Die Völkerschlacht bei Leipzig erlebte ihren Höhepunkt zwar am 18. Oktober 1813. Aber das Gemetzel begann schon viel früher. Am 16. Oktober stand auch Markkleeberg im Zentrum des Geschehens – genauso wie das benachbarte Dölitz. Hier wollte Napoleon die südliche Flanke halten und die Übergänge über die Pleiße sichern. Am 15. Oktober hatte der Kaiser der Franzosen auch den Abschnitt in Markkleeberg besichtigt. Und damit das Gelände sondiert, auf dem er noch immer glaubte, die Alliierten besiegen und aufhalten zu können. Entsprechend blutig waren dann am 16. Oktober die Kämpfe um Markkleeberg.

Was zumindest alle wissen, die schon einmal die Ausstellung im Torhaus Markkleeberg besucht haben. Und überhaupt wissen, dass das Torhaus des Rittergutes in Markkleeberg genauso heftig umkämpft war wie das von Dölitz. Und heute zu den markantesten Zeugnissen der Schlacht auf dem südlichen Schlachtfeld gehört.

Und weil auch die Leipziger Erinnerung an die Völkerschlacht zumeist in Dölitz endet, hat Pro Leipzig gemeinsam mit dem Förderverein „Historisches Torhaus zu Markkleeberg 1813“ dieses reich bebilderte Buch aufgelegt, das die Ereignisse um den 16. Oktober 1813 so kompakt und dicht wie möglich erzählt.

Denn natürlich sind auch die Berichte über die Gefechte um Markkleeberg lückenhaft, oft erst Jahrzehnte später auf Grundlage von Augenzeugenberichten aufgeschrieben. Nicht einmal eine Recherchereise nach Wien konnte das ändern, denn die Offiziere, die das österreichische Detachement befehligten, das das Rittergut Markkleeberg gegen immer neue Vorstöße der Franzosen und Polen verteidigte, waren nach diesem Kampf allesamt verwundet, und kamen also auch nicht dazu, die üblichen Berichte über die Kämpfe an den Generalstab zu schicken.

Und so ist manches durchaus noch ein Rätsel, was alles um diesen 16. Oktober in Markkleeberg geschah. Kein Rätsel ist, dass gerade die provisorisch zusammengebastelte Brücke über die damals stark wasserführende Pleiße zum Rittergut heftig umkämpft war, ganz ähnlich wie die Markkleeberger Dorfstraße, die als Teil der Via Imperii auch die wichtigste Heerstraße Richtung Leipzig war, und der Markkleeberger Friedhof, eine der wenigen Erhebungen in der sumpfigen Auenlandschaft, die damals noch die Flur um Markkleeberg bestimmte.

Eine verschwundene Landschaft

Wobei zur Einführung natürlich auch gehört, wie das damalige Markkleeberg tatsächlich noch aussah, das erst über 120 Jahre später mit Oetzsch und Gautzsch zur Stadt Markkleeberg zusammengelegt wurde. Die Pleiße wurde in den 1970er Jahren radikal wegverlegt und nur noch ihr Überrest, die Kleine Pleiße, tröpfelt heute noch im alten Verlauf durch Markkleeberg und an Auenkirche, ehemaliger Schule und Torhaus vorbei.

Man braucht schon viel Phantasie, um sich die Gegebenheiten von Oktober 1813 auch nur vorstellen zu können. Weshalb der Band mit einer großen Einführung in die damalige Topografie beginnt und in die Geschichte der heute noch existierenden Bauwerke aus der Völkerschlachtzeit eintaucht. Natürlich auch mit Verweis auf die inzwischen verschwundenen Bauten und die städtebauliche Veränderung des ganzen Ortes, der nur noch in Teilen die alte dörfliche Anmutung besitzt.

Eine Einführung, die notwendig ist, wenn das zweite große Kapitel im Buch dann die Ereignisse um den 16. Oktober 1813 schildert und dabei alle wesentlichen heute noch verfügbaren Augenzeugenberichte zitiert.

Die wiederum manchmal widersprüchlich sind oder gar eklatante Lücken aufweisen, die dann zu Vermutungen verleiten, die bis heute die Diskussion darum bestimmen, ob nun die Österreicher an ihrem Frontabschnitt nicht noch im letzten Moment versuchten, irgendwie mit Napoleon eine Übereinkunft zu finden, oder ihm gar mit Absicht ein Schlupfloch ließen, durch das er mit dem größeren Teil seiner Truppen am 18. Oktober noch aus Leipzig entkommen konnten.

Mutmaßungen, die durchaus ihre Grundlage haben. Nur: Schriftliche Dokumente dazu wird man wohl aus guten Gründen nicht finden.

Erinnerung mit Lücken

An der Heftigkeit der Kämpfe, in denen sich der Markkleeberger Friedhof regelrecht in den Standort einer Kanonenbatterie verwandelte, hat das sowieso nichts geändert. Und schon gar nicht an den vielen Toten, die nach den Gefechten auf der Straße lagen und eiligst in Massengräbern beerdigt wurden, von denen drei bis heute gut bekannt sind, während andere – gerade jene in Richtung Auenhain – einfach bei der Aufschließung des Tagebaus vernichtet wurden.

Pietätlos nennen es die Autoren. Recht haben sie. Eine Umbettung wäre auch in den 1970er Jahren möglich gewesen.

Und wenn man diese ganzen Schilderungen der Gefechte, der Flucht der Bevölkerung, der Zerstörungen und des Leids der Zivilisten und Soldaten gelesen hat, kommt das Buch natürlich zum heute noch erlebbaren Schauplatz: dem Rittergut mit Kirche und einstiger Schule.

Und natürlich dem Torthaus, das heute eine der reichsten Ausstellungen zur Völkerschlacht beherbergt, teils liebevoll in den Familien gesammelt, von den Feldern geklaubt oder mit noch mehr Liebe in großen Dioramen anschaulich gemacht.

Wer das Torhaus besucht, kann einen sehr umfassenden Eindruck von den Geschehnissen um den 16. Oktober 1813 bekommen, auch ein Gefühl für das bäuerliche Leben der Zeit bekommen, aber auch für die lange Vorgeschichte dieses Ortes an der Pleiße, wo schon vor 300.000 Jahren Menschen ihren Lagerplatz suchten. Vom ältesten archäologischen Fundort in Sachsen ist die Rede.

Schlachtpanorama und Denkmale

Einige der 1813 in Markkleeberg aktiven Personen werden besonders gewürdigt – Offiziere der hier aktiven ungarischen Husaren genauso wie solche der Österreicher und Russen. Nicht zu vergessen der Schulmeister David Schumann, der von seinen Erlebnissen aus diesen Herbsttagen selbst berichtet hat.

Und dann ist da ja auch noch ein berühmter Besuch, der ab 2009 mehrmals den Schlosshof mit Uniformierten füllte: Das ist Yadegar Asisi, der viele Motive, die dann 2013 in sein Panoramabild zur Völkerschlacht eingepasst wurden, hier auf dem gepflasterten Hof des Rittergutes mit dem Fotoapparat festhielt.

Und man versteht natürlich das Bedauern der Autoren, dass dieses einzigartige Panorama nicht mehr zu sehen ist.

Und zum Finale gibt es dann auch noch eine Übersicht über alle in Markkleeberg noch sichtbaren Denkmale und Gedenksteine zur Völkerschlacht, samt dem fünften Österreicherdenkmal, das einst bei Auenhain stand, in arg gerupftem Zustand aber heute in Wachau zu finden ist.

Das ganze Buch ist eine Einladung, dieses oft eher nur am Rand erzählte Kapitel der Völkerschlacht in Markkleeberg einmal selbst zu erkunden. Vielleicht sogar bei einer der Gelegenheiten, wenn Gäste aus Polen, Österreich, Frankreich anreisen, um in den Uniformen der Zeit Gefechte nachzustellen und am Biwak-Lagerfeuer zu zeigen, dass es so lange keinen Krieg gibt, solange man sich hier im Herbst zusammenfinden kann. Vielleicht auch wieder mit den Russen.

Denn das gewöhnliche Volk mag ja aus den blutigen Kriegen der Vergangenheit etwas lernen. Die Möchtegern-Napoleons aber begreifen es einfach nicht. Und so ist eben auch die Erinnerung an die Völkerschlachtereignisse in Markkleeberg wichtig – auch und gerade an ihre dunklen und schäbigen Seiten. Denn wenn man die Augenzeugenberichte gelesen hat, ist man herzlich froh, nicht dabei gewesen zu sein.

Nabert, Münch, Lipfert, Börner, Baage „Markkleeberg in der Völkerschlacht“, Pro Leipzig, Leipzig 2026, 24 Euro.

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