger gleich zum Einstieg in seine Reise in das gar nicht so dumme Denken schreibt: „Wir Menschen sind unsicher, etwas verloren, komisch, wir verhalten uns immer wieder doof, tolpatschig oder dumm.“ Das alles ist Teil von uns.
Und am Ende darf man durchaus ahnen, dass wir ein deutlich herzlicheres und geselligeres Leben führen würden, wenn wir uns das zugestehen würden. Und auch anderen zugestehen. Und Leute, die uns mit ihrer Klugheit nerven und belatschern, lieber fern halten.
Manuel Scheidegger „Die Zukunft der Intelligenz. Warum wir dümmer klüger wären“ Reclam, Ditzingen 2026, 24 Euro.
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