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LZ-Leser Gerd Stefan wollte es tatsächlich wissen. In seinem Leserkommentar zur Rezension von Ilko-Sascha Kowalczuks neuem Buch „Faschismus ist keine Meinung“ schrieb er: „Die Definition von Faschismus, die mit der Überschrift dem Buche zugrunde liegt, würde mich auch mal interessieren, zumal der Autor ja, so scheint es, eine politischen Rundumschlag bewerkstelligen wollte. Also ist seine Base zum Thema Faschismus nun klar oder schwurbelt er nur rum ? Ich habe das Buch ja nicht gelesen, wenn es aber keine Definition des Faschismus enthält, dann kann man es auch bleiben lassen.“
Schade. Vielleicht holt er es ja noch nach. Die Bücher von Ilko-Sascha Kowalczuk regen zum Nachdenken an. Auch darüber, was in unserer Gesellschaft gerade ins Rutschen kommt. Was auch mit falschen – oder eben fehlenden – Vorstellungen davon zu tun hat, was Faschismus eigentlich ist und was er in Europa schon alles angerichtet hat.
Kowalczuk geht in seinem Buch sehr ausführlich darauf ein, weil er – wohl zu Recht – davon ausgeht, dass viele Leute von der konkreten deutschen Geschichte keine Ahnung (mehr) haben. Und deshalb auch nur allzu leicht den falschen Versprechungen von Politikern folgen, die ihren Wählern wieder autoritäre Herrschaftsmodelle als Allheilmittel verkaufen.
Ist Faschismus dann also nur ein Label? Oder gar ein Trigger, mit dem manche Leute geärgert werden sollen?
Nein. Dahinter stecken ganz konkrete Herrschaftspraktiken.
Und das Schöne ist: Kowalczuk hat es für seine Leser in einem Kapitel in seinem Buch mit dem sprechenden Titel „Faschisten machen Faschistendinge“ ordentlich aufgedröselt.
Da können wir ihn also einfach zitieren:
„Faschismus ist keine Meinung! Aber was ist Faschismus? Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, weil Faschismus seit einhundert Jahren viele verschiedene Gesichter trägt. Der Nationalsozialismus war seine krasseste Ausformung. Faschismus strebt antidemokratische, extrem autoritäre, auf Führerfiguren orientierte Staatsstrukturen an, will die Gesellschaft homogenisieren und zu einer Gemeinschaft, zu einer Volksgemeinschaft formen, will ‚Volksfeinde‘ ausmerzen, jedwede Opposition unterdrücken, Rechtsstaatsprinzipien außer Kraft setzen, sieht im Krieg eine legitime Form, um seine Macht zu behaupten und auszubauen, wütet mit extremer Gewalt, lehnt die allgemeinen Menschenrechte ebenso ab wie Meinungspluralismus, ist nationalistisch, rassistisch, antiliberal, suggeriert, die Mehrheit des Volkes zu repräsentieren, setzt auf Gefühle statt auf Fakten, mobilisiert Massen und steuert diese im Sinn einer Massenbewegung.“
Und das ist nicht alles.
Denn auch die inszenierte Opferrolle gehört zu seinem Repertoire.
„Faschismus hat totalitäre Ansprüche und verbreitet bis zur vollständigen Ausübung seiner Herrschaft aggressiv die Haltung, er befinde sich gegen alle anderen in der Minderheit: ‚die‘ versus ‚uns‘. Faschismus setzt auf Ahnenkult, lehnt die Moderne radikal ab, obwohl er sich ihrer äußerst effizient bedient, ist in höchstem Maße irrational, verfolgt Abweichungen als Verrat, konstruiert Feinde, die von außen eindringen, appelliert an die Frustrierten und ihre niederen Instinkte, verbreitet Verschwörungstheorien.“
Die Definition geht noch weiter. Aber man ahnt an der Stelle schon, woher Begriffe wie „Remigration“, „Lügenpresse“ und „Kartellparteien“ kommen.
Kowalczuk: „Der Faschismus bedient sich einer eigenen radikalen Sprache und gibt sich zugleich populistisch. Faschismus ist extrem sexistisch und ein Feind jedweder nicht-binärer Geschlechteraufteilungen. Faschismus ist gegen Fakten gerichtet, ist wissenschaftsfeindlich, ist menschenfeindlich.“
Über eine fehlende Definition von Faschismus in Kowalczuks Buch kann man sich also nicht beklagen. Er ist Historiker. Er weiß, wovon er schreibt. Er hat gute Gründe, zu warnen. Da sollte man das Buch vielleicht doch lesen – von vorn bis hinten. Und wenn es einen triggert, könnte auch das Gründe haben.
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Es gibt 10 Kommentare
Nochmal kurz zum Buchtitel nachgedacht.
„Faschismus“ ist keine Meinung ist einerseits trivial, weil Faschismus mehr ist nämlich Aktion.
Es gibt die Versuchung, Meinungen als Aktionen (Handlungen) zu lesen, wenn sie geäußert werden. Das finde ich aber nur dann überzeugend, wenn es um Aufrufe geht wie „Tut x, tut nicht y“. Aussagen wie „Die Menschen sind abc“ (mit abc z.B. „ungleich“, dazu komme ich unten noch, nicht zuletzt weil – zu Recht oder Unrecht – Faschismus und „Ideologien der Ungleichheit“ immer ganz nah zusammen gerückt werden) oder „Gruppe X ist dies und jenes“ sind Meinungen oder Urteile. Sie (Meinungen, Urteile) können falsch sein, sie können unverantwortlich sein und verletzend, alles richtig.
Wenn ich nun in eine Versammlung der Antifa gehe und sage „ihr seid dumm wie Brot“ oder „damals hätten sie euch die Flausen ausgetrieben“ dann ist das natürlich nicht nur eine Meinung, besonders im ersten Falle (den zweiten Fall kann man zumindest so verstehen, was gewesen wäre, wenn sie damals derart agitiert hätten; oder, dass sie mit der „rechten“ Erziehung nicht so ein Weltbild bekommen hätten; das kann also retro-prognostisch gemeint sein, wobei mir schon scheint, dass da auch eine Zustimmung – „so wäre es gewesen und so wäre es richtig“ – drinsteckt) . Aber das liegt weniger an der Bedeutung der Sache sondern am Kontext und an der nahezu sicher intendierten impliziten Beleidigung bzw. Gutheißung.
Ist eine Beleidigung Faschismus? Ich denke sie kann von Faschisten kommen und deren Standpunkt offenbaren. Aber Beledigungen haben Faschisten weiß Gott nicht exklusiv.
Ist eine Meinung im Sinne von Urteil Faschismus? Das ist sie dann, wenn sie entsprechende radikale Aktionen fordert (sine qua non im Faschismus ist zelebrierte kollektive Gewaltaktivität). Wenn sie „nur“ urteilt kann sie freilich ein Kristallisationspunkt für Zustimmung, Kollektiv und Aktion sein, z.B. bei „Ausländer sind notorisch kriminell“.
Wahrscheinlich meint der Buchtitel aber, dass Faschismus d.h. dessen ideologische Bestandteile nicht einfach „nur“ (harmlose, interessante) Meinungen unter vielen sind, sondern dass sie hinter einer Grenze liegen jenseits deren es keine tolerierbare Ansichten mehr sind, weil sie boshaft, falsch, zerstörerisch usw. sind. So wird dann deutlich, dass diese zum Feld Faschismus zugehörigen bzw. dort anknüpfungsfähigen Ansichten bekämpft und hinter eine Grenze zurückgedrängt werden sollen. Dass man sie – Forderung an alle Mitbürger – nicht als bloße Meinungen behandeln und stehen lassen darf. Ich kann das verstehen und zum Teil gutheißen.
Aber die Grenzziehung ist, wie schon andere schrieben, undemokratisch und sie ist unbedingt heikel. Der Antifaschismus hat nicht umsonst einen Glaubenssatz „wehret den Anfängen“ und genau so läuft das auch als Verdachtshermeneutik. Wenn jemand bspw. meint und es in Medien oder auf social media verlautbart, dass Männer und Frauen nicht gleich seien, so wird durchaus versucht ihm da viel mehr hineinzudichten, es wird ein verletztes Tabu wieder aufzuspannen versucht, mitunter wird eine mediale Hexenjagd initiiert. Weil ja irgendwo die problematischen Meinungen, die „keine bloße Meinung mehr sind“ anfangen müssen und weil man glaubt, man befinde sich mit bestimmten Ansichten schon auf schiefer Ebene bzw. dass ein Gedanke den anderen nach sich zieht z.B. „wer sagt Männer und Frauen sind nicht gleich, der trifft auch ein Werturteil und dies geht üblicherweise zu Lasten der schwächeren Gruppe“; man beachte, dass diese Zuschreibung „schwächere Gruppe“ gleich das nächste Problem nach sich zieht, gleich wieder angegriffen wird selbst wenn die, die das äußern prinzipiell auf der gleichen Seite sind, weil nicht sein kann was nicht sein darf (dass Frauen in bestimmten Hinsichten „schwächer“ sind). Aber man ist hier noch immer nicht zu Ende. Die nächste Attacke, das nächste Malheur was angeblich auch gleich in die Ideologie der Ungleichheit – Bestandteil des Faschismus – einzahlt, ist, dass „schwächer in bestimmter Hinsicht“ angeblich ein moralisches Werturteil darstellt oder doch zuverlässig mit sich bringt. Das darf man also auch nicht sagen. Das Ganze Thema ist dann umso mehr delikat, wenn man sich die Verknüpfung zwischen Gedanke und Äußerung vergegenwärtigt: „Wenn du es nicht schaffst, deine Gedanken rein zu halten, dann halte wenigstens die Fresse“. Diese Verdachthermeneutik führt meine ich wirklich schnell in die Nähe der Meinungsinquisition. So jedenfalls mein Verdacht. Ich habe also auch solche Verdachtsimpulse, aber sie sind meine ich gegen die Eingrenzung gerichtet, wohingegen die Verdachtsimpulse der Leute die überall den Faschismus lauern sehen auf Eingrenzung (das bedeutet Ausgrenzung) und Stillstellen zielen.
Wer so denkt, wer Worte so seziert, der sieht natürlich überall nur noch Faschismus. Der kann viele Gedanken gar nicht mehr zulassen; bei sich selbst nicht (Selbstkontrolle), bei anderen erst Recht nicht. Und da spielt dann – glaube ich und ich mag da wie an anderer Stelle falschliegen – auch die Freude am Zensordasein eine Rolle, die sicher von einer ersehnten triumphalen Umkehr der Erfahrung als Kind („sag dies nicht, sag das nicht“; „das ist böse“ etc.) angetrieben wird, die bei genauerem Hinsehen aber nicht die persönliche Befreiung sondern nur die Übernahme der einstigen Position der Erwachsenenpersonen ist. Nur will man jetzt ganz unbescheiden sogar andere Erwachsene als böse Kinder behandeln und „erziehen“. Das ist völlig verkorkst – finde ich. Das hat mit Öffentlichkeit nichts zu tun. Demokraten, die es sein wollen und so verfahren, die haben wenig verstanden und werden das, was ihnen lieb ist, so gerade nicht schützen können.
Damit ist nicht gesagt, dass es in irgendwessen Macht liegt, die Demokratie, wie es sie seit dem 2. Weltkrieg in einigen Ländern gab, zu bewahren. Man kann den Verfall aber sicher noch beschleunigen. Und weil es ja keiner weiß, ob sie noch zu bewahren ist, ist es ein umso schlimmeres Vergehen, sie dann beim Rettungsversuch noch zu beschädigen. Wenn die Feuerwehr mit Benzin statt Wasser anrückt, dann muss man früh die Krähenfüsse auslegen.
PS: In Beiträgen der letzten Jahre hat es mehrfach die Ansicht gegeben, dass Faschismus keine klare Gestalt hat und es (abgesehen von der historischen Urform) nie die reine Form geben kann, dass es sich eher um so etwas wie „Familienähnlichkeiten“ handelt. Brüder, Schwestern, die teilen viel, haben viel gemein, aber sie haben auch Unterschiede und bilden trotzdem klar erkennbar eine Familie. So in dem Sinne stellt man sich auch „Faschismen“ vor (gewöhnungsbedürftig, aber so muss es heissen). Aber diese Vorstellung – ich vermute, dass sie ganz treffend ist – befeuert natürlich das von mir oben kritisierte. Denn wenn die Forschung auch mit so vielen Beitaten kommt, die dabei sein können (aber nicht müssen) und wenn zugleich bis auf sehr wenige Bestandteile (oder gar keine) in der Faschismusgattung nichts unbedingt vorhanden sein muss, dann kann der ja mit sehr vielen bestandteilen zusammen existieren. Und das verstärkt noch die Tendenz, dem Faschismus alles, was man selbst als unangenehm oder falsch bis böse ansieht, als dem Faschismus zugehörig, begleitend, fördernd zu betrachten. Die Forschung zieht ja selbst wenig Grenzen. „Follow the science“ ist in solchen Metiers eine erheiternde Floskel, wenn diese sich uneinig und nicht im Stande ist, das ganze Feld befriedigend zu erklären. Und deswegen – neben der politischen Kampfvokabel – sollte man diesen Begriff lieber nur eng verwenden: Wenn wirklich viel von dem entscheidenden des historischen Faschismus beobachtet werden kann. Da müsste man sich z.B. mit dem Verhältnis von Politik und Ökonomie auseinandersetzen und von Ideologie, Nationalismus und kollektiver Gewalt plus Führer- und Gehorsamskult. Da ist man dann nah dran. Die anderen Vorkommnisse müssen deswegen natürlich nicht gut sein.
Ilko, Ilko – wärst du doch lieber in deinem Pförtnerhäuschen geblieben 🤭
Dieses Buch, wie die ganze Diskussion, von der es ein Teil ist, ist eine, den verantwortlichen Politikern nur zu willkommene Ablenkung davon, was für eine asoziale und menschenverachtende Politik gerade von CDU und SPDi. Berlin u. ä. in Brüssel, tatsächlich gemacht wird.
Natürlich behauptet kaum jemand konkret „Faschismus sei eine Meinung“.
Aber genau das passiert, wenn rechtspopulistische oder autoritäre Positionen (zB. offene Verachtung des Rechtsstaats, Remigration als Massen-Deportationsfantasie, systematische Diffamierung von Medien / Opposition) als andere „Meinung“ verharmlost werden, die man doch im Namen der Meinungsfreiheit in einer Demokratie einfach akzeptieren müsse.
Mit solch einem Totschlagargument entkräftet man schnell so manchen Diskussionsteilnehmer.
Deswegen sagt der Autor: Nein, bestimmte antidemokratische, gewaltbereite und totalitäre Bestrebungen sind eben keine bloße Meinung, sondern eine Gefahr für die Demokratie.
Das ist doch keine Agitation; mit so einer Betitelung lenkt man nur vom Problem ab.
Eher ein Plädoyer für eine wehrhafte Demokratie.
Aus meiner Sicht ein Buch für die Bestsellerliste aber ohne bleibende Erkenntnis. Es ist ja nicht so, dass der Begriff nicht seit mehr als einem Jahr problematisiert und seziert wird. Da haben sich ganz andere Leute mit befasst und auch unter denen herrscht keine Einigkeit. Erst sehr kürzlich wurde eine Diskussion von Kahnemann und Stanley in der „Zeit“ besprochen mit dem Titel:
„Immer kräftig auf den Kochtopf hauen“
>>Sollte man jetzt Faschismus sagen? Der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Philosoph Jason Stanley diskutierten darüber in Berlin. Dabei ging so einiges durcheinander.<<
Die Diskussion wurde vom Rezensenten als ungenügend, weil eher verwischend-begleichend als erhellend, skizziert.
Ich brauche hier keinen Mann mit schmissigem Zitat, das schon länger die Runde macht, als "Welterklärer". Er surft auf einer lange rollenden Welle, will Kasse machen und – das zugestanden aber eben untauglich – Leute aufrütteln und agitieren zu einem Kollektiv.
Interessant find eich, an wen sich dieses Buchtitelzitat richtet: Wer behauptet denn, dass Faschismus eine Meinung sei? Oder entgegenkommend, dass Bestandteile davon Meinungen seien? Das Ganze ist wenn man mal darüber nachdenkt ein intellektuelles Eigentor erster Güte. und das als Reaktion auf ein Phantomtor.
Ja es gibt verschiedene Definitionen was Faschismus ist. Habe den Artikel deshalb nochmal gelesen. Tatsächlich wird hier direkt zitiert,“ … wissenschaftsfeindlich, gegen Fakten gerichtet…“ Nirgends im Netz findet sich eine Definition mit vergleichbar universellem Ansatz. Wer ist denn dann der, der die wissenschaftlichen Fakten verwaltet, denen nicht geglaubt wird? Der Autor meint sich, sonst hätte er diese nicht verbreiteten Definitionsansatz so nicht bewusst hinzugefügt. Ich meine, daß ist dann schon mehr als entlarvend. Das Buch braucht man wirklich nicht zu lesen, denn die schon mehr oder selbstverliebte Definitionserweiterung ist bezeichnend genug.
Hm, der Begriff wird tatsächlich oft als Kampfbegriff missbraucht, das schadet ihm.
Man sollte den Begriff nicht inflationär gebrauchen.
Kowalczuks Definition ist aber kein Rundumschlag und keine Erfindung, sondern orientiert sich an historischen klassischen Merkmalen (Ultranationalismus, Volksgemeinschaft, Gewalt, Antidemokratismus, Führerkult, Feindbilder etc.) Das passt auch nicht konkret auf „alles, was nicht links ist“.
Von den Merkmalen sind einige tatsächlich breiter einsetzbar, aber es geht ja um die Kombination, die gemeinsam auftritt.
Klar gibt es einzelne davon überall, aber die Mischung macht den Unterschied.
Im Übrigen schreibt Kowalczuk selbst, dass es in der Geschichtswissenschaft keine allgemein anerkannte Definition gibt.
Gerd Stefans Meinung der Internationalisierung könnte die Netzwerke den Rechtsextremen und Nationalisten meinen, die es gibt. Die sind aber vor allem nationalistisch ausgerichtet, setzen sich für starke Nationalstaaten, Grenzen und Kulturhomogenität ein.
Die wollen keine Staaten auflösen. Das klänge dann eher nach Great Reset…Hat also eher nichts mit Faschismus zu tun.
Jegliche Dinge, die hier dem Faschismus zugeschrieben werden, dienen ausschließlich dazu der anderen Seite ihre Meinung und Urteilsfähigkeit abzusprechen, sie zu delegitimieren und sich in seiner selbst definierten Meinung noch wohler und wahrhaftiger zu fühlen. Eigentlich sollte der Terminus „faschistisch“ gar nicht mehr im demokratischen Diskurs verwandt werden, da er regelmäßig nur dazu gebraucht wird Meinungsverschiedene zu stigmatisieren und auszugrenzen. Offensichtlich wird hier auch nur Faschismus als politischer Kampfbegriff genutzt unter dem sich alles gegenteilig subsumiert was neuerdings als “ links“ gilt und wofür man selbst steht. Er ist sexistisch, wissenschaftsfeindlich, gegen Fakten gerichtet und menschenfeindlich – ein Rundumschlag erster Güte. Gehts überhaupt noch grösser ? Nur Kleingeister, die die Welt voller Gespenster sehen, müssen soweit ausholen. Alles was mir nicht in den Kram passt ist eben keine Meinung und ich brauche mich auch nicht damit in „unserer“ Demokratie beschäftigen, kann ruhig schlafen und der absoluten Gerechtigkeit träumen.
Mal ohne Mist: ganz gut, dass mal jemand nachgefragt hat.
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All das soll Faschismus sein? Die Definition dröselt sich ja am Ende einfach nur auf in einen Schwall von einzelnen Effekten, die dann je nach eigenen Ambitionen als Waffe auf das Gegenüber verwendet werden können.
Weitgehend binäres Geschlechterweltbild? Faschist! Fühlt sich zu Unrecht als politisches Opfer? Faschist! Antidemokrat oder Sehnsucht nach präsidialer Verfügung? Faschist!
Bis hin zu universell anwendbaren, durchaus auch von linker Politik bedienter Methodik:
„…verfolgt Abweichungen als Verrat, konstruiert Feinde, die von außen eindringen, appelliert an die Frustrierten und ihre niederen Instinkte.“ Hufeisen, da biste wieder.
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Am Ende kann ich dem alten Satz „Faschismus ist keine Meinung“ (…sondern ein Verbrechen) schon was abgewinnen. Der Faschismus richtet sich am Ende immer gegen konkrete Menschen (was leider nur eine weitere, sehr unscharfe Definition ist), insofern kann man ihn als übergeordnetes System nur ablehnen. Aber dass es irgendein System geben kann, in dem kein Mensch benachteiligt ist, ist auch nur eine romantische Utopie. Wie eine „Vision Zero“ in der Verkehrssicherheit – träumerischer Quatsch in meinen Augen, oder eben genau das Ungreifbare, was im Wort „Vision“ eigentlich schon steckt. Trotzdem sollte man danach streben, die Anzahl der Benachteiligten klein zu halten und sowas wie systematische Ausgrenzung / Benachteiligung / Eliminierung auszuschließen.
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Das Problem ist, dass es Leute gibt, die solche Losungen („DAS IST!!!!11“) auf ihre T-Shirts drucken, oder auf Fahnen in ihrem WG-Zimmer, und sich und die Losung religiös so ernst nehmen, dass die Welt eben nur noch aus „Faschos“ und „den Guten“ besteht, und das dann der Lebensinhalt ist.
Und dann wirds schon wieder unschön für die, die zwar keinen Nonbinären ins KZ bringen wollen, und auch keinen ins Gefängnis, oder den Job kündigen oder überhaupt kein Problem damit haben zusammen im Verein zu sein. Aber eben nichts davon wissen wollen, wie er/sie/es sich gerade definiert und welche Pronomen in der email-Signatur stehen, weil das eben das Wichtigste zu sein scheint. Und das auch noch aussprechen. Und schon passt das Feindbild, und darüber sollte man schon mal reden. „Keine Ruhe – kein zurück“ passte am Wochenende gut in dieses seltsam binäre Weltbild von Freund und Feind.
Sicherlich ist historisch und ideologisch bedingt Faschismus nationalistisch verortet. Gleichwohl kommt dem Faschismus der heutigen Zeit auch das Völkische zunehmend abhanden. Unabhängig von Herkunft, Sprache, Historie kommt man nicht umhin festzustellen, dass elitäre von sich und ihrer dogmatischen Ideologie überzeugte Gruppen von Auserwählten zunehmend international aufgestellt sind und länderübergreifend agieren. Nationalstaaten sind in Summe weniger zu kontrollieren und zu justieren als eine „Bevölkerung“ in einem aufgelösten Terrain ohne moralische und geografische Grenzen. Dahingehend hat auch der Faschismus dazugelernt und sich entwickelt. Er nutzt auch neue Werkzeuge zur Verbreitung seiner „richtigen“ Wahrnehmung, einschließlich KI. Entscheidend ist die über allen anderen Meinungen stehende gebündelte Ideologie, deren Anhänger eben auch ethnisch und kulturell verschieden sein können.