Am 28. Oktober kam dann in der Ratsversammlung auch jene sehr seltsame CDU-Anfrage zum Aufruf, in der das Übernachten einiger Obdachloser mit Zelten in Leipziger Parks einfach mal als „Wildcamping“ bezeichnet wurde und Beräumungsfantasien zur Sprache kamen. Doch die CDU-Fraktion hatte nach der stimmigen Antwort des Sozialdezernats keine Nachfragen mehr.

Andere Fraktionen schon. Denn es gibt ja tatsächlich noch offene Fragen beim Umgang mit der Obdachlosigkeit in Innenstadtnähe.

Denn öffentlich geworden ist die gerade in Bahnhofsnähe registrierte Obdachlosigkeit ja vor allem, seit die sehr provisorischen Unterkünfte auf der Ostseite des Hauptbahnhofs nicht mehr zur Verfügung standen, weil hier jetzt ein neues Stadtquartier gebaut wird. Einen Teil des so offenkundig gewordenen Bedarfs wollte die Stadt ja dadurch auffangen, dass sie in der anliegenden Kurt-Schumacher-Straße ein ehemaliges Hostel zur Notschlafstelle für Obdachlose umbauen wollte.

Ein Projekt, das längst hätte fertig sein müssen – hätten die Bauarbeiter bei der Untersuchung des Hauses nicht immer mehr gravierende Schäden entdeckt, die den Umbau immer teurer machen und eine Fertigstellung nun wohl erst im dritten Quartal 2027 erwarten lassen.

Gebäudezeile mit parkenden Autos.
Ein Blick auf das ehemalige Hostel in der Kurt-Schumacher-Straße, wo eine Notschlafstelle entstehen soll. Foto: Ralf Julke

Ein Thema, das Grünen-Stadträtin Katharina Krefft ansprach. Und eine Notschlafstelle, wie ursprünglich geplant, wird es wohl auch nicht, sondern ein reguläres Übernachtungshaus. Wohin gehen dann aber die Leute, die auch jetzt schon die Übernachtungshäuser meiden? Was tut die Stadt, wenn es draußen wirklich knackekalt wird?

Und auch Sozialbürgermeisterin Dr. Martina Münch gestand zu: „Auch im Zelt kann man erfrieren.“ Die Stadt tue trotzdem alles, um die Menschen, die da unbedingt im Zelt übernachten wollen, zu erreichen. Das war auch die Frage von Thomas Kumbernuß (Die PARTEI): Ist die Stadt aktiv geworden, seit die Zelte in den Parks auftauchten?

Das stand zwar auch schon in der Antwort des Sozialdezernats. Aber Martina Münch ging am 28. Oktober auch auf das dahinterliegende Problem ein. Die Streetworker sind unterwegs, sprechen die Menschen in den Zelten auch an. Aber eine Lösung wird erst möglich, wenn diese Menschen auch bereit sind, zu kooperieren. Dann kann die Stadt tatsächlich helfen, den Betroffenen wieder in eine warme Unterkunft zu bringen.

Aber die Zelte erzählen eben auch davon, dass einige Betroffene nicht (mehr) bereit sind, ins System zurückzukehren. Sie nutzen auch die Übernachtungsmöglichkeiten der Stadt nicht, so Münch. Es gab, so betonte sie, in der letzten Zeit immer freie Plätze in den Übernachtungshäusern.

Aus Sicht der Stadt muss niemand im Freien übernachten.

Die unsichtbare Obdachlosigkeit

Aber gerade die jetzt im Freien zeltenden Menschen erzählen eben auch von einem Bruch. Manche sind auch für die erfahrenen Streetworker nicht mehr erreichbar. Sie sind nur sichtbarer geworden. Denn es gab sie auch vorher schon. Nur suchten sie vor allem in leer stehenden Häusern und Schuppen Unterschlupf, die mit der Verdichtung der Stadt immer mehr verschwinden. Womit diese Menschen schon verdrängt sind. In öffentliche Räume, wo sie nun für alle sichtbar sind.

Manchmal werden ihre Zelte auch jetzt schon beräumt, wie Martina Münch erklärte. So wie kürzlich in Thekla. Aber die Streetworker sorgen dann wenigstens dafür, dass ihr Hab und Gut gesichert wird, denn das ist dann wirklich alles, was sie noch besitzen.

Die kleine Fragerunde machte dann deutlich, dass Leipzig hier eigentlich überhaupt erst einmal einen Teil der Obdachlosigkeit zu sehen bekommt, der in den Jahren zuvor völlig unsichtbar war. Und es gibt – so Martina Münch – einen wohl noch größeren Teil verdeckter Obdachlosigkeit, der auch nicht mit den offiziellen Obdachlosenzahlen der Stadt erfasst ist.

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