Er trat die Nachfolge des weltberühmten Leipziger Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur an. Und wie dieser starb er weit entfernt von seiner einstigen Wirkungsstätte. Herbert Blomstedt ist am Mittwoch im Alter von 99 Jahren im schwedischen Göteborg gestorben, im Kreis seiner Familie, wie sein Sekretariat mitteilte.

Der schwedische Dirigent hatte jahrzehntelang, schon während seiner Leipziger Dienstzeit, in Luzern gelebt und war erst im hohen Alter nach Schweden zurückgekehrt. Mit Blomstedt verliert das Gewandhausorchester einen früheren Chefdirigenten, der auch nach seinem Abschied aus dem Amt regelmäßig nach Leipzig kam. Blomstedt leitete das Gewandhausorchester von 1998 bis 2005. Neben Werken deutscher und österreichischer Komponisten brachte er verstärkt Musik aus Skandinavien ins Programm, darunter Sinfonien von Jean Sibelius, Carl Nielsen und Wilhelm Stenhammar. Als Ehrendirigent blieb er dem Orchester nach 2005 verbunden.

Zu den Höhepunkten dieser Zusammenarbeit gehörte die vierwöchige Tournee durch Europa und Asien, die er 2017 anlässlich des 275-jährigen Bestehens des Gewandhausorchesters leitete. Zudem nahm er mit den Leipzigern sämtliche neun Beethoven-Sinfonien auf. Die Stadt Leipzig verlieh ihm 2017 ihre Ehrenmedaille. 2022 erhielt er im Gewandhaus das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Herbert Blomstedt 2002 in seinem Luzerner Arbeitszimmer. Foto: Benjamin Weinkauf

Wie eng seine Beziehung zu Leipzig bis zuletzt war, zeigte sich noch im vergangenen Jahr. Am 18., 19. und 21. September 2025 dirigierte er im Gewandhaus Anton Bruckners Neunte Sinfonie. Die Musikplattform Bachtrack veröffentlichte am 22. September eine Besprechung mit der Überschrift „Herbert Blomstedt überwältigt mit Bruckners Neunter in Leipzig“. Es waren seine letzten Konzerte in der Stadt.

Für den September dieses Jahres hatte er bereits die nächsten Auftritte zugesagt. Am 17., 18. und 20. September sollte er mit dem Gewandhausorchester Bruckners Achte aufführen. Doch im August musste das Gewandhaus mitteilen, dass Blomstedt aus gesundheitlichen Gründen nicht dirigieren könne. Seinen letzten Auftritt hatte Blomstedt am 15. Mai dieses Jahres in San Francisco.

Geboren wurde Herbert Blomstedt am 11. Juli 1927 in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts. Seine Eltern waren Schweden, der Vater Prediger, die Mutter Pianistin. Aufgewachsen ist er in Schweden und Finnland. Er studierte Violine, Musikwissenschaft und Dirigieren in Stockholm, Uppsala und den Vereinigten Staaten. Unterricht erhielt er unter anderem bei Leonard Bernstein und Igor Markevitch. Sein professionelles Debüt als Dirigent gab er 1954 mit dem Stockholmer Philharmonischen Orchester.

Zum Beginn seiner Laufbahn befragt, antwortete er dem Kollegen und MDR-Kultur-Experten Claus Fischer in einem Interview: „Als ich ganz frisch nach dem Studium zum ersten Mal in der Berwaldhalle in Stockholm dirigiert habe, da habe ich in den Saal geschaut und gedacht: ‚O weh, nur alte Leute!‘ Heute dirigiere ich im Gewandhaus, schaue in den Saal und denke: ‚O weh, da sind ja immer noch dieselben alten Leute!‘“

Nach mehreren Stationen in Skandinavien kam er 1975 nach Dresden. Zehn Jahre lang leitete er die Sächsische Staatskapelle, bevor er 1985 als Musikdirektor nach San Francisco wechselte. Dort blieb er ebenfalls zehn Jahre. Von 1996 bis 1998 war er Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg, anschließend begann seine Leipziger Amtszeit.

Herbert Blomstedt galt trotz seines Ruhmes als bescheidener, sensibler Mensch. Foto: Benjamin Weinkauf

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