Es gibt in Leipzig Ortsteile, da stehen starke, alte Bäume die ganzen Straßen lang. Und in anderen brutzelt die Sonne auf unverschattetes Pflaster. Da heizen sich die Quartiere in Hitzesommern wie 2026 besonders auf. Im August fragte der BUND Leipzig deshalb mal in einer Einwohneranfrage, wie es um die Überschirmung der Leipziger Ortsteile durch Straßenbäume steht. Und das Amt für Stadtgrün und Gewässer antwortete auch sehr ausführlich. Eine Überraschung steckte ebenfalls in den mitgelieferten Zahlen.

Der Baum-Überschirmungsgrad (urban tree canopy) beschreibt den prozentualen Anteil an Bodenfläche, der ab einer Höhe von 2,5 Metern von Baumkronen beschirmt wird. Der Grad der Beschirmung hat große Auswirkungen auf die thermische Situation in Siedlungsgebieten. Wissenschaftliche Studien empfehlen mindestens 30% für ein gesundes Lern-, Arbeits- und Wohnumfeld, erläutert der BUND diesen so gar nicht unwichtigen Faktor bei der sommerlichen Kühlung der Stadt.

Mit einem Überschirmungsgrad von insgesamt 22,6% (Messung im Jahr 2025) liegt die Stadt Leipzig weit unterhalb des empfohlenen Wertes. Dies ergab die Einwohneranfrage des BUND an den Leipziger Stadtrat. Die beschirmte Fläche ist dabei in den einzelnen Stadtbezirken sehr unterschiedlich. Im Zentrum Ost sind es gerade einmal 8,43 %. Dagegen haben Stadtbezirke mit Waldanteil, wie z.B. Schleußig, mit 47,55% einen hohen Überschirmungsgrad.

Von Connewitz bis Zentrum-Ost

Und dabei ist Schleußig, das ja z.B. mit Könneritzstraße und Brockhausstraße gut beschirmte Alleen besitzt, nicht einmal der Spitzenreiter in Leipzig. Dieser Spitzenreiter ist tatsächlich Connewitz mit einem Überschirmungsgrad von 61,16 Prozent (bei dem der angrenzende Auwald eine gehörige Rolle spielen dürfte), gefolgt von Wahren mit 53,22 Prozent. Auch dort spielt der benachbarte Auwald eine wichtige Rolle.

Während gerade ein Ortsteil wie Zentrum-Ost mit 8,43 Prozent auch für Leipziger Verhältnisse aus dem Rahmen fällt. Unterboten wird der Ortsteil dann nur noch von Seehausen (8,00 Prozent) und Althen-Kleinpösna (7,02 Prozent).

In dieser Tabelle findet man die Werte für die einzelnen Leipziger Stadtbezirke.

Baumverluste durch Dürre

Ursache für geringe Überschirmung sind aus Sicht des BUND Leipzig vor allem massive Baumverluste der letzten Jahre. Bauboom, Hitze und Trockenheit führten in den letzten Jahren zu massiven Baumverlusten. Der BUND Leipzig geht von mindestens 38.000 Großbäumen (Stammumfang ab 30 cm) aus, die seit 2009 im Leipziger Stadtgebiet – außerhalb des Waldes – gefällt wurden.

Die Zahl ergibt sich für die Jahre 2009 bis 2016 aus Auskünften der Stadtverwaltung an den BUND über registrierte Fällungen sowie ab dem Jahr 2017 aus einer Analyse der Deutschen Umwelthilfe (DUH), veröffentlicht im Hitzecheck 2026.

Neubau mit Tiefgarage - aber kein Platz für große Bäume. Foto: Elke Thiess
Neubau mit Tiefgarage – aber kein Platz für große Bäume. Foto: Elke Thiess

„Die fehlende Baum-Überschirmung ist ein hausgemachtes Problem“, stellt Elke Thiess vom BUND Leipzig fest. „Mit einer Baupolitik ohne Rücksicht auf Verluste hat sich die Stadt eines Schutzschirms beraubt, welcher für die Gesundheit und Lebensqualität der Leipziger*innen essenziell, an Super-Hitzetagen für vulnerable Gruppen sogar lebenswichtig ist“.

Stadtbäume sind systemrelevante Infrastruktur

Neben Elementen der blau-grünen Infrastruktur wie Dach- und Fassadengrün, Gewässern und Freiflächen, gilt ein hoher Überschirmungsgrad als einer der effektivsten Faktoren zur Bekämpfung von urbaner Überhitzung. Der BUND Leipzig fordert deshalb: „Stadtbäume und Baumüberschirmung sollen von der Kommune Leipzig und ihren Entscheidungsträgern endlich als wichtiger Teil der Daseinsvorsorge anerkannt und Entscheidungen danach ausgerichtet werden!“

Hitzeschutz kostet Geld. Kein Hitzeschutz kostet sehr viel Geld, so der BUND Leipzig. Nicht nur für Reparaturen an der Infrastruktur (Beispiel LVB‑Fugenmasse), sondern im Gesundheitswesen und der Wirtschaft, durch Produktions- und Lernausfälle.

„Da ist es wenig hilfreich, wenn Vertreter von Stadtratsfraktionen immer wieder Parkplätze gegenüber Baumpflanzungen priorisieren“, klagt E. Thiess vom BUND weiter. „Gerade die Masse an im Straßenraum abgestellten Autos trägt durch Hitzeabstrahlung zur Entstehung von Tropennächten bei.“ Der BUND fordert deshalb: „Schluss mit Klientelpolitik! Handeln Sie verantwortungsvoll im Sinne der Allgemeinheit!“

3-30-300-Regel soll Ziel für die Stadt- und Bauplanung werden

Durch Bundes- und Landesrecht sowie knappe Finanzen sind die Handlungsoptionen der Kommune Leipzig begrenzt. Das weiß man auch beim BUND Leipzig. Dennoch hat sie grundsätzlich Planungshoheit, das heißt Entscheidungsgewalt über die Nutzung von Grund und Boden. Diese Kompetenzen sollten Stadtrat und Verwaltung konsequent im Sinne einer klimaresilienten Stadtentwicklung einsetzen. Voraussetzung sei der politische Wille.

„Städtische Programme, wie Straßenbaumkonzept, Stadtplatzprogramm, Begrünungssatzung etc., sind wichtig und wirken, jedoch zu spät und viel zu langsam“, stellt der BUND Leipzig fest. „Neue Bäume, von denen viel zu wenig gepflanzt werden, entwickeln erst nach Jahrzehnten eine für Beschirmung ausreichend große Krone.

Die vom Urban-Forestry-Wissenschaftler Prof. Dr. Cecil Konjinendijk entwickelte 3-30-300-Regel ist ein anerkannter Leitfaden für Stadtplaner. Sie besagt: 3 Bäume sollen von jedem Gebäude aus sichtbar sein, 30 Prozent eines Stadtteils sollen mindestens von Baumkronen überschirmt sein, die Entfernung von jeder Wohnung zum nächsten Park oder Wald soll nicht mehr als 300 Meter betragen. Denn nicht allein der Grad der Überschirmung ist wichtig, sondern auch die Verteilung im Stadtgebiet.“

Aber der BUND weist eben nicht nur auf die Handlungsspielräume der Stadt hin. Denn auch und gerade bei Neubauprojekten muss oft der komplette Bewuchs auf der Baufläche weichen. Und nach Fertigstellung gibt es dann oft gestaltete Innenhöfe, in denen – wie auf dem Foto – kein Baum auch nur den mindesten Schatten spendet. Von einem Beitrag zur Biodiversität ganz zu schweigen.

Während die Stadt eine Menge Geld aufwendet, um die Baumverluste auszugleichen und unverschattete Straßen nach und nach mit neuen Baumpflanzungen zu versehen.

Informationen zu Baumpflanzungen in Leipzig findet man hier.

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