Wir werden noch mehr solcher Bücher bekommen. Bücher des Abschieds von einer Welt, die gerade dahinschmilzt vor unseren Augen. Verschwindet, und wir können nichts dagegen tun. Denn alle, die etwas dagegen hätten tun können, haben versagt, gezögert, vertagt, geleugnet und gelogen auf Teufel komm raus. Was wir dafür bekommen, ist eine heiße Welt, in der vom fantastischen Reichtum des Lebens immer weniger zu finden sein wird. Und die Gletscher gehören dazu. Sie sterben vor unseren Augen.

Und die Wissenschaft ist sich nicht sicher, ob sämtliche europäischen Gletscher erst 2100 verschwunden sein werden oder schon Mitte des Jahrhunderts. Längst gibt es auch in Österreich Trauerfeiern für sterbende Gletscher. Denn die Menschen wissen, was da verloren geht.

Kann man Gletscher deshalb so personifizieren, wie es auch die Literaturwissenschaftlerin Anne-Sophie Balzer in diesem Buch tut, stellenweise zumindest? Sie reflektiert das auch. Denn sie weiß, dass wir alle trauern, wenn die lebendige Welt vor unseren Augen verschwindet, die Insekten verstummen, die Wälder verbrennen, die Flüsse versiegen und eben auch das scheinbar so ewige Eis verschwindet. Längst beschäftigen sich auch schon die Psychotherapeuten mit der ökologischen Trauer.

Künstler/-innen geben ihr ein Bild, einen Rahmen, Worte. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie wir wirklich damit umgehen können. Denn das, was uns jetzt passiert, hat die Menschheit seit 12.000 Jahren nicht erlebt. Generation um Generation konnte davon ausgehen, dass die lebendige Welt unerschöpflich ist und immer da.

Das ist vorbei. Und daran sind wir schuld, wir Menschen.

Die Wüste um uns

Auch wenn es die Narren abstreiten, weil sie nicht mal verstanden haben, dass damit auch die Existenzgrundlage der Menschheit verschwindet. Längst merken ganze Regionen, was es heißt, wenn Wälder verschwinden und sich fruchtbare Böden in Wüste verwandeln, Brunnen und Flüsse versiegen und die Konzerne der Reichen trotzdem weitermachen bei der Plünderung der Ressourcen dieser Welt. Und mit dem Verbrennen fossiler Brennstoffe.

Und dass es so ist, wissen wir auch nicht erst seit heute. Wir wissen es seit über 60 Jahren. Wir hatten drei Generationen lang Zeit, umzusteuern. Doch jedes Mal, wenn es versucht wurde, holten die Ewiggestrigen ihre Lügenkanonen heraus und machten jeden Versuch, das Verheizen der Welt zu beenden, lächerlich.

Und da stehen wir nun. Mit einem Gefühl tiefer Trauer an den Resten der Gletscher. Manchmal tanzen wir auch, wie es Anne-Sophie Balzer in einem Performance-Videoclip 2023 getan hat. Selbst schwebend in Gefühlen, die sich so schwer fassen lassen. Denn ein Gletscher ist ja eigentlich kein Lebewesen, sondern eiskalt, im Kern uralt. Abweisend, Lebensraum nur für ganz spezialisierte winzige Lebewesen. Kein knuffiges Tier, das man in den Arm nehmen kann. Jahrtausendelang eher gefürchtet, denn einst wuchsen Gletscher ja noch.

So wie in der Kleinen Eiszeit, die Europa vom 13. bis zum 18. Jahrhundert im Griff hielt. Mit Wintern, von denen wir uns heute keine Vorstellung mehr machen können. Und betenden Bergbauern, die darum baten, dass der Gletscher nicht weiter wuchs und ihre Gehöfte und Felder verschlang.

Das Verheizen der Welt

Das große Verheizen der Welt begann ja erst danach. Auch die Romantiker kannten es noch nicht, auch wenn sie den Moloch einer von Kohle betriebenen Zerstörung ihrer Heimat schon kannten und fürchteten. Bei ihnen findet man schon Stellen, die neben der Faszination der lebendigen Natur jenseits der qualmenden Städte auch die Trauer ahnen lassen. Die Furcht davor, dass die Majestät der unberührten Welt gerade verloren zu gehen droht. Auch wenn sie nicht ahnen konnten, was 200 Jahre später daraus werden sollte.

Jetzt. Zu unserer Zeit. In der immer mehr Menschen tatsächlich auch das Gefühl bekommen, dass vor unseren Augen etwas Unersetzliches verloren geht. Und wir können nichts mehr dagegen tun. „Es mangelt uns an Protokollen für die Trauer und Melancholie, die viele Menschen angesichts des Verschwindens von Gletschern, von vertrauten Landschaften, von davon abhängigen Ökosystemen und Lebensweisen empfinden.“

Das schreibt Anne-Sophie Balzer im Kapitel 7 „Wen oder was tragen wir zu Grabe?“, in dem sie sich mit den Ritualen beschäftigt, mit denen Menschen in den Gletscherregionen versuchen, den Verlust irgendwie zu verarbeiten. „Äußerlich lebt man noch am selben Ort, doch alles hat sich verändert. Homesickness at home.“

Sie versucht auch zu fassen, warum selbst Menschen, die an diesen Trauerfeiern teilnehmen, dabei oft so hilflos aussehen und sich ratlos benehmen. „Ein anderer Grund für das Unbehagen der Trauer mag auch sein, dass dieses Gefühl zwar real empfunden, doch durch verschiedene andere Emotionen überlagert wird. Schuld, Wut, Verzweiflung, Angst, und noch mehr Schuld. Im anthropogenen Klimawandel sind die verschwindenden Gletscher auch das Corpus delicti. Und wir Menschen? Sind im Kollektiv Täter, Tatwaffe und Opfer zugleich.“

Das Verschwinden der weißen Riesen

Wir können nicht mehr so tun, als ginge uns dieses Verschwinden nichts an. Da geht es ihr so ähnlich wie Robert Macfarlane in seinem Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, in dem er die von menschlichem Tun bedrohten Ströme in Ost und West besucht und jene Menschen porträtiert, die die Zerstörung der Flusssysteme zu verhindern versuchen.

Mit den Gletschern ist es etwas anders. Sie verschwinden auch ohne weiteres menschliches Zutun. Dazu ist die Erde längst zu aufgeheizt. Das spüren nicht nur die Bewohner der Alpen, wo die Gletscher sich immer mehr in Berge zurückziehen, die längst nicht mehr die rauen Berge aus Goethes Zeit sind. Natürlich kommt auch Goethe vor, der auf seiner Schweizreise auch versuchte, für die Majestät der Gletscher Worte zu finden.

Es waren immer die Dichter, die all das benannten und in Worte fassten, was selbst die Wissenschaftler nicht wirklich zu greifen bekommen. Die Geschichte der Gletscher- und Eisforschung bekommt natürlich auch ein eigenes Kapitel in diesem Buch. Balzer hat sich mit den Erforschern der im Eis gespeicherten Erdgeschichte getroffen, hat im tiefgekühlten Labor die Bohrkerne betrachtet, die aus dem kilometerdicken Eis der Antarktis geborgen wurden und die bis zu 2 Millionen Jahre Klimageschichte erzählen. Ein Archiv, das aber selbst droht, verloren zu gehen, wenn die Eismassen abschmelzen.

Die Entdeckung der Tiefenzeit

Und sie erinnert an die Forscher, die vor 200 Jahren überhaupt erst einmal begriffen, wie historische Eiszeiten den Planeten geformt hatten. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass dadurch erstmals fundierte Ergebnisse sichtbar machten, dass die Erde nicht nur 6.000 Jahre alt sein konnte, wie vor 400 Jahren von James Ussher berechnet.

Auf einmal bekam die Erdgeschichte eine gewaltige, atemberaubende Dimension. Und es sind Archive aus Eis, die uns aus dieser Tiefzeit berichten. Ein Wort, das die Autorin immer wieder benutzt, weil es auch etwas beschreibt, was sich im Zeitverständnis der Menschen seither gründlich geändert hat. Kaum noch vorstellbar für Generationen, die mit dem Wissen aufgewachsen sind, dass die Erdgeschichte Milliarden Jahre alt ist. Auf einmal ahnt man gigantische Epochen, in denen die Welt ganz anders aussah. Aber kein Mensch dabei war, der das hätte sehen und erzählen können.

Und ums Erzählenkönnen geht es Anne-Sophie Balzer in jedem einzelnen Kapitel. Sie erzählt nicht nur von ihren eigenen Reisen zu den Gletschern der Alpen, Norwegens oder Islands. Sie holt die Dichterinnen mit ins Buch, die sich gerade in den letzten Jahren immer intensiver auch mit den Gletschern und ihrem Verschwinden beschäftigen.

Und in ihren Gedichten erkunden, wie es uns dabei geht. Mit dem Wasser in unserer Küche, das einmal auch Gletscher gewesen ist, Teil eines gigantischen Wasserkreislaufs. Oder mit der Leere vor den Augen der indigenen Bevölkerung Alaskas, die seit 10.000 Jahren mit den Gletschern lebte und nun selbst erfährt, wie das einst von Eis geprägte Land immer wärmer und leerer wird. Von ihrer Welt der Gletscher und Eisberge erzählen auf einmal nur noch die Berichte eines amerikanischen Forschers, der gleich auch noch all seine Vorurteile und Scheuklappen mitbrachte und so gar keinen Sin zeigte für die Selbsterzählungen der Menschen, die er im hohen Norden traf. Und ohne die er die Eiswelt niemals hätte erkunden können.

Unerhörte Dringlichkeit

Es geht in jedem Kapitel dieses Buches um die menschlichen Beziehungen zu unserer Umwelt. Und gerade die Autorin erkundet sich und ihre Gefühle dabei immer wieder, will die komplexe Gemengelage fassen, die sie jetzt seit Jahren beschäftigt, seit sie immer wieder zu den Gletschern fliegt.

Und während die Erkenntnisse der Wissenschaftler sie staunen lassen, findet sie in den Gedichten der Dichterinnen, die sie zitiert, etwas wieder, was Manifeste, Forschungsberichte und Zeitungsberichte nicht zu fassen bekommen. Eine Dringlichkeit, die sie selbst auch spürt, wenn sie am Fuß der knisternden, knirschenden, singenden Eisriesen steht und ahnt, wie diese vor ihren Augen sterben, sich auflösen, durch nichts zu retten sind.

Während die sterbenden Eislandschaften zu Tourismusmagneten werden. Ein Motiv, das ja auch schon Ken Kesey in seinem Alaska-Roman „Seemannslied“ aufgegriffen hat. Denn nicht einmal im Angesicht des großen Schmelzens halten wir inne, machen noch das große Zerbröseln zur Touristenattraktion, fahren die Touristenboote mittenhinein in die abgesplitterten Eisberge und servieren die Kapitäne den Gästen an Bord Getränke mit Gletschereis.

On the rocks. Da bleibt einem das Prost im Hals stecken. Als wären wir Menschen wirklich eine Spezies, die nichts besser beherrscht, als ihre eigene Welt mit aller Macht zu zerstören und dabei auch noch den Untergang zu feiern.

Die Ohnmacht vor den Gletschern

Es sind nicht alle so. Aber diejenigen, welche zur Party reisen, denken ja sichtlich nicht einmal daran, ihr Verhalten zu ändern. Während wir anderen leiden und trauern. Und versuchen, auch dieses Gefühl der Ohnmacht zu fassen im Angesicht einer längst schon aufgeheizten Welt, in der mit den Gletschern auch das Wasser für unsere Flüsse zu verschwinden beginnt.

Am Rhein und an der Donau konnten wir das in diesem Sommer ja sehen. Dass das Trinkwasser von Milliarden Menschen von den Gletschern abhängt, auch das erwähnt Anne-Sophie Balzer. Die Gletscher und die großen Flüsse gehören zusammen. Genauso wie das Meer, in das die Gletscher münden und kalben. Und das ansteigen wird, Zentimeter um Zentimeter, bis es die Küstenstädte überall auf der Erde verschlingt.

Vielleicht sind da Gedichte tatsächlich die dringliche Warnung, die von den Lesern noch verstanden wird, weil sie gefühlt werden kann. Denn alle warnenden Berichte der Wissenschaft werden ja zerredet, ignoriert, gleiten an schnittigen (und opportunistischen) Politikern ab wie Gletschereis vom Felsen.

Und vielleicht ist es dieses kalte und empathielose Verhältnis, das wir zur Politik haben, das am Ende unser Schicksal besiegelt. Zusammen mit den Gletschern. Oder vielleicht auch erst nach den Gletschern, wenn unsere Nachfahren begriffen haben, dass wir nur auf der Erde waren, weil wir Teil eines unfassbaren Wasserkreislaufs sind, aus dem die Gletscher nicht wegzudenken sind.

Anne-Sophie Balzer spricht vom „großen Verschwinden“ Und das ist wohl auch die Formel, die zusammenfasst, was wir jetzt als tief sitzende Trauer erleben im Angesicht einer Welt, die vor unseren Augen ihre einst umwerfende Lebendigkeit Stück für Stück, Gletscher für Gletscher verliert.

Anne-Sophie Balzer „Die Gletscher schmelzen, während wir uns verlieben“ Aufbau Verlag, Berlin 2026, 26 Euro..

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