Kann man Revolutionen planen? Sind Revolutionen berechenbar? Braucht es nur ein paar Leute, die wissen, wie eine erfolgreiche Revolution funktioniert, und schon ist die Sache geritzt, der König geköpft, der Staat umgewälzt und alle Bürger feiern auf den Straßen? So klingt der Titel dieses Buches aus der Reihe „Was sagt die Wissenschaft?“. Aber meist ist das so mit dem Wissen um revolutionären Erfolg: Es klappt nicht immer. Und die Wissenschaftler/-innen können sogar sagen, wann es schiefgehen muss.

Ella Daum (studierte Juristin) und Cornelia Schimek (studierte Psychologin) haben hier einmal so ziemlich alle relevanten Studien aus der Revolutionsforschung der jüngsten Zeit zusammengetragen.

Denn natürlich haben sich Wissenschaftler/-innen seit Jahren den Kopf darüber zerbrochen, warum einige Revolutionen klappen und andere in die Hose gehen, siegreiche Revolutionen (wie der Arabische Frühling) auf einmal gekapert werden oder die einen friedlich bleiben (wie so ziemlich alle Revolutionen im Ostblock 1989/1990) und andere geradezu in Blut ersaufen (wie die Französische Revolution von 1789).

Auch Lokomotiven können entgleisen

Und dabei sind doch Revolutionen, wie Karl Marx mal feststellte, „die Lokomotiven der Geschichte“. Das zitieren die beiden Autorinnen auch. Und stellen es gleichzeitig infrage. Denn nicht jede Revolution bringt den Fortschritt voran, manche führen direkt in neue Diktaturen. Geht es letztlich also darum, wer die meisten Waffen hat und die größte Rücksichtslosigkeit? So wie die Bolschewiki im Herbst 1917, als sie sich einfach an die Macht putschten?

Fragen über Fragen. In der Navco-Datensammlung der Harvard-Universität werden alle revolutionären Bewegungen seit 1900 gesammelt. Über 600 sind dort inzwischen verzeichnet. Rund die Hälfte fanden blutig und mit Waffen statt, der Rest eher friedlich.

Und Studie für Studie haben diverse Forschungsteams diese Sammlung genutzt, um ihre teilweise überraschenden Fragen an die Geschichte und die Funktionsweise von Revolutionen zu stellen.

Und auch, ob sie im Sinne des Fortschritts eine bessere Gesellschaft erreichten. Was eben nicht immer der Fall ist, wie schon Oscar Wilde wusste: „Die Revolution ist die erfolgreiche Anstrengung, eine schlechte Regierung loszuwerden und eine schlechtere zu errichten.“

Doch das, so die Autorinnen, ist eben nicht der einzige Maßstab. Manche Forscher sprechen von einer Revolution erst, wenn nicht nur die alte Regierung gestürzt wurde, sondern auch echte gesellschaftliche Fortschritte erreicht wurden.

Alte Leute veranstalten keine Revolution

Für die Leser/-innen dieses Buchs ist der Ausflug in die darin versammelten Studien also auch eine kleine Reise in die Komplexität von Revolutionen. Die eben manchmal auch einfach scheitern, weil sich die Revolutionäre völlig überschätzten oder auf skrupellose, bis an die Zähne bewaffnete Gegner trafen, die die Proteste – wie auf dem Tian’anmen-Platz in Peking – einfach zusammenschossen und niederwalzten.

Manchmal brauchte es auch mehrere Anläufe – so wie in Frankreich. Aber Forscher finden manchmal die seltsamsten Dinge, die eine Revolution beeinflussen, ohne dass das vorher mitbedacht wurde – die Jugendquote in einem Land zum Beispiel.

Alte Menschen veranstalten keine Revolution. Junge Leute aber sind leicht entflammbar. Und werden aber leider auch schnell zum Opfer, wenn eine Regierung wie im Iran brutal gegen friedliche Proteste vorgeht und zehntausende Aufrührer ermordet.

Manchmal sind Revolutionen auch ganz klein, ändern nur Teile der Gesellschaft zum Besseren. Aber fast immer sind da Faktoren, die man umschreiben könnte mit „Die Zeit war einfach reif“. Wenn große Teile der Gesellschaft das Gefühl haben, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Dass es anders werden muss. So wie 1989 in der DDR.

Aber – das stellen mehrere Studien fest – das funktioniert meist erst, wenn auch jene, die bisher den Staat unterstützten, den Umschwung unterstützen, die Machtelite also selbst bröckelt.

Dann entsteht nämlich ein Effekt, den gleich die erste Studie im Buch beschreibt: Dann bleiben Revolutionen eher gewaltfrei und haben damit doppelt so große Chancen auf einen Erfolg. Genauso ist es mit dem Militär: Unterstützt es den Aufstand oder schlägt es im Namen der alten Macht die Demonstrationen blutig nieder?

Kann man Revolutionen exportieren?

Und wie ist das mit Revolutionen, die von Ländern außerhalb des betroffenen Landes unterstützt werden? Das geht fast immer schief, wie nicht nur eine Studie feststellt. Welche Rolle spielen dabei auch die Attentate auf die Autokraten, die man stürzen will?

Und wann entsteht überhaupt so etwas wie eine revolutionäre Situation? Und steht am Ende immer eine Demokratie? Fragen über Fragen, die für die Leser/-innen zumindest einen Eindruck vermitteln, wie Revolutionen tatsächlich funktionieren und wie sie scheitern, wenn wesentliche Voraussetzungen fehlen.

Und geradezu witzig anmutende Kapitel wie „Pferdepost führt zur Rebellion“ bringen dann auch noch einen Fakt ins Bild, den man bei all den furiosen Bildern von Revolutionen meist vergisst: Wenn neue Medien auf einmal dazu führen, dass die Berichte über Missstände und die aktuellen Ereignisse immer schneller im ganzen Land verbreitet werden, dann bekommen diese Ereignisse auf einmal ein vollkommen anderes Tempo, das die Mächtigen oft überfordert.

Was nicht bedeutet, dass nicht auch das schiefgehen kann. Denn wer gewinnt die mediale Hoheit über die Ereignisse? Wer schafft es, den Eindruck zu stärken, dass das alte Regime morsch ist und sich das Mitmachen lohnt?

Die Macht der Friedlichen

Und wie ist es mit der Friedlichkeit? Warum führt sie eher zum Erfolg? Der Schlüssel liegt in der Akzeptanz, denn wer – wie einst Ghandi – seine Ziele friedlich verfolgt und friedliche Mittel sucht und findet, sie populär zu machen, der nimmt den Mächtigen die wichtigste Legitimation: Dass sie es nur mit irgendwelchen Aufrührern zu tun haben, die keinen Rückhalt im Volk haben.

Was nicht bedeutet, dass es dann schneller geht. Auch Friedliche Revolutionen haben oft einen langen Vorlauf und brauchen eine Menge Geduld. Einige der Studien arbeiten dann eben auch heraus, welche Voraussetzungen unbedingt gegeben sein müssen, damit eine Revolution überhaupt eine Chance hat.

Was dann trotzdem noch nicht bedeutet, dass dann alle Ziele der Revolutionäre auch erreicht werden. Manchmal ist es dann doch ein ziemlich magerer Kompromiss, der erreicht wird, weil man sich mit anderen Kräften irgendwie vereinbaren muss. Was natürlich – siehe Frankreich – der beste Weg ist, schon mal wieder Anlauf zu nehmen für die nächste Revolution.

Die Enttäuschungen der Revolutionäre

Es ist ein Buch für alle, die es wirklich gern wissen wollen, wie Revolutionen funktioneren. Und auch, warum am Ende oft nicht die Revolutionäre die Früchte einsammeln, sondern ausgebootet werden, weil sie von Natur aus immer eine Minderheit sind. Das kleine tapfere Häuflein, das es wagt, zuerst auf die Straße zu gehen, den Traum von einer besseren Gesellschaft im Kopf.

Nur um am Ende froh zu sein, dass sich überhaupt etwas geändert hat und die alten Hardliner gestürzt wurden. Und dann kommen – wie ja auch die friedlichen Revolutionäre aus der DDR wissen – die Mühen der Ebene, wenn auf einmal andere Tugenden gefragt sind oder andere Verheißungen der Revolution einen neuen Dreh verpassen.

Man muss schon eine dicke Haut haben, um da nicht müde zu werden oder nur noch enttäuscht der verpassten Chance nachzutrauern. Manchmal heißt es dann einfach: Mehr war nicht drin. Andere Kräfte haben sich durchgesetzt. Eine Erfahrung, die ja in der DDR auch das Neue Forum machte.

Manchmal ernten andere die Früchte, obwohl sie, als es wirklich noch brenzlig war, noch gezögert und gemauert haben. Motto: Erst mal abwarten, wie sich das entwickelt.

Vielleicht ist dieses Buch auch ein kleiner Trost für alle Revolutionäre, die so etwas erlebt haben und bis heute nicht wissen, warum es so gegangen ist, wie es gegangen ist. Denn eins machen die Studien auch deutlich: Berechnen lässt sich das, was bei Revolutionen herauskommt, nicht ansatzweise.

Dazu sind Gesellschaften zu komplex, haben zu viele Beharrungskräfte. Revolutionen können die Geschichte zwar voranbringen wie Lokomotiven. Sie können aber auch ganz halbherzig enden, weil das mürrische Volk unterwegs meint, es sei doch schon genug erreicht.

Und dann ist da ja auch noch die Frage nach der Wirtschaft, nach Flauten, miesen Konjunkturen und der sozialen Ungleichheit, die für sich ganz eigenen Zündstoff ergeben. Und zwar einen ganz und gar nicht intellektuellen, sondern einen ziemlich chaotischen, der die Dinge ins Rollen bringen kann, ohne dass einer weiß, wohin das auf einmal führt.

Ella Daum; Cornelia Schimek Erfolgreiche Revolutionen Katapult Verlag, Greifswald 2026, 16 Euro

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