Es ist ein bisschen peinlich, wenn man sich aus einer lustigen Runde verdrücken muss, weil einen ein Bedürfnis plagt, gar ein ganz großes. Da hat nicht jeder den Mumm, vor versammelter Runde zu sagen, was er vorhat. Also haben sich allerlei fantasievolle Ins-Bad-Geher über die Zeit diverse blumige Redewendungen ausgedacht, die den Abgang und sein Ziel irgendwie beschreiben, aber die Phantasie in eine völlig andere Richtung lenken. So wie die Sache mit dem Thron. Und als Kind weiß man ja noch, wie erhaben sich das anfühlt, wenn man auf dem Thron sitzt.
Und natürlich wendet sich auch dieses humorvolle Bilderbuch zuerst an Kinder. Und zwar nicht nur mit einigen dieser blumigen Umschreibungen, sondern auch mit ihrer Verwandlung in Bilder durch den Illustrator Fréderic Bertrand, bei denen die Fantasie dann erst recht ihr Futter bekommt.
Wobei so nebenbei auch etwas thematisiert wird, was mit dieser Ablenkung vom eigentlichen Thema ja angetippt wird: Wie betriebsam es in unserem Kopf zugeht, wenn wir anfangen, die Dinge eben nicht bei ihrem Namen zu nennen. In diesem Fall, weil es vielleicht ein wenig anrüchig ist. In unserem Kopf entstehen ja andauernd Bilder. Und manche sind sehr stark und etwas geruchsintensiv.
Also ist in diesem Buch nur ganz am Rande von Pipi und Kacka die Rede und auch nur einmal vom Donnerbalken (schade) und gar nicht von dem geheimen Örtchen (auch schade), dafür vom Ruf des Dschungels, Rohrpost, Wasserfall und Fliesenzählen, reguliertem Wasserdruck, Bobbahn und einer Stadt, die wahrscheinlich gar nichts dafür kann, dass sie Darmstadt heißt.
Die Darmstädter wissen ja selbst nicht so richtig, warum ihre Stadt so heißt, wie sie heißt.
Mit dem Darm selbst hat der Name wohl eher nichts zu tun. Aber man ahnt schon: Wenn die Fantasie erst einmal galoppiert, kann es heiter werden. Was stellt man sich vor, wenn jemand ankündigt, ein Ei legen zu wollen? Ballast abzuwerfen oder Fliesen zu zählen?
Da muss es auch Franziska Gehm mit sich gerissen haben, denn beim Umblättern werden die wilden Umschreibungen des Örtchens immer wilder, rast der Bär und das arme Darmstadt muss wieder herhalten. Während zur Getränkerückgabe und einem sich abseilenden Ninja schon ein bisschen Vorstellungskraft gehört.
Futter für die Phantasie
Aber wenn man erst einmal auf dem Weg ist … Und die Kinder werden es bestätigen, wenn man sie mit dieser etwas bildhaften Materie zunächst auf Gedanken gebracht hat. Denn unsere Fantasie braucht manchmal einen Zünder, ein Stichwort, ein kleines Startsignal, und los geht es. Und Eltern sollten sich künftig nicht mehr wundern, wenn ihre Rangen immer neue Formeln erfinden, mit denen sich sich ins Bad verabschieden. Und das ist gut so.
Denn genau das zeigt, dass unsere Sprache voller Überraschungen ist, voller Bilder sowieso. Niemand muss sich so dröge ausdrücken wie ein Bürokrat. Alles steht uns zur Verfügung, mit immer neuen Ideen und Geschichten aufgeladen zu werden.
Und auch den Eltern wird so einiges einfallen, was ihnen in ihrem Leben schon alles begegnet ist, wenn es um das kleine Geschäftemachen ging, das Abschwirren in ein anderes Universum, die wohlige Erleichterung im Kämmerlein. Nicht zu vergessen all die historischen Varianten von Halbe-Treppe-runter bis zum Kabäuschen im Hof mit dem Herz in der Tür
. Oder dem windigen Erker, den die Ritter auf der Burg aufsuchten, wenn es drückte und drängte. Da gibt’s Geschichten. Und irgendwie erinnert das Büchlein eben auch daran, dass solche windigen Geschichten dereinst auch ganz gewöhnlicher Plapper-und-Plauder-Stoff bei Knaben und Mädchen war, damals, als alle noch wussten, dass nichts zu witzig ist wie der Umgang der Leute mit ihren duftenden Hinterlassenschaften.
Franziska Gehm, Fréderic Bertrand „Heute schon den Thron bestiegen?“ Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 12 Euro.
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