Es geht ja in Deutschland ganz ähnlich zu wie in den Nachbarländern: Überall mischen rechtsextreme Parteien die Politik auf und werden zunehmend zur Gefahr für die Demokratie. Oder Politiker wie ein Donald Trump demolieren vor den Augen der Welt die amerikanische Demokratie und bedrohen gleich noch den widerspenstigen Nachbarn Kanada.
Wo bleibt der Widerstand? Das fragten sich die kanadische Journalistin und Kinderbuchautorin Andrée Poulin und die Illustratorin Sophie Casson. War da nicht eine Warnung von Martin Niemöller?
Diesem deutschen Pfarrer, der es wagte, sich dem Nazi-Furor entgegenzustellen und dafür von ihnen ins Konzentrationslager gebracht wurde? Und der glücklicherweise überlebte, um nach seiner Befreiung 1945 jenes eindringliche Gedicht zu schreiben, das auch heute noch Mahnung ist: „Habe ich geschwiegen“. Ein Appell an alle, die sich nicht trauen, dem Auftrumpfen der Rechtsextremisten etwas entgegenzusetzen.
Oder immer wieder glauben, es träfe ja nur die anderen – die Migranten, queeren Menschen, Linken, Links-Grünen, die Medien usw. Der Kanon der Menschen, die die Kaltschnauzen zu ihren Feinden erklären, ist ja beliebig erweiterbar. Erst holen sie die einen – und der Großvater in seiner Villa schweigt. Dann sind die nächsten dran.
Poulin und Casson haben Niemöllers Gedicht in eine beklemmende Bilderbuchgeschichte verwandelt. Verwandelt auch in eine nur auf den ersten Blick fremde Tierwelt mit dem Großen Hund, dem friedlich in seiner Villa am See lebenden Großvater, im Mittelpunkt, der nicht ahnt, dass die Kaltschnauzen gerade daran gehen, alles zu zerstören.
Denn nichts anderes haben sie im Sinn. Und sie wussten schon 1933, wie man das macht, ein Land zu übernehmen und dann systematisch daran zu gehen, eine Menschengruppe nach der anderen „auszuschalten“. Sie wissen es auch heute noch, auch wenn sie sich einen Schafspelz überziehen und so tun, als würden sie die armen Schafe emächtigen, große Dinge zu tun.
Die Sprache der Kaltschnauzen
Und sie gehen, wie schon Niemöller wusste, systematisch vor. Sodass die vertrauenden Schafe erst einmal davon ausgehen, dass sie ja bloß „aufräumen“. Es ist schon erstaunlich, wie schnell einem hier die Vokabeln aus Viktor Klemperers „LTI“ unterkommen. Denn die verhüllende Sprache ist auch ein Kennzeichen dessen, was die Kaltschnauzen tun, wie sie ihr Tun vernebeln und die vertrauensvollen Schafe einlullen, sodass sie glauben, das beträfe sie gar nicht. Erst sind die Kommunisten dran, dann die Gewerkschafter, dann die Juden …
In Poulins und Cassons Buch sind es die Rotfüchse, die Wölfe, die Kojoten, die Wüstenfüchse … Und der Großvater in seiner Villa wird immer ratloser. Aus dem Gefühl, es ginge ihn ja nichts an, es beträfe ja nur die Rotfüchse, wird nach und nach ein Gefühl der Beklemmung, je mehr andere Tiere die Kaltschnauzen abholen und in ihre Arbeitslager stecken, „Umerziehungslager“, wie so ein früher LTI-Begriff dafür lautete.
Auch wenn es in diesem Lager nur darum ging, die Menschen letztlich umzubringen. Es ist eine Grausamkeit, die sich nach und nach enthüllt. Nicht sofort. Das ist ja das Gefährliche daran.
Keine Angst!
Andrée Poulin warnt gleich zu Anfang: „Die Geschichte, die ich dir jetzt erzählen werde, könnte dich treffen wie eine Ohrfeige. Oder wie ein Faustschlag. Es könnte sein, dass du diese Geschichte zum Schreien findest. Oder zum Heuken.“
Aber Nicht-wahr-haben-Wollen ist nicht die Lösung. Im Gegenteil, stellt sie gleich vorher fest, bevor sie in das schöne Leben des Großvaters in seiner Villa einlädt: Manche Dinge muss man sich genau anschauen, auch wenn sie einem Angst machen. Oder gerade: Weil sie einem Angst machen. Und weil Angstmachen zur Methode der Kaltschnauzen gehört.
Sie drohen. Erst leise und versteckt und heimlich. Und mit jedem Erfolg etwas lauter und siegesgewisser. Denn wenn sie gewonnen haben, gibt es nichts mehr zu lachen. Sie wissen, wie man die Grenzen des Sagbaren verschiebt und die Angst in die Köpfe sickern lässt. Ganz langsam. Nach und nach. Und wie man die Schafe zu folgsamen Lämmern macht, weil man ihnen Dinge verspricht, die am Ende niemand hält.
Der kleine Unterschied zu Deutschland: Die Kanadier wehren sich. Und zeigen dem Großkotz aus dem Nachbarland, dass sie sich nicht erpressen und einschüchtern lassen. Dass das finstere Knurren sie nicht beeindruckt, auch wenn es so bedrohlich klingt.
Die Hoffnung am Ende
Das hätte der Großkotz wohl gern. Doch sie haben begriffen, dass Gleichgültigkeit nicht weiterhilft. Dass man solchen Typen nur die Stirn bieten kann. Und zwar alle zusammen. So, wie es Poulin und Casson am Ende als Hoffnung zeigen. Die auch eine Hoffnung der Schwachen und Friedfertigen ist, zu denen nun einmal die meisten von uns gehören. „Hoffnung liegt in dem, was du sagst. In dem, was du tust gegen die Ungerechtigkeit.“
Es ist ein Kinderbuch, bei dem nicht nur die Kleinen stark sein müssen und immer wieder erschrocken sein dürften. Denn was Casson gezeichnet hat, zeigt ja, wie die Gleichgültigkeit das Schreckliche erst geschehen lässt. Und Tatenlosigkeit am Ende zu Hoffnungslosigkeit wird. Und dass man wohl früh lernen muss, den Mund aufzumachen und Gleichgesinnte zu suchen, damit man den Kaltschnauzen nicht allein gegenübersteht.
Genau davon lebt nicht nur eine friedliche Gesellschaft, sondern auch die Demokratie. Die ja gerade deshalb entstand, weil sie auch den Schwachen und Friedfertigen Schutz und Stimme gibt. Und die Kaltschnäuzigen eigentlich einhegt und daran hindert, die ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen.
Wir sind nicht allein
Das sollte man eigentlich früh genug lernen. Es ist schwer genug. Aber Niemöller wusste, dass es sonst gar nicht passiert, wenn nicht einer anfängt, seine Gleichgültigkeit zu überwinden. Und noch einer und noch eine. 2024 erschien das Buch erstmals in Montréal.
Klaus Cäsar Zeher hat es jetzt ins Deutsche übersetzt. Vielleicht noch rechtzeitig, um auch den Kleinen hierzulande zu zeigen, dass man den Kaltschnauzen nicht die Meinungshoheit überlassen darf. Und dass man sich Freunde suchen muss, um sich gegen die Selbstverständlichkeit von Bosheit und Verachtung zu wehren.
Denn auch davon zehren die Kaltschnauzen: dass die Schwachen immer denken, sie wären allein und könnten sich nicht wehren. Doch sie sind nicht allein. Das gehört dazu, dass man das lernt. Und den Kaltschnauzen gemeinsam zeigt, dass man sich nicht einschüchtern lässt. Dass wir keine Schafe sind, die sich brav fressen lassen.
Und die kleine Botschaft in der Großvater-Geschichte zielt ja auch auf die, die reich und wohlversorgt sind und glauben, das Leid der Schwachen ginge sie gar nichts an. Diese Großväter in ihren Villen, die die Vorhänge zuziehen, wenn die Anderen abgeholt werden.
Da dürfen auch die Vorleser des Buchs ins Grübeln kommen. Und damit ist der Anfang getan. Jener kleine Schritt, der am Ende zur Frage führt: Was kann einer tun? Und wo findet er die, mit denen er es tun kann? Bevor das Geschwätz der Kaltschnauzen alles übertönt.
Andrée Poulin, Sophie Casson „Noch mal sehen wir nicht weg!“ Episoden um die Leipziger »Bimmel« Übersetzung Klaus Cäsar Zehrer, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 16 Euro.
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