Es gibt Menschen, an die man sich nicht nur wegen ihrer Ämter erinnert, sondern vor allem wegen dessen, was man gemeinsam mit ihnen bewegen konnte. Henry Aulich war für mich ein solcher Mensch. Die Nachricht von seinem Tod hat mich tief getroffen. Henry ist viel zu früh gestorben. Er wurde nur 38 Jahre alt. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Angehörigen, seinen Freunden und allen, die ihm nahestanden.

Ich möchte an dieser Stelle an einen Menschen erinnern, mit dem uns ein gemeinsames Anliegen verband: die Geschichte des antifaschistischen Widerstands in Leipzig lebendig zu halten und denjenigen einen würdigen Platz im öffentlichen Gedächtnis zu geben, die ihr Leben im Kampf gegen den Nationalsozialismus verloren haben.

Die Rückkehr von Georg Schwarz nach Leutzsch

Ein besonderes Kapitel dieser Zusammenarbeit war die Wiederaufstellung der Gedenktafel für Georg Schwarz im Alfred-Kunze-Sportpark.

Georg Schwarz, kommunistischer Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, wurde am 12. Januar 1945 in Dresden hingerichtet. Sein Name ist mit der Geschichte des Leipziger Westens eng verbunden. Eine Straße trägt ihn, und zwischen 1949 und 1992 erinnerte auch der Name des Leutzscher Stadions an ihn. Umso schmerzlicher war es, dass die Gedenktafel, die seit 1966 am Sportpark an ihn erinnert hatte, in den 1990er-Jahren entfernt und zerstört worden war.

Dass die Erinnerung nicht endgültig verloren ging, ist auch dem Chemie-Fan Joachim Wenning zu verdanken. Er bewahrte die zerbrochenen Teile des Gedenksteins auf. Damit blieb die Möglichkeit erhalten, das zerstörte Erinnerungszeichen wiederherzustellen. Weil auch für ihn Wegsehen keine Option ist!

Für uns von der Gruppe Gedenkmarsch Leipzig war klar: Dieser Stein durfte nicht einfach vergessen bleiben. Es ging nicht allein um ein Stück Stein, sondern um die Frage, wie eine Stadt, ein Stadtteil und ein Fußballverein mit ihrer Geschichte umgehen. Es ging um die Würde eines Menschen, der für seine Überzeugungen und seinen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur mit dem Leben bezahlt hatte.

Im Februar 2013 beschloss der Vorstand der BSG Chemie Leipzig die Wiederaufstellung. Henry Aulich, damals Geschäftsführer des Vereins, informierte mich über diese Entscheidung. Für mich war das ein wichtiger Schritt. Aus einem Anliegen, für das wir uns eingesetzt hatten, wurde eine konkrete Möglichkeit, gemeinsam etwas zu erreichen.

Am 14. April 2013 kehrte die Gedenktafel an ihren Platz im Leutzscher Sportpark zurück. Der Steinmetz Steffen Wegener aus Köhra hatte die erhaltenen Bruchstücke wieder zusammengefügt. Die Bruchkante blieb sichtbar. Sie sollte nicht kaschiert werden, denn auch die Zerstörung und das Verschwinden der Tafel gehörten zur Geschichte, an die erinnert werden musste.

Dieser Moment war für mich mehr als die Wiederaufstellung eines Gedenksteins. Er zeigte, dass Erinnerung möglich bleibt, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und bereit sind, gemeinsam zu handeln.

Henry Aulich und die Verantwortung eines Fußballvereins

Henry Aulich war von 2011 an zunächst Mitglied des Aufsichtsrats der BSG Chemie Leipzig und gehörte von 2012 bis 2015 dem Vereinsvorstand an. Als Geschäftsführer war er mit den praktischen und organisatorischen Herausforderungen eines Vereins vertraut, dessen Geschichte weit über den Fußball hinausreicht.

Die BSG Chemie ist Teil der Geschichte Leutzschs. Zu dieser Geschichte gehören sportliche Erfolge und Niederlagen, die Menschen im Stadtteil, die Generationen von Fans – aber eben auch die politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die diesen Ort geprägt haben.

Die Wiederaufstellung der Gedenktafel war deshalb keine Nebensache. Sie war ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand ihren Platz in der Gegenwart behalten muss. Ein Fußballstadion ist nicht nur ein Ort für neunzig Minuten. Es ist auch ein Ort der Begegnung, der Identifikation und der Weitergabe von Geschichte.

Henry hat dazu beigetragen, dass die Wiederaufstellung nicht an organisatorischen Hürden scheiterte. Sein Anteil bestand nicht darin, alleiniger Initiator dieses Vorhabens zu sein. Der Anstoß kam von der Gruppe Gedenkmarsch Leipzig. Aber eine Initiative braucht Menschen, die sie aufnehmen, Entscheidungen ermöglichen und die Voraussetzungen für ihre Umsetzung schaffen. Henry gehörte in diesem Prozess zu unseren wichtigen Ansprechpartnern.

Dafür bin ich ihm dankbar.

Eine Zusammenarbeit, die von Vertrauen geprägt war

Ebenso wichtig war die Zusammenarbeit mit Dr. Harald Fuchs, dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der BSG Chemie Leipzig. Harald Fuchs ist bereits vor einigen Jahren verstorben. Auch an ihn denke ich in diesen Tagen mit Dankbarkeit.

Mit ihm verband uns die Überzeugung, dass die Geschichte von Georg Schwarz nicht aus dem Bewusstsein verschwinden durfte. Fuchs machte öffentlich deutlich, dass die Entfernung der Gedenktafel ein bitteres Kapitel der Vereinsgeschichte gewesen war und ihre Rückkehr auch eine grundsätzliche Frage für den Verein darstellte.

Die gemeinsame Erklärung, die Harald Fuchs und ich im Zusammenhang mit der Wiederaufstellung abgaben, brachte unser Anliegen auf den Punkt: Wir wollten das Andenken an Georg Schwarz und seine Mitkämpfer in Ehren halten und die Erinnerung durch Projekte der Gruppe Gedenkmarsch und des Fanprojekts Outlaw auch an jüngere Generationen weitergeben.

Diese Zusammenarbeit war für mich ein Beispiel dafür, was möglich wird, wenn Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen ein gemeinsames Ziel verfolgen. Es brauchte die Initiative aus der Erinnerungsarbeit, die Bereitschaft des Vereins, sich seiner Geschichte zu stellen, und Menschen, die diese Verbindung mit Leben füllten.

Henry Aulich und Harald Fuchs hatten unterschiedliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Doch bei diesem Vorhaben begegneten wir uns in einer gemeinsamen Sache. Dass die Gedenktafel 2013 wieder an ihren Platz zurückkehren konnte, war das Ergebnis dieses Zusammenwirkens.

Ich werde beide auch mit diesem Kapitel Leipziger Erinnerungsgeschichte verbinden.

Erinnerung ist keine abgeschlossene Aufgabe

Die Arbeit an der Gedenktafel stand für ein Anliegen, das uns als Gruppe Gedenkmarsch Leipzig immer wichtig war: Geschichte nicht nur in Büchern und Archiven aufzubewahren, sondern sie an den Orten sichtbar zu machen, an denen Menschen leben, arbeiten, Sport treiben und einander begegnen.

Dabei war und ist die Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Leipzig ein wichtiger Teil dieser Erinnerungsarbeit. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an jene, die Widerstand leisteten, verlangt Kontinuität. Es braucht Menschen und Initiativen, die historische Zusammenhänge vermitteln, Erinnerungsorte bewahren und verhindern, dass die Erfahrungen der Vergangenheit zu bloßen Namen auf Tafeln werden.

Georg Schwarz war ein solcher Name – und zugleich ein Mensch mit einer Biografie, mit politischen Überzeugungen, mit Verantwortung für andere und mit dem Mut, sich einem verbrecherischen Regime entgegenzustellen. Ihn zu erinnern heißt auch, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Widerstand notwendig wurde, und die Bedeutung demokratischer Verantwortung in unserer eigenen Zeit ernst zu nehmen.

Die sichtbare Bruchkante der wiederhergestellten Gedenktafel ist dafür ein sprechendes Bild. Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen. Zerstörung lässt sich nicht einfach ausradieren. Aber Menschen können sich entscheiden, das Verlorene nicht aufzugeben und beschädigte Verbindungen wiederherzustellen.

Ein Abschied und ein Dank

Mit Henry Aulich ist ein Mensch gestorben, mit dem ich ein wichtiges Stück gemeinsamer Arbeit verbinde. Ich will ihn nicht auf ein einzelnes Amt reduzieren und auch nicht so tun, als ließe sich ein ganzes Leben in wenigen Absätzen abschließend beurteilen. Ein Mensch ist immer mehr als das, was andere über ihn schreiben können.

Mir bleibt die Erinnerung an unsere Zusammenarbeit bei der Rückkehr der Gedenktafel für Georg Schwarz. Sie steht für einen Moment, in dem aus einem gemeinsamen Anliegen konkrete Wirklichkeit wurde. Henry hat seinen Teil dazu beigetragen. Dafür gebührt ihm Anerkennung.

Ich denke dabei auch an Harald Fuchs, mit dem wir dieses Vorhaben gemeinsam getragen haben, und an all jene, die den Gedenkstein bewahrten, wiederherstellten und seine Rückkehr ermöglichten. Erinnerung ist selten das Werk eines Einzelnen. Sie entsteht, wenn Menschen Verantwortung füreinander und für die Geschichte übernehmen.

Henry Aulich ist viel zu früh gestorben. Seinen Angehörigen wünsche ich Kraft und Menschen an ihrer Seite, die sie in ihrer Trauer begleiten.

Ich werde Henry in dankbarer Erinnerung behalten – auch wegen dessen, was wir gemeinsam für die Erinnerung an Georg Schwarz erreichen konnten.

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