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Wer eine Familiengeschichte wie der Philosoph Jason Stanley hat, der kann seine Augen einfach nicht verschließen, wenn sein Land gerade in faschistisches Fahrwasser gerät. Heute lehrt Stanley an der Universität Toronto in Kanada. 2025 verließ er die USA, wo er an der hoch angesehenen Yale University lehrte. Den Wechsel begründete er unter anderem damit, dass er seine Kinder nicht in einem Land aufziehen wolle, „das auf eine faschistische Diktatur zusteuert“. Und das wurde ihm nicht erst in Trumps zweiter Amtszeit klar. Darüber schrieb er auch schon in dessen erster Amtszeit. Dieses Buch hier nämlich.
„How Fascism Works: The Politics of Us and Them“ erschien 2018, 2024 gab es dann die deutsche Übersetzung im Hardcover, jetzt das Taschenbuch für alle, die sich nicht einlullen lassen wollen von der zunehmenden Selbstverständlichkeit faschistischen Sprechens und Denkens, die auch in Deutschland wieder um sich greift. Als hätten wir gar nichts draus gelernt.
Aber Jason Stanleymacht etwas, was bei den üblichen Beschreibungen von Faschismus eher selten passiert: Er zeigt, wie faschistisches Denken mitten in einer funktionierenden Demokratie auftaucht, wie es teilweise sogar zum finsteren Erbe der großen Demokratien gehört und wie es langsam einsickert in die ganze Gesellschaft, immer mehr Raum greift und das Denken in faschistischen Kategorien am Ende so selbstverständlich macht, dass die Bürger nicht einmal mehr merken, wie sie nach und nach in eine faschistische Diktatur rutschten.https://vg06.met.vgwort.de/na/0d0f56b97ecc47f48ebbf3d6ce084d4d
Besessen vom Niedergang
Die Diktatur steht am Ende. Dann, wenn die Menschen es für selbstverständlich halten, dass eine autoritäre Partei ihre Rechte und Freiheiten beschneidet oder gleich ganz kassiert. Mit Begründungen aus dem Schatzkästchen der Menschenfeindlichkeit, die anfangs noch irgendwie „logisch“ klingen. Nicht zu vergessen die installierte Angst und das systematisch verbreitete Bild vom permanenten Niedergang.
Alles nichts Neues. Doch Stanley zeigt auch, wie solche Mechanismen in Ländern wirken, die wir nicht als faschistisch bezeichnen würden, wo autoritäre Parteien aber genau mit diesem Repertoire agieren und demokratische Grundfreiheiten systematisch demontieren – beispielhaft in der Türkei, in Indien, Myanmar und in jüngerer Vergangenheit auch in Polen und Ungarn zu besichtigen.
Und dabei kommen immer wieder dieselben Rezepte zum Einsatz, die Jason Stanley schon in der ersten Amtszeit von Donald Trump in seinem eigenen Heimatland beobachten konnte – von den Beschwörungen einer mythischen Vergangenheit, in der mutmaßlich alles besser war („Make America great again“) über die völlig enthemmte Propaganda, die den politischen Gegner geradezu zum Erzfeind erklärt, bis zur umfassenden Herabwürdigung ganzer Bevölkerungsgruppen, denen geheime Machenschaften unterstellt werden. Weshalb der Antisemitismus seit über 100 Jahren zur Grundkonstante faschistischen Denkens gehört.
Manchmal verbrämt in wildem Geraune von geheimnisvollen Eliten, die scheinbar finstere Pläne haben, das ganze Volk auszutauschen. In den heutige Vokabeln vom „Großen Austausch“ genauso zu finden wie schon in den gefakten „Protokollen der Weisen von Zion“, die seit 1903 zum Repertoire faschistischen Geraunes gehören.
Ausgrenzen und Kriminalisieren
Das Ausgrenzen, das verbale Separieren von denen, die nach Ansicht der Sprecher nicht zu „uns“ gehören, betrifft nicht nur die Juden, sondern mittlerweile ganze Gruppen von Menschen, die aus Sicht der faschistischen Vordenker den imaginierten „Volkskörper“ verunreinigen. Und genau diese Kapitel machen sichtbar, wie sehr diese Denkweise von „wir“ und „denen“ auch längst Teile der scheinbar gewöhnlichen demokratischen Politik sind, wo sich Hardliner konservativer Parteien regelrecht abarbeiten an der Definition von Menschen, die nicht dazugehören und dringend „abgeschoben“ werden müssen. Oder massiv kriminalisiert, wie das in den USA mit der schwarzen Bevölkerung bis heute geschieht.
Was Stanley natürlich dazu bringt, die gesamte Geschichte der Vereinigten Staaten zu durchleuchten und zu zeigen, wie das alte Denken über Sklaverei und Rassismus nie wirklich verschwunden ist und in immer neuen Wellen der Awertung in die amerikanische Politik zurückkehrt. Meist nicht einmal wahrgenommen von den Politikern, die die Verschärfung im Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe vorantreiben und glauben, das habe ja doch alles mit einer „genetischen Veranlagung“ zu tun, die schwarze Menschen (und Mexikaner, Araber, Somalier …) per se krimineller macht als weiße.
Wobei Stanley auch den Hinweis nicht unterschlägt, dass genau diese Denkweise auch mit Ängsten um Statusverlust zu tun hat. Und man bekommt gezeigt, warum ein Donald Trump ausgerechnet die 1930er Jahre in den USA als große Zeit betrachtet, jene Zeit, in der Amerika seiner Ansicht nach, noch groß war.
Denn es war eine Zeit, in der faschistische Bewegungen auch in dern USA enormen Zuspruch erhielten, eng verkoppelt mit dem alten Rassismus. Und einige der Hitlerschen Rassegesetze haben genau hier ihren Ursprung und ihr Vorbild.
Finstere Mächte überall
Aber Stanley zeigt auch, wie Verschwörungstheorien in diesem faschistischen und postfaschistischen Kosmos funktionieren, wie die Penetration der Gesellschaft mit diesen erfundenen Geschichten, die über finstere Kräfte, die im Geheimen wirken, orakeln, nach und nach die Atmosphäre vergiften, und immer mehr Menschen dazu bringen, dem Geraune Glauben zu schenken. Denn natürlich geht es in der Politik immer auch um Psychologie. Und der Mensch ist verdammt leicht zu beeinflussen.
Die Story kann noch so blöde und noch so verlogen sein – wenn sie nur immer wieder erzählt wird, wird sie Teil des Denkens der Menschen. Und gerade Menschen, die sowieso schon das Gefühl haben, dass ihnen permanent Unrecht getan wird, sind nur zu leicht verführbar, diesen Mythen Glauben zu schenken.
Denn faschistische Bewegungen holen ihre Anhänger auch bei etwas ab, das in unserer modernen Gesellschaft nur zu gern ignoriert wird: der Tatsache, dass Millionen Menschen tatsächlich benachteiligt sind und auch tatsächlich erleben, wie die scheinbar stabilen Grundlagen ihres Lebens zertrümmert werden – Arbeitsplätze vernichtet werden, ganze Industrien verschwinden, die Gemeinden verarmen und ganze Landstriche abgehängt werden.
Genau in diesen „Rust Belts“ hat ja Donald Trump seine Wähler gefunden. Und ihnen mit „Make America great again“ eine Möhre vor die Nase gehalten. Obwohl er niemals vorhatte, das Leben dieser Menschen zu verbessern.
Der Sündenbock ist schuld
Faschismus gewinnt seine Kraft genau aus dieser (wachsenden) Kluft zwischen arm und reich. Und wenn dann Politiker auch gleich noch einen Sündenbock liefern, der scheinbar schuld ist am Dilemma der abstürzenden Industriearbeiter, dann bekommt auch die praktizierte Gewalt ein Ziel und eine scheinbare Berechtigung. Und da braucht man nicht nur in die USA zu schauen.
Mit solchen Unterstellungen operieren auch deutsche Politiker – und zwar nicht nur die von der AfD, für die das Thema „Migration“ geradezu Kern ihrer Argumentation ist. Und ihre Behauptungen, dass Minderheiten mehr oder weniger schuld daran sind, dass das Land augenscheinlich vor die Hunde geht, treffen auf einen Resonanzboden, den Historiker eigentlich auch schon seit 100 Jahren kennen. Denn, so Jason Stanley: „Faschistische Politik speist sich aus dem Gefühl des Gekränktseins, verursacht durch den Verlust des hierarchischen Status. – Aus diesem Grund sind im Niedergang befindliche Imperien besonders anfällig für faschistische Politik, liegt es doch bereits in ihrer Natur, eine Hierarchie zu schaffen. Großreiche legitimieren ihre kolonialen Unternehmungen durch einen Mythos der eigenen Ausnahmestellung.“
Und faschistische Bewegungen docken an diesem Gefühl „nationaler Demütigung“ an. Da muss Stanley gar nicht erst Großbritannien und den Brexit nennen. Diese Demütigung erleben auch die USA, Frankreich und Deutschland, deren glorreiche Rollen als „führende Nationen“ mit der wachsenden Konkurrenz im fernen Osten und im Süden dahinschmelzen.
Feindbild faule Säcke
Auf einmal entsteht Stress. Auf allen Ebenen. Und die Politiker der konservativen Parteien fangen auf einmal an, über fehlende Leistungsbereitschaft zu klagen. Die faulen Säcke da unten sind schuld, wenn das Land nicht mehr mithalten kann. Lassen sich immer nur krankschreiben und verweigern Leistung.
Dass diese Politiker nicht gerade auffallen durch eine rationale Analyse de Wirklichkeit – geschenkt. Dieses Denken in Leistungs-Kategorien gehört zu ihrem Erbe. Und es ist – wie Jason Stanley feststellt – nun leider ein faschistisches Erbe. Denn mit solchen Argumenten werden Gewerkschaften und soziale Sicherungsysteme bekämpft. Das Denke dahinter: „Die Antwort findet sich im Sozialdarwinismus, der ihrer Ideologie zugrunde liegt. – Daher rührt nämlich die Vorstellung, dass das Leben im Grunde ein Kampf um Macht sei und dass die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen dem ungehinderten Wettbewerb des freien Marktes überlassen werden sollte. Faschistische Bewegungen verherrlichen die Ideale harter Arbeit, des privaten Unternehmertums und der Selbstgenügsamnkerit.“
Jede Art gesellschaftlicher Solidarität ist diesen Vor-Denkern ein Graus. Und noch etwas kommt hinzu, was fast immer unterschätzt wird: die Verachtung der faschistischen Ideologie für Intellektuelle, Wissenschaft und Rationalität. Weshalb ein Trump in seiner zweiten Amzsteit auch systematisch die Medien und die amerikanischen Universitäten angreift. Weil aber eine rabiate Entfesselung des so genannten „freien Marktes“ massenweise Artbeitsplätze vernichtet (und zwar Millionen einst hochqualifizieter Industrie-Arbeitsplätze), wird den so aus dem Rennen geworfenen Arbeitern nun mit neoliberaler Phrase eingeredet, sie müssten sich nur genug anstrengen und noch mehr leisten, um nur wieder Erfolg zu haben. Möhren für alle, könnte man sagen.
Ergebnis: Das um sich greifende Gefühl einer permanenten Beschämung. Motto: selber schuld.
Leistungsethos und Rassismus
Weil das aber keine Wählerstimmen bringt, zeigen die verpeilten Politiker auf die noch Schwächeren: Schwarze, Flüchtlinge, Bürgergeldempfänger. „Die sind schuld.“ Das verlogene (faschistische) Leistungsethos verbündet sich mit Rassismus und Homophobie.
Auch das ist nichts Neues, stellt Jason Stanley fest, der auch immer wieder auf ein seinerzeit erfolgreiches Buch seiner Großmutter Ilse Stanley verweist, die 1957 ihre Memoiren veröffentlichte. Sie vertritt ein völlig anderes Ethos, nämlich in finsteren Zeiten den Schwächeren zu helfen und ihnen – wie zwischen 1936 und 1939 – die Flucht aus dem KZ zu ermöglichen oder noch vor dem Weltkrieg aus Deutschland fliehen zu können.
Und man ahnt, warum Faschisten Solidarität und Empathie so verachten: Es sind Werte, die ihrem Sozialdarwinismus rigiros entgegen stehen. Faschismus teilt – selbst schon im Vorfeld, wen nes scheinbar nur rücksichtslose neoliberale Politik ist, – die Welt in ein mythisches „Wir“ und ein plakatives „die“, reißt die Gesellschat mitten entzwei und erzeugt simplifizierte Bilder der Welt, die immer mehr Menschen anfällig machen für die Stereotype faschistischen Denkens. Oder mit Stanleys Worten: „Die faschistische Politik übt eine besondere Anziehungskraft aus. Sie simplifiziert die menschliche Existenz, indem sie uns ein Objekt, ein ‚Sie‘ bietet, dessen vermeintliche Faulheit unsere eigene Tugend und Disziplin herausstellt, sie verleitet uns zur Identifikation mit einem starken Anführer, der uns die Welt erklärt, und dessen Schonungslosigkeit gegen die ‚Unwürdigen‘ erfrischend wirkt.“
Die Rolle der Ungleichheit
Und ganz am Ende setzt er noch eine Pointe, die zeigt, wie abwertende Politik dem Faschismus ganz selbstverständlich den Boden bereitet: „Ungleicheit schafft Bedingungen, die der faschistischen Demagogie überaus förderlich sind. Zu glauben, dass liberal-demokratische Normen unter solchen Bedingungen gedeihen können, ist ein Hirngespinst.“
Man darf sich durchaus ins Jahr 2026 versetzt fühlen, auch wenn das Buch schon 2018 entstand. Das Werk ist – wie Rahel Jaeggi im Vorwort zur deutschen Übersetzung schreibt – „eine Handreichung zur Früherkennung“ faschistischer Taktiken. „Der Moment des Erscheinens der deutschen Übersetzung könnte deshalb nicht besser gewählt sein“, schrieb sie 2024. Nur: Was nutzt das, wenn verantwortliche Politiker solche Bücher nicht lesen? Und dann fleißig Parolen raushauen, die ziemlich eindeutig schon ins Vokabular des Faschismus gehören? Ob beabsichtigt oder aus lauter Dummdudelei, ist dann völlig egal.
Jason Stanley „Wie Faschismus funktioniert“, Westend-Verlag, Neu-Isenburg 2026, 14 Euro
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