Seit Jahren bemüht sich der BUND Leipzig darum, die Innenstadtgastronomen dazu zu bewegen, umweltfreundliche Mehrwegsysteme für das Außer-Haus-Geschäft einzuführen. Der Stadtrat hat schon mehrfach über eine Mehrweg-Abgabe diskutiert. Das aber kam bei den Leipziger Kammern und einigen Untermnehmen nicht so gut an.

Am 1. November haben deshalb die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig, die Handwerkskammer zu Leipzig, der DEHOGA Sachsen, der City Leipzig Marketing e. V., der Handelsverband Sachsen und der Unternehmerverband Sachsen eine eigene Initiative vorgestellt: „Leipzig bestellt Vielfalt – mit Mehrweg“.

Diese von den Beteiligten gemeinsam entwickelte Mehrwegoffensive setzt – statt auf eine Abgabe – auf eine freiwillige, praxisnahe und wirtschaftlich tragfähige Umstellung von Einweg- auf Mehrwegsysteme im Gastronomie- und To-Go-Bereich. Unterstützt werde die Offensive durch die Stadt Leipzig.

„Mehrweg funktioniert am besten, wenn es im Alltag praktikabel ist. Deshalb arbeiten wir eng mit Unternehmen, Kammern und Verbänden zusammen. So wollen wir Mehrweg dort möglich machen, wo es sinnvoll ist – ohne neue Steuern und zusätzliche Bürokratie“, betont Clemens Schülke, Wirtschaftsbürgermeister der Stadt Leipzig.

Befragung gestartet

Im Rahmen der Mehrwegoffensive werden Unternehmen und Besucher in der Leipziger Innenstadt jetzt befragt, um herauszufinden, wo Mehrwegangebote besonders gut genutzt werden können. Vor allem Imbisse, Bäckereien und Cafés werden gezielt angesprochen und beraten. Außerdem werden sie mit Anbietern von Mehrwegsystemen zusammengebracht.

Der Mehrwegfinder (www.mehrwegfinder.de) schafft einen digitalen Überblick über Mehrweganbieter in der Stadt und erleichtert den Kunden die Rückgabe. Außerdem ist im Hauptbahnhof und in der Innenstadt die Aufstellung von Rückgabeautomaten geplant.

„Die Betriebe sind bereit, ihren Beitrag zur Abfallvermeidung zu leisten. Entscheidend ist jedoch, dass Lösungen praktikabel sind und wirtschaftlich umsetzbar bleiben. Mit der Mehrwegoffensive haben wir die Chance, die notwendige Mehrweginfrastruktur unmittelbar zu stärken“, sagt Axel Klein, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Sachsen.

„Gerade für Bäckereien, Cafés und kleinere Handwerksbetriebe müssen Mehrweglösungen einfach, hygienisch und ohne zusätzlichen organisatorischen Aufwand im Betriebsalltag einsetzbar sein. Die Mehrwegoffensive bringt die beteiligten Akteure zusammen und schafft damit die Voraussetzungen, dass nachhaltige Angebote auch für unsere Betriebe und ihre Kunden praktikabel werden“, fügt Christian Likos, Hauptabteilungsleiter Wirtschaft/Recht bei der Handwerkskammer zu Leipzig, hinzu.

Die Kampagne

Als wesentliches, öffentlichkeitswirksames Kommunikationselement haben die Initiatoren der Mehrwegoffensive am 1. November 2026 die Kampagne „Leipzig bestellt Vielfalt – mit Mehrweg“ gestartet. Zielgruppen sind Unternehmen in der Stadt, die Getränke und Speisen zum Mitnehmen anbieten sowie alle Endverbraucher dieser Produkte.

„Mit der Kampagne wird ein sichtbarer Dialog zwischen Gastronomiebetrieben und ihren Gästen geschaffen. Sie setzt nämlich am Bestellmoment an, also genau dort, wo Unternehmen und Endverbraucher zusammentreffen“, erklärt Dr. Gert Ziener, Geschäftsführer Grundsatzfragen bei der IHK zu Leipzig.

In den nächsten Wochen sollen nun in der Leipziger Innenstadt und am Hauptbahnhof Big Banner, digitale Infoscreens sowie City-Light-Poster mit den verschiedenen Motiven der Kampagne zu sehen sein.

„Wir hoffen, damit gerade in der Vorweihnachtszeit viele Leipzigerinnen und Leipziger zu erreichen und für die konsequente Nutzung von Mehrwegangeboten zu gewinnen“, ergänzt Ziener.

Weitere Angebote sind ein Starter Kit für Unternehmen, City-Cards sowie die Landingpage www.mehrwegoffensive-leipzig.de mit wichtigen Informationen für Unternehmen und Kunden rund um das Thema Mehrweg.

Aus Sicht der Wirtschaft ist die freiwillige Mehrwegoffensive der wirksamste Ansatz zur tatsächlichen Reduzierung von Einwegverpackungen, da sie auf Umsetzung statt auf zusätzliche Regulierung und Abgaben setzt.

BUND Leipzig: Große Versprechen, wenig Hoffnung

Die Mehrwegoffensive „Leipzig bestellt Vielfalt – mit Mehrweg“ und die Arbeit des BUND Leipzig haben das gleiche Ziel: Es soll weniger Abfall durch Einwegverpackungen entstehen. Auch die Maßnahmen ähneln sich stark. Der BUND Leipzig hat mit der Umsetzung bereits vor Jahren begonnen. Die Erkenntnisse, die dabei gesammelt wurden, finden nun aber wenig Beachtung, kritisiert der Verband.

Denn nach seiner Erfahrung lasse sich mit Freiwilligkeit keine positive Wirkung erzielen. Es fehle der Anreiz für die Unternehmen, auf Mehrweglösungen umzustellen. Selbst die gesetzliche Vorgabe, Mehrwegalternativen anzubieten oder kundeneigene Behältnisse zu befüllen, werde selten erfüllt. Aufgrund mangelnder Kontrollen bestehe seitens der Gastronomiebetriebe wenig Handlungsdruck.

„Wir sollten realistisch bleiben,“ sagt Mirko Schimmelschmidt, langjähriger Projektkoordinator für Mehrwegprojekte beim BUND Leipzig. „Beratungsangebote für Betriebe und Material für Kund/-innen und Werbekampagnen gibt es  bereits seit Jahren – und das nicht nur in Leipzig. Es wäre wünschenswert, wenn dadurch Unternehmen und die Kundschaft zur Mehrwegnutzung angeregt werden könnten. Doch die Zahlen sagen bisher etwas anderes.“

Schon seit 2018 setzt sich der BUND Leipzig für die Einführung von Mehrweg in Leipzig ein und war unter anderem maßgeblich an der Einführung von Recup-Bechern in Leipzig beteiligt. 2023 wurde, nach der Einführung der Mehrwegangebotspflicht, eine große Informationskampagne mit der Stadtreinigung unter dem Titel „Allerlei to go“ ins Leben gerufen.

Seitdem die Mehrwegquote sich durch die Mehrwegangebotspflicht von 0,8% auf 1,6% verdoppelt hat, tritt die Entwicklung in Deutschland jedoch auf der Stelle, außer in den Städten, die die Verpackungssteuer eingeführt haben.

„Die Mehrwegoffensive bleibt eine teure Scheinlösung, die eine nachhaltige und verursachergerechte Verpackungssteuer ersetzen soll“, konstatiert Anika Jahn, Co-Vorsitzende des BUND Leipzig. „Erst wenn Einweg über seinen realen Preis abgerechnet wird, entsteht ein echter Anreiz für Mehrweg. Es ist nicht vermittelbar, dass die Leipziger Allgemeinheit nach wie vor die Entsorgungskosten der To-go-Branche übernimmt. Darum setzen wir uns weiterhin für eine gerechte Umverteilung der Kosten durch die Verpackungssteuer ein. Nur wer Abfall verursacht, sollte auch für dessen Entsorgung aufkommen.“

„To Go & Together”

Der BUND Leipzig setzt mittlerweile im Mehrwegprojekt „To Go & Together“ – neben bestehenden Beratungsangeboten – mit Projekttagen zu Mehrweglösungen und gesetzlichen Vorgaben auf die nächste Generation in Gastronomiebetrieben. Denn die Gesetzgebung auf EU-Ebene zeigt aus Sicht des BUND, dass Einwegplastik in dieser Form keine Zukunft haben wird.

„Mehrweg ist nicht nur eine Frage des Umweltschutzes, sondern auch der Gesundheit“, betont Lisa Falkowski, Beisitzerin im Vorstand des BUND Leipzig und BUND Sachsen. „Gerade bei Einwegverpackungen aus Plastik besteht das Risiko, dass gesundheitsschädliche Chemikalien und Mikroplastik in unsere Lebensmittel gelangen. Mit dem konsequenten Umstieg auf sichere, wiederverwendbare Systeme schützen wir also nicht nur unsere Städte vor Müllbergen, sondern auch unsere eigene Gesundheit.“

Dieses Risiko sei auch wissenschaftlich klar belegt. Aus Einwegverpackungen – insbesondere bei heißen, fettigen oder säurehaltigen Speisen – lösen sich hormonell wirksame Chemikalien wie Phthalate und Bisphenole, die als endokrine Disruptoren das Hormonsystem schädigen sowie das Risiko für Unfruchtbarkeit, Diabetes und Krebserkrankungen erhöhen können.

Zudem geben Einwegbehälter kontinuierlich Mikroplastik ab, das mittlerweile im menschlichen Blutkreislauf nachweisbar ist und chronische Entzündungen auslösen kann. Selbst vermeintlich umweltfreundlichere Pappeinwegbehälter enthalten oft synthetische Beschichtungen oder PFAS („Ewigkeitschemikalien“), die sich dauerhaft im Körper anreichern.

Ein konsequenter Wechsel zu geprüften Mehrwegsystemen ist daher ein unverzichtbarer Schritt für den vorsorgenden Gesundheitsschutz.

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