Travnik, eine Stadt im Herzen Bosniens und Herzegowinas, ist mit Leipzig freundschaftlich verbunden. Der vorliegende Text entstand nach den Kommunalwahlen, entwickelt sich jedoch von lokalen Beobachtungen zu einer Reflexion über Demokratie, politische Macht und gesellschaftliche Entwicklungen in der heutigen Welt.
Die Wahlen sind vorbei. Auch bei uns in Travnik. Und nun haben wir wieder das, was wir haben.
Es gibt ein altes Lied über Travnik. Vor den Wahlen habe ich es für mich umgedichtet:
Zwei Berge stehen über der Stadt Travnik,
Vilenica auf der einen, Bukovica auf der anderen Seite.
Da fragt Vilenica die Bukovica:
Warum liegt Travnik heute im Nebel?
Brennt die Stadt, oder wird sie von einer Seuche heimgesucht?
Weder brennt sie, noch rafft sie eine Seuche dahin,
antwortet Bukovica der Vilenica.
Die Zeit ist gekommen, die Wahlen sind da,
und Wahlen sind manchmal schlimmer als die Pest.
Und nun plagt uns die alte Frage:
Sind die Besseren gekommen oder die Schlechteren?
Es sind dieselben gekommen.
Und?
Alles bleibt gleich.
Nur ein wenig schlimmer.
Wie und warum?
Weil es innerhalb der politischen Ordnung, die aus dem Dayton-Friedensabkommen hervorgegangen ist, kaum anders möglich ist. Aber auch deshalb, weil die politische, wirtschaftliche und kulturelle Lage der Welt heute so ist, wie sie ist.
Und vielleicht auch deshalb, weil wir selbst so sind, wie wir sind.
Weder Europa noch die Welt befinden sich in einem besseren Zustand.
Bei uns dreht sich weiterhin alles um Bosniaken, Kroaten und Serben.
Wir „Anderen“ kommen kaum vor.
Alles bleibt beim Alten.
Die Serben träumen von einem Großserbien, die Kroaten von Herceg-Bosna, und den Bosniaken bieten manche etwas an, was sie für sich selbst niemals akzeptieren würden.
Und dann wundern sie sich darüber, dass dies abgelehnt wird.
Warum?
Schauen wir auf die Palästinenser.
Schauen wir darauf, wie auch heute Grenzen verschoben, Gebiete angeeignet und Macht zum Recht erklärt wird, während das Recht selbst zum Hindernis wird.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es, Grenzen dürften nicht mehr mit Gewalt verändert werden.
Man hat vieles gesagt.
Wir haben gesehen, was mit Jugoslawien geschah.
Wir haben gesehen, was mit Bosnien und Herzegowina geschah.
Wir sehen, was heute in Gaza geschieht.
Und die Welt?
Sie schaut zu.
Wie gewöhnlich.
Die Europäische Union beschäftigt sich mit sich selbst.
Die Großen mit ihren Interessen.
Die Kleinen mit ihren Ängsten.
Und so dreht sich alles im Kreis.
Währenddessen wächst etwas heran.
Oder vielleicht ist es gar nichts Neues.
Vielleicht hat es nur endlich seine Maske abgelegt.
Ich nenne es neoliberalen Kriminalismus.
Was ist das?
Es ist der Moment, in dem Politik und Kriminalität so eng miteinander verschmelzen, dass man kaum noch sagen kann, wo das eine endet und das andere beginnt.
Geld bestimmt die Wahrheit.
Macht bestimmt die Gerechtigkeit.
Stärke bestimmt das Gesetz.
Früher wurden solche Dinge wenigstens verborgen.
Heute sehen wir ihnen live zu.
Staaten werden bedroht.
Ressourcen angeeignet.
Völker unter Druck gesetzt.
Kriege geführt.
Von der Ukraine und Russland über Palästina bis hin zu zahlreichen Konflikten in Afrika.
Und all das geschieht vor unseren Augen.
Wie kann verhindert werden, dass dieser Wahnsinn weiter eskaliert?
Wie kann ein demokratischer Neustart gelingen?
Hier beginnt die Antwort.
Diktatoren, neoliberale Kriminalisten, Oligarchen, Scheinpolitiker, Populisten und ähnliche Gestalten sollte man behandeln wie Windeln.
Man muss sie wechseln.
Und zwar aus demselben Grund.
Sie riechen schon seit Langem unerträglich, und ihr Geruch breitet sich gemeinsam mit den Klimaveränderungen immer weiter aus.
Wie?
Auf dieselbe Weise, auf die sie an die Macht gekommen sind.
Demokratisch.
An die Macht zu gelangen war leicht.
Sie wieder von der Macht zu entfernen wird deutlich schwerer sein.
Aber man muss es versuchen.
Diejenigen in Serbien versuchen es zumindest.
Und schon der Versuch ist etwas.
Man muss nach Wegen suchen, nach demokratischen Lösungen.
Jeder andere Weg hat historisch immer wieder gezeigt, wohin er führt:
in Hoffnungslosigkeit und Chaos.
Und beidem kommen wir gefährlich nahe.
***
Der Begriff „Ostali“ („Andere“) bezeichnet im Verfassungssystem von Bosnien und Herzegowina alle Bürgerinnen und Bürger, die keiner der drei konstitutiven Völker (Bosniaken, Kroaten und Serben) angehören. Diese Bevölkerungsgruppe nimmt im politischen System des Landes eine besondere verfassungsrechtliche Stellung ein.
In Bosnien und Herzegowina sind derzeit 18 nationale Minderheiten anerkannt, von denen die Roma die größte Bevölkerungsgruppe bilden.
Branko Filipović ist Dichter und Essayist aus Travnik. „Der Text entstand nach den Kommunalwahlen in Bosnien und Herzegowina, geht jedoch über lokale politische Ereignisse hinaus und befasst sich mit Fragen der Demokratie, politischer Macht, Identität und gesellschaftlicher Entwicklungen in der heutigen Welt“, sagt er zu seinem Text.
„Er ist aus der Perspektive eines Bürgers einer kleinen bosnisch-herzegowinischen Stadt geschrieben, behandelt jedoch Themen von allgemeiner Bedeutung.“ Seit 2003 ist Travnik Partnerstadt von Leipzig.
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